Gargoyle

Roman
 
 
Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2017
  • |
  • 437 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7954-1 (ISBN)
 
Das aufregendste Debüt der letzten Jahre: die fesselnde Geschichte einer Liebe, die die Grenzen von Zeit und Raum überschreitet. Ein Mann fährt eine dunkle Straße entlang, als er plötzlich geblendet wird, sein Wagen in eine Schlucht stürzt und Feuer fängt. Er überlebt, wird mit schwersten Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert - und hat in den Wochen der Rekonvaleszenz nur einen Gedanken: wie er nach seiner Entlassung Selbstmord begehen kann. Doch dann taucht eine mysteriöse Frau an seinem Krankenbett auf, die schöne Marianne Engel, Bildhauerin beeindruckender Gargoyles. Sie behauptet, sie seien einst Liebende gewesen - vor siebenhundert Jahren in Deutschland, als sie eine Nonne war und er ein Söldner auf der Flucht. Ist diese Frau verrückt? Oder ist sie der rettende Engel, der ihn aus seiner Verzweiflung und Todessehnsucht erlösen wird?
  • Deutsch
  • 1,98 MB
978-3-8270-7954-1 (9783827079541)
3827079543 (3827079543)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Andrew Davidson wurde 1969 in Pinawa, Kanada, geboren. Nach seinem Literaturstudium an der University of British Columbia lebte er mehrere Jahre in Japan. Sein Debütroman Gargoyle wurde bereits vor Erscheinen in 26 Länder verkauft und stieg sofort in die New York Times-Bestsellerliste ein.

I.


Ab und an ereilt das Unheil den Arglosen gewaltsam, wie die Liebe.

Es war Karfreitag, und die Sterne zerflossen langsam in der Morgendämmerung. Während der Fahrt strich ich mir gewohnheitsmäßig über die Narbe auf der Brust. Meine Lider waren schwer, der Blick unscharf, was kaum überraschte, hatte ich doch die Nacht über einen Spiegel gebeugt verbracht und die Linien des weißen Pulvers eingesogen, das mein Gesicht im Glas gefangen hielt. Ich glaubte, damit meine Reflexe zu schärfen. Ich lag falsch.

Zur einen Seite der kurvigen Straße fiel der Berghang steil ab, zur anderen stand ein dunkler Wald. Ich versuchte, geradeaus zu schauen, doch ich hatte das überwältigende Gefühl, dass hinter diesen Bäumen etwas auf mich lauerte, ein Trupp Söldner vielleicht. Die übliche Drogenparanoia eben. Mein Herz hämmerte, und ich umklammerte das Lenkrad fester, im Nacken sammelte sich der Schweiß.

Zwischen meinen Beinen klemmte eine Flasche Bourbon, die ich nun für einen weiteren Schluck herauszog. Sie glitt mir aus der Hand und kippte auf meinen Schoß, durchtränkte ihn und fiel dann auf den Boden. Ich bückte mich, um sie aufzuheben, bevor der letzte Schluck ausgelaufen war, und als ich wieder aufschaute, hatte ich diese Vision, diese lachhafte Vision, die alles ins Rollen brachte. Ich sah einen Hagel brennender Pfeile aus dem Wald regnen, genau auf meinen Wagen zu. Jetzt regierte nur noch der Instinkt, ich riss das Lenkrad herum, weg vom Wald, in dem meine unsichtbaren Angreifer steckten. Das war keine gute Idee, denn es warf den Wagen gegen die Drähte des Zauns, der mich vom Abgrund trennte. Metall schrillte auf Metall, die Beifahrertür schrammte an straffen Kabeln entlang, dann ein Dutzend dumpfe Schläge, als ich von den Holzpfosten wegprallte, jeder Knall wie ein Stromstoß von einem Defibrillator.

Ich versuchte auszugleichen und schoss dabei auf die Gegenfahrbahn, knapp an einem Pick-up vorbei. Ich riss das Steuer zu hart zurück und knallte erneut gegen die Begrenzung. Die Kabel brachen und flogen in sämtliche Richtungen wie die um sich schlagenden Tentakeln einer harpunierten Krake. Eins zerschmetterte die Windschutzscheibe, und ich weiß noch, wie froh ich war, dass es mich nicht getroffen hatte, als der Wagen durch die Arme der zuckenden Bestie raste.

Dann ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit: die Schwebe zwischen Luft und Erde, Boden und Himmel. Wie seltsam, dachte ich, ganz wie der Moment zwischen Schlafen und Fallen, wo alles so schön unwirklich und nichts körperlich ist. Genau wie wenn man der Vollendung entgegentreibt. Doch wie so oft in jener Zeitspanne zwischen dem Sein in der Welt und dem Weggleiten in Träume, endete auch dieser Moment über dem Rand damit, dass ich grausam ins Bewusstsein zurückgestoßen wurde.

Ein Autounfall dauert scheinbar endlos, und immer kommt der Moment, in dem man glaubt, man könne den Fehler korrigieren. Ja, denkt man, schon richtig, ich stürze in einem Wagen, der rund anderthalb Tonnen wiegt, einen Berghang hinab. Schon richtig, es sind dreißig Meter bis zur Sohle der Schlucht. Aber bestimmt wird alles gut, wenn ich das Lenkrad nur ganz fest auf eine Seite drehe.

Hat man dann am Lenkrad gedreht und gemerkt, dass das überhaupt nichts ändert, folgt der eine klare, reine Gedanke: Scheiße. Für einen herrlichen Augenblick erlangt man jene leere Glückseligkeit, nach der östliche Philosophen ihr ganzes Leben lang streben. Doch unmittelbar nach dieser Transzendenz wird das Gehirn zu einem Supercomputer, der in der Lage ist, die Rotation des Wagens zu berechnen, diese mit der Fallgeschwindigkeit unter Berücksichtigung des Sinkflugwinkels zu multiplizieren, Newtons Bewegungsgesetze mit einzubeziehen, und dann im Bruchteil einer Sekunde zu dem panischen Schluss kommt: Das wird höllisch wehtun.

Der Wagen legt, die Böschung hinabpolternd, an Tempo zu. Die Hypothese erweist sich schnell als korrekt: Es ist tatsächlich sehr schmerzhaft. Das Gehirn katalogisiert die verschiedenen Empfindungen. Zunächst das längsseitige Überschlagen, die wirbelnde Desorientierung und das Kreischen des Wagens, während er seine heillosen Yogaübungen macht. Dann das geknautschte Metall, das gegen die Rippen drückt. Dann der Geruch des Teufels und seines Schabernacks, die Mistgabel im Hintern, der Schwefel im Mund. Der Scheißkerl ist da, ganz klar, kein Zweifel.

Ich erinnere mich an den heißen silbernen Blitz, als das Bodenblech mir alle Zehen vom linken Fuß abtrennte. Ich erinnere mich, wie mir die Lenksäule über die Schulter segelte. Ich erinnere mich an das Bersten von Glas, das überall um mich herum zu sein schien. Als der Wagen schließlich zum Stillstand kam, hing ich mit dem Kopf nach unten im Sicherheitsgurt. Ich hörte das Zischen diverser Gase, die aus dem Motorraum wichen, und die Räder, die sich draußen, über mir, noch drehten, und das verebbende Knarren von Metall, als der Wagen ausschaukelte, eine jämmerliche Schildkröte auf dem Rücken.

Gerade als ich in die Bewusstlosigkeit driftete, kam die Explosion. Keine Filmexplosion, sondern eine kleine, lebensechte, wie die Zündung eines unglückseligen Gasherds, der einen Groll gegen seinen Besitzer hegt. Eine blaue Flamme eilte übers Autodach, das unter meinem baumelnden Körper in einem schräg abfallenden Winkel lag. Aus meiner Nase kroch ein Tropfen Blut, der erwartungsfroh in die lustigen jungen Flammen sprang, die unter mir lebendig wurden. Ich spürte, wie meine Haare Feuer fingen, dann roch ich es. Mein Fleisch begann zu sengen, als wäre ich ein Stück Fleisch, frisch auf den Grill geworfen, dann hörte ich das Blubbern meiner Haut, als die Flammen sie küssten. Ich konnte mir nicht an den Kopf greifen, um mein loderndes Haar zu löschen. Meine Arme gehorchten mir nicht.

