Dorian Hunter 12 - Horror-Serie

Das Mädchen in der Pestgrube
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2019
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-7668-5 (ISBN)
 
DIE WEISSE WÖLFIN
von Neal Davenport


Ich tauchte aus unergründlichen Tiefen empor. Die Kopfschmerzen waren weg - und ich erinnerte mich. Wie ich am Londoner Flughafen Heathrow eingetroffen und von zwei Männern des Secret Service in Empfang genommen worden war.
Und jetzt stand ich hier. In einem Raum, den ich nie zuvor gesehen hatte. Sitzgarnitur, einige kleine Tischchen, auf denen Gläser und Aschenbecher standen, ein dicker Hochflorteppich.
Und dann war da noch das Schwert in meiner Hand.
Es war voller Blut.


Bei seiner Rückkehr nach London tappt Hunter in eine vorbereitete Falle der Schwarzen Familie ... oder hat er tatsächlich in geistiger Umnachtung mit einem Krummschwert sieben Menschen getötet? Hunter ahnt, dass er das Rätsel um die weiße Wölfin allein lösen muss - und nutzt die erste Gelegenheit zur Flucht!

1. Kapitel

Die riesige Baugrube ganz in der Nähe vom Haupteingang des Stephansdoms war alles andere als ein hübscher Anblick. Die Touristen hatten einige Mühe, den Dom auf ihre Filme zu bannen, ohne allzu viel von den störenden Kränen und Baumaschinen draufzubekommen. Hinzu kam der schier ohrenbetäubende Krach.

Fritz Heller hatte sich jedoch schon vor vielen Jahren an den Lärm gewöhnt. Er hielt den vibrierenden Pressluftbohrer in seinen riesigen Pranken und setzte ihn immer wieder an, ohne mit seinen Gedanken sonderlich bei der Arbeit zu sein. Er war ein bulliger Mann von etwa fünfzig Jahren, trug einfache blaue Hosen und ein schmutziges weißes T-Shirt. Auf seinem gewaltigen Schädel saß ein gelber Schutzhelm. Heller war ein einfacher Mann. Er liebte ein kühles Bier zum Essen, ging gern zum Heurigen und beschäftigte sich kaum mit Politik. Deshalb war es ihm auch egal, dass eine angeblich historische Häuserzeile mitten in der Wiener Innenstadt zur Hälfte abgerissen worden war, um Platz für den Prunkbau irgendeines Versicherungskonzerns zu schaffen, für den er gerade mithalf, das neue Fundament auszuheben. Immerhin sicherte der Großauftrag seinen Arbeitsplatz in der angeschlagenen Baubranche, und das war alles, was für ihn zählte.

»Verdammt noch mal!«, rief er wütend, als er ein Stück eines Oberschenkelknochens freilegte.

Vor vielen hundert Jahren hatte sich rund um den Dom der sogenannte St. Stephans Freithof befunden. Das war in jener Zeit gewesen, als die innere Stadt noch eine Mauer umgab und sich jeder innerhalb der Stadtmauer hatte bestatten lassen wollen. Während der Pestepidemien hatte man die Toten ganz einfach in riesige Gruben geworfen und zugeschüttet. Daher stieß man jetzt immer wieder auf Knochen und Schädel, die gesammelt und in den Katakomben des Doms bestattet wurden. Schon als vor vielen Jahren die Wiener U-Bahn gebaut worden war, hatte es ähnliche Probleme gegeben, wie er aus den Schilderungen älterer Kollegen wusste.

Heller stellte den Presslufthammer ab und griff nach einer Schaufel. Es war gegen fünfzehn Uhr und verdammt heiß. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn, dann machte er sich brummend daran, den Knochen freizulegen.

Als er vor einigen Tagen das erste Mal auf einen Totenschädel gestoßen war, hatte er sich ziemlich unbehaglich gefühlt, doch inzwischen hatte er schon mehr als ein Dutzend Knochen freigelegt; er ärgerte sich nur noch über die Unterbrechung seiner Arbeit.

»Was ist los, Fritz?«, rief ihm einer seiner Kollegen zu.

