Die Märchenerzählerin

 
 
edition oberkassel (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Juni 2020
  • |
  • 270 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95813-219-1 (ISBN)
 
Die Märchenerzählerin Lila Oelmann ist mittlerweile 76 Jahre alt und lebt seit einem Jahr in einer Männer-WG. Als Hermanns große Liebe kann sie dessen Platz in der Wohnung nach seinem Tod nutzen. In der letzten Neujahrsnacht kamen Erinnerungen aus ihrer Kindheit und Jugend hoch. Ihre Schwester Astrid war das schöne Mädchen, während sie immer das dicke Kind war. Ihre schwesterliche Verbindung wurde frühzeitig nicht nur von Gemeinsamkeiten, sondern auch von Eifersucht geprägt. Diese eskalierte, als Astrid ihr an einem Wochenende eröffnete, sie würde von Konstantin, Lilas damaliger Freund, ein Kind erwarten. In rasender Eifersucht tauchte Lila ihre Schwester bei nächster Gelegenheit in einem Wassergraben unter und ließ Astrid allein im Graben zurück. Sie kümmerte sich fieberhaft um eine Suchaktion, aber dennoch blieb Astrid verschwunden. Konstantin zog in eine andere Stadt. Lila hangelte sich von Job zu Job, wollte als Märchenerzählerin tätig sein, machte aber spät eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Neujahrsnacht hat Lila eines klargemacht: Sie muss am Ende ihres Lebens ihre Schwester finden. Unterstützt von einer Journalistin bei dieser Suche erhält sie nach langer Zeit einen Hinweis von einer Pflegeheimleiterin.
Auflage 2020
  • Deutsch
  • Düsseldorf
  • |
  • Deutschland
  • 1,71 MB
978-3-95813-219-1 (9783958132191)
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Monika Detering wollte Schiffsjunge, Malerin oder Schriftstellerin werden. Die letzteren Wünsche waren den Eltern zu unseriös (vom ersten ahnte niemand etwas). Sie arbeitete viele Jahre als Puppenkünstlerin mit zahlreichen Ausstellungen im Inund Ausland (z.B. Washington, Philadelphia und New York). Durch lange Aufenthalte an der Nordsee wurde das Meer ihr Sehnsuchtsort. Sie war als freie Journalistin tätig und entschied sich später für das belletristische Schreiben. Gemeinsam mit dem Autoren Horst-Dieter Radke erfand und schreibt sie die historische Krimiserie um Puff & Poggel, mit Blick in die 50er Jahre auf fiktive Ereignisse in Mülheim an der Ruhr. Als Gegenpol zum "Kriminellen" veröffentlichen sie
sommerleichte Inselromane. Neben dem gemeinsamen Schreiben publiziert jeder für sich Soloprojekte.
Detering ist Mitglied bei den "Mörderischen Schwestern" und den "42erAutoren".

1.


Immer wollte ich nach Tahiti, aber geblieben bin ich in Bielefeld, einer Stadt am Teutoburger Wald. Wohl deshalb wache ich zu oft aus meinen Träumen voller Sehnsucht auf und glaube, am türkisblauen Meer und unter Palmen zu sein. Welch eine Enttäuschung. Die Bilder sind so überzeugend und wenn ich gegen drei Uhr morgens mit kaltem Hintern auf meinem Bett in Hermanns einstiger Wohnung sitze, ist das einfach nur mies von meinem Unterbewusstsein.

Dass ich wieder in der Stadt gelandet bin, liegt an den Folgen eines schon länger zurückliegenden Ausflugs mit meinem Trecker. Die wundersame Geschichte, die sich daraus ergab, nahm ein seliges Ende. Als ich vor zwei Jahren gen Bielefeld tuckerte, dachte ich an ein Oldtimertreffen. Jedenfalls hatte ich so die Nachricht verstanden. Ich traf aber nur auf einen zweiten Trecker, der Hermann Haberstroh gehörte. Nun. Das alles wurde nebensächlich, weil jener Ausflug in einer wundersamen Liebesgeschichte endete. In meinem Alter! In Hermanns Alter! Wir wurden von Zärtlichkeit erfüllt, von Zuneigung und am Ende von Liebe. Zärtlichkeit - die Gabe der Träumer. Und wir haben geträumt.

Aus diesem Grund hatte ich wenig Zeit, mir die Stadt genauer anzusehen. Sie war mir entglitten, fremd geworden, war bei mir in jungen Jahren unter ungeheuer spießig abgelegt worden. Als Kind, auch noch als Teenager, da habe ich sie sehr gemocht. Und dann wurden so viele Häuser abgerissen, neu gebaut, Straßen entfernt, Brücken und Stadtautobahnen hinzugefügt. Als ich erwachsen war, zog ich weg. Und jetzt erst beginne ich mit einem ganz anderen Blick durch die Straßen zu schlendern und rechne jedes Mal mit einem Zusammentreffen mit der Vergangenheit. Mit Menschen, die es wahrscheinlich nicht mehr gibt. Oder die weggezogen sind. Früher kannte ich so viele, heute sind mir alle fremd. Ganz besonders denke ich daran, in den Straßen der Altstadt meine Schwester wiederzusehen. So, wie sie 1968 war.