Ich könnte mir denken, lieber Leser, dass auch Sie schon Erfahrung mit Hitze gemacht haben. Vielleicht haben Sie einen Kessel mit kochendem Wasser im falschen Winkel gehalten, und der Dampf ist Ihnen den Ärmel hochgekrochen, oder Sie haben in Ihrer Jugend als Mutprobe ein Streichholz zwischen den Fingern gehalten, so lange Sie konnten. Hat nicht jeder wenigstens einmal viel zu heißes Wasser in die Badewanne laufen lassen und vergessen, einen Zeh hineinzuhalten, bevor der ganze Fuß folgte? Wenn Sie bisher nur solche kleineren Vorfälle erlebt haben, dann stellen Sie sich jetzt einmal etwas Neues vor. Stellen Sie sich vor, Sie drehen ein Heizelement an Ihrem Herd an - sagen wir, es ist ein elektrischer, mit schwarzen Spiralen. Stellen Sie keinen Topf Wasser auf das Element, weil Wasser die Hitze nur absorbiert und zum Kochen nimmt. Vielleicht steigen ein paar winzige Rauchkringel von einem früheren Spritzer auf. Eine leicht violette Tönung nistet sich in die schwarzen Ringe ein, dann nimmt die Spirale einen rötlich lilafarbenen Ton an, wie unreife Brombeeren. Sie wird langsam orange und endlich - endlich! - zu einem kräftig leuchtenden Rot. Eigentlich ganz schön, nicht? Und nun senken Sie den Kopf, bis Ihre Augen auf Höhe der Herdoberkante sind und Sie durch die aufsteigenden flimmernden Wellen sehen können. Denken Sie an einen jener alten Filme, in denen der Held über die Wüste hinweg auf eine unerwartete Oase schaut. Und nun streichen Sie mit den Fingerspitzen der linken Hand sachte über den Teller der rechten; Sie bemerken, wie die Haut selbst die leiseste Berührung wahrnimmt. Täte das jemand anderes, könnte es Sie sogar erregen. Und nun drücken Sie diese empfindliche, leicht reagierende Hand auf die glühende Spirale.

Und lassen sie dort. Lassen Sie sie dort, bis die Spirale Ihnen Dantes neun Kreise in die Handfläche brennt und Ihnen gestattet, die Hölle auf immer mit der Hand zu erfassen. Lassen Sie zu, dass die Hitze sich der Haut, den Muskeln, den Sehnen einprägt; lassen Sie sie bis auf die Knochen schwelen. Warten Sie, bis die Verbrennung so weit in Sie eingedrungen ist, dass Sie nicht mehr wissen, ob Sie diese Spirale jemals wieder loslassen können. Es dauert nicht lange, bis der Gestank Ihres eigenen schmorenden Fleischs aufsteigt, Ihre Nasenhaare packt und sie nicht mehr loslassen will, und Sie riechen, wie Ihr Körper brennt.

Halten Sie Ihre Hand darauf gepresst und zählen Sie langsam bis sechzig. Nicht schummeln. Ein-und-zwan-zig, zwei-und-zwan-zig, drei-und-zwan-zig . Bei acht-zig wird Ihre Hand geschmolzen sein, so dass sie nun die Spirale umfängt und mit ihr verschmilzt. Jetzt reißen Sie Ihr Fleisch weg.

Noch eine Aufgabe habe ich für Sie: Beugen Sie sich herunter, drehen Sie den Kopf zur Seite und klatschen Sie Ihre Wange auf besagte Spirale. Die Wahl der Gesichtsseite überlasse ich Ihnen. Wieder bis acht-zig, nicht schummeln. Das Praktische daran ist, dass Ihr Ohr das Schnalzen, Knistern und Knallen Ihres Fleischs aus nächster Nähe hören kann.

Nun können Sie sich vielleicht eine Vorstellung davon machen, wie es für mich war, in dem Wagen festzustecken, außerstande, den Flammen zu entkommen, genügend bei Bewusstsein, um das Erlebnis wahrzunehmen, bis ich in einen Schockzustand fiel. Es gab ein paar kurze und gnädige Augenblicke, in denen ich hören, riechen und denken konnte, noch immer alles registrierte, aber nichts fühlte. Warum tut das nicht mehr weh? Ich weiß noch, wie ich die Augen schloss und mir eine vollkommene, schöne Schwärze wünschte. Ich weiß noch, wie ich dachte, ich hätte mein Leben lang Vegetarier sein sollen.

Dann rutschte der Wagen doch noch ein Stückchen und kippte in den Bach, an dessen Ufer er gehangen hatte. Als ob eine Schildkröte wieder auf die Füße gelangt und in die nächste Wasserquelle getrippelt wäre.

Dieses Ereignis -...

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