»Ich bin wieder auf einen Knochen gestoßen.«

»Viel Spaß damit!« Der andere lachte. »Pack ihn hübsch ein und nimm ihn deinem Hund mit!«

»Lass deine blöden Späße!«, schimpfte Heller.

Nach wenigen Minuten hatte er den Knochen ausgebuddelt. Er warf ihn zur Seite, griff wieder nach dem Pressluftbohrer, stutzte aber plötzlich und beugte sich vor. Nein, er hatte sich nicht geirrt. Zwischen den Steinen schaute grüner Stoff hervor. Er kniete nieder. Der Stoff fühlte sich brüchig an. Entschlossen richtete er sich wieder auf und griff nach der Schaufel. Vorsichtig grub er weiter. Immer mehr Stoff kam zum Vorschein.

Das sollte ich eigentlich melden, dachte er, grub jedoch weiter.

Bald war ein Bein zu sehen. Er betastete es mit den Fingern und zuckte zurück. Die Haut war eiskalt. Jetzt war seine Neugier geweckt. Nach fünf Minuten stieß er auf das zweite Bein. Der grüne Stoff fühlte sich seltsam steif an. Es war ein langer Rock, der an einigen Stellen zerrissen war. Heller legte als nächstes die Füße frei. Sie steckten in kleinen braunen Schuhen. Irgendetwas zwang ihn, die Leiche immer weiter auszugraben. Er ging dabei sehr vorsichtig vor, um den Leichnam nicht zu beschädigen. Schließlich war die Frau bis zu den Hüften sichtbar. Sie lag auf dem Rücken, die Beine etwas angewinkelt. Heller grub weiter. Ein schlanker Arm kam zum Vorschein. Die kleinen Finger waren zu Fäusten geballt. Dann sah Heller ein zerrissenes Hemd, das halb aus dem Rock hing. Sekundenlang hielt er inne. Er gierte nach einer Zigarette und einem Bier, doch er konnte einfach keine Pause machen. Bald hatte er auch den Oberkörper freigelegt. Feste, hohe Brüste zeichneten sich unter dem zerfetzten Hemd ab. Heller warf die Schaufel zu Boden und buddelte mit den Händen weiter. Er arbeitete wie ein Besessener. Sein Gesicht war mit Schweiß bedeckt. Staub wirbelte auf. Er musste niesen. Seine Finger berührten langes, korngelbes Haar. Deutlich spürte er unter der dünnen Erdschicht die Konturen des Gesichtes. Seine Bewegungen wurden langsamer. Ein Kinn kam zum Vorschein, dann tauchten der verzerrte kleine Mund, eine winzige Nase, eingefallene Wangen und schließlich die Augen, die weit geöffnet waren, auf. Er konnte die Farbe der Augen nicht erkennen und blies die Erdkrumen fort. Es waren die ausdrucksstärksten Augen, die Heller je gesehen hatte. Sie waren dunkelbraun und schienen durch ihn hindurchzusehen.

Er richtete sich auf. Die Tote war höchstens zwanzig. Ein unwahrscheinlich hübsches Mädchen. Heller war einige Sekunden ganz versunken in ihren Anblick. Es sah so aus, als würde sie nur schlafen. Nochmals kniete er nieder und streckte zögernd die rechte Hand aus, zog sie aber gleich wieder zurück. Ihr Gesicht war eiskalt.

In diesem Augenblick bewegte sich die Tote. Sie hob den rechten Arm hoch, dann den linken. Heller hielt den Atem an, riss den Mund auf, und seine Augen weiteten sich. Die Tote setzte sich auf. Ihre Augen waren noch immer starr. Sie schüttelte den Kopf, und das lange Haar wehte um ihre schmalen Schultern. Ein eisiger Hauch griff nach Hellers Herz. Mit beiden Händen griff er sich an die Brust und keuchte. Das Mädchen sah Heller in die Augen. Seine Brust hob sich heftiger. Der Schmerz wurde unerträglich. Er röchelte, dann setzte sein Herz aus. Wie ein gefällter Baum fiel Heller um und blieb tot liegen.

Das Mädchen stand auf. Langsam wurden seine Bewegungen natürlich. Es klopfte sich den Staub vom Rock, stopfte das zerfetzte Hemd hinein und fuhr sich durchs Haar. Mehr als eine Minute blieb es unbeweglich stehen, dann machte es zögernd einen Schritt.

Zwei Arbeiter blickten ihr verwundert entgegen.

»Schau dir mal die an!«, sagte der eine.

»Wo kommt sie her?«, fragte der andere. »Fräulein, wo .«

Das Mädchen beachtete ihn nicht. Es ging an den beiden Männern vorbei, die ihr verdutzt nachsahen.

Einer der Vorarbeiter lief auf die Frau zu. »Wo kommen denn Sie her?«, herrschte er sie an. »Können Sie nicht lesen? Es ist verboten, die Baustelle zu betreten. Ich werde .«

Mit ihrem starren Blick erstickte sie seine Worte. Sie ging an ihm vorbei, und die Starre fiel von ihm ab.

»Fräulein«, sagte er und griff nach ihrer Schulter, doch seine Hand zuckte zurück; es kam ihm so vor, als hätte er einen Eisblock berührt.

Die Arbeiter musterten die Frau interessiert, und wie nicht anders zu erwarten gewesen war, wurden einige recht anzügliche Bemerkungen gemacht. Doch sie ging unbeirrt weiter und stieg aus der Baugrube. Dann war sie plötzlich verschwunden.

Der Taxifahrer war sehr gesprächig, doch ich hatte so getan, als würde ich ihn kaum verstehen, und rasend schnell Englisch mit ihm gesprochen. Er war jetzt verstummt. Ich lehnte bequem im Fond des Wagens, rauchte eine Zigarette und hing meinen Gedanken nach.

Norbert Helnwein würde sicherlich überrascht sein, mich zu sehen. Ich hatte ihn vor fast einem halben Jahr das erste Mal getroffen: hier in Wien. Damals war es November gewesen, kalt und unfreundlich, jetzt war es Ende Mai und heiß, viel heißer, als ich es aus London kannte.

Wir kamen nur sehr langsam voran. Die Straßen waren verstopft, und es war ein ganz schönes Stück von Wien-Schwechat in den 13. Bezirk. Nur ein Mann wusste, dass ich nach Wien geflogen war: Olivaro, der mir seine Unterstützung im Kampf gegen Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie, zugesichert hatte. Weder Coco noch der O. I. wussten Bescheid. Ich hatte einfach einen Koffer gepackt, den nächsten Flug nach Wien gebucht - und nun war ich hier.

Der Fahrer überquerte die Lainzer Straße und fuhr die Jagdschlossgasse entlang. »Welche Nummer?«, fragte er.

»231«, sagte ich knapp.

Helnweins Haus lag am Ende der Straße. Der Fahrer bremste. Ich holte meine Brieftasche heraus und zahlte. Der Mann stieg aus, öffnete den Kofferraum und holte meinen Koffer hervor. Ich nickte ihm zu und wartete, bis er abfuhr. Dann sah ich mir das Haus an.

Es hatte sich nichts verändert. Ein kleines, einstöckiges Häuschen mit einem winzigen Vorgarten. Ein paar Stufen führten zum Eingang hinauf. Ich drückte auf den Klingelknopf. Deutlich hörte ich das Schrillen der Glocke. Routinemäßig blickte ich mich um. Ein engumschlungenes Pärchen kam an mir vorbei, das aber so mit sich beschäftigt war, dass es mir keine Beachtung schenkte. Ich läutete nochmals. Endlich wurde die Tür geöffnet. Helnwein blickte mir entgegen. Er war an die Siebzig. Sein Haar war voll und dicht, schneeweiß und wirkte wie gefärbt. Die schwarzen, buschigen Brauen bildeten einen starken Kontrast zum Haar. Sein Gesicht war sehr faltig, die Nase leicht gekrümmt. Seine Augen weiteten sich, als er mich erkannte.

»Sehe ich recht?«, fragte er überrascht und riss die Augen noch weiter auf.

»Sie sehen recht, Herr Helnwein«, erwiderte ich fröhlich. »Ich bin es, Dorian Hunter.«

»Das ist aber eine Überraschung!«

Er lächelte. Sein Lächeln gefiel mir nicht. Es wirkte irgendwie verkrampft. Ich trat ein, stellte den Koffer ab und sah Helnwein wieder an. Er...

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