Jenseits von Natur und Kultur

 
 
Suhrkamp Verlag AG
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. November 2011
  • |
  • 638 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76840-2 (ISBN)
 
Seit der Zeit der Renaissance ist unser Weltbild von einer zentralen Unterscheidung bestimmt: der zwischen Natur und Kultur. Dort die von Naturgesetzen regierte, unpersönliche Welt der Tiere und Dinge, hier die Menschenwelt mit ihrer individuellen und kulturellen Vielfalt. Diese fundamentale Trennung beherrscht unser ganzes Denken und Handeln. In seinem faszinierenden Buch zeigt der große französische Anthropologe und Schüler von Claude Lévi-Strauss, Philippe Descola, daß diese Kosmologie alles andere als selbstverständlich ist. Dabei stützt er sich auf reiches Material aus zum Teil eigenen anthropologischen Feldforschungen bei Naturvölkern und indigenen Kulturen in Afrika, Amazonien, Neuguinea oder Sibirien. Descola führt uns vor Augen, daß deren Weltbilder ganz andersartig aufgebaut sind als das unsere mit seinen »zwei Etagen« von Natur und Kultur. So betrachten manche Kulturen Dinge als beseelt oder glauben, daß verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Tieren und Menschen bestehen. Descola plädiert für eine monistische Anthropologie und entwirft eine Typologie unterschiedlichster Weltbilder. Auf diesem Wege lassen sich neben dem westlichen dualistischen Naturalismus totemistische, animistische oder analogistische Kosmologien entdecken. Eine fesselnde Reise in fremde Welten, die uns unsere eigene mit anderen Augen sehen läßt.

Philippe Descola ist Professor für Anthropologie, Schüler von Claude Lévi-Strauss und dessen Nachfolger am renommierten Collège de France. Er erhielt die Médaille d'argent des Centre nationale de la recherche scientifique (CNRS) und ist Ritter der Ehrenlegion.

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Philippe Descola ist Professor für Anthropologie, Schüler von Claude Lévi-Strauss und dessen Nachfolger am renommierten Collège de France. Er erhielt die Médaille d'argent des Centre nationale de la recherche scientifique (CNRS) und ist Ritter der Ehrenlegion.

11Vorwort

                

Uns erstaunen und beschäftigen fremde Dinge mehr als die alltäglichen [...]; denn wenn man sich, meine ich, einmal näher betrachtete, was wir bei den unter uns lebenden Tieren alltäglich zu sehn bekommen, würde man genug Verhaltensweisen entdecken, die genauso erstaunlich sind wie die aus fernen Ländern und Jahrhunderten eifrig zusammengetragenen. Es ist ein und dieselbe Natur, die auf ihrer Bahn dahinrollt.

 

                

Montaigne, Apologie für Raymond Sebonde

 

Es ist noch gar nicht so lange her, daß wir uns an den Kuriositäten der Welt ergötzen konnten, ohne die aus der Beobachtung der Tiere gezogene Lehre von derjenigen zu trennen, die uns die Sitten der Antike oder die Bräuche ferner Gegenden erteilten. Es herrschte »ein und dieselbe Natur«, die zwischen den Menschen und den Nichtmenschen die Fülle der technischen Fertigkeiten, der Lebensgewohnheiten und der Denkweisen gerecht verteilte. Zumindest bei den Gebildeten ging diese Zeit einige Jahrzehnte nach Montaignes Tod zu Ende, als die Natur aufhörte, eine Ordnung zu sein, die die unterschiedlichsten Dinge vereinte, und zu einem Bereich autonomen Gesetzen unterliegender Gegenstände wurde, vor dessen Hintergrund die Willkür der menschlichen Tätigkeiten ihr verführerisches Schillern entfalten konnte. Eine neue Kosmologie war entstanden, eine außerordentliche kollektive Erfindung, die der Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens einen beispiellosen Rahmen bot und deren ein wenig ungenierte Hüter wir auch zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts noch immer sind. Zu den Kosten dieser Vereinfachung gehörte auch etwas, was um so leichter ignoriert wurde, als es nicht auf unser Konto ging: Zur gleichen Zeit wie die Modernen die bequeme Neigung der barbarischen und wilden Völker entdeckten, alles nach ihren Normen zu beurteilen, ließen sie ihren eigenen Ethnozentrismus hinter einer rationalen Suche nach Erkenntnis verschwinden, deren Irrwege seither unsichtbar blieben. Überall und 12zu allen Zeiten, so behauptete man, habe eine stumme und unpersönliche Natur ihren Einfluß ausgeübt, den die Menschen auf mehr oder weniger plausible Weise zu interpretieren sich befleißigten und aus dem sie mit mehr oder weniger Glück Nutzen zu ziehen suchten; die meisten Konventionen und Gepflogenheiten konnten von nun an nur dann Bedeutung erlangen, wenn sie auf natürliche Regelmäßigkeiten zurückgeführt wurden, die von denen, die ihnen unterworfen waren, mehr oder weniger richtig erfaßt wurden. Durch einen Gewaltstreich von mustergültiger Diskretion war unsere Aufteilung der Lebewesen und der Dinge zu einer Norm geworden, der sich niemand entziehen konnte. Das Werk der Philosophie fortsetzend, um deren geistige Vorherrschaft sie sie vielleicht beneidete, bestätigte die entstehende Anthropologie diese Reduktion der Vielfalt alles Existierenden auf zwei Ordnungen heterogener Realitäten und bot ihr sogar, dank dem Überfluß unter allen Breiten gesammelter Fakten, die Gewähr der Universalität, die ihr bislang noch fehlte. Im übrigen schlug sie diesen Weg ein, ohne recht darauf zu achten, so fasziniert war sie von der schillernden »kulturellen Vielfalt«, aus deren Aufzeichnung und Studium sie ihre Daseinsberechtigung bezog: die verschwenderische Fülle der Institutionen und Denkweisen wurde weniger großartig und ihre Zufälligkeit erträglicher, wenn man annahm, daß alle diese Praktiken, deren Logik sich bisweilen nur mühsam feststellen ließ, lauter besondere Antworten auf die gemeinsame Herausforderung waren, die vom Körper und der Umwelt gebotenen biophysischen Möglichkeiten zu disziplinieren und Nutzen daraus zu ziehen. Das vorliegende Buch ist aus einem Gefühl der Unzufriedenheit mit diesem Zustand und aus dem Wunsch entstanden, dem abzuhelfen, indem ich vorschlug, sich den Beziehungen zwischen Natur und Gesellschaft auf andere Weise zu nähern.

Die derzeitigen Umstände sind für ein solches Unterfangen besonders günstig. Denn die geräumige Wohnung mit ihren zwei übereinanderliegenden Etagen, in der wir es uns seit einigen Jahrhunderten bequem gemacht haben, beginnt Mängel zu zeigen. Im vornehmen Teil, in dem die Wissenschaften der Natur und des Lebens, nachdem sie die Vertreter der Offenbarungsreligionen aus den Salons vertrieben haben, in allem, was man von der Welt wissen kann, den Ton angeben, entdecken einige taktlose Ab13trünnige hinter Tapeten und Täfelungen die verborgenen Mechanismen, die es ermöglichen, die Erscheinungen der physischen Welt einzufangen, sie zu sortieren und ihnen einen autorisierten Ausdruck zu geben. Die Treppe zum Stockwerk der Kultur, die lange Zeit ihrer Steilheit wegen recht beschwerlich war, ist inzwischen so morsch geworden, daß nur wenige sie entschlossen zu erklimmen wagen, um den Völkern die materiellen Triebfedern ihrer kollektiven Existenz kundzutun, oder sie ohne Vorsichtsmaßnahmen hinabzusteigen, um den Gelehrten den Widerspruch des Gesellschaftskörpers zu melden. Aus der Vielzahl der Kämmerchen, die ganz unterschiedliche Kulturen beherbergen, tropfen bizarre Infiltrate ins Erdgeschoß, Bruchstücke fernöstlicher Philosophien, Brocken hermetischer oder mosaischer, vom New Age angehauchter Theorien, die zwar nicht sehr ernst zu nehmen sind, hier und da jedoch zwischen Menschen und Nichtmenschen einige Trennwände verunreinigen, die man für besser geschützt hielt. Was die Forscher betrifft, die in alle Ecken des Planeten geschickt worden waren, um dort die primitiver gebauten Häuser zu beschreiben, und die sich lange bemüht hatten, deren Inventar anhand des ihnen vertrauten Musterplans aufzustellen, so brachten sie allerlei ausgefallene Informationen mit: einige Häuser haben überhaupt kein Stockwerk, Natur und Kultur wohnen mühelos in einem einzigen Zimmer beisammen; andere Häuser scheinen zwar mehrere Stockwerke zu haben, doch in ihren seltsam aufgeteilten Funktionen teilt sich die Wissenschaft mit dem Aberglauben das Bett, läßt sich die politische Macht vom Kanon des Schönen inspirieren, Makrokosmos und Mikrokosmos befinden sich in vertrautem Gespräch; man sagt sogar, daß es Völker ohne Häuser geben soll, die auch ohne Ställe und Gärten auskommen, da wenig geneigt, die Lichtung des Seins zu bepflanzen oder ihre ausdrückliche Bestimmung in der Zähmung des Natürlichen in sich selbst oder um sich herum zu sehen. Von den großen Architekten des klassischen Zeitalters errichtet, um zu dauern, ist das dualistische Gebäude zwar noch immer solide, zumal es mit bewährtem Geschick unermüdlich restauriert wird. Doch springen seine strukturellen Mängel denjenigen immer deutlicher in die Augen, die es nicht auf mechanische Weise bewohnen, so wie all denen, die darin eine Unterkunft finden möchten, um Völker, die andere Arten von Behausungen gewohnt sind, damit vertraut zu machen.

14Dennoch wird man auf den folgenden Seiten nicht die Skizze eines neuen gemeinschaftlichen Hauses finden, das die nichtmodernen Kosmologien gastfreundlicher aufnehmen würde und besser an die Zirkulation der Tatsachen und Werte angepaßt wäre. Man darf wetten, daß die Zeit nicht mehr fern ist, in der ein solches Gebäude allmählich auftauchen wird, ohne daß man genau weiß, wer die Arbeiten übernehmen wird; denn auch wenn es üblich geworden ist, zu sagen, daß die Welten erbaut wurden, so kennt doch niemand ihre Architekten, und man beginnt gerade erst zu ahnen, aus welchen Materialien sie bestehen. Jedenfalls liegt eine solche Baustelle in der Zuständigkeit der Bewohner des Hauses, denen es darin zu eng sein könnte, und nicht der einer besonderen Wissenschaft, und sei es der Anthropologie.1 Deren Aufgabe, wie ich sie verstehe, besteht darin, zusammen mit anderen Wissenschaften und gemäß ihren eigenen Methoden dazu beizutragen, die Art und Weise verständlich zu machen, wie sich Organismen besonderer Art in die Welt einfügen, eine feste Vorstellung von ihr erwerben und dazu beitragen, sie zu verändern, indem sie, mit ihr und untereinander, dauerhafte oder gelegentliche Bindungen von bemerkenswerter, aber nicht unendlicher Vielfalt knüpfen. Bevor man also für eine in den Wehen liegende Zukunft eine neue Charta ersinnt, muß man als erstes die Kartographie dieser Bindungen erstellen, ihre Natur besser verstehen, ihre Vereinbarkeiten und Unvereinbarkeiten feststellen und untersuchen, wie sie sich in unmittelbar distinktiven Arten des In-der-Welt-Seins aktualisieren. Um ein solches Unternehmen glücklich zu Ende zu führen, muß sich die Anthropologie ihres konstitutiven Dualismus entledigen und vollständig monistisch werden; nicht im quasi religiösen Sinn des Wortes, zu dessen Apostel sich Haeckel gemacht hatte und den einige Umweltphilosophien übernommen haben, natürlich auch nicht mit dem Ehrgeiz, die Pluralität der Existierenden auf eine Einheit der Substanz, des Endzwecks oder der Wahrheit zu reduzieren, wie es die Philosophen des 19. Jahrhunderts versucht hatten, sondern damit deutlich wird,...

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