Bumerang

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2015
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7827-8 (ISBN)
 
Eine Reise in die Vergangenheit: Antoine lädt seine jüngere Schwester Mélanie auf einen Ausflug ein, zurück an den Ort, wo die beiden als Kinder die Sommerferien an der französischen Küste verbracht haben. Erinnerungen werden wach, auch an ihre Mutter Clarisse. Seit deren Tod vor dreißig Jahren sind die Geschwister nicht mehr dort gewesen. Doch auf der Rückfahrt nach Paris wird Mélanie von ihrer Erinnerung so überwältigt, dass sie die Kontrolle über den Wagen verliert. Was hat sie so sehr erschüttert?
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 1,74 MB
978-3-8270-7827-8 (9783827078278)
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SIE SCHLIEF EIN, sobald sie den zähen Verkehr in den verstopften Pariser Ausfallstraßen hinter sich gelassen hatten. Antoine lächelte, als ihr Kopf gegen die Scheibe sackte. Ihr Mund fiel auf, und er meinte, ein leises Schnarchen zu hören. Sie war gereizt gewesen heute früh, als er kurz nach Sonnenaufgang gekommen war, um sie abzuholen. Sie hasste Überraschungen, schon immer. Das wusste er doch, oder? Warum, zum Teufel, organisierte er dann so einen Überraschungstrip? Ehrlich! War es nicht schon schlimm genug, vierzig zu werden? Über eine schmerzvolle Trennung hinwegkommen zu müssen? Nicht verheiratet zu sein, keine Kinder zu haben und alle fünf Minuten von Leuten etwas über tickende biologische Uhren zu hören? »Wenn jemand noch einmal diese Worte in den Mund nimmt, dann verpass ich ihm eine«, zischte sie. Aber die Vorstellung, das lange Wochenende allein verbringen zu müssen, war für sie unerträglich. Das wusste er. Nicht auszuhalten der Gedanke an ihr heißes, einsames Appartement über der lebhaften Rue de la Roquette, während ihre Freunde außerhalb der Stadt weilten und ihr fröhliche Nachrichten auf ihrer Mailbox hinterließen: »Hey, Mel, jetzt bist du vierzig!« Vierzig. Er warf ihr von der Seite einen Blick zu. Mélanie, seine kleine Schwester, wurde vierzig. Er konnte es nicht recht glauben. Er selbst war dreiundvierzig. Auch das konnte er nicht recht glauben.

Doch die fältchenumrahmten Augen im Rückspiegel gehörten zu einem Mann in den mittleren Jahren. Dichtes, grau meliertes Haar, ein längliches, schmales Gesicht. Er bemerkte, dass Mélanie ihr braunes Haar gefärbt hatte. Ihr Haaransatz war eindeutig grau. Irgendwie fand er das rührend, dass sie ihr Haar färbte, auch wenn er nicht wusste, wieso. So viele Frauen färbten ihr Haar. Vielleicht empfand er so, weil sie seine kleine Schwester war. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sie älter wurde. Sie hatte immer noch ein hübsches Gesicht. Vielleicht war es sogar noch hübscher als mit zwanzig oder dreißig. Er wurde nie müde, Mélanie anzusehen. Alles an ihr war schmal, weiblich, zart. Alles an ihr - die dunkelgrünen Augen, der schöne Schwung ihrer Nase, das hinreißende, strahlende Lächeln, die schlanken Hand- und Fußgelenke - erinnerte ihn an ihre Mutter. Sie mochte es nicht, wenn man ihr sagte, dass sie Clarisse ähnlich sah. Sie hatte es nie gemocht. Aber für Antoine war es, als sähe ihn aus Mélanies Augen ihre Mutter an.

In weniger als vier Stunden würden sie vermutlich ankommen. Sie waren früh genug losgefahren, um dem schlimmsten Verkehr zu entkommen. Trotz ihrer Fragen hatte er kein Wort über ihr Ziel verraten. Er hatte nur grinsend gesagt: »Pack genug für ein paar Tage ein. Wir werden deinen Geburtstag stilvoll feiern.«

Es hatte deshalb eine kleine Auseinandersetzung zwischen Astrid und ihm gegeben. Das lange Wochenende war normalerweise »seins«. Die Kinder sollten von ihrem Aufenthalt bei Astrids Eltern in der Dordogne direkt zu ihm kommen. Aber er war hartnäckig geblieben, es sei Mels Geburtstag, sie werde vierzig, er wolle für sie daraus etwas Besonderes machen, sie sei noch immer nicht über Olivier hinweg und mache gerade eine schlimme Zeit durch. Astrids Stimme am Telefon: »O merde, Antoine, ich hatte die Kinder die letzten zwei Wochen. Serge und ich brauchen endlich wieder etwas Zeit für uns allein.«

Serge. Schon der Name ließ ihn zusammenzucken. Fotograf, Anfang dreißig. Der muskulöse, wetterfeste, robuste Typ. Er war auf Essen spezialisiert. Stillleben für luxuriöse Kochbücher. Er verbrachte Stunden damit, Pasta zum Glänzen zu bringen, Kalbfleisch appetitlich und Früchte üppig aussehen zu lassen. Serge. Jedes Mal, wenn Antoine ihm bei der Übergabe der Kinder die Hand schüttelte, musste er wieder an die abstoßenden Bilder denken, die er an jenem verhängnisvollen Samstag auf der Speicherkarte von Astrids Digitalkamera entdeckt hatte, als sie gerade einkaufen war. Verwirrt hatte er zunächst nur einen sich rhythmisch anspannenden, behaarten Hintern gesehen. Und dann wurde ihm voller Entsetzen klar, dass dieser Hintern tatsächlich einen Penis in das hineinpumpte, was eindeutig wie Astrids Körper aussah. So hatte er es herausgefunden. Er hatte Astrid, noch beladen mit Einkaufstüten, an jenem vermaledeiten Samstagnachmittag zur Rede gestellt, und sie war in Tränen ausgebrochen und hatte zugegeben, Serge zu lieben, schon seit dem Club-Med-Urlaub in der Türkei eine Affäre mit ihm zu haben, und sie sei unendlich erleichtert, dass er es nun wisse.

Antoine hätte sich jetzt gerne eine Zigarette angezündet, um diese unerfreulichen Erinnerungen zu vertreiben. Aber er wusste, dass der Rauch seine Schwester aufwecken und sie dann irgendeinen giftigen Kommentar zu seiner »lästigen Angewohnheit« machen würde. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Autobahn, die sich vor ihm erstreckte.

Astrid hatte noch immer Schuldgefühle wegen Serge, das spürte er, wegen der Art und Weise, wie er, Antoine, hinter die Affäre gekommen war. Wegen der Scheidung. Wegen all dem, was danach kam. Und sie mochte Mélanie von Herzen gern, sie waren Freundinnen geworden, zumal sie beide in der Verlagsbranche arbeiteten. Sie hatte es nicht über sich gebracht, Nein zu sagen. »Okay, na schön«, hatte sie seufzend gesagt. »Die Kinder können auch später zu dir kommen. Lass es an Mels Geburtstag richtig krachen.«

Als Antoine schließlich irgendwo zum Tanken anhielt, kurbelte Mélanie gähnend die Scheibe herunter.

»He, Tonio«, sagte sie gedehnt, »wo sind wir hier überhaupt?«

»Du hast wirklich keine Ahnung?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Nein.«

»Du hast die letzten zwei Stunden geschlafen.«

»Weil du mich im Morgengrauen aus dem Bett geklingelt hast, du Mistkerl.«

Nach einem schnellen Kaffee (für sie) und einer schnellen Zigarette (für ihn) stiegen sie wieder in den Wagen. Sie wirkte jetzt weniger bockig, stellte Antoine fest.

»Es ist süß von dir, dass du das machst«, sagte sie.

»Danke.«

»Du bist ein süßer Bruder.«

»Ich weiß.«

»Du müsstest das nicht tun. Vielleicht hast du ja was anderes vorgehabt.«

»Ich hatte nichts anderes vor.«

»Wie ein Date?«

Er seufzte. »Kein Date.«

Beim Gedanken an seine letzten Affären würde er am liebsten anhalten, aussteigen und in Tränen ausbrechen. Seit der Scheidung hatte es eine Reihe Frauen gegeben. Eine Reihe Enttäuschungen. Frauen, die er über einschlägige Seiten im Internet kennen gelernt hatte. Frauen seines Alters, verheiratete, geschiedene Frauen, jüngere Frauen. Er hatte sich mit Begeisterung auf diese Verabredungen gestürzt, war entschlossen gewesen, sich dadurch aufmuntern zu lassen. Aber nachdem er die ersten sexakrobatischen Kunststücke absolviert hatte und niedergeschlagen und verausgabt in seine leere Wohnung, in sein leeres Bett zurückgekehrt war, sah er die Wahrheit deutlich vor sich. Er hatte sie lange genug ignoriert. Er liebte Astrid noch immer. Endlich gestand er es sich selbst ein. Er liebte seine Exfrau noch immer. Er liebte sie so verzweifelt, dass ihm schlecht wurde bei dem Gedanken.

Mélanie sagte: »Wahrscheinlich hättest du was Besseres zu tun gehabt, als mit deiner vereinsamten Single-Schwester ins lange Wochenende zu fahren.«

»Sei nicht albern, Mel. Es macht mir Spaß. Ich mache das gern für dich.«

Sie sah ein Schild an der Autobahn. »Hey, wir fahren nach Westen!«

»Kluges Mädchen.«

»Was liegt im Westen?«

»Denk nach«, erwiderte er.

»Die Normandie? Die Bretagne? Die Vendée?«

»Heiß, ganz heiß.«

Sie schwieg, lauschte der alten Beatles-CD, die Antoine eingelegt hatte. Nach einer Weile stieß sie einen kleinen Schrei aus. »Ich weiß! Du fährst mit mir nach Noirmoutier!«

»Volltreffer.«

Aber ihre Miene verfinsterte sich. Sie senkte den Blick, ihre Lippen wurden schmal.

»Was ist los?«, fragte er besorgt. Er hatte Jubelrufe erwartet, Lachen, zumindest ein Lächeln, alles, nur nicht dieses unbewegte Gesicht.

»Ich bin nie mehr dort gewesen.«

»Und?«, sagte er. »Ich auch nicht.«

»Es war .« Sie hielt inne, um an ihren Fingern abzuzählen. »1973, richtig? Es ist vierunddreißig Jahre her. Ich werde mich an nichts mehr erinnern. Ich war erst sechs Jahre alt.«

Antoine nahm den Fuß vom Gas. »Das macht nichts. Es ist nur, na ja, um deinen Geburtstag zu feiern. Wir haben deinen sechsten Geburtstag dort gefeiert, weißt du noch?«

»Nein«, sagte sie langsam. »Ich kann mich an nichts mehr in Noirmoutier erinnern.«

Sie musste gemerkt haben, dass sie sich wie ein verwöhntes Kind benahm, denn sie legte ihm rasch eine Hand auf den Arm. »Oh, aber das macht nichts, Tonio. Ich freue mich. Das tue ich, wirklich. Und das Wetter ist so herrlich. Es ist so schön, mit dir allein zu sein und mal von allem wegzukommen!«

Mit »allem«, das wusste Antonio, meinte sie Olivier und den Trümmerhaufen, der nach der Trennung übrig geblieben war. Und ihren anstrengenden, konkurrenzreichen Job als Lektorin in einem der berühmtesten Verlagshäuser Frankreichs.

»Ich habe uns im Hotel Saint-Pierre einquartiert. Daran erinnerst du dich doch noch, oder?«

»Ja!«, rief sie aus. »Ja, daran erinnere ich mich! Dieses schöne alte Hotel im Wald! Mit Großvater und Großmutter . O mein Gott, das ist so lange her .«

Die Beatles sangen noch immer. Mélanie summte mit. Antoine fühlte sich erleichtert, zufrieden. Ihr gefiel seine Überraschung. Sie freute sich auf die...

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