Lakeview Stories 24 - Grand Canyon

Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Dezember 2017
  • |
  • 116 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43320-4 (ISBN)
 
Lakeview Stories: Liebe und mehr!
>Lakeview Stories< sind eindrucksvolle, süchtigmachende, erfrischende, aufwühlende und starke Liebesgeschichten in Episodenform. Die Handlung spielt im kleinen beschaulichen Lakeview. Die Serie besteht aus 26 Einzelteilen.
Halley und Scarlett sind ein Herz und eine Seele, seit ewigen Zeiten. Klar, dass Halley da zur Stelle ist, als ihre beste Freundin sie am dringendsten braucht: Michael, Scarletts erste große Liebe, ist bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen und Scarlett ist schwanger von ihm - mit 16!
Dem Willen ihrer Mutter und allen guten Ratschlägen zum Trotz will Scarlett das Baby unbedingt behalten. Aber auch auf Halley wartet Ärger - denn als sie den wilden, gutaussehenden Macon kennenlernt, zofft sie sich das erste Mal so richtig mit ihren Eltern.
Kann Halley ihrer besten Freundin helfen?
Und ist Macon der Richtige für sie???
Die aufwühlende Geschichte von Halley, Scarlett und Macon erstreckt sich auf die Teile 24 bis 26 der >Lakeview Stories< und ist bereits erschienen unter dem Titel >Someone like you<.
Sarah Dessen, geboren 1970, ist in North Carolina aufgewachsen, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie in Chapel Hill lebt. Sie ist eine der meistgelesenen Jugendbuch-Autorinnen in den USA und alle ihre Romane wurden vielfach preisgekrönt. Auch in Deutschland wächst ihre Fangemeinde mit jedem Buch.

Teil I


Grand Canyon

Kapitel eins


Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, in der Scarlett Thomas nicht meine beste Freundin gewesen wäre. Deswegen wusste ich sofort, als sie mich während der schlimmsten Woche meines Lebens - im Emanzencamp, zu dem mich meine Mutter verdonnert hatte - anrief, dass etwas nicht stimmte. Ich wusste es, als ich nur ihre Stimme am anderen Ende der Leitung hörte. Wusste es, bevor sie etwas gesagt hatte. Wusste es einfach.

»Es ist wegen Michael«, meinte sie ruhig. Ihre Stimme drang aus weiter Ferne verzerrt zu mir. »Michael Sherwood.«

»Was ist mit Michael?« Die Leiterin des Emanzencamps, sorry: des Ferienlagers, eine Dame namens Ruth mit kurzen Haaren und Birkenstocksandalen, trat neben mir ungeduldig von einem Bein aufs andere. Denn eigentlich sollten wir uns dort gar nicht anrufen lassen, sondern uns von der Außenwelt, von allen Anforderungen unseres persönlichen Umfelds im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen abschirmen, auf dass wir bessere, klügere, stärkere, selbstbewusstere weibliche Wesen würden. Vor allem sollten wir uns nicht um Mitternacht an einem Dienstag anrufen lassen; denn die logische Konsequenz daraus war, dass Ruth mich aus meinem knarrenden Bett und quer durchs Wäldchen in ihr Büro gejagt hatte, in dem es entschieden zu hell war. Zu einem Telefon, das schwer in meiner Hand lag.

Scarlett seufzte tief. Irgendetwas war passiert, so viel stand fest. »Was ist mit ihm?«, fragte ich noch einmal. Ruth wirkte extrem genervt; garantiert dachte sie, dass es sich nie und nimmer um einen Notfall handelte.

»Er ist tot.« Scarletts Stimme klang gleichmäßig, monoton. Als müsste sie das kleine und das große Einmaleins hintereinander aufsagen. Im Hintergrund hörte ich, wie etwas klirrte, hörte Wasser plätschern.

»Tot?«, fragte ich. Ruth blickte mich plötzlich alarmiert an. Ich wandte mich von ihr ab. »Wie?«

»Ein Motorradunfall. Heute Nachmittag. Zusammenstoß mit einem Auto, auf dem Shortcrest Drive.« Wieder dieses Wasserplätschern. Mir wurde klar, dass sie Geschirr spülte. Scarlett, meine tüchtige, patente Scarlett, würde auch dann noch das bisschen Haushalt erledigen, wenn um sie herum eine nukleare Apokalypse tobte.

