John Sinclair Sonder-Edition 129 - Horror-Serie

Hütet euch vor Harry
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Mai 2020
  • |
  • 80 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-9679-9 (ISBN)
 
"Hütet euch vor Harry!" So die Warnung von Jane Collins, der ehemaligen Hexe, die so lange in Satans Diensten gestanden hatte. Harry hatte Kontakt zu ihr aufgenommen, und Jane hatte das unsagbar Böse gespürt, ohne dass sie mir sagen konnte, wer und vor allem was dieser Harry war! Schon bald sollten wir es erfahren ¿ denn ein Jugendlicher freundete sich mit meinem Patenkind Johnny Conolly an. Dieser junge Mann nannte sich ebenfalls Harry. Und er hatte Grausames mit Johnny vor!
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 1,78 MB
978-3-7325-9679-9 (9783732596799)

Damals .

Harry musste in den Keller. Er musste hinab in die Dunkelheit, in der sich all die Schrecken verbargen und auf ihn lauerten. Denn zwischen den feuchten Mauem versammelte sich alles, was sonst nur in seinen Träumen in Erscheinung trat.

All die fürchterlichen Gestalten, die Geister, die Monster, die Wesen zwischen Tier und Mensch, die Ungeheuer, die immer hungrig waren und die Knochen der Opfer mit ihren langen Reißzähnen zermalmten.

Ja, sie lauerten dort.

Und Harry wusste es.

Er war wie immer barfuß, wie immer trug er die Lumpen. Er stank nach Keller und Abfall. Er war einer, den man trat, den man scheuchte, dessen Willen man brach.

»Geh endlich, Harry!«

Er hörte die keifende Stimme seiner Mutter.

Er hasste sie. Nicht nur die Stimme, die so schrill war. Er konnte seiner Mutter keine Liebe entgegenbringen, denn sie war es, die ihm diese fürchterlichen Träume brachte, wenn sie wie ein Moloch aus der Tiefe hochstieg und sich als schauriges Wesen mit langen Krakenarmen präsentierte, die alles umfingen, auch ihn.

Sie hatte den Befehl gegeben und drehte sich dann um. Er hörte ihre Schritte verklingen und blieb an der Kellertür stehen.

Sein Blick glitt nach unten. Dort sah er in der tiefen Dunkelheit einen hellen Fleck. Abgegeben wurde er von einem einsamen Öllicht, doch dessen Schein konnte die tiefen Schatten nicht vertreiben. Sie hatten sich dort unten eingenistet, waren immer da, lauerten auf die, die in den Keller gingen.

So wie Harry.

Es gab keinen besonderen Grund, weshalb ihn die Mutter losgeschickt hatte. Er sollte dort aufräumen, mehr nicht. Nichts holen, nur aufräumen.

Er kannte auch den Grund. Sein Gesicht verzog sich, als er daran dachte. Sie wollte ihn nicht sehen, sie wollte, dass er ihr aus den Augen war. Vielleicht kam wieder einer der Männer zu ihr. Seine Mutter kannte viele Männer, sehr viele.

Sie brachten oft Wein und Schnaps mit, aber auch Geld, und er hatte sie mit den Männern zusammen lachen gehört, während er vor die Tür oder in den Keller geschickt wurde.

Seine Mutter hasste ihn. Sie hatte ihn nie gewollt. Sie hatte auch davon gesprochen, dass er nicht mehr lange bei ihr bleiben würde, dass er weg müsste.

Für immer weg .

Harry zog die Nase hoch. Das Gefühl, weinen zu müssen, war sehr stark. Es schuf einen Druck in seiner Kehle, auch hinter den Augen, die sich allmählich mit Feuchtigkeit füllten. Harry war nicht so hart, dass er nicht mehr weinte, und manchmal brach es aus ihm hervor.

Aber nicht jetzt, er wollte sich zusammenreißen und ging die breiten Stufen hinab.

»Bist du im Keller?«

Auf halbem Weg erreichte ihn die Stimme seiner Mutter, und Harry zuckte zusammen.

»Bist du im Keller?«

»Ja .«

»Gut, Harry, gut!«, hörte er nach einer kleinen Pause. »Dann bleib auch dort, hast du gehört? Du musst dort bleiben, bis ich dich rufe, Harry!«

»Ja, Mutter!«

»Das ist schön, das ist sehr schön!« Er hörte sie lachen. Diesmal klang es nicht gemein, sondern fröhlich und heiter. Sie schien gute Laune zu haben. Wahrscheinlich wartete sie wieder auf einen der Männer.

Er konnte genau sehen, wo die Treppe endete, denn genau dort hörte auch der bläuliche Schein des Öllichts auf. Er bildete praktisch eine Grenze mit der letzten Stufe.

Harry hatte sie bald erreicht. Er hörte seine eigenen Schritte, wie sie über die Stufen kratzten. Er wusste auch, dass hier unten zahlreiches Getier hauste. Würmer, Käfer und andere Insekten. Sie verkrochen sich in den Spalten und Rissen, und oft fühlte er sich auch wie ein solches Insekt, denn er musste sich ebenfalls immer verkriechen, besonders vor seiner Mutter.

Aber vor den Ratten konnte er sich nicht verkriechen.

Sie lebten nicht nur im Keller. Er hatte sie schon im Haus gesehen, und in der Nacht hörte er oft genug das Trappeln ihrer Füße, wenn sie durch ein Zimmer huschten oder an den Wänden kratzten und nagten. Sie waren immer da, besonders aber im Keller.

Harry ließ die Treppe hinter sich. Das Licht hätte nicht zu brennen brauchen, er fand sich hier im Dunkeln zurecht.

Er wusste nicht, was er aufräumen, wo er anfangen sollte, denn im Keller lag alles durcheinander. Alte Lumpen, Holzstücke, es lagen dort Scherben, Papier und Stroh, und die Ratten hatten sich in dem Wust zahlreiche Verstecke geschaffen.

Auch jetzt hörte er sie rascheln, das Tappen ihrer Füße, das leise Fiepen.

Sie ärgerten sich über ihn. Das Licht kannten sie, aber sie hassten es, dass er gekommen war.

Einfach so war er gekommen, hatte sie in ihrer Ruhe gestört.

Es war ihm egal.

Er ging weiter. Seine Schritte schleiften über den schmutzigen Boden, als sollten diese Geräusche die Ratten verscheuchen. Er passierte das Öllicht. Es sah aus wie eine zuckende Lache, über die blasse Flämmchen hinwegtanzten.

Für einen Moment blieb Harry stehen, schaute nach unten, als könnte er in einen Spiegel sehen.

Aber da war nur die glatte, hellblaue Fläche mit den tanzenden dünnen Flammen, die sich hin und her bewegten wie ein Vorhang.

Aufräumen sollte er.

Harry verzog erneut das Gesicht. Da gab es nichts aufzuräumen, man hätte den ganzen Mist wegwerfen müssen. Einfach aus dem Keller nach draußen, aber das war es nicht, was seine Mutter wollte.

Sie hatte ihn nur nicht mehr sehen wollen, diesen verdreckten, verlumpten Halbwüchsigen, der nichts als eine Last für sie war.

Manchmal wünschte er ihren Tod herbei, und er wunderte sich nicht mal darüber, dass ihn dieser Gedanke nicht erschreckte, so gleichgültig war ihm seine Mutter geworden.

Plötzlich hasste er das Öllicht. Er hätte die Schüssel mit der Flüssigkeit am liebsten umgetreten, aber es war nicht gut, die Mutter so offen zu ärgern, er wusste ja, dass es andere Möglichkeiten gab. Ganz andere .

Wenn er an den Keller dachte, fielen ihm seine Albträume ein, in denen all die fürchterlichen Gestalten erschienen, vor denen er sich während des Schlafs fürchtete. In seinen Träumen verließen sie die Gestade der Finsternis, wohin sie sich sonst zurückzogen. Da lebten sie, da ging es ihnen gut, da fühlten sie sich wohl. Aber Harry wusste auch, dass es sie nicht nur in seinen Träumen gab, denn sie existieren wirklich. Sie liebten die Dunkelheit und hielten sich auch tagsüber dort verborgen.

Und wo war es immer dunkel?

Im Keller!

Er lächelte, als er daran dachte, einige kleine Schritte in die linke Richtung ging, bis er an einer Wand landete, die in der Finsternis nicht zu sehen war, denn bis zu dieser Stelle reichte der Schein des Öllichts nicht.

Harry blieb dort stehen.

In den ersten Sekunden klopfte sein Herz noch lauter als gewöhnlich, dann aber wartete er ab. Er konzentrierte sich auf die Dunkelheit, hielt die Augen weit offen und starrte in die Schwärze, die ihm nicht leer vorkam, denn dort lauerte jemand.

Es waren nicht sichtbare Wesen, es waren die anderen, die flüsternden Stimmen, die ihn erwartet hatten, so wie sie ihn immer erwarteten, wenn er in den Keller kam. Aber heute würde es anders werden, das wusste er. Die entscheidende Minute stand dicht bevor.

Und so wartete er.

Die Hände hatte er ineinander verkrallt. Er gab sich der Stille hin, die er so mochte.

Und doch hörte er etwas.

Es waren nicht die Geräusche, die er erwartet hatte. Die Laute drangen durch die noch offene Kellertür an seine Ohren. Er erkannte die Stimme seiner Mutter und hörte auch die eines Mannes, der sehr tief und sonor sprach.

Harry hatte diese Stimme noch nie gehört.

Wieder ein Fremder .

Egal, er wollte ihn vergessen. Das war Sache seiner Mutter. Er hatte ja seine Freunde.

Sie waren hier, hier im Keller. Sie hockten in der Dunkelheit, sie lauerten im Schatten, sie hatten bestimmt schon auf ihn gewartet, weil heute ein entscheidender Tag für ihn war.

Heute und nicht an einem anderen Tag.

Und sie enttäuschten ihn nicht. Plötzlich waren sie da, und sie erreichten ihn überfallartig. Sie sprachen auf ihn ein, sie wisperten, sie redeten flüsternd und zischelnd, und sie drangen aus der Dunkelheit, ohne dass sich die dazugehörenden Gestalten gezeigt hätten. Es waren nur die Stimmen, die aber zählten für ihn, und Harry presste sich noch härter gegen die Wand.

Auf einmal verzogen sich seine Lippen zu einem breiten Lächeln, als hätte er eine wundersame Botschaft erhalten.

Nur für ihn waren sie da. Und er war froh darüber, denn sie waren die Einzigen, die sich über ihn freuten. Er hatte sich niemals die Frage gestellt, wo sie wohl hergekommen sein konnten. Sie waren da, und er hatte sie akzeptiert.

Geisterstimmen .

Aus der tiefen Finsternis an die Oberfläche gestiegen, unheimlich, nie laut, nur flüsternd und wispernd, sodass er Mühe hatte, ihre Worte zu verstehen.

Anderen hätten die Stimmen Angst eingejagt, ihm aber nicht. Er mochte sie, weil er wusste, dass sie untrennbar mit ihm verbunden waren. Doch niemals hatte er sie so laut gehört wie an diesem Tag, während er allein in der Dunkelheit stand und sich auf die Stimmen konzentrierte.

Harry hielt die Augen weit geöffnet. Er konnte nichts sehen. Das Licht erschien ihm so weit entfernt wie eine Insel im Meer. Es existierte für ihn nicht, nur die Stimmen waren wichtig.

Sie lockten, aber sie erklärten ihm auch, dass jetzt die Phase erreicht war, auf die er sich schon eingerichtet...

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