John Sinclair - Folge 1739

Justines grausamer Urahn
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. November 2011
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1345-8 (ISBN)
 
Serena saß nackt auf dem Rand der Badewanne und blutete an verschiedenen Stellen ihres Körpers. Sie hielt den Kopf gesenkt, die Arme baumelten nach unten. Die Hände hielt sie zur Seite gestreckt, und so blickte sie an ihrem gezeichneten Körper hinab, ohne etwas gegen die Blutungen zu unternehmen.
Sheila Conolly stand in der offenen Badezimmertür und begriff die Welt nicht mehr. Sie war wie vor den Kopf geschlagen und hatte das Gefühl, nicht mehr fest mit den Beinen auf dem Boden zu stehen, sondern zu schweben -
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 0,86 MB
978-3-8387-1345-8 (9783838713458)
3838713451 (3838713451)
Justines grausamer Urahn (3. Teil) (S. 4-5)

Serena saß nackt auf dem Rand der Badewanne und blutete an verschiedenen Stellen ihres Körpers. Sie hielt den Kopf gesenkt, die Arme baumelten nach unten. Die Hände hielt sie zur Seite gestreckt, und so blickte sie an ihrem gezeichneten Körper hinab, ohne etwas gegen die Blutungen zu unternehmen.

Sheila Conolly stand in der offenen Badezimmertür und begriff die Welt nicht mehr. Sie war wie vor den Kopf geschlagen und hatte das Gefühl, nicht mehr fest mit den Beinen auf dem Boden zu stehen, sondern zu schweben …

Mit diesem Zustand der Mystikerin hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte gedacht, dass Serena ins Bad gegangen wäre, um sich frisch zu manchen, sogar unter die Dusche zu stellen, aber dieses Bild versetzte ihr einen Schock. Die Wunden waren alt und trotzdem frisch. Und aus ihnen war nicht das eigene Blut der Frau gequollen, sondern ein fremdes, das einer Heiligen gehört hatte, denn durch dieses Blut war es Serena gelungen, andere Menschen zu heilen.

Das war in vergangener Zeit geschehen. Die Jahre zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart hatte sie in einem gläsernen Sarg verschlafen. Das Blut der Heiligen hatte sie nicht sterben lassen, und jetzt war es aus den Wunden gedrungen und bedeckte den Körper. Darauf konnte sich Sheila Conolly keinen Reim machen. Zudem fiel es ihr schwer, sich an diesen Anblick zu gewöhnen. Serena sah aus wie eine Gestalt aus einem Horrorfilm.

Das Blut war nicht nur in den Schnittstellen geblieben. Es war an der Haut entlang nach unten gelaufen und hatte rote Bahnen hinterlassen. Jeder Mensch wäre vor Schmerzen wahnsinnig geworden. Das traf bei Serena nicht zu. Sie weinte nicht, sie krümmte sich auch nicht vor Schmerzen, sie saß einfach nur auf dem Rand der Wanne und blickte nach unten, als hätte sie sich aufgegeben. Sheila wollte genau wissen, was geschehen war, und deshalb sprach sie Serena mit leiser Stimme an.

»Willst du mir sagen, was passiert ist?« Sie schwieg. Sheila ließ sich Zeit. Sie wusste, dass sie nichts überstürzen durfte. Noch immer betrachtete sie den nackten Körper und ging davon aus, dass keine neuen Schnittstellen hinzugekommen waren. Die alten hatten geblutet, aus ihnen war der rote Saft gequollen. Also hatte sich Serena keine neuen Schnitte beigebracht, was sehr einfach war bei ihrer so sensiblen Haut. Sie musste nur mit dem Fingernagel geritzt werden, um einen Riss zu bekommen. »Serena – bitte, ich meine es nur gut mit dir. Warum willst du mir nicht vertrauen? Rede doch …« Die Aufforderung erzielte einen kleinen Erfolg, denn Sheila sah, dass die Blutende den Kopf anhob und ihn so drehte, dass sie Sheila anschauen konnte.

»Und?«, flüsterte Sheila. Die Stimme klang müde, als Serena die Antwort gab. »Es geht wieder los. Das Blut kochte. Die Schnitte öffneten sich. Es ist wieder so weit.« Sie schüttelte den Kopf. »Was ist so weit?« Serena schnaufte. »Es ist jetzt vorbei. Darf ich mich reinigen und die Dusche benutzen?« »Ja, gern. Ich kann dir auch neue Kleidung geben.« »Danke.« Serena drückte sich vom Rand der Wanne in die Höhe, was sie sehr langsam tat. Ohne Sheila zu beachten, schlich sie auf die Duschkabine zu. Dort öffnete sie die Glastür und trat in das kleine Rechteck. Sheila Conolly ließ sie allein. In Gedanken versunken ging sie zurück in den Schlafbereich, wo der breite Einbauschrank stand. In ihm befanden sich die Kleidungsstücke der Conollys. Sheila suchte Unterwäsche, eine Hose und einen dünnen Pullover hervor.

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