Wir müssen über Rassismus sprechen

Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiß zu sein (New York Times-Bestseller - "White Fragility")
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Juli 2020
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-00814-2 (ISBN)
 
»Rassismus ist ein Konstrukt unserer weißen Gesellschaft - also müssen wir auch dafür sorgen, dass er wieder verschwindet!« Robin DiAngelo

Rassismus ist kein Phänomen, das man lediglich am rechten Rand unserer Gesellschaft findet. Doch wir haben verlernt, ihn zu sehen und streiten ab, dass er in unserem Denken eine Rolle spielt (etwa, wenn Sigmar Gabriel Clemens Tönnies mit den Worten verteidigt: »Das ist Quatsch, wer ihn kennt, weiß, dass er kein Rassist ist. Vor allem aber verniedlicht dieser Vergleich die wirklichen Rassisten!«). Dieses Herunterspielen von Hetze und Vorurteilen und das Umdrehen eines solchen Vorwurfs als persönlichen Angriff gegen den Sprecher nennt Robin DiAngelo »Weiße Fragilität«. DiAngelo zeigt, wie wir ihn alle (oft unbewusst) nutzen. Dabei wissen wir aus jüngster Vergangenheit, wie schnell aus scheinbar harmlosen Worten Taten werden.

Wie weit sich diese gefährliche Rhetorik vom rechten Rand bereits in die Mitte vorgefressen hat, zeigt Rassismus-Forscherin DiAngelo anhand erschreckender alltäglicher Beispiele. Ein Buch, das weh tut, das aufweckt, das aber auch zeigt, wie rassistisches Denken endlich aus unserer Gesellschaft verschwinden kann.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,72 MB
978-3-455-00814-2 (9783455008142)
Robin DiAngelo ist Soziologin und forscht seit Jahren zum Thema Rassismus. Sie lehrt unter anderem an der University of Washington in Seattle. Außerdem gibt sie seit mehr als 20 Jahren Kurse zu Antirassismus. 2011 hat sie den Begriff white fragility geprägt, der die abwehrende und aggressive Reaktion vieler Weißer bezeichnet, wenn sie mit dem Rassismus konfrontiert werden, der von ihnen ausgeht.

Einleitung

Von hier aus kommen wir nicht ans Ziel


Ich bin eine weiße Frau und stehe neben einer schwarzen Frau. Vor uns sitzt eine Gruppe weißer Angestellter. Wir befinden uns an ihrem Arbeitsplatz, weil wir von ihrem Arbeitgeber engagiert worden sind, damit wir mit ihnen einen Dialog über Rassismus anstoßen. Es herrscht eine angespannte, feindselige Atmosphäre. Gerade habe ich eine Definition von Rassismus dargelegt, die das Eingeständnis umfasst, dass Weiße gesellschaftliche und institutionelle Macht über Menschen of Color besitzen. Ein weißer Mann schlägt mit der Faust auf den Tisch und brüllt: »Als Weißer kann man doch gar keinen Job mehr kriegen!« Ich schaue mich im Raum um und sehe vierzig Angestellte, von denen achtunddreißig weiß sind. Warum ist dieser weiße Mann so wütend? Warum ist ihm die Wirkung seiner Wut so gleichgültig? Wieso merkt er nicht, wie sein Ausbruch auf die wenigen Menschen of Color im Raum wirken muss? Wieso sitzen die anderen Weißen da und stimmen ihm stillschweigend zu oder schalten einfach ab? Schließlich habe ich doch nur eine Definition von Rassismus formuliert.

Weiße Menschen leben in einer Gesellschaft, die zutiefst von praktischer Rassentrennung und -ungleichheit geprägt ist, und sie profitieren von dieser Trennung und Ungleichheit. Folglich sind wir Weißen gegen die Belastungen und den Stress abgeschirmt, die aus rassistischer Benachteiligung erwachsen, und haben zugleich das Gefühl, wir hätten einen wohlverdienten Anspruch auf unsere Vorteile. In Anbetracht der Tatsache, wie selten wir in einer von uns dominierten Gesellschaft Unbehagen und Unannehmlichkeiten aufgrund unserer »Rasse« erleben, mussten wir keine diesbezügliche Belastbarkeit entwickeln. Da uns ein tief verinnerlichtes Überlegenheitsgefühl anerzogen wurde, das uns entweder nicht bewusst ist oder das wir uns nicht eingestehen können, reagieren wir in Gesprächen, in denen es um »Rasse« und Rassismus geht, äußerst empfindlich. Ein Infragestellen unserer rassenbezogenen Weltsicht empfinden wir als Angriff auf unser Selbstverständnis als gute, moralische Menschen. Daher erleben wir jeden Versuch, uns mit dem rassistischen System in Verbindung zu bringen, als verunsichernden und ungerechten moralischen Vorwurf. Bereits der geringste Stress durch Konfrontation mit Rassismus ist unerträglich. Allein schon die Andeutung, Weißsein sei von Belang, löst häufig eine ganze Reihe von Abwehrreaktionen aus. Dazu gehören Emotionen wie Wut, Angst und Schuldgefühle und Verhaltensweisen wie Argumentieren, Schweigen und Rückzug aus der Stresssituation. Mit solchen Reaktionen versuchen weiße Menschen, ihr inneres Gleichgewicht wiederherzustellen, indem sie die Kritik abwehren, wieder in ihre Komfortzone zurückkehren und ihre Dominanz in der Rassenhierarchie aufrechterhalten. Diesen Mechanismus bezeichne ich als »weiße Fragilität« (White Fragility) - eine Empfindlichkeit, die zwar durch Unbehagen und Angst ausgelöst wird, aber aus einer Überlegenheits- und Anspruchshaltung erwächst. Sie ist nicht per se Schwäche, sondern ein starkes Mittel in der Machtausübung der weißen »Rasse« und der Bewahrung ihrer Privilegien.

