Das siebte Grab

Thriller
 
 
Penguin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-25499-5 (ISBN)
 
Sieben leere Gräber. Sieben Namen. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

Sieben leere Gräber auf einem Friedhof in Neapel, daneben sieben Grabsteine mit den Namen bekannter Handlanger des organisierten Verbrechens - die alle noch am Leben sind. Als der erste von ihnen ermordet aufgefunden wird, ahnt Michele Vigilante, dass jemand auf Rache sinnt, denn auch sein Name steht auf einem der Gräber. Gerade nach zwanzig Jahren aus dem Gefängnis entlassen, wird er zum Jäger des Mörders, und zum Gejagten seiner eigenen Vergangenheit. Auch die Ermittler Lopresti und Correnti erkennen, dass sie es bei dem Killer mit einem Profi zu tun haben, als sich ein Grab nach dem anderen füllt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Penguin
  • 1,36 MB
978-3-641-25499-5 (9783641254995)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Igor De Amicis, 1976 in Rom geboren, ist Kommissar der Strafvollzugspolizei in einem italienischen Gefängnis und kennt mafiöse Strukturen, Drogenhandel und Straßenkriminalität aus erster Hand. Gerade dadurch schafft er es, noch in den dunkelsten Charakteren etwas Menschliches zu entdecken. Momentan schreibt er an seinem zweiten Thriller.

2.


Gefängnis blieb Gefängnis. Eine ebenso banale wie zutreffende Betrachtung. Gefängnis blieb Gefängnis, bis zum letzten Gang über den Korridor, bis zur letzten Nacht, bis sich die Zellentür zum letzten Mal schloss.

Da konnte man noch so viele Poster mit nackten Brüsten und Ärschen zwischen Padre Pio und den Papst an die Wand kleben, um die üblichen fünf Zigaretten Karten spielen, in der Werkstatt arbeiten oder mit den Sozialarbeitern sprechen, bis einem die Zunge abfiel. Aber das änderte alles nichts. Gefängnis blieb Gefängnis, daran war nicht zu rütteln. Ein Kasten aus Stahl und Beton, Neonlicht und Zwiebelgestank, erfüllt vom Geräusch der Schlüssel, die im Schloss gedreht wurden. Und man konnte bloß warten, dass die Zeit verging. Sekunden, Minuten, Tage, Jahre.

Gefängnis blieb Gefängnis. Und wer das anders sah, war noch nie drin gewesen.

Michele Vigilante lag auf der oberen Pritsche des Stockbetts, reckte und streckte sich und starrte auf die Schimmelflecken an der Decke. Er schlief zunehmend schlechter, höchstens fünf Stunden pro Nacht. Nicht dass es ihm etwas ausmachte, er hatte alle Zeit der Welt, den versäumten Schlaf nachzuholen. Doch selbst wenn er ausgeschlafen war, hatte er den Eindruck, dass die Zeit immer langsamer verging. Und das seit mehr als zwanzig Jahren. So lange saß er bereits.

Durch das vergitterte, halb gekippte Fenster drang klares Morgenlicht in die Zelle, und eiskalte Luft strömte herein. Er liebte das Prickeln auf der Haut, das seine Lebensgeister weckte. In den Gängen war es still, die anderen Häftlinge schliefen noch oder verhielten sich ruhig.

Die schönste Zeit des Tages.

Genüsslich zündete er sich die erste Zigarette an und blies eine graue Rauchwolke in Richtung der Schimmelflecken. Seit Jahren starrte er die Decke an, kannte jeden Fleck und jeden Riss. Inzwischen hatten sie sich tief in sein Gedächtnis eingegraben.

Vom Ende des Gangs hörte man jetzt das Scheppern von Messingschlüsseln, Türen gingen auf und zu, gedämpfte Stimmen und das hallende Geräusch von Stiefeln waren zu vernehmen. Es waren mehr als sonst. Er wusste genau, was das bedeutete.

»Vigilante, Durchsuchung.«

Sobald der Wärter die Klappe in der Tür öffnete, kletterte Michele von seiner Pritsche, erst auf den Hocker, dann auf den Boden. Er wollte die Zigarette aus dem gekippten Fenster werfen, aber sie war erst halb aufgeraucht. Also hielt er sie mit fragendem Gesichtsausdruck dem Wärter hin, der kaum merklich nickte. Daraufhin ging er auf den Flur und rauchte zu Ende. Eines der kleinen Privilegien, die einem zugestanden wurden, wenn man so lange hier war.

Die Durchsuchung lief stets nach dem gleichen Schema ab. Die Gefangenen wurden im Gemeinschaftsraum eingeschlossen, während die Wärter Schränke und Taschen inspizierten, die Matratzen umdrehten und die Zwischenräume zwischen Gitter und Fensterscheibe kontrollierten.

Michele stellte sich ans Fenster, nahm noch ein paar Züge und betrachtete die liebliche Landschaft mit den grünen Hügeln und einem unendlich weiten, klaren Himmel.

So schlecht war es hier gar nicht, von der Tatsache, dass er ein Gefangener war, einmal abgesehen.

Die anderen Häftlinge redeten aufgeregt durcheinander, ihre Stimmen überschlugen sich fast, sinnloses Geschwätz ohne Substanz und Respekt. Als würden sie in Endlosschleife den immer gleichen Rosenkranz beten, ein stumpfsinniges Ritual, das ihn mehr und mehr nervte. Es ging darum, wer wie verhaftet worden und wer ein Verräter war oder wer sich rächen wollte. Und wer es nicht geschafft hatte.

Dann hechelten sie die Familie durch, die Kinder, die Anwälte, den Richter, den Prozess, die Berufung, die Verurteilung, die Bullen und vor allem die Kronzeugen, angebliche Freunde, die sie denunziert hatten, um die eigene Haut zu retten. Das waren die Schlimmsten. Diesem Abschaum hatten sie es zu verdanken, dass sie im Gefängnis saßen.

Irgendjemand hatte die Nase voll und schlug eine Runde Karten vor. Michele hielt sich raus und schwieg. Er hatte seit Jahren nichts mehr zu sagen. Nach einer halben Stunde hörte er rhythmische Klopfgeräusche. Ein schwerer Hammer wurde kraftvoll gegen die Gitter geschlagen, um zu prüfen, ob sie noch stabil verankert waren, damit niemand auf die dumme Idee kam, sich an zusammengeknoteten Bettlaken aus dem Fenster abzuseilen. Eine stümperhafte Methode zu fliehen, zwar klappte es manchmal sogar, doch nach wenigen Tagen wurden die Entflohenen bei Freunden oder Verwandten wieder gefasst.

Die Hammerschläge waren das Signal, dass die Durchsuchung zu Ende war und die Häftlinge wieder in die Zellen zurückkehren konnten. In Reih und Glied, nach Zellennummern geordnet. Michele nahm seinen Platz ein, um in seine zehn Quadratmeter mit Blick auf die Hügel zurückzukehren, ein wenig aufzuräumen und noch eine Zigarette zu rauchen, während der Espressokocher brodelte und zischte.

Sein Plan löste sich in Wohlgefallen auf, als ein Wärter auf ihn zukam: »Du nicht, Vigilante. Termin beim Psychologen.«

Michele unterdrückte einen Fluch.

Verdammt, warum denn so früh?

Er hatte keine Lust, sich von einem jungen Schnösel die Welt erklären zu lassen, der von ihm verlangte, seine kriminelle Vergangenheit kritisch zu hinterfragen. Wenn er nur an dieses aufgesetzte Lächeln dachte! Für ihn war die Situation klar, genau wie für die Gerichte. Mehr musste er nicht wissen.

»Kann ich mir vorher noch einen Kaffee machen?«

Der Beamte runzelte die Stirn. »Fünf Minuten, Vigila', sonst kriege ich Ärger.«

Michele bedankte sich und ging zu seiner Zelle.

Der Kaffee, den er zubereitete, war stark und würzig, so mochte er ihn am liebsten. Er sog den aromatischen Duft tief ein, eine der wenigen Möglichkeiten, zumindest in Gedanken von hier zu fliehen. Er schloss die Augen und versuchte, alles andere auszublenden: das Geräusch der Stiefel, die Durchsuchung, das Gefängnis, sein Leben insgesamt.

Aber es hatte keinen Sinn, der Realität konnte man nicht entfliehen, nicht einmal vorübergehend. Nicht den Mauern und Gittern, nicht dem penetranten Schweißgeruch und dem ständigen Lärm, nicht dem Geplärre der Fernseher in den Nachbarzellen und schon gar nicht dem Psychologen, der im Sprechzimmer auf ihn wartete.

Er schaltete den Gaskocher aus und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel über dem Waschbecken. Irgendwie sah er aus wie einer dieser harten Typen aus Spielfilmen, kantiges Gesicht, finsterer Blick. Manchmal nannten die jüngeren Häftlinge ihn Vincent, angeblich, weil er sie an einen gewissen Vincent Cassel erinnerte. Er hatte den Schauspieler im Fernsehen gesehen und sah da keine große Ähnlichkeit. Cassel versuchte, gefährlich auszusehen, was ihm nicht so recht gelang. Allerdings ging er mit Monica Bellucci ins Bett. Ganz so blöd konnte er also nicht sein.

Michele musterte die stechenden, fast schwarzen Augen, die ihn aus dem Spiegel anstarrten. Sie dominierten sein zerfurchtes Gesicht, Zeugnis einer langen, schweren Zeit. Augen, die viele Fragen stellten, auf die er keine Antwort wusste. Und im Grunde seines Herzens wollte er sie auch gar nicht wissen.

Während er sich auf den Weg ins Sprechzimmer machte, fand er sich mit dem Gedanken ab, sich mal wieder mit einem selbst ernannten Weltverbesserer herumschlagen zu müssen, der sich vielleicht selbst komisch dabei vorkam, ihm das Leben erklären zu wollen. Ein grüner Junge frisch von der Hochschule, der sein Lebensglück darin fand, sich ab und zu einen runterzuholen.

Im Vorübergehen grüßte er einige Mitgefangene, die auf dem Weg zur Dusche waren, und als er an der letzten Zelle vor der Treppe vorbeikam, warf er eher zufällig einen Blick hinein.

Die Tür stand offen, die Zelle war leer. Michele wollte gerade weitergehen, als ihm plötzlich ein unverwechselbarer Geruch in die Nase stieg, der Geruch nach Camping und Knast: Gas. Er wusste genau, was das zu bedeuten hatte.

Sofort stürzte er in die Zelle und rüttelte an der Klinke der Klotür, drückte und zerrte und zog mit aller Kraft. Nichts. Fluchend warf er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die von innen zugesperrte Tür, und endlich sprang sie auf.

Dann sah er ihn. Er saß auf der Kloschüssel, eine Plastiktüte über dem Kopf, darunter die aufgedrehte Gasflasche. Eine Möglichkeit, sich zuzudröhnen, wenn Methadon und Subutex nicht mehr ausreichten. Gas war die Droge der Armen und der Knastis, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass man dabei draufgehen konnte. Das Herz begann zu rasen, man wurde ohnmächtig und starb: auf dem Klo, mit dem Müllbeutel über dem Kopf.

Michele versuchte, dem jungen Mann die Tüte vom Kopf zu reißen, doch der wehrte sich und umklammerte sie mit beiden Händen wie ein Besessener, den Mund weit aufgerissen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Offenbar war der Junkie entschlossen, sich seinen Rausch nicht nehmen zu lassen, aber Michele Vigilante, genannt Tiradritto, kannte kein Pardon, er wusste, dass er handeln musste, in mehr als zwanzig Jahren Knast hatte er schon alles erlebt. Er zerriss die Tüte, zerrte sie seinem Gegenüber vom Kopf, schnappte sich die Gasflasche und schleuderte sie auf den Boden.

Der Typ starrte ihn mit leeren Augen an, er stank nach Kotze und Butan, war völlig weggetreten, das Gesicht leichenblass, aus seinem Mund rann ein Speichelfaden.

»Was zum Teufel .«, stammelte er.

Ohne lange zu fackeln, schlug Michele ihm gezielt mit der flachen Hand ins Gesicht. Dem jungen Mann riss es fast den Kopf weg, er war kurz davor, ohnmächtig zu werden. Michele packte ihn an den Haaren und zog ihn...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen