Sei Dir kein Gegner

Erzählung
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. August 2020
  • |
  • 144 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-8877-3 (ISBN)
 
Lange dauerte es, bis Ron verstanden hatte, dass er gewinnen konnte, wenn er scheiterte, sofern er darüber nicht komplett in Verzweiflung geriet. Viel hatte er im Bemühen um die Erfüllung seiner Wünsche erlebt und alle Anstrengungen als vergeblich erachtet, wenn das Ergebnis entgegen aller Erwartung nicht seinen Wünschen entsprach. Dass es nicht so sehr an mangelndem Bemühen als vielmehr an seinen Erwartungen an sich selbst lag, dass er scheiterte, hatte er nicht wahrhaben wollen. Deine Wünsche müssen zu dir kommen, nicht du zu deinen Wünschen, das hatte er einmal jemanden sagen hören, aber nicht glauben können. Wie sollte das geschehen? Wie sollten Wünsche zu ihm kommen? Waren die Wünsche, die er hatte, nicht schon bei ihm? Doch er brachte sich mit dem, was er für sich wollte, in einen Widerspruch zu sich selbst. Mit der Erfüllung seiner Wünsche war er offenbar überfordert. Aber passte, was er sich wünschte, wirklich zu ihm?
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,14 MB
978-3-7519-8877-3 (9783751988773)
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Andreas Degkwitz (geb. 1956 in Frankfurt/Main) hat Klassische Philologie und Literaturwissenschaften in Freiburg, Basel und Wien studiert. Seit vielen Jahren arbeitet er als Bibliothekar in Heidelberg, Bonn, Potsdam, Cottbus und seit 2011 in Berlin. Seine ersten Schreiberfolge hatte er mit Gedichten. Der 2018 bei dem Berliner Verlag PalmArtPress erschienene Band mit Kurzgeschichten Magenta, Yella und Despina. Snapshots von Liebe und Tod ist sein Prosadebüt: http://palmartpress.com/lieferbare-buecher/literatur/magenta-yella-und-despina/ . 2019 hat er bei BoD Schimpfer und Versager. Monologien: https://www.bod.de/buchshop/schimpfer-und-versager-andreas-degkwitz-9783749479405 und 2020 die Kurzgeschichten Liebe, Leidenschaft und andere Katastrophen veröffentlicht: https://www.bod.de/buchshop/liebe-leidenschaft-und-andere-katastrophen-andreas-degkwitz-9783751958899

Jeden Morgen sah sich Ron in der Situation, in ein Labyrinth von Aktivitäten zu stürzen, die seinen Weg in den Tag bestimmten und ihn zugleich über die Schwelle des Tages stolpern ließen. Ihm war, als fesselten ihn diese Herausforderungen, wie es nur Pflichten vermögen, die ihm zuvor schon den Schlaf raubten. Den Kaffee aufsetzen, das Geschirr von gestern spülen, den Frühstücktisch decken, Obst für das Müsli schälen, Klamotten zusammensuchen, waschen rasieren, kämmen - kein Ende nahm dieser Wettlauf mit der Zeit, dem er erschöpft entkam, wenn er mit Mühe und Not die Wohnungstür hinter sich schloss. Warum tat er sich diesen Wahnsinn an, der ihn zwar aufbaute, doch andererseits zermürbte? Aus dem Haus stürzte er, als befinde er sich auf der Flucht. Dann fasste er Tritt, strich sich mit der rechten Hand durchs Haar, zupfte an seinem Krawattenknoten und eilte in die Tiefgarage zu seinem Wagen, in dem er dann - beide Hände am Steuer - wie auf einem Thron saß. Dieser morgendliche Eintritt in den Tag war für Ron zu einem Kampf geworden, den er nur überstehen konnte, wenn er seine Wohnung fluchtartig verließ, mit Anzug und Krawatte in seinem Cabrio saß und den Motor anwarf. Während er den Wagen aus der Tiefgarage fuhr, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und klopfte sich auf die Schulter, als wolle er sich beglückwünschen, der Schlacht mit dem Tagesbeginn heil entkommen zu sein. Denn dass der Tag ihn herausforderte und geradezu überfiel, das konnte und wollte Ron nicht ertragen, so dass er morgens nicht länger in seiner Wohnung blieb, als er es für zwingend notwendig hielt.

Merkwürdig war, dass Ron, der einerseits aus seiner Wohnung floh, andererseits nie glauben konnte, seine Wohnung wirklich verschlossen zu haben. Wieder und wieder prüfte er, ob er dies mit gebotener Sorgfalt erledigt hatte. Denn während er den Schlüssel drehte und drehte, ging ihm so viel durch den Sinn, dass er sich vom Schließen der Wohnungstür abgelenkt glaubte: Was war alles offen geblieben in seiner Wohnung, das zu erledigen war oder hätte zum Abschluss gebracht werden müssen? Welche Fragen waren liegen geblieben, auf die eine dringende, aber ständig verschobene Antwort zu geben notwendig war, die er zu vergessen befürchtete? Hatte er von sich aus Verabredungen zu treffen oder Verpflichtungen einzugehen, aber dies bisher versäumt oder sich dafür die Zeit nicht genommen? Was erwartete ihn mit dem begonnenen Tag und forderte ihn heraus? Hatte er alle Knöpfe, Schalter und, was sich auch immer entzünden konnte, in seiner Wohnung auf "Null" gestellt, so dass sie nicht abbrannte oder anderen Schaden nahm? Doch diese Fragen begründeten nicht allein seine Sorge, die Wohnung nicht verschlossen zu haben.

Ohne dass jemand dies für möglich gehalten hätte, hinterließ Ron seine Wohnung in einem ganz unaufgeräumten Zustand und offenbarte auf diese Weise einen chaotischen, völlig ungeordneten Charakterzug, der angesichts seines gepflegten Auftretens sehr überraschte. Wäre jemand in dieses Abbild seiner unausgereiften Persönlichkeit eingedrungen, hätte sich das für Ron als peinlich, ja sogar als vernichtend erwiesen. Doch dieses Chaos war Ron wie es Ron war, der elegant gekleidet täglich mit seinem Cabrio zu seinem Büro fuhr. Ron schloss seine Träume in seine Wohnung ein, um sie in seinen vier Wänden zu konservieren und von der Realität außerhalb seiner Wohnung fernzuhalten. Er verbarg sich in seiner Wohnung wie Rumpelstilzchen - seine Wohnung war sein Geheimnis. Dies führte zur Verwahrlosung dort. Denn träumend erfüllte er sich seine Wünsche und Pflichten nicht, die er sich nur erfüllen konnte, wenn er in seiner Wohnung aus seinen Träumen erwachte. Doch dazu war er nicht in der Lage. Er hielt seine Wünsche in Träumen vor und konnte sie nicht mit seiner Lebenswirklichkeit in Verbindung bringen. Deshalb glaubte er aufzufliegen, wenn ein Unbefugter seine Wohnung betreten und ihn auf diesem Wege enttarnen würde. Seine Inkompetenz, sich selbst zu organisieren, sein Unvermögen, für sich Ordnung zu schaffen, seine Unfähigkeit, sich nicht im Weg zu stehen und deshalb permanent über sich selbst zu stolpern - das alles wäre aufgedeckt worden und hätte ihn als einen verwahrlosten Träumer entlarvt, der er nicht sein wollte und den er mit schicken Krawatten und teuren Anzügen permanent zu verstecken versuchte. Doch zugleich war er hochgradig besorgt, seiner selbst verlustig zu gehen oder sich zu zerstören, sollte seine Wohnung, sein Geheimnis, in Flammen aufgehen oder beschädigt werden, weil er zu wenig darauf aufgepasst hatte. Nicht oft genug konnte er prüfen, ob die Wohnungstür wirklich verschlossen war; er war auch schon aus der Tiefgarage zu seiner Wohnung zurückgekehrt, um sich der zweimal verschlossenen Tür zu versichern, als habe er sein "Selbst" wieder einmal vergessen anstatt es vor Einbruch oder Vernichtung zu schützen.

Sobald er seine Wohnung abends wieder betrat, brach die Fassade zusammen, die er mit seinem Bild von sich selbst vor sich her trug. In seiner Wohnung gab es, wenn er sich in wachem Zustand darin aufhielt, nichts, was er als Wert für sich erkannte. Denn er konnte dort niemandem etwas beweisen - auch nicht sich selbst. In seiner Wohnung war er ein Würstchen, das nicht mit sich klar kam. Auf sich zurückgeworfen wurde er dort und fürchtete dabei, in ein "riesiges, schwarzes Loch" zu fallen, das ihn komplett verschluckte. Stets schaltete er das Fernsehen an, das ihn ansprach und wach hielt, wenn er seine Wohnung betrat, ohne dass irgendein Zwang entstand, darauf reagieren zu müssen. Die Fassade, an der er sich festhielt, übergab er an sein TV. So schuf er sich eine Umgebung, die ihn zu tragen schien, ohne dass er deshalb zu etwas verpflichtet war. Erst wenn er schlief, zog er sich auf sich selbst zurück - gleichsam betäubt kam er zu sich und ließ sich von seinen Träumen treiben, die seine Wünsche weckten. Der Tagesbeginn riss ihn aus seinen Träumen wieder heraus und zog ihn weg von sich selbst. Ron sah sich gezwungen, sich erneut an der Fassade des erfolgreichen Pharmavertreters festzuhalten - ein Dilemma, das ihn bedrückte, dem er aber nicht entkam. Mit Anzug, Krawatte und Cabrio rüstete er sich am Morgen und gab sich so einen Kick, der ihm das Selbstbild vermittelte, in Ordnung zu sein. Er inszenierte sich mal als "Sportsfreund", mal als "Respektsperson" - elegant oder eben sportlich. So hoffte er, ein Bild von sich abzugeben, das ihm gefiel, ohne dass er diesem tatsächlich entsprechen konnte. Denn seine sportlichen Aktivitäten bezogen sich darauf, dass er Champions-League- Spiele im Fernsehen verfolgte. Eleganz machte er von der Höhe des Preisniveaus abhängig, das ihm die Herrenkonfektion in den Abteilungen großer Kaufhäuser bot. Kreative Exklusivität war ihm allem Anschein nach fremd. Sein Maßstab schien Geldwert zu sein; daran orientierte er sich. Deshalb fuhr er mit einem Cabrio morgens zur Arbeit - eine offenbar teure Verbindung von Eleganz und Niveau. Um dies zu signalisieren, hatte sich Ron einen solchen Wagen - allerdings meistens gebraucht - gekauft.

Jedes Mal, wenn er sich als kleiner Junge der eisernen Brücke genähert hatte, hoffte Ron, das Schauspiel des dampfenden oder rauchenden Ungeheuers mit seinen zahlreichen Güterwaggons erleben zu können. Seine Eltern nannten es Lokomotive. Als die Brücke in Sichtweite war, begann er zu lauschen, um das kraftvolle Donnern der Lokomotive von Ferne bereits zu vernehmen - aber er hörte nichts und war schon enttäuscht, dass es diesmal offenbar nicht zu dem erwarteten Schauspiel kam. Doch dann brach die eiserne Kraft mit großem Getöse aus dem Wald hervor, der die Brücke auf beiden Seiten umgab, und Ron stand mit offenem Mund davor und zählte mit seinen zehn Fingern die Güterwaggons. Einmal mit diesem Ungetüm über die Brücke zu rasen und dabei die Lokomotive pfeifen zu lassen, dieser Wunsch beherrschte ihn, seit er dies mit vier Jahren vernommen hatte. Kein Wunsch konnte und sollte größer sein als dieser. Doch er vermochte sich diesem Traum nicht mehr zu nähern, als dass er am Geländer der Gleise stand und den vorbeischnaubenden Zug fast mit der Hand berührte.

Dabei begeisterte ihn der ohrenbetäubende Lärm, der ihn glauben ließ, unmittelbar an dem Ereignis beteiligt zu sein. So viele mit Gütern gleich welcher Art beladene Eisenbahnwagen bewegen und so viel Aufmerksamkeit mit einem so hohen Geräuschpegel erregen zu können, das beeindruckte Ron und entwickelte sich zu einem Wunsch, der ihn seither nicht mehr verließ. Nicht dass sich sein Wunsch darauf beschränkte, Lokomotivführer zu werden, nein, Ron träumte wieder und wieder davon, dass er außerordentlich viel bewegte und damit lautstark auf sich aufmerksam machte. Seine Wünsche wurden auch in Träumen offenbar, in denen ihre Erfüllung gefährdet war. Den Zug zu verpassen, der mit Karacho über die Brücke fuhr, weil er daran gehindert oder abgelenkt wurde, zum richtigen Zeitpunkt an der...

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