Mein Versuch, die gängigen Reaktionsmuster weißer Menschen auf rassenbezogenes Unbehagen unter dem Begriff der weißen Fragilität zusammenzufassen, hat großen Widerhall gefunden. Die damit zum Ausdruck gebrachte Empfindlichkeit Weißer ist so verbreitet, weil unsere persönlichen Erzählungen zwar variieren, wir aber alle vom gleichen Umfeld getragen werden. Bei mir erwuchs die Erkenntnis aus meiner Arbeit. Ich leite täglich Gesprächsrunden eines überwiegend weißen Publikums über Rassismus - etwas, was viele von uns um jeden Preis vermeiden.

In der Anfangszeit meiner Tätigkeit als Diversity-Trainerin war ich bestürzt darüber, wie wütend und abwehrend viele Weiße auf die Andeutung reagierten, sie hätten irgendetwas mit Rassismus zu tun. Allein schon die Idee, dass sie an einem Workshop über Rassismus teilnehmen sollten, empörte sie. Sie betraten bereits wütend den Raum und zeigten uns ihren Unmut den ganzen Tag hindurch, indem sie ihre Notizblöcke auf die Tische knallten, die Beteiligung an Übungen verweigerten und in jeder Diskussion grundsätzlich »dagegen« waren.

Ich begriff ihre Verärgerung oder ihr Desinteresse nicht. Warum wollten sie nicht mehr über eine derart komplexe gesellschaftliche Dynamik wie Rassismus erfahren? Diese Reaktionen waren besonders dann verblüffend, wenn es am Arbeitsplatz der Betreffenden nur wenige oder gar keine Menschen of Color gab, wenn es also nur darum gegangen wäre, etwas von meinen Kollegen und Kolleginnen of Color zu lernen, die diese Workshops mit mir leiteten. Ich war davon ausgegangen, dass sie unter solchen Umständen eine Fortbildung zum Thema Rassismus leichter akzeptieren würden. Deutete denn nicht gerade der Mangel an Diversität auf ein Problem oder zumindest auf das Fehlen mancher Sichtweisen hin? Oder darauf, dass die Teilnehmenden wegen mangelnder Kontakte zu Menschen anderer Hautfarbe möglicherweise zu wenig darüber wussten?

Ich brauchte mehrere Jahre, um diese Reaktionen zu verstehen. Anfangs ließ ich mich davon einschüchtern, und ich bemühte mich, zurückhaltend, vorsichtig und behutsam vorzugehen. Aber im Laufe der Zeit erkannte ich, was hinter dieser Wut und der Weigerung stand, über »Rasse« zu reden oder Menschen of Color zuzuhören. Bei zahlreichen Kursteilnehmenden beobachtete ich übereinstimmende Reaktionen. So waren sich viele Weiße, die in weißen Vororten lebten und keine dauerhaften Beziehungen zu Menschen of Color hatten, absolut sicher, dass sie keinerlei Vorurteile gegen Menschen anderer Hautfarbe hegten. Andere Teilnehmende reduzierten Rassismus auf die einfache Formel, dass es nun einmal gute Menschen gebe und schlechte (die Rassisten). Die meisten waren offenbar der Ansicht, der Rassismus habe in den USA 1865 mit dem Ende der Sklaverei aufgehört. Es gab sowohl eine reflexartige Abwehrhaltung gegen jedwede Andeutung, dass Weißsein von Belang sei, als auch eine Weigerung, zuzugeben, dass Weißsein Vorteile hat. Viele Teilnehmende behaupteten, mittlerweile seien weiße Menschen die Unterdrückten, und lehnten vehement alles ab, was auch nur im Entferntesten nach Antidiskriminierungsmaßnahmen oder Förderung benachteiligter Gruppen aussah. Diese Reaktionen kamen so durchgängig und zuverlässig, dass es mir irgendwann möglich war, den Widerstand nicht mehr persönlich zu nehmen, meine eigene Tendenz zur Konfliktvermeidung zu überwinden und darüber nachzudenken, was dahinter stand.

Allmählich zeichneten sich für mich die Umrisse dessen ab, was ich für die Stützpfeiler des Weißseins halte - die ungeprüften Überzeugungen, die unseren Reaktionen auf Rassenfragen zugrunde liegen. Mir wurde klar, wie weit verbreitet die Einstellung ist, nur schlechte Menschen seien Rassisten, und wie sehr der Individualismus der weißen Menschen es ihnen ermöglicht, sich von der Wirkkraft der Sozialisation auszunehmen. Mir wurde klar, wie wir lernen, unter Rassismus nur Einzeltaten individueller Personen statt ein komplexes System zu verstehen. Und angesichts so vieler Äußerungen weißer Ressentiments gegen Menschen of Color erkannte ich, dass wir glauben, mehr beanspruchen zu dürfen und zu verdienen als Menschen of Color. Ich begriff, dass wir aktiver Teil eines Systems sind, das uns nützt. Außerdem sah ich, wie eifrig wir daran arbeiten, das alles zu leugnen, und wie abwehrend wir reagieren, wenn diese Dynamik zur Sprache gebracht wird. Und ich verstand, wie unsere Abwehrhaltung den Status quo der Rassenungleichheit bewahrt.

Persönliche Reflexionen über meinen eigenen Rassismus, eine kritischere Haltung gegenüber den Medien und anderen Kulturträgern und die Begegnung mit den Ansichten zahlreicher brillanter, geduldiger Mentoren of Color halfen mir, die Wirkungsweise dieser Stützpfeiler des Rassismus zu erkennen. Dabei wurde mir eines klar: Wer der Meinung ist, nur schlechte Menschen, die andere aufgrund der »Rasse« bewusst verletzen wollten, könnten rassistisch handeln, muss zwangsläufig empört auf jegliche Unterstellung reagieren, er selbst sei an Rassismus beteiligt. Aufgrund dieser Einstellung muss man natürlich das Gefühl haben, zu Unrecht eines grässlichen Fehlverhaltens beschuldigt zu werden, und selbstverständlich würde man sich und seinen guten Charakter verteidigen wollen (und tatsächlich hat es auch bei mir viele Momente gegeben, in denen ich genauso reagiert habe). Nach und nach sah ich ein, dass die von uns erlernte Definition des Rassismus es weißen Menschen praktisch unmöglich macht, ihn zu verstehen. Wir leben unser vor Rassendiskriminierung geschütztes Leben (Fehlinformationen helfen dabei) und empfinden jegliche Andeutung, wir persönlich seien an Rassismus beteiligt, als empörend und geradezu erschütternd.

Wenn ich Rassismus jedoch als System begreife, in das ich hineinsozialisiert werde, kann ich das Feedback auf meine unter Rassenaspekten problematischen Denk- und Verhaltensmuster als hilfreiche Möglichkeit sehen, einen Lern- und Entwicklungsprozess in Gang zu setzen. Eine der größten gesellschaftlichen Ängste weißer Menschen ist der Vorwurf, etwas, was sie gesagt oder getan hätten, sei unter dem Rassismusaspekt problematisch. Wir reagieren in der Regel mit Wut und Verleugnung, statt mit Dankbarkeit und Erleichterung (was wir sollten, denn das Wissen um die Problematik würde uns davor bewahren, es wieder zu tun). Auch wenn solche Momente zunächst schmerzlich sind, können wir sie erst als wertvoll erleben, sobald wir akzeptiert haben, dass Rassismus unvermeidlich und es...

»Die große Empfindlichkeit. Warum es so schwierig ist, mit weißen über Rassismus zu sprechen. Und warum kein Weg daran vorbeiführt.«
 
»DiAngelo ist weiß und hält den Weißen einen verdrucksten Rassismus vor. Das ist neu. Und sorgt für hitzige Debatten.«
 
»Zu Recht besteht DiAngelo darauf, dass Rassismus kein Ereignis, sondern eine Struktur sei, nicht die böse tat, sondern das System der >weißen Suprematie< drumherum [...]«
 
»Robin DiAngelo hat mit ihrem Bestseller eine identitätspolitische Idee erfolgreich gemacht, die jetzt endlich auch in Deutschland zum Einsatz kommt.«
 
»Das Buch ist Leitfaden dafür, diesen inneren Rassisten loszuwerden. Bemerkenswert ist zweierlei. Erstens: Robin DiAngelo ist weiß. Zweitens: Sie verspricht keine Erlösung.«
 
»>Wir müssen über Rassismus sprechen< ist einfach strukturiert, oft arbeitet DiAngelo mit direkter Anrede und klaren Fragestellungen wie im Diversity-Training. Sie benutzt Schemata, Statistiken und Kategorisierungen, angereichert mit zahlreichen Anekdoten.«
 
»DiAngelo betont das zentrale Problem von uns Menschen, das da lautet, Unterschiede, die etwa durch Einwanderung sichtbar werden, produzieren Ungleichheit. Deshalb ist ihr Buch wichtig.«

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