Der Prinz unter dem Himmel

Roman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Januar 2011
  • |
  • 576 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0241-4 (ISBN)
 
Ambrose ist der Erbe eines verhassten Königs und von Feinden umringt. Doch sein größter Widersacher ist ein unsterblicher Magier, der Begründer seines Geschlechts. Ihm wurde geweissagt, dass sein letzter Nachkomme ihn töten werde. Darum versucht er mit allen Mitteln, Ambrose zu vernichten. Im Haus der Witwe von Develin, einem Ort des Friedens und der Gelehrsamkeit, glaubt Ambrose nach langer Irrfahrt eine Zuflucht gefunden zu haben. Aber der Geist des fahlen Priesters wirkt im Geheimen und bringt Ambrose in tödliche Gefahr.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 0,52 MB
978-3-8387-0241-4 (9783838702414)
3838702417 (3838702417)
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Erstes Kapitel
DER MONDBESCHIENENE THRON


Ein Mann kam ins Gebirge, um seinen Sohn mit dem Schwert zu jagen.

Am späten Nachmittag führte er sein Pferd an der Seite eines großen einsamen Tals entlang. Rechter Hand stieg der Hang - lauter grauer Fels und niedrige Dornbüsche - zu einem hohen Gipfel auf. Linker Hand fiel er so steil ab, dass man schauderte. Mehrere hundert Fuß tief lag der Talboden, wo ein trübblauer Gletscherbach floss. Der Weg, dem der Mann folgte, war schmal und wand sich den Hang hinauf zu einer fernen Kammlinie. Hinter ihm rieselten Sand und Steinchen hinab, losgetreten von den Pferdehufen oder seinen eigenen gepanzerten Füßen.

Der Mann war klein, aber stark. Sein Gesicht unter dem eisernen Helm war zerfurcht, sein Waffenrock blassblau-weiß. Durch die langen Risse darin schaute ein Kettenhemd hervor, das von den Wochen auf der Straße braun geworden war. Sein Rücken war vom Aufstieg schweißgebadet.

Ab und zu sprach er mit dem Pferd, das hinter ihm herlief.

»Hüa, Stefan.«

»Komm, Stefan, komm.«

Das Pferd war ein großer Grauschimmel, ausgebildet, um einen Ritter über die Ebenen seiner Heimat zu tragen, nicht aber für diese engen Wege, die niemals eben verliefen. Es blickte unglücklich auf den Boden und setzte vorsichtig seine Schritte, wie schon den ganzen Tag und viele Tage davor. Auf dem Rücken trug es den Sattel des Ritters, seine Taschen, Ausrüstung und Waffen. In der langen Halterung steckte ein grausamer Streithammer, der seine Eisenspitze zum Himmel reckte.

Als sie den Kamm erreichten, ging die Sonne unter. In den Tälern quollen die Schatten hervor, und in dem gelblichen Abendlicht erschienen die Bergkuppen wie Inseln in einem ansteigenden Meer. Weit voraus erhob sich ein hoher, rundlicher Gipfel mit Schneefeldern, die in der letzten Sonne glühten. Ein paar Aasvögel kreisten in der Luft, beinahe auf Augenhöhe mit dem Mann. Vor ihm setzte sich der Kamm nackt und felsig fort, dann fiel er unvermittelt ab - hin zu einer Hand voll Dächern und Mauern aus behauenem Stein!

Die Mauern hatten dieselbe graubraune Farbe wie der Fels, auf dem sie erbaut waren. Darum hatte er sie nicht gleich gesehen, und weil er sie in dieser Gegend nicht im Geringsten erwartet hätte. Der Weg, der nun der Kammlinie folgte, führte zu einem Tor zwischen zwei gedrungenen Türmen. Dort endete er.

Ein Haus - ausgerechnet ein befestigtes Haus! Hier, nach einer tagelangen Wanderung durchs Gebirge?

Der Panzerhandschuh des Ritters kratzte über seine metallene Stirn. Gedankenlos hatte er sich die Augen reiben wollen. Doch dies war kein Traum. Seine Füße standen auf steinigem Grund. Die Abendluft drang kalt in seine Lungen.

