John Sinclair - Folge 1742

Satanische Nachbarn
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. November 2011
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1413-4 (ISBN)
 
Arnie Gibson kicherte, als er das Wohnzimmer betrat.
"Was ist so lustig?", fragte Dolly, seine Frau.
"Es ist wieder jemand da!"
Dolly ließ das Strickzeug sinken. "Wie meinst du das?"
Arnies Gesicht verzog sich. "Frischfleisch, meine Liebe, Frischfleisch -"
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 0,76 MB
978-3-8387-1413-4 (9783838714134)
383871413X (383871413X)

Dolly Gibsons Augen weiteten sich erstaunt. Die Unterlippe zuckte. Ein Zeichen, dass sie nervös war. »Und du hast dich nicht getäuscht?«

»Nein, dafür habe ich einen Blick.«

»Ja, ja, ich weiß.« Sie schnalzte mit der Zunge. »Wo bist du denn gewesen?«

»Ich habe meine Runde gemacht. Ein bisschen durch das Haus, verstehst du? Im Flur habe ich sie getroffen. Eine kleine Sahneschnitte. Sie ging zum Lift.«

»Und weiter?« Dolly saß angespannt in ihrem alten Sessel, wobei in ihren Augen ein seltsamer Glanz lag.

»Sie trug einen Korb mit schmutziger Wäsche.«

»Dann will sie in den Keller.«

»Genau, zu den Waschmaschinen.«

Dolly schaute ihren Mann an. Sie sah die Augen hinter der Brille funkeln.

»Wäre das nicht eine Gelegenheit, sie näher kennenzulernen?«

»Darüber habe ich auch nachgedacht.« Er zuckte mit seinen mageren Schultern. »Ich wollte mich erst mit dir besprechen. Wir machen doch alles zusammen.«

»Sehr gut.«

Arnie stellte ein Bein vor. »Du meinst, dass ich mal auf einen Sprung in den Keller fahren soll?«

»Aber immer doch.«

Er kicherte und rieb seine Hände. »Ja, das werde ich tun, und zwar sofort.«

»Ich warte hier.«

Arnie Gibson zog sich zurück. »Ich werde dir dann berichten, was los ist.«

»Tu das, Arnie, tu das .«

***

Der Keller war ein Monster!

Ein gewaltiger Raum, beinahe schon ein Gewölbe mit zahlreichen kreisrunden Augen, die sich bei Hochbetrieb bewegten, in diesem Fall jedoch ruhig standen, bis auf ein Auge, das sich drehte und von einem kalten Neonlicht angestrahlt wurde.

Natürlich waren es keine echten Augen. Die Kreise waren die Fenster der Waschmaschinen, die in diesem unterirdischen Raum standen und von den Mietern benutzt werden konnten, denn in den Wohnungen des alten und auch riesigen Hauses waren keine Waschmaschinen erlaubt. Trotz dieses Mankos waren fast alle Wohnungen vermietet.

Ellen Larkin war an diesem Tag zum ersten Mal in den Waschkeller gefahren. Es spielte keine Rolle, welche der zahlreichen Maschinen sie nahm, das hatte man ihr gesagt. Sie musste nur Geld einwerfen, für das nötige Waschmittel sorgen, dann würde die Maschine anfangen zu arbeiten.

Den breiten Lift hatte sie verlassen. Zum ersten Mal stand sie in dem Gewölbe mit den grauen Wänden, bei denen der Putz an einigen Stellen abgeblättert war, sodass die braunroten Ziegelsteine zu sehen waren.

Sie ging zwei Schritte vor und stellte ihren Korb ab. Es war der Augenblick, als sie von einem Frösteln erfasst wurde. Den Grund konnte sie nicht sagen, aber sie schaute sich um, und dann wusste sie Bescheid.

Es war einfach nur der Keller!

Groß und mit einer einem Keller unüblichen hohen Decke. Aber sie passte zu diesem alten Bau, der Anfang des letzten Jahrhunderts als riesige Mietskaserne errichtet worden war.

Es wäre Ellen Larkin wohler gewesen, wenn sie hier jemanden getroffen hätte. Das war nicht der Fall. Sie hielt sich allein in dem Keller auf und schaute auf die zahlreichen Waschmaschinen mit ihren runden Fenstern, die ihr vorkamen wie tote Glotzaugen. Das war ihr noch nie passiert, aber sie hatte sich auch nie zuvor in einem derartigen Raum aufgehalten. Zwar hatte man ihn ihr beschrieben, aber die Beschreibung war nichts gegen die Realität. Dieser Raum war nichts für sie. Aber die Wäsche musste gewaschen werden, die wusch sich nicht von allein.

Im Moment sah sie nur die Waschmaschinen. Obwohl eigentlich genug Platz war, standen einige von ihnen auch übereinander. Auf den großen hatten die kleineren ihren Platz gefunden. Sollte Hochbetrieb herrschen, kam niemand zu kurz.

Es war ruhig und trotzdem nicht richtig still, denn von irgendwoher hörte sie Geräusche. Zu identifizieren waren sie für Ellen nicht. Sie konnte sich vorstellen, dass irgendwo im Hintergrund Maschinen arbeiteten, die für die Energieversorgung verantwortlich waren, denn dieses Haus verbrauchte Energie.

Ellen Larkin hatte sich vorgenommen, den Keller so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Sie wollte ihre Wäsche waschen und dann verschwinden. Und sie hoffte, dass noch jemand eintraf, der die gleiche Idee hatte.

Der Boden war mit braunroten Steinen belegt. Die Fugen zeigten eine tiefe Schwärze, als wären sie mit Pech bestrichen worden.

Bis zu den Waschmaschinen waren es nur ein paar Schritte. Die legte Ellen schnell zurück, und sie blieb vor der Reihe der Maschinen stehen. Sie konnte sich eine aussuchen. Die höher stehende wollte sie nicht nehmen. Sie entschied sich für eine größere, die direkt vor ihr stand.

Mit der Bedienung kannte sie sich aus. Waschpulver hatte sie ebenfalls mitgebracht, füllte es ein, stellte die Gradzahl ein und stopfte die Wäsche in das offene Loch.

Alles war okay.

Wenig später fing die Maschine an zu laufen. Das verursachte auch Geräusche, aber darüber war sie froh, denn die Stille war schon beklemmend gewesen.

Jetzt hieß es warten, und sie wusste, dass ihr die Zeit lang werden würde. Fragen tauchten auf, und sie musste sich ihnen stellen. War es richtig, dass sie in diese Wohnung eingezogen war? Ja, in der Wohngemeinschaft war ein großer Raum frei gewesen, und er war für sie auch zu bezahlen. Ellen wusste, wie teuer die Wohnungen in der Stadt an der Themse waren. Für Normalverdiener kaum zu bezahlen, da musste man schon in WGs leben.

Die Grundrisse der Wohnungen in diesem Haus waren kreativ, wenn man es mal positiv sah. Einheitsflure wie in den modernen Bauten gab es hier nicht. Auch die Wohnungsgrößen waren verschieden. Ebenso die Flure, die verschieden lang, zudem verwinkelt waren, sodass das Innere des großen Hauses einem Bahnhof glich, der verschiedene Nebengleise hatte.

Ändern konnte Ellen es nicht. Sie hatte es so gewollt, und sie würde sich daran gewöhnen müssen, das hatten ihre Mitbewohner auch getan. Es blieb trotzdem ein gewisser Druck. Man konnte auch von einem Angstgefühl sprechen. Das lag diesmal nicht an der Umgebung, sondern an Ellens Gedanken, denn ausgerechnet jetzt fiel ihr ein, dass in diesem Haus einige Bewohnerinnen verschwunden waren. Spurlos, einfach weg. Von einem Tag zum anderen. Sie waren einfach nicht mehr aufgetaucht. Sie hatten ihre Wohnungen verlassen, ohne sie zu kündigen. Ob man sie jemals gefunden hatte, das wusste Ellen nicht. In diesem Haus aber erzählte man sich immer wieder davon. Wahrscheinlich hätte das Verschwinden nicht mal so große Wellen geschlagen, wäre nicht immer wieder die Polizei erschienen, um bestimmte Fragen nach den Verschwundenen zu stellen.

Wie viele Mieter in dem gewaltigen Komplex wohnten, das wusste Ellen nicht. Es waren eine ganze Menge, alte und junge, Paare mit und ohne Kinder, aber auch Singles. Unterschiedliche Typen, bei denen alles vertreten war.

Ellen lebte in einer WG. Drei Personen teilten sich die Zimmer und kamen gut zurecht.

Sie war allein, und sie blieb allein. Kein Mieter betrat den Keller. Es konnte auch an der Zeit liegen, denn es war soeben Mittag geworden.

Die Trommel drehte sich. Ellen ging auf und ab. Sie schaute dabei zu Boden und zählte die Steine, die sie berührte. Sie war noch jung, gerade einundzwanzig Jahre alt. Dunkelblondes Haar wuchs dicht auf ihrem Kopf. Das Gesicht mit den Sommersprossen wirkte recht schmal. Sie war keine junge Frau, der die Männer nachpfiffen, sie war einfach nur normal, und man konnte sich zudem auf sie verlassen.

Allein sein, sich Gedanken und Vorstellungen zu machen, das lag ihr. Da besaß sie genügend Fantasie. Sie konnte sich vorstellen, dass in diesem Keller plötzlich etwas Böses heranrollte. Eine schwarze Welle, die alles verschlang, auch sie, und dann mit hineinzog in eine gnadenlose Tiefe.

Bei diesen Gedanken erschauderte sie. Und sie blickte sich auch in der Umgebung um, ohne etwas zu sehen. Alles nur Einbildung. Sie war und blieb allein und wartete darauf, die Wäsche endlich aus der Maschine holen zu können.

In der nächsten Woche würde sie wieder zur Uni gehen und ihr Studium der Physik fortsetzen. Da wollte sie alles in Ordnung haben. Dazu zählte auch die reine Wäsche.

Etwas störte sie.

Ellen sah nichts, aber sie hatte ein Geräusch gehört, das hinter ihr aufgeklungen war. Es war nicht beunruhigend, aber sie drehte sich schon um.

Der Fahrstuhl hatte gestoppt. Es war schon mehr ein Lastenaufzug, mit einer Metalltür versehen, die der Fahrgast aufstoßen musste, und das geschah in diesem Moment.

Ellens Herz schlug schneller. Dafür gab es eigentlich keinen Grund, das mochte wohl an der Umgebung liegen - und wenig später atmete sie auf, denn sie hatte die Person gesehen, die aus dem Fahrstuhl stieg.

Es war ein Mann, ein alter Mann.

Die Zahl siebzig musste er längst hinter sich gelassen haben. Er war recht klein, ging leicht geduckt und trug eine dicke Hornbrille, die er auf seiner Nase etwas nach vorn geschoben hatte. Auf seinem Kopf wuchs weißes Haar, das er in der Mitte gescheitelt trug. Die Haut im Gesicht zeigte zahlreiche Falten und auch bräunliche Altersflecken.

Ellen Larkin überlegte. Furcht hatte sie nicht mehr, und sie erinnerte sich daran, dass sie den Mann nicht zum ersten Mal sah. Er war ihr bereits aufgefallen, als sie über den Flur zum Fahrstuhl gegangen war. Er hatte sie angeschaut, kurz genickt und war dann weitergegangen.

Jetzt war er hier.

Aber warum?

Er trug keinen Korb mit Wäsche, was sie schon als etwas unnormal ansah. Der Mann hatte den Fahrstuhl verlassen, war einen Schritt nach vorn gegangen, stemmte seine...

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