Gute Zeiten für schlechte Menschen

Ein Triest-Krimi
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97109-6 (ISBN)
 
Eine Kältewelle fegt über Triest und hält die traditionsreiche Stadt am Meer fest in ihrem Griff. Auch Ettore Benussi stehen eisige Zeiten bevor. Dabei läuft gerade alles so gut für den Commissario: Endlich hat er Zeit, an seinem Kriminalroman zu schreiben und die wiedergefundene Nähe zu seiner Frau Carla zu genießen. Doch kurz vor Weihnachten verschwindet Carla spurlos. Während Benussi in seinem Ferienhaus auf dem Karst festsitzt, stoßen seine Kollegen Elettra Morin und Valerio Gargiulo auf eine Spur von Gewalt und blindem Hass, die weit in die Vergangenheit zurückführt.
  • Deutsch
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  • 2,11 MB
978-3-492-97109-6 (9783492971096)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Roberta De Falco ist das Pseudonym einer erfolgreichen Drehbuchautorin, die mit den Großen des italienischen Kinos zusammengearbeitet hat. Sie lebt in Triest, Rom und Orvieto. Nach dem Erfolg von »Die trüben Wasser von Triest« legt sie mit »Gute Zeiten für schlechte Menschen« den zweiten Fall für den charismatischen Commissario Benussi vor.

1 Ein Schuss hallte durch die Morgendämmerung und riss Ettore Benussi aus dem Schlaf.

»Dieser verdammte Spinner«, knurrte er und rieb sich die schmerzende Stelle an der Schulter. Wieder einmal hatte er sich beim Hochschrecken an dem Messingzierknopf gestoßen. »Und dieses verdammte Bett«, fluchte er gleich hinterher. Und wenn er es hundertmal von Großvater Bepi geerbt hatte, das Ding war und blieb doch ein Prokrusteslager.

Auf den ersten Schuss folgte ein zweiter und dann noch ein dritter.

»Nein! Jetzt reicht's!«, brüllte er.

Es war Zeit, der Sache ein Ende zu setzen.

Wütend schob Kommissar Benussi die Beine über den Bettrand und tastete nach der Krücke, die ihm wie üblich unters Bett gerutscht war. Seine erste Regung war, nach seiner Frau Carla zu rufen und sich von ihr helfen zu lassen, aber dann fiel ihm ein, dass sie gar nicht da war.

Er griff nach dem Handy auf dem Nachttisch und wählte die Nummer der Zentrale.

»Wer hat gerade Dienst?«, blaffte er ohne jegliche Vorrede. »Dann her mit ihr . Nicht da, was soll das heißen? Wo zum Henker steckt sie? Dann such sie und sag ihr, dass sie mich anrufen soll, und zwar sofort. Auf der Stelle!«

Damit knallte er den Hörer auf die Gabel.

Diese Morin machte ihn wahnsinnig. Konnte die nie an ihrem Platz sein, wenn man sie brauchte?

Im selben Moment klingelte sein Handy.

»Na endlich! Was war denn, haben Sie gepennt?«

Benussis Gesichtsausdruck nach nahm seine Gesprächspartnerin die Frage nicht gerade huldvoll entgegen.

»Sprechen Sie mit mir nicht in diesem Ton, Ispettore Morin!«, unterbrach Benussi seine Kollegin. »Ich mag zwar noch nicht ganz genesen sein, aber ich bin doch immer noch Ihr Vorgesetzter. Mein Nachbar ballert schon wieder mit diesem verdammten Repetiergewehr herum, der bringt mich noch um den Verstand! Es muss doch irgendein Mittel geben, um den Kerl aufzuhalten! . Ich scheiße drauf, dass das legal ist, und ebenso auf diese angebliche Invasion von Wildschweinen und Rehen im Karst. Mich interessiert einen Dreck, dass die Bewohner nichts dagegen haben, ich will meine Ruhe. Ich bin in dieses Mistkaff gekommen, um mich in Frieden erholen zu können, und was passiert? Mein geistig minderbemittelter Nachbar ballert mit seinem Gewehr herum. Unternehmen Sie gefälligst etwas, bevor ich zum Mörder werde!«

Abrupt brach er das Gespräch ab und humpelte auf die Krücke gestützt ins Bad. Die kleine Szene hatte ihm gutgetan, ihn geradezu beruhigt. Er wusste, dass Inspektorin Morin sich etwas einfallen lassen würde. Sie war jung und brachte ihn manchmal zur Weißglut, aber unfähig konnte man sie wirklich nicht nennen.

In gelassenerer Stimmung setzte er sich auf den Badewannenrand und lenkte seine Gedanken wieder auf das Buch, an dem er gerade schrieb. Er hatte die ersten fünfzig Seiten erfolgreich hinter sich gebracht und platzte schier vor Lust weiterzumachen. Seine Hauptfigur, Kommissar Babic, war hinter einer Bande von Menschenhändlern her. Gewissenloser Abschaum, der im doppelten Boden eines Viehtransporters illegale Einwanderer ins Land schmuggelte. Es würde ein guter Thriller werden, das hatte er im Gefühl. Diesmal würde ihn seine Frau nicht mit seinen literarischen Ambitionen aufziehen können. Er würde sie überraschen, so wie auch seine Freunde und Kollegen. Der Beiname Montalbano, den man ihm in der Stadt gegeben hatte, würde sich als ganz und gar verdient herausstellen.

Während er sich seinen Morgenkaffee kochte, überkam ihn einmal mehr das Bedauern über Carlas Abwesenheit. Sie hatte es vorgezogen, noch am Abend zurück nach Triest zu fahren, wenigstens bis zu den Weihnachtsferien dort zu bleiben. Bis dahin waren es allerdings nur noch wenige Tage. Sie brachte es nicht über sich, Livia allein zu lassen. Das einzige Kind der beiden durchschritt gerade die höllische Lebensphase, die man so harmlos als Jugend bezeichnet, mitsamt der obligatorischen Aufsässigkeit, den pampigen Antworten und der feindseligen Grundhaltung, die damit seit Anbeginn der Zeiten einhergingen.

In Wahrheit hatte sich Livias Haltung seit dem Unfall merklich verändert, wenigstens ihm gegenüber. Sie betrachtete ihn nicht mehr mit der unverhohlenen Verachtung, die sie zuvor an den Tag gelegt hatte. Im Gegenteil, manchmal schien sie geradezu stolz auf ihn zu sein.

Die Tatsache, dass er sein Leben riskiert hatte, um das ihres Freundes zu retten, der versucht hatte, sich vom Rilke-Pfad in die Tiefe zu stürzen, hatte ihm eine Menge Kredit eingebracht. Das änderte freilich nichts daran, dass die Familie Livias plötzlichen Stimmungsschwankungen ausgesetzt blieb. Bei der erstbesten falschen Bemerkung wurden Türen zugeschlagen, und immer wieder verschwand sie unvermittelt, schaltete gleichzeitig das Handy aus, was Benussis Frau - und damit auch ihn selbst - in einen Zustand zwischen heller Aufregung und Wut stürzte. So wurden die Tage schlicht unerträglich.

Also hatte der Kommissar seine Entscheidung getroffen. Ihm war inzwischen der Gips abgenommen worden, er konnte sich wieder fortbewegen, wenn auch mithilfe einer Krücke, und die Schmerzen waren nicht mehr gar so schlimm. Um wieder gesund zu werden - nach dem spektakulären Sturz von der Klippe, bei dem er nur knapp mit dem Leben davongekommen war und der ihm ein Schädel- und Wirbeltrauma sowie diverse weitere Verletzungen eingetragen hatte, darunter Brüche am Kiefer, am Oberarm und am rechten Fuß -, brauchte er nur drei Dinge: Stille, kurze Spaziergänge, die seine Muskulatur wieder geschmeidig machen sollten, und Gemütsruhe. Und da Letztere in der Wohnung an der Salita Promontorio nur eine utopische Vorstellung war wie im Übrigen auch die Spaziergänge - die malerische Triester Straße wies eine schwindelerregende Steigung auf -, hatte er sich als Erholungsort Santa Croce ausgesucht, wo ihm die Großeltern väterlicherseits ein Häuschen hinterlassen hatten.

Das schlichte, grob gemauerte Haus am Waldrand hatte ihm schon immer gefallen, dazu die kleine Obstwiese, um die sich niemand mehr kümmerte. Als Kind hatte er sich auf dem Kiesweg so manches Mal die Knie aufgeschlagen, beim Sturz vom Dreirad und später von den ersten Fahrrädern. Seine Großeltern waren freundliche, stille Leute gewesen, die ihn dafür nie ausgeschimpft hatten. Die Welt, in der sie lebten, bezog ihren Rhythmus aus den immer gleichen Abläufen, und so nahmen sie jeden Sommer den lebhaften Enkel auf, ohne sich zu beklagen. Die Tante, die den kleinen Ettore seit dem tragischen Tod seiner Mutter - ihrer Schwester - aufzog, bekam auf diese Weise eine kleine Atempause.

Kommissar Benussi hatte bei seinem Plan allerdings eines außer Acht gelassen: den zurückgezogen lebenden, störrischen Nachbarn Marko Marcovaz, der im Nebengebäude wohnte. Seit seinem Einzug war dieses Häuschen ein düsterer Ort, an dem sich ausgemusterte Möbel, Fischernetze, Badewannen und Armaturen häuften, die er von illegalen Müllkippen aufsammelte.

Die Tatsache, dass der Nachbar alleine lebte, machte das Ganze nicht leichter. Eine Frau, dachte Ettore arglos, hätte es vermocht, ihn zu beruhigen, ihn sanfter zu stimmen oder wenigstens im Zaum zu halten. Aber welche Frau hätte sich einem solchen Mannsbild nähern wollen, einem nachlässigen, stets ungekämmten Dickwanst in mittleren Jahren, der nie etwas anderes trug als einen ausgeleierten Trainingsanzug von unbestimmter Farbe und abgetragene Armeestiefel, die er wahrscheinlich noch nicht einmal zum Schlafen ablegte?

Marcovaz sah überall Feinde: Der Postbote, der ihm seine spärliche Korrespondenz brachte, wollte in Wirklichkeit nur bei ihm herumschnüffeln; der Nachbar von der Polizei stahl der Allgemeinheit ein Gehalt, das aus seiner - Marcovaz' - Sicht hinausgeschmissenes Geld war; und selbst Hunden oder Raben, die es wagten, in seinen verwilderten Garten einzudringen, bereitete er denselben Empfang wie Wildschweinen und Rehen.

Die einzige Person, die er offenbar ertragen konnte, war Carla.

Was nicht allzu sehr verwunderte. Benussis Frau hatte die Einstellung der barmherzigen Samariterin: Bei Menschen, die von der Gesellschaft als Außenseiter betrachtet wurden, als hoffnungslose Fälle, vermutete sie nichts als Unbehagen, Leid und verborgene Wunden. Sie konnte den Gedanken nicht akzeptieren, dass manche Menschen von Geburt an zum Bösen neigten. Noch für die schlimmsten Verbrechen hätte sie bereitwillig nach einer Rechtfertigung gesucht, vielleicht ein geheimes Kindheitstrauma des Täters; zumindest behauptete Ettore das in einem scherzhaften Versuch, ihren unheilbaren Idealismus zu untergraben.

Als Carla eines Tages von Marcovaz angepflaumt wurde, der es nicht ausstehen konnte, wenn jemand entlang »seiner« Grundstücksmauer parkte, verlor sie daher nicht die Fassung. Und ebenso wenig erhob sie lautstarke Einwände von wegen öffentlicher Grund und es sei jedermanns Recht, zu parken, wo man wolle, wie Ettore es getan hätte. Sie stellte das Auto einfach ein Stück weiter vorne ab und entschuldigte sich mit einem Lächeln. Hinterher brachte sie ihm sogar noch ein Stück von dem Kuchen, den sie vormittags gebacken hatte.

Die versöhnliche Geste traf den Nachbarn wie ein Donnerschlag, und sooft er sie fortan kommen sah, trat er wie zufällig hinaus in den Garten, um sie mit einem Gruß und einem Lächeln empfangen zu können.

»Pass auf, der verliebt sich noch in dich«, zog Ettore sie auf. Aber sie zuckte nur mit den Schultern und schnaubte: »Wenn jeder auf aggressive Leute freundlich reagieren würde, gäbe es viel weniger Krieg, das kannst du mir glauben. Ein Lächeln ist entwaffnender...

»So abgründig war ein Krimi-Import aus Bella Italia selten - und so niveauvoll.«, Wiener Journal, 13.11.2015
 
»Tolle Leute und eine fesselnde Handlung.«, Münchner Merkur
 
»Ein raffinierter Krimi, der mich überrascht, begeistert und blendend unterhalten hat.«, Susanna Tamaro
 
»Roberta De Falco kommt ohne die platte und brutale Darstellungsweise vieler Krimis aus und legt einen düsteren und spannenden Roman vor.«, Il Piccolo
 
»Eine vielversprechende Stimme, die im vielstimmigen Chor der zeitgenössischen italienischen Krimiautoren immer wichtiger wird.«, Maurizio de Giovanni
 
»Roberta De Falco ist zur Grande Dame des italienischen Krimis geworden.«, Vanityfair.it
 
»Die Figuren und die Handlung in »Guten Zeiten für schlechte Menschen« sind mit großer Sorgfalt und Bravour gezeichnet.«, Ideelibri.it
 
»Neben romantischen Elementen erwartet den Leser hier eine hochspannende Zeitreise-Geschichte.«, Freundin

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