In den Gebäuden war kein Licht. Kein Rauch stieg aus den Schornsteinen, kein Rascheln oder Klirren, kein Ruf drang aus den Mauern hervor. Sie waren alt - das war selbst bei Dämmerung zu sehen.

Die Türme wirkten unheimlich, gerade weil sie so klein waren.

Ein Haus - hier?

Das Gebirge war unwirtlich. Sehr wenige Menschen wanderten hierher. Seit er in den Bergen war, hatte er niemanden gesehen; nicht einmal einen von den armen, wilden Gebirglern, die hier lebten. In der vorigen Nacht hatte er in einem verlassenen Bergdorf geschlafen. Die schlichten Hütten waren kaum hoch genug, dass er aufrecht darin stehen konnte.

Das Bergvolk baute keine Häuser wie dieses.

Dennoch stand es da. Vielleicht lebten darin Menschen. Und wenn ja, könnten sie den Mann gesehen oder beherbergt haben, nach dem er suchte - Raymond, seinen Sohn.

Gestern war er auf einen Pferdekadaver gestoßen. Der lag dort schon seit einer Woche. Trotzdem hatte er das Tier erkannt - Raymond war mit Tieren immer schon achtlos umgegangen.

Verfluchter Kerl!

Ein Flüchtender mochte in einer Woche weit kommen, selbst zu Fuß. Doch das tote Pferd war seit Langem der erste handfeste Fund des Ritters. Nachdem er so lange ziellos gesucht hatte, nahm er ihn als Zeichen, dass er nahe dran war. Von dem verlassenen Bergdorf war nur ein einziger Weg ausgegangen, der vermuten ließ, er könnte irgendwohin führen. Hierher also führte er. Jetzt wand er sich zu dem stillen Tor hinab und endete. Es mochte zwar noch andere Pfade geben, die sich von den Gebäuden über die Berghänge schlängelten, doch keiner konnte weit reichen - der Kamm fiel an drei Seiten steil ab. Kein Weg war zu sehen außer dem, den er gekommen war.

Wenn Raymond also denselben Weg genommen hatte, konnte er sogar noch hier sein. Nach so vielen Wochen war er vielleicht nur einen kurzen Spaziergang entfernt.

Der Ritter holte tief Luft. Der Hals war ihm eng, und seine Hände kribbelten.

Nun?

Halte dir vor Augen, was er getan hat, sagte er sich.

Halte es dir nur ja vor Augen; das war die üble Litanei, die seinen bebenden Zorn in seine Glieder zurückbrachte.

Denk an Varens, dein Kind, seinen eigenen Bruder - tot in deiner Burg. Bleich und tot und voller Blut, das Auge trüb, die weißen Finger ins Nichts gereckt!

Denk daran - das hat Raymond getan. Hinter deinem Rücken! Dieser hinterlistige, greinende, verworfene, verräterische .

Denk an Varens - wie er in der Halle lachte, bei der Jagd anführte, Bestrafung tapfer hinnahm. Varens - tot.

Raymond! Du . Mörder, Dieb! Hexerei! In meinem Haus!

Hast du geglaubt, ich würde dich nicht holen kommen?

Er stellte sich auf die Zehenspitzen und zog sein Schwert aus der Scheide am Sattel. Es war kurz, aber er war daran gewöhnt, und das Eichenblatt auf dem Knauf war das Wappen einer Frau, die er einst geliebt hatte. Das Heft schmiegte sich in seine Hand und war bereit. Der Ritter spähte durch seinen Helm zum Tor.

Noch immer regte sich nichts zwischen den Mauern. Einen Moment lang zögerte er es noch hinaus. Doch es hatte keinen Zweck, sich zu fragen, ob er bereit sei.

Halte es dir vor Augen!

»Also bringen wir die Sache hinter uns«, sagte er laut.

Langsam ging er mit dem Pferd weiter. Das Scharren und Klappern der Hufe schallte. Drinnen würde ihn jeder hören - daran war nichts zu ändern. Doch er hatte das Eisen in der Hand und das Kettenhemd am Leib.

Das Tor war aus Holz, alt und abgenutzt. Ein Flügel war nur angelehnt. Das Schwert in der Hand, die Spitze nach unten gerichtet, trat er hindurch.

Dahinter lauerte niemand. Er zog den anderen Torflügel auf und brummte seinem Pferd etwas zu, worauf es ihm breitschultrig in den Torweg und den Hof folgte.

Niemand da.

Der Ritter stand in einem kleinen, gepflasterten Hof, der mit trocknen Ziegenkötteln übersät war. Links war er begrenzt von einer niedrigen Mauer, die einen freien Blick über das Tal zu dem Berghang gegenüber gewährte. An den anderen drei Seiten erstreckte sich das Haus mit leeren Fenstern und geschlossenen Türen. Geradeaus befand sich zwischen zwei Gebäuden ein Bogengang, halb versperrt von einem Ziegengatter, das ein Stück zur Seite geschoben war. Dort stahl er sich hindurch.

Dahinter lag ein weiterer Hof, an drei Seiten von Säulengängen eingeschlossen. Und wieder linker Hand eine niedrige Mauer mit Blick über das Tal und auf die dämmrigen Berge gegenüber. Zwischen den Säulen sammelten sich die Schatten. Auch dort waren Türen, aber sie standen offen, die Räume dahinter ein Quell der Dunkelheit. Dieser Platz verbreitete eine entsetzliche Stille.

Doch es half nichts .

Er schlich zu einem der Eingänge. Wenn dort drinnen jemand war, würde er das Scharren seiner Schritte auf den Steinen hören.

Warte. Lausche.

Sein Herz schlug heftig. Gleich, einen Augenblick noch .

»Bringen wir es hinter uns«, murmelte er.

Sofort bewegte er sich geduckt, das Schwert in beiden Händen, durch die Tür und sprang zur Seite, sodass er die Wand im Rücken hatte. Mit dem Oberschenkel stieß er etwas an, das ins Schwanken geriet und umfiel. Es schepperte laut - Dinge fielen zu Boden und zerbrachen. Er fluchte.

Mit klopfendem Herzen hockte er sich hin und tastete. Nichts rührte sich. In dem Raum war niemand. Seine Finger fanden das Bein des umgekippten Tischbocks. An der Türschwelle lag eine Tonschale, zerbrochen. Die Flüssigkeit darin war verschüttet. Er roch daran. Verdorbene Suppe. Die war schon seit Tagen unberührt.

Und Raymond?

Vorsichtig, aber entschlossen suchte er die anderen Zimmer rings um den Hof ab. Er fand Strohlager, Lampen, die Schreibtafel eines Kindes, ein altes Kugelfangspiel und die Reste eines Feuers. Die Asche war kalt. Hier hatte eine kleine Anzahl Leute gewohnt - vielleicht sogar nur zwei. Aber nicht nach Art der Gebirgler, sondern nach der Art des Königreiches unten in der Ebene, von wo er gekommen war. Offenbar hatten sie das Haus verlassen.

Verlassene Häuser - oder verfallene oder niedergebrannte oder geplünderte Häuser waren für den Ritter nichts Neues. Davon gab es jetzt viele innerhalb der Grenzen des Reiches. Doch dieses hier und das Bergdorf, das er auf der anderen Seite des Tales vorgefunden hatte, waren erst seit einigen Tagen verwaist. Und vor einigen Tagen war Raymond in der Nähe gewesen.

Bedeutete das etwas? Das war nicht zu beantworten. Wenn Raymond hierhergekommen war, so war er jedenfalls wieder fort.

Der Ritter fluchte müde. Er zog sich den schweren Helm vom Kopf, und sein helles, grau werdendes Haar fiel auf die Schultern. Er sah sich um.

In der Hofmitte, der niedrigen Mauer zugewandt, stand ein Thron. Er stand auf einem Podest aus Steinblöcken, und von der anderen Seite führten ein paar Stufen hinauf. An der hohen Lehne...

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