John Sinclair - Folge 1717

Die Fratze der Angst
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Juni 2011
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0797-6 (ISBN)
 
Das Grauen begann, als die sonntägliche Vormittagsmesse ausgeläutet wurde. Die Besucher - Frauen, Kinder und Männer - drückten sich durch die enge Tür ins Freie, um sich auf dem Vorplatz zu versammeln, der ebenso erhöht wie die Kirche lag und zu dem zwei Steintreppen von verschiedenen Seiten hoch führten.

Der Unhold lauerte hinter der Kirche. Und das an einem für ihn perfekten Platz, denn dort lagen die Gräber eines Friedhofs dicht an dicht und wie geometrisch aufgereiht.

Er roch die Menschen. Er mochte ihr Fleisch. Es war so warm und weich.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 0,78 MB
978-3-8387-0797-6 (9783838707976)
3838707974 (3838707974)
(S. 12-13)

Der Unhold hatte die Flucht geschafft, aber noch immer nagte der Hunger an ihm. Er machte sich Vorwürfe, dass er so gierig gewesen war. Er hätte noch warten sollen, bis sich die anderen Leute von der Kirche entfernt hatten und der Pfarrer allein gewesen wäre. Das war nicht mehr zu ändern. Jetzt kam es darauf an, so rasch wie möglich zu verschwinden, und das würde ihm nicht schwerfallen. Erst in der Dunkelheit wollte er sich wieder zeigen und den Gestank hinterlassen, der ihn auch jetzt als eine unsichtbare Dunstglocke auf seinem Fluchtweg begleitete. An diesem Sonntag waren die meisten Straßen im Ort leer. Die Feiertagsruhe hatte sich ausgebreitet, und es war gut, dass die Gestalt nicht lange über eine Straße laufen musste.

Sie konnte sich bald auf ein Grundstück schlagen, das zu einer kleinen Metallbaufirma gehörte. Einmal noch musste er eine kleine Straße überqueren. Er kam an einem Haus vorbei, dessen Haustür genau in dem Augenblick geöffnet wurde. Ein Kind trat ins Freie. Es war ein junges Mädchen, das eine Puppe in der Hand hielt. Es konnte den Unhold gar nicht übersehen. Die Augen weiteten sich, und die Gestalt durchströmte plötzlich ein wahnsinniges Hungergefühl. Wäre es dunkel gewesen und hätte er sich nicht auf der Flucht befunden, dann … Er dachte nicht mehr weiter, sondern rannte an der jungen Zeugin vorbei auf eine Mauer zu, deren Krone er mit einem gezielten Sprung erreichte und sich auf der anderen Seite geschickt zu Boden fallen ließ.

Er befand sich auf dem Gelände der Metallbaufirma. Es war ihm egal, was hier hergestellt oder repariert wurde, ihm kam es auf