Ich habe begonnen, in den letzten Wochen nach ihr Ausschau zu halten. Bin die Einkaufsstraßen rauf und runter gelaufen, habe das Viertel um den Gehrenberg unter die Lupe genommen, so viele Frauen angestarrt, aber alle waren mir fremd. Die Gänge rund um die Kunsthalle waren auch vergeblich. Nur menschliche Lemminge mit prallen Einkaufstüten kamen mir entgegen. Weil es die Wochen vor Weihnachten waren, fiepten aus allen Ecken Flöten bis zur Unerträglichkeit. Ich entdeckte einen alten Geiger, der mit seinem innigen Spiel zum Stehenbleiben motivierte. Und auch sein melancholischer Ausdruck in den Augen und um den Mund hielten mich fest. Ich grinste über ein paar Stadthippen und staunte, dass es sie immer noch gab. Gelbblond, mit Gold an den Ohren, samt herzliebstem Rosa auf den Lippen mit Missbilligungsfaktor, mit weißen Daunenmänteln, hellen Stiefelchen, mit Geherze und Trallafitti.

Mich ärgerte, dass sie über mich zu grinsen schienen. Eine zeigte direkt auf mich. Ich wollte gerade nachfragen, da ging meine Hand wie von selbst zu meinem Kopf - im Haar steckten noch die Wickler. Alles klar, ich hatte verstanden. Schnell sauste ich in den nächsten Hauseingang, rupfte die Rollen raus, wuselte die Haare durch, fühlte, sie rollten üppig, aber mit Sicherheit ziemlich doof kreuz und quer. Also nahm ich meinen Schal und versuchte, mir diesen so elegant wie möglich um den Kopf zu schlingen.

So ging ich mit hocherhobenem Kopf durch die Straßen, nahm meine Erinnerungen mit, die sehr präsent wurden. Manchmal musste ich mich vergewissern, in der Gegenwart zu sein, um nicht von der Vergangenheit total eingefangen zu werden, manchmal kicherte ich. Da, am Ratsgymnasium gab es mal einen Schreibmaschinenkursus. Ich weiß, ich bin da hingegangen, aber nur ein paar Mal. Mit zehn Fingern sozusagen blind zu schreiben, wo ich es doch mit dreien recht gut konnte. Aber dies gefiel dem Kursleiter nicht, er bestand auf seinem hochgelobten Zehnfingersystem. Und dabei fiel mir ein Satz von ihm ein: "Fräulein Oelmann, Sie haben gelbe Streifen im Gesicht." Ich? Streifen? Alle hörten auf zu tippen, drehten sich zu mir, glotzten und gackerten.

Ich rannte auf die Toilette und sah es. Mir fiel ein, morgens hatte ich Tana ins Gesicht geschmiert, das Wundermittel zur schnellen, todschicken Selbstbräunung. Das war so peinlich. Ich klatschte Wasser ins Gesicht, die Streifen blieben. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit gelben Streifen in den Klassenraum zurückzugehen und die Stunde dreifingrig zu Ende zu bringen. Schließlich hatte ich dafür bezahlt.

Ich dachte an so vieles. Ich muss manche Begebenheiten ein anderes Mal erzählen, sonst wird alles zu viel.

Ich verglich Straßen und Häuser. Und so manches Mal wusste ich nicht mehr genau, was denn an jenem Fleck wirklich gestanden hatte. Ich vermisste die schönen, immer dagewesenen Buchhandlungen in der Obernstraße und am Alten Markt. Auch die alte Mühle am Fußbach war verschwunden. Unweit davon befindet sich die Backpulverfabrik Dr. August Oetker. War das nicht die Gneisenaustraße? Heute sehen die Gebäude anders aus, es sind viele dazugekommen. Da gab es in der Oetker-Werbung die strahlende Frau Renate, deren Kopf auf Anzeigen glänzte, die für Backin und Pudding warben. In den 50er Jahren konnte ich an dem großen Klinkergebäude entlanglaufen und den köstlichen Vanilleduft riechen. Bis heute esse ich gerne Vanillepudding. Und nur von Dr. Oetker. Ich glaube, diese Produkttreue sitzt mir in den Genen. Meine Mutter schwor auch da drauf.

Weil wir seit bestimmt zwei Wochen Minustemperaturen haben, halte ich mich zu oft in meiner Wohnung auf. Ich friere schnell. Olaf und Harry erzählen von früher, dass sie nur ein paar Kniestrümpfe hatten und Olaf mit seinem Bruder und dem Opa in einem Bett schlafen musste. Ich soll mich nicht so anstellen, ich müsse doch wissen, dass es früher viel, viel kälter gewesen war, brabbeln alle beide. Sicher weiß ich das. Vor allem, wenn die Kohlen knapp waren. Vor allem, wenn nur Schlammkohle verfügbar war. Die stank erbärmlich und räucherte die Wohnungen ein. Das lag daran, dass diese Steinkohle einen hohen Anteil an Wasser und Asche besaß und beides war nicht brennbar. Aber daran mag ich nicht denken, dann friere ich noch mehr und habe seltsamerweise diesen ekligen tranigen Geschmack nach Fisch im Mund. Lebertran. Ich spuckte ihn regelmäßig aus.

Wären nicht die Trecker gewesen, wer weiß, wo ich heute wohnen würde. Denn damals war mir gekündigt worden. Und jetzt habe ich das Glück, seit knapp einem Jahr im Haus der Männer-WG da im Auenwald zu leben. In Hermanns einstiger Wohnung. Wenn man den Kiesweg durch unser Wäldchen nimmt, sieht man es. Wir sind alle nicht mehr jung, aber was bedeutet das? Wir sehen mehr und mehr ein, dass wir einander brauchen und uns gegenseitig helfen müssen, um zu überleben in einer Welt der Fitten und Durchtrainierten. Ich bin nicht die Frau, die mit Stöcken durch die Wiesen rennt. Ich kann auch ohne sie gehen, und das sehr zügig. Außerdem wäre es zum jetzigen Zeitpunkt viel zu glatt. Ich sage dies, weil ich an die vielen Vorsätze denke, die ich bisher an jedem Silvester gemacht und keinen davon eingehalten habe.

Außerdem ist Silvester seit einer Stunde vorbei, ich bin eingehüllt von dieser Neujahrsnacht, ich lasse mich von Erinnerungen davontragen, so ein bisschen wie der fliegende Robert aus dem Struwwelpeter.

Aber es ist ja wohl auch so, dass man sich jenseits der Sechzig mehr als sonst mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt. Nein, ich bette sie nicht in Rosen ein, die waren noch nie meine Lieblingsblumen, ich weiß sehr gut, dass vieles eben nicht berggipfelglühend war. Ich sehe in die Dunkelheit, die gar nicht so dunkel ist, und der Schnee glitzert mit fein ziselierten Frosthauben.

Ich gehe von Fenster zu Fenster und freue mich einmal wieder, dass ich solch ein Glück mit dieser Wohnung habe! Drei deckenhohe Fenster, die tagsüber viel Licht hereinlassen, und selbst an grauen Tagen empfinde ich es hell hier drinnen. Im Frühjahr tanzen Blätterschatten über meinen Fußboden und versuchen, das Licht zu fangen. Ich möchte bis zum Ende meiner Zeit hier wohnen können.

Leider bin ich in diesem Haus nur Gast für ein ganzes langes kurzes Jahr.

Ich höre das langgezogene Knarren dieses halben Torflügels, der ohne Sinn zwischen den Bäumen steht. Wohl schon viele Jahre. Aber in diesem Viertel waren einmal große Höfe, so wird dieser der letzte Rest von einem sein. Dahinter verlaufen sich die Pfade. Einer davon beschreibt einen Bogen und endet auf dem Weg, der direkt zu uns führt. Auf halber Strecke befindet sich ein rund gemauerter Brunnen mit einem zentnerschweren Deckel. Hier habe ich im vergangenen Sommer meinen Mitbewohnern Märchen von Brunnen und ungestümen Jungfrauen vorgelesen. Auf den rostigen Spitzen des halben Tores stecken häufig verloren gegangene Handschuhe. Die Frühjahrsstürme werden sie unter den dichten Teppich der Blätter vom Herbst fegen. Und ich stelle mir vor, wie dieser Wald Stadtbahnschienen überwuchern wird, bis sie sinnlos geworden sind. Vielleicht wird dieser Wald ein Hort für die Geister der Verstorbenen, die hier einmal gelebt haben. Die sollten so manch einen strafen, der für die Betonierung eines wunderbaren Grünlandes und für die Ausrottung vieler Tiere zuständig war.

Im Blick habe ich die zerzausten Kiefern und die windschiefen Birken, die der letzte Sturm verprügelt hat. Äste wurden heruntergerissen. Auch wenn davor gewarnt wird, gehe ich gern über das Holz, ich mag den Wald und seinen Geruch. Ich mag auch sein Ächzen und Wehen bei Sturm, stelle mir eine Sturmbraut vor, die rasend vor Eifersucht ihrem Liebsten hinterherjagt.

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