Spreewaldtod

Kriminalroman
 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Februar 2017
  • |
  • 350 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1383-2 (ISBN)
 
Ein Toter im Fließ stellt Kommissarin Klaudia Wagner vor eine neue Herausforderung. Dabei ist sie nach ihrem letzten spektakulären Fall noch psychisch angeschlagen und hat Probleme, mit ihrem verhassten Kollegen Demel zusammenzuarbeiten. Erste Spuren führen die beiden zu einem scheinbar korrupten Gurkenbauern, schließlich war der Tote ein Erntehelfer aus Rumänien. Aber bald gibt es eine weitere Leiche. Wer will diese Menschen aus dem Weg räumen? Klaudia droht in einem Strudel aus Intrigen unterzugehen ...
1. Auflage
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 2,49 MB
978-3-8437-1383-2 (9783843713832)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christiane Dieckerhoff, Jahrgang 1960, machte zunächst eine Berufsausbildung zur Kinderkrankenschwester, ist Mutter zweier erwachsener Kinder und lebt in Datteln. Sie schreibt vor allem aktuelle und historische Krimis.

3. Kapitel

 . die Fesseln zerren an meinen Gelenken. Schweiß brennt mir in den Augen. Das Herz pumpt gegen den Druck in meiner Brust an. Dunkelheit. Schwärze. Tod.

Panisch riss Klaudia die Augen auf und starrte auf die Schräge über ihrem Bett. In ihrem Ohr quiekte das Nessun Dorma.

Sie hob die Hände vors Gesicht. Sie war nicht gefesselt, war nicht in dem Haus am Fließ. Sie war in ihrer Einliegerwohnung in Uwes Haus. Es war nur ein Traum. Nur ein böser, immer wiederkehrender Traum. Klaudia angelte nach dem dünnen Laken, das vor dem Bett lag, breitete es über sich und boxte ihr verschwitztes Kissen zurecht. Dann schloss sie die Augen und visualisierte ein Stoppschild, um den Aufruhr in ihrem Kopf zu beenden. Wie sie es in der Kur gelernt hatte, malte sie es auf die Innenseite ihrer Lider: achteckig, weißer Rand, knallroter Hintergrund, weiße Schrift. Sie drehte sich auf den Bauch, das morgendliche Zwitschern der Vögel legte sich wie eine Decke über ihren Tinnitus. Klaudia sank tiefer in die Matratze, ihr Atem beruhigte sich, ihr Kopf füllte sich mit Schlaf und . ihre Blase funkte SOS.

»Oh Mann.« Klaudia strampelte das Laken fort und schlurfte ins Bad. Der Wecker, den sie hier deponiert hatte, damit sie nicht ständig in dem Zeitloch versackte, das zwischen Dusche und Wasserkocher lauerte, tickte laut. Erst Viertel nach vier? Gähnend kratzte sie sich einen Mückenstich am Oberarm auf. Apropos versackt. Sie dachte an den gestrigen Abend. Na ja, so richtig versackt war sie nicht. Seit ihrem Hörsturz trank sie nur wenig und auf keinen Fall irgendwelche Schnäpse. Sie wollte nicht noch einmal im Nichts landen. Außerdem war der Abend nach der Schlägerei sowieso gelaufen gewesen. Eigentlich hatten sie und Wibke am Fließ entlang nach Lübbenau zurücklaufen wollen, aber Schiebschick hatte es sich nicht nehmen lassen, sie zu staken. Die nächtliche Fahrt auf dem schwarzen Wasser der Spree, in dem sich das Mondlicht spiegelte, war fast das Beste an dem Abend gewesen.

Sich den Bauch kratzend, kehrte Klaudia ins Schlafzimmer zurück. Ihre Füße verfingen sich in ihrem feuchten Polohemd, das zusammengeknüllt vor dem Einbauschrank lag. Vielleicht war sie doch betrunkener gewesen, als sie gedacht hatte. Obwohl beide Fensterflügel weit geöffnet waren, stank der Raum nach Schwarzbier.

Klaudia ging zum Fenster und schaute hinaus in die ruhige Seitenstraße, in der sie nach der Sache mit Joe wieder wohnte. Vom Markt her verkündete das schüchterne Bimmeln der Kirchenglocken die halbe Stunde. Grau hingen Federwolken am Himmel. Noch hatte es die Sonne nicht über den Horizont geschafft, aber schon malte sie erste pastellrote Streifen in das Morgengrau. Tränen tropften auf Klaudias Zehen. Sie wischte sich die Augen. Die Tränen überfielen sie oft in diesen einsamen Stunden, wenn der Schlaf schon hinter ihr und der Tag noch vor ihr lag. Irgendwo in der Straße schlug eine Tür, und kurz darauf hallten gleichmäßige Schritte über das Kopfsteinpflaster. Gleich würde der alte Dassow mit seinem Border Collie auf seiner frühmorgendlichen Runde vorbeikommen.

Klaudia beugte sich vor und zur Seite, damit sie in den Hof schauen konnte. Uwes Sharan stand nicht auf seinem üblichen Platz. Sie biss sich auf die Unterlippe. Hatte der Wagen eigentlich heute Nacht im Hof gestanden? Sie wusste es nicht mehr. Hoffentlich war nichts mit dem Kleinen. Klaudia fiel es schwer, sich dieses winzige Etwas, das sie ein einziges Mal gesehen hatte, als Menschen vorzustellen. Der Kleine war so unendlich zart gewesen. Viel zu zart, um ohne Hilfe zu überleben, und selbst mit Hilfe wäre es so etwas wie ein Wunder, wenn er ein gesundes Baby würde. Am meisten hatte sie seine durchscheinende Haut erschreckt. Jede Ader hatte sie sehen können.

Seitdem der Kleine auf der Welt war, verbrachte Uwe die meiste Zeit in der Klinik in Berlin. Oft kam er nicht einmal zum Schlafen nach Hause. Aber wahrscheinlich schlief er genauso wenig wie sie. Vielleicht fürchtete er sich ebenso vor seinen Träumen, wie sie es tat. Klaudia verschränkte die Arme vor der Brust. Ob er auch jede Nacht Silkes panisch aufgerissene Augen sah?

Der Moment, bevor sie krampfend in Joes Armen zusammenbrach, hatte sich auf Klaudias Netzhaut gebrannt. Alles andere war ein Wirbel aus Schmerzen, Panik und Blut. Nur dieser eine Augenblick, als Silke die Augen verdrehte und nur noch das Weiße zu sehen war, dehnte sich in ihren Träumen. Obwohl sich die Hitze in ihrer Dachgeschosswohnung staute, fror Klaudia. Tief atmete sie die nach frischem Gras duftende Luft ein, dann trat sie vom Fenster zurück, und der Gestank des Raumes überfiel sie wieder. Erst mal duschen, und dann einen Kaffee. Wenn sie Glück hatte, konnte sie den Tag heute zu Hause verbringen. Vielleicht würde sie später ein wenig um den Hafen spazieren, oder vielleicht auch nach Lübben fahren und am Schloss ein Eis essen. An anderen Tagen fuhr sie nach Burg in die Spreewaldthermen oder traf sich mit Wibke. Dann mieteten sie sich am Hafen ein Kanu und paddelten durch die Gegend. Wibke sei Dank kannte Klaudia nun auch andere als die von Touristenkanus verstopften Wasserwege. Manchmal kamen sie dann auch an dem Fließ vorbei, an dem das Haus stand. Klaudia war sich nicht sicher, ob Absicht dahintersteckte. Aber Wibke ließ sich nie etwas anmerken, und sie bog auch nie in den Flusslauf ein, der zum Haus führte. Vielleicht sollten sie das tun. Vielleicht sollte sie sich endlich ihren Dämonen stellen und einfach hinfahren. Schließlich war es nur ein Haus. Ein freundliches Holzhaus mit eigenem Anleger und Fischkasten. Das freundliche Haus, in dem sie gelebt hatte. Das freundliche Haus, in dem sie Joe erschossen hatte.

Hör auf, rief sie sich selbst zur Ordnung. Fang nicht wieder an zu grübeln. Fast war sie froh, dass sie wegen Thangs Unfall Bereitschaftsdienst hatte. Da blieb ihr weniger Zeit, sich in ihren Gedanken zu verlieren.

Nach dem Duschen entschied sich Klaudia für ein luftiges Sommerkleid, stopfte Polohemd und Jeans in den Wäschekorb, packte gleich noch die feuchten Handtücher und ihre nicht weniger feuchte Bettwäsche dazu und verließ die Wohnung. Die Tür zu Uwes Wohnung im Erdgeschoss war nur angelehnt, und als Klaudia die Kellertür erreichte, wusste sie warum. Annalene hockte auf den Steinstufen, die in den Waschkeller hinabführten. Ihre Arme umschlangen die Knie, und die schwarzgefärbten Haare hingen wie ein Vorhang vor dem Gesicht des jungen Mädchens. Silke würde es hassen, ihre Tochter so zu sehen, da war sich Klaudia sicher: die Haare, den schmuddeligen Schlafanzug.

»Was machst du denn hier?« Sie wechselte den Wäschekorb von der rechten auf die linke Hüfte.

»Die Birne ist kaputt.«

Annalenes Stimme klang, als sei ihr ebenfalls der Lebensfaden durchgebrannt. Klaudia ertrug den Schmerz nicht, den das Mädchen ausstrahlte. Einen irrwitzigen Augenblick lang wollte sie auf dem Absatz kehrtmachen, zurück in ihre Einliegerwohnung laufen und die Tür zwischen ihrem eigenen Schmerz und dem des Mädchens schließen. Was hast du uns nur angetan, Joe? Sie blinzelte die Tränen fort, die ihr die Sicht nahmen. Sie würde einen Teufel tun und Annalene im Stich lassen. Diesmal nicht.

Klaudia stellte den Wäschekorb ab und hockte sich ebenfalls auf die oberste Treppenstufe. Annalenes Haare rochen nach Zigarettenrauch. Seit den Ereignissen im Frühjahr qualmte sie wie ein Schlot. Klaudia schauderte. Die Kälte des Steins drang durch den dünnen Stoff ihres Sommerkleides. Sie umschlang die Knie mit beiden Händen und starrte in die dämmrige Tiefe. Fünf Stufen, eine offenstehende Brandschutztür. Fahl schimmerte das Weiß der Waschmaschine im Dämmerlicht. All das nahm ihr Hirn mit der Präzision einer Kamera auf, nur produzierte es keinen Satz, der dem Mädchen an ihrer Seite helfen würde. Aber irgendetwas musste sie sagen, sollte das Schweigen nicht ebenso bedrohlich werden wie die kühle, nach Waschpulver riechende Dämmerung zu ihren Füßen.

»Ziemlich dunkel, was?« Klaudia gab sich Mühe, ihre Stimme klingen zu lassen, als spräche sie nur über das Wetter oder so etwas. Sie wusste, wie Annalene sich fühlen musste. Nachdem sie das Mädchen aus dem Luftschutzkeller befreit hatten, war Klaudia zurückgekehrt, hatte die Tür zwischen sich und der Außenwelt geschlossen und für die Dauer eines Atemzugs gespürt, wie die Schwärze in sie hineinsickerte. Länger hatte sie es nicht ausgehalten, und Annalene hatte Stunden in dieser absoluten Dunkelheit verbracht. Stunden, in denen sie nicht wusste, wer ihr das angetan hatte und vor allem nicht, was er ihr noch antun würde. Eine fürchterliche Last für jeden Erwachsenen. Wie viel schwerer musste ein Kind daran tragen?

»Ich weiß, dass es nicht wirklich dunkel ist«, presste Annalene hervor. »Nicht so dunkel.«

»Es ist dunkel genug.« Klaudia legte den Arm um die Schulter des Mädchens. Wie knochig sie war. Sie musterte Annalene von der Seite. Trotz der Hitze trug sie einen langärmeligen Schlafanzug. Ihre nackten Füße steckten in Fellpuschen. Viel zu dünn, die Haut blass.

Klaudia schluckte trocken. Wie fragte man eine traumatisierte Vierzehnjährige, ob sie genügend aß? Zum ersten Mal dämmerte ihr, wie großartig ihre Stiefmutter sich ihr gegenüber verhalten hatte und wie wenig sie es ihr gedankt hatte. Für sie war Conny immer nur die Frau gewesen, die mit ihrem Vater ein schönes Leben hatte, während ihre Mutter sich zu Tode soff.

»Ich will das nicht.« Annalene wischte sich mit dem Handrücken die Nase. »Ich mein, das ist voll Scheiße. Das ist . Ist wie . Wie . Bhanu sein.«

»Sie klammert sehr, nicht wahr?«...

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