»Er ist tot«, wiederholte ich. Auf einmal wirkte der Raum, in dem ich telefonierte, sehr klein, geradezu beengt. Als Ruth den Arm um mich legte, wich ich aus, trat einen Schritt zurück. Ich sah Scarlett vor mir, am Spülbecken in der Küche, in abgeschnittenen Jeans und einem T-Shirt, das Haar zu einem straffen Pferdeschwanz zusammengebunden; den Telefonhörer hatte sie zwischen Schulter und Ohr geklemmt. »O mein Gott, das ist ja furchtbar!«

»Ja«, antwortete Scarlett nur. Das Wasser floss mit einem lauten Gurgeln ab. Sie weinte nicht. »Ja.«

Dann schwiegen wir. Am Telefon. Mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Das einzige Geräusch ein leises Summen in der Leitung. Ich wollte durchs Kabel zu ihr kriechen, am anderen Ende der Leitung in ihrer Küche auftauchen, bei ihr sein. Michael Sherwood, ein Junge, mit dem wir aufgewachsen waren, ein Junge, den eine von uns beiden geliebt hatte. Weg, fort, verschwunden, aus.

»Halley?«, sagte Scarlett schließlich leise.

»Ja?«

»Kannst du nach Hause kommen?«

Ich sah durchs Fenster in die Dunkelheit, auf den See, der im Mondlicht schimmerte. Es war Ende August, das Ende des Sommers. In einer Woche würde die Schule wieder anfangen. Unser vorletztes Schuljahr.

»Halley?«, wiederholte sie. Ich wusste, wie schwer es ihr fiel, überhaupt zu fragen. Sie war nie diejenige gewesen, die mich brauchte. Immer umgekehrt.

»Bin schon unterwegs«, antwortete ich, in jenem grell erleuchteten Raum, in jener Nacht, in der alles begann.

»Halt durch.«

 

Michael Alex Sherwood starb um kurz vor neun Uhr am Abend des 30. August. Er bog vom Shortcrest Drive links in die Morrisville Avenue ab, als ein Geschäftsmann in einem BMW frontal mit ihm zusammenstieß, wodurch Michael von dem Motorrad, das er erst seit Juni besessen hatte, sieben Meter durch die Luft geschleudert wurde. In der Zeitung stand, er sei sofort tot gewesen. Das Motorrad war komplett zertrümmert. Schuld an dem Unfall trug er nicht. Michael Sherwood war sechzehn Jahre alt.

Außerdem war er der einzige Junge gewesen, den Scarlett in ihrem bisherigen Leben wirklich geliebt hatte. Wir kannten ihn, seit wir Kinder gewesen waren, fast so lange, wie wir einander kannten. Das Viertel, in dem wir alle wohnten, hieß Lakeview; es erstreckte sich über nur wenige Straßen, von denen viele auf freiem Feld endeten, und wurde lediglich durch einige Holzpfähle und primitiv zusammengezimmerte Schilder markiert, auf denen mit gelber Farbe gepinselt stand: WILLKOMMEN IN LAKEVIEW - IHREM FREUNDLICHEN WOHNVIERTEL. Irgendwann hatten einige Schüler der damaligen Abschlussklasse unserer Schule in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf sämtlichen Schildern aus dem REU ein EI gemacht, so dass wir nun in einem FEINDLICHEN WOHNVIERTEL lebten. Mein Vater fand das umwerfend komisch. Er konnte sich dermaßen darüber amüsieren, und zwar noch lange Zeit, nachdem es passiert war, dass meine Mutter sich - und ihn - manchmal fragte, ob er nicht selbst dahintersteckte. Die zweite Besonderheit von Lakeview war seine Lage fünf Kilometer vom Flughafen entfernt, was bedeutete, dass permanent irgendwelche Maschinen starteten oder landeten. Auch das machte meinem Vater aus irgendeinem Grund einen Heidenspaß. Fast jeden Abend saß er auf unserer Terrasse und blickte gespannt in den Himmel, während das ferne, dumpfe Grollen immer lauter wurde, immer näher kam, bis direkt über dem Haus die weiße Nase eines Flugzeugs durch die Wolken brach, die Flugzeuglichter wie wild blinkten und man das Gefühl hatte, das Teil wäre laut und kraftvoll genug, um uns einfach mit sich zu reißen. Unser Nachbar, Mr Kramer, bekam davon Bluthochdruck, doch mein Vater genoss es. Ich hatte mich schlicht daran gewöhnt, zuckte nicht mehr zusammen, schlief einfach weiter, selbst wenn das Haus bebte und die Fensterscheiben klirrten.

Ich lernte Scarlett an dem Tag kennen, als sie und ihre Mutter, Marion, in das neu gebaute Haus gegenüber einzogen. Ich war elf, saß am Fenster und schaute den Leuten von der Umzugsfirma zu, als ich ein Mädchen in meinem Alter entdeckte, das auf den Stufen zur Veranda vor dem Haus hockte. Auch sie beobachtete die Umzugsleute, die an ihr vorbei Möbel ins Haus trugen. Ihr Kinn stützte sie auf die Hände, ihre Ellbogen auf die Knie. Sie hatte rote Haare, trug blaue Turnschuhe und eine Sonnenbrille mit herzförmigem weißem Rahmen. Als ich über den frisch angelegten Gartenweg auf sie zulief, beachtete sie mich allerdings nicht im Geringsten. Ich stellte mich in den Schatten des Verandadachs und wartete darauf, dass sie mich als Erste ansprach. Im Freundschaftschließen war ich noch nie gut gewesen. Ich war still und unscheinbar, ein richtiges Mäuschen. Suchte mir allerdings immer wieder Mädchen als Freundinnen aus, die mich herumkommandierten und ätzend zu mir waren; Mädchen, die mich rumschubsten und quälten, bis ich schließlich heulend zu Mami nach Hause rannte. Lakeview, DAS FEINDLICHE WOHNVIERTEL, wimmelte von kleinen Feindinnen auf pinkfarbenen Fahrrädern, die in weißen, mit Metallblumen umrankten Fahrradkörbchen ihre Barbiepuppen samt Köfferchen mit sämtlichem Zubehör spazieren fuhren. Ich hatte noch nie eine beste Freundin gehabt.

Dennoch ging ich zu der Neuen rüber. In ihrer Sonnenbrille konnte ich mein Spiegelbild erkennen: weißes T-Shirt, blaue Shorts, abgestoßene Sneakers, rosa Socken. Ich wartete darauf, dass sie mich auslachte oder wegjagte oder mich schlicht und einfach ignorierte, wie alle anderen Mädchen, die älter und größer waren.

»Scarlett?« Durch das Fliegengitter vor der offen stehenden Haustür drang die erschöpft und fahrig klingende Stimme einer Frau. »Wo habe ich mein Scheckbuch hingelegt?«

Das Mädchen auf den Stufen wandte den Kopf. »Küchentheke«, rief sie mit heller, klarer Stimme. »Karton mit Maklerunterlagen.«

»Karton mit .« Die Frau schien sich beim Sprechen zu bewegen, denn ihre Stimme drang mal lauter, mal leiser zu uns ins Freie. ». Karton mit Maklerunterlagen, mh, wo ist . ich glaube, er ist gar nicht hier, Schatz, oder . ach ja, doch. Da ist er ja!« Plötzlich klang die Stimme der Frau so triumphierend, als hätte sie soeben die Nordwestpassage um den amerikanischen Kontinent herum entdeckt. Die hatten wir kurz vor den Ferien in der Schule durchgenommen.

Das Mädchen drehte sich wieder zu mir um und schüttelte leicht den Kopf. Ich weiß noch, wie ich in dem Moment dachte - und es würde nicht das letzte Mal sein -, dass sie älter wirkte, als sie war. Auf jeden Fall älter als ich. Sofort überfiel mich das vertraute Feindinnengefühl. Feindin auf pinkfarbenem Fahrrad im Anmarsch.

Ich wollte mich gerade umdrehen und zu unserem Haus zurückgehen, da sagte sie: »Hallo, ich heiße Scarlett.«

»Ich heiße Halley.« Ich versuchte meine Stimme so lässig und selbstverständlich klingen zu lassen wie ihre. Noch nie hatte ich eine Freundin mit einem ausgefallenen Namen gehabt; die anderen Mädchen in meiner Klasse hießen Lisa, Tammy, Caroline, Kimberly. »Ich wohne da drüben.« Ich zeigte über die Straße auf mein Schlafzimmerfenster.

Sie nickte, nahm ihre Tasche, die neben ihr gestanden hatte, rutschte ein Stück zur...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

1,99 €
inkl. 5% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen