Sarahs Schlüssel

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2015
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7820-9 (ISBN)
 
Paris im Sommer 1942. Sarah, ein zehnjähriges jüdisches Mädchen, wird nach der Deportation durch die französische Polizei von ihren Eltern getrennt. Nach angstvollen Tagen gelingt ihr die Flucht. Sie muss ihren kleinen Bruder retten, den sie zu Hause im Wandschrank versteckt hat - den Schlüssel dazu hält sie in der Hand ... Sechzig Jahre später findet die Journalistin Julia heraus, dass die Pariser Wohnung ihrer Schwiegereltern einmal Juden gehört hat. Sie ahnt noch nicht, dass die Spurensuche ihr Leben vollkommen verändern wird.
Im Anhang für Lesekreise: - Interview mit Tatiana de Rosnay - Hintergrundwissen - Fragenkatalog als Grundlage für die Diskussion - Pressespiegel Dieser und über 20 weitere Lesekreisanhänge im Internet unter: www.berlinverlage.de
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Berlin Verlag
  • 1,30 MB
978-3-8270-7820-9 (9783827078209)
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Nach dem Essen bot uns Hervé einen limoncello an. Er hatte eine wunderschöne gelbe Farbe. Guillaume trank seinen in kleinen Schlucken. Er hatte während des Essens nicht viel gesagt. Er wirkte in sich gekehrt. Ich wagte es nicht, noch mal auf das Vél d'Hiv zurückzukommen. Aber dann war er es, der das Wort an mich richtete.

»Meine Großmutter ist jetzt alt«, sagte er. »Sie will nicht mehr darüber reden. Aber sie hat mir alles erzählt, was ich wissen muss, sie hat mir alles über diesen Tag erzählt. Ich glaube, das Schlimmste für sie war, ohne die anderen weiterleben zu müssen. Ohne sie weitermachen zu müssen. Ohne ihre gesamte Familie.«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Jungs schwiegen.

»Nach dem Krieg ging meine Großmutter jeden Tag zum Hotel Lutetia auf dem Boulevard Raspail«, fuhr Guillaume fort. »Dort musste man hingehen, um herauszufinden, ob jemand aus den Lagern zurückgekehrt war. Dort gab es Listen und Organisationen. Sie ging jeden Tag hin und wartete. Aber nach einer Weile gab sie es auf. Es kamen ihr allmählich Geschichten von den Lagern zu Ohren. So begann sie zu begreifen, dass sie alle tot waren. Dass niemand zurückkehren würde. Bisher hatte niemand das wirklich gewusst. Aber als nun Überlebende zurückkehrten und ihre Geschichten erzählten, erfuhren es alle.«

Erneut Schweigen.

»Wissen Sie, was ich das Schockierendste an der Vél-d'Hiv-Aktion finde?«, sagte Guillaume. »Ihren Kodenamen.«

Dank meiner ausgiebigen Recherchen kannte ich die Antwort darauf.

»Operation Frühlingsbrise«, murmelte ich.

»Ein reizender Name für etwas so Grauenhaftes, nicht wahr?«, sagte er. »Die Gestapo hatte die französische Polizei aufgefordert, eine gewisse Anzahl an Juden im Alter zwischen sechzehn und fünfzig >zu übergeben<. Die Polizei war so erpicht darauf, eine Höchstzahl an Juden zu deportieren, dass sie beschlossen, die Befehle noch zu übertreffen: Sie verhafteten auch all die kleinen Kinder, die in Frankreich geboren waren. Französische Kinder.«

»Die Gestapo hatte diese Kinder gar nicht eingefordert?«, fragte ich.

»Nein«, erwiderte er. »Zunächst nicht. Kinder zu deportieren hätte die Wahrheit verraten: Es wäre für alle offensichtlich gewesen, dass die Juden nicht in Arbeitslager, sondern in den Tod geschickt wurden.«

»Und warum sind diese Kinder verhaftet worden?«, fragte ich.

Guillaume nahm einen Schluck limoncello.

»Die Polizei dachte wahrscheinlich, dass Kinder von Juden, auch wenn sie in Frankreich geboren waren, trotzdem Juden waren. Am Ende schickte Frankreich fast achtzigtausend Juden in die Todeslager. Nur einige Tausend kamen zurück. Und kaum eins von den Kindern.«

Auf dem Nachhauseweg konnte ich Guillaumes dunkle, traurige Augen nicht vergessen. Er hatte angeboten, mir Fotografien seiner Großmutter und ihrer Familie zu zeigen, und ich hatte ihm meine Telefonnummer gegeben. Er hatte versprochen, mich bald anzurufen.

Bertrand sah fern, als ich nach Hause kam. Er lag ausgestreckt auf dem Sofa, einen Arm unter den Kopf gelegt.

»Und«, sagte er, ohne den Blick groß vom Bildschirm abzuwenden, »wie war's bei den Jungs? Konnten sie das gewohnte Niveau kultivierter Gastlichkeit halten?«

Ich streifte meine Sandalen ab, setzte mich neben ihn aufs Sofa und betrachtete sein vornehmes, elegantes Profil.

»Ein perfektes Mahl. Es war ein interessanter Mann da. Guillaume.«

»Aha«, sagte Bertrand und sah mich amüsiert an. »Schwul?«

»Nein, ich glaube nicht. Aber darauf achte ich sowieso nie.«

»Und was war so interessant an diesem Guillaume?«

»Er hat uns von seiner Großmutter erzählt, die 1942 der Zusammentreibung im Vél d'Hiv entkommen ist.«

»Hm-hm«, antwortete er, während er mit der Fernbedienung die Kanäle wechselte.

»Bertrand«, sagte ich, »als du auf der Schule warst, hat man euch da von dem Vél d'Hiv erzählt?«

»Keine Ahnung, chérie

»Das ist die Geschichte, an der ich gerade fürs Magazin arbeite. Der sechzigste Jahrestag steht in diesen Tagen bevor.«

Bertrand hob einen meiner nackten Füße hoch und begann, ihn mit geschickten, warmen Fingern zu massieren.

»Glaubst du, dass eure Leser sich für das Vél d'Hiv interessieren?«, fragte er. »Das ist Vergangenheit. Darüber wollen die Leute nichts mehr lesen.«

»Weil die Franzosen sich ihrer schämen, meinst du? Deshalb sollten wir die Vergangenheit begraben und weiterziehen, so wie sie es getan haben?«

Er nahm meinen Fuß von seinem Knie, und das Funkeln erschien in seinen Augen. Ich rüstete mich.

»Du meine Güte«, sagte er mit boshaftem Grinsen, »wieder mal eine Chance, deinen Landsleuten zu zeigen, wie hinterhältig wir Froschesser waren, dass wir mit den Nazis kollaboriert und diese unschuldigen Familien in den Tod geschickt haben. Die kleine Miss Nahant enthüllt die Wahrheit! Was willst du tun, amour, uns die Sache unter die Nase reiben? Das interessiert niemanden mehr. Keiner denkt mehr daran. Schreib über was anderes. Irgendwas Lustiges, irgendwas Nettes. So was kannst du. Sag Joshua, das Vél d'Hiv ist ein Fehlgriff. Es wird niemand lesen. Sie werden gähnen und zur nächsten Kolumne weiterblättern.«

Ich stand wütend auf.

»Ich glaube, du irrst dich.« Ich kochte innerlich. »Ich glaube, die Menschen wissen nicht genug darüber. Sogar Christophe wusste kaum etwas darüber, und er ist Franzose.«

Bertrand schnaubte verächtlich.

»Ach, Christophe kann doch kaum lesen! Die einzigen Wörter, die er entziffern kann, sind >Gucci< und >Prada<.«

Ich verließ schweigend den Raum, ging ins Badezimmer und ließ mir ein Bad einlaufen. Warum hatte ich ihm nicht gesagt, dass er zur Hölle fahren soll? Warum ließ ich mir das immer wieder gefallen? Weil du verrückt nach ihm bist, stimmt's? Seit du ihn das erste Mal gesehen hast, auch wenn er überheblich, gemein und egoistisch ist. Er ist klug und sieht gut aus, er kann so komisch sein, er ist ein so wundervoller Liebhaber, oder nicht? Erinnerungen an endlose wollüstige Nächte, Küsse und Zärtlichkeiten, zerwühlte Bettlaken, sein schöner Körper, der warme Mund, sein spitzbübisches Lächeln. Bertrand. So charmant. So unwiderstehlich. So heißblütig. Deshalb lässt du dir alles von ihm gefallen. Nicht wahr? Aber wie lange noch? Eine kürzliche Unterhaltung mit Isabelle fiel mir wieder ein. »Julia, lässt du dir deshalb alles von Bertrand gefallen, weil du Angst hast, ihn zu verlieren?« Wir hatten in einem kleinen Café beim Salle Pleyel gesessen, während unsere Töchter beim Ballettunterricht waren, und Isabelle hatte ihre x-te Zigarette angezündet und mir unverwandt in die Augen gesehen. »Nein«, hatte ich gesagt. »Ich liebe ihn. Ich liebe ihn wirklich. Ich liebe ihn so, wie er ist.« Sie hatte beeindruckt, aber ironisch gepfiffen. »Nun, der Glückliche. Aber um Gottes willen, wenn er zu weit geht, dann sag es ihm. Sag es ihm.«

Während ich in der Wanne lag, dachte ich daran, wie ich Bertrand kennengelernt hatte. In irgendeiner komischen Diskothek in Courchevel. Er war mit einer Truppe lauter, beschwipster Freunde da, ich mit meinem damaligen Freund Henry, der wie ich bei diesem Fernsehsender arbeitete. Unsere Beziehung war locker, unkompliziert. Keiner war ernsthaft in den anderen verliebt. Wir waren einfach zwei amerikanische Landsleute, die sich in Frankreich ein angenehmes Leben machten.

Bertrand forderte mich zum Tanzen auf. Es schien ihn nicht im Mindesten zu stören, dass ich in Begleitung eines anderen Mannes dort saß. Verärgert gab ich ihm einen Korb. Er war sehr hartnäckig. Nur einen Tanz, Miss. Nur einen Tanz. Aber einen ganz wundervollen Tanz, das verspreche ich Ihnen. Ich sah zu Henry. Henry zuckte mit den Schultern und sagte augenzwinkernd: Nur zu. Also stand ich auf und tanzte mit diesem unverfrorenen Franzosen.

Mit siebenundzwanzig hatte ich ziemlich umwerfend ausgesehen. Und, ja, ich war als Siebzehnjährige tatsächlich »Miss Nahant« gewesen. Ich hatte noch immer meine Strass-Tiara irgendwo aufbewahrt. Zoë hatte oft damit gespielt, als sie noch klein war. Ich hatte mir nie etwas eingebildet auf mein Aussehen. Aber mir war aufgefallen, dass ich in Paris sehr viel mehr Beachtung bekam als jenseits des Atlantiks. Ich entdeckte auch, dass französische Männer beim Flirten sehr viel kühner und offener waren. Und obwohl ich nichts von der mondänen Pariserin besaß - zu groß, zu blond, zu viel Gebiss -, schien mein New-England-Appeal genau die aktuelle Geschmacksrichtung zu sein. Während meiner ersten Monate in Paris war ich verblüfft von der Art und Weise, wie französische Männer - und Frauen - sich offen gegenseitig musterten. Sich permanent gegenseitig taxierten. Die Figur, die Kleidung, die Accessoires. Ich erinnerte mich, wie ich in meinem ersten Frühling in Paris mit Susannah aus Oregon und Jan aus Virginia den Boulevard entlanggelaufen bin. Wir hatten uns nicht mal umgezogen zum Ausgehen, wir trugen Jeans, T-Shirts und Flip-Flops. Aber wir waren alle drei groß, athletisch, blond und unverkennbar amerikanisch. Unentwegt kamen Männer auf uns zu. Bonjour, Mesdemoiselles, vous êtes Américaines, Mesdemoiselles? Junge Männer, reife Männer, Studenten, Geschäftsmänner, ungezählte Männer, die nach Telefonnummern fragten, uns zum Essen, zu einem Drink einluden, bettelnd, scherzend, manche charmant, andere weniger charmant. So etwas hatten wir zu Hause nie erlebt. Amerikanische Männer liefen Mädchen nicht auf der Straße hinterher und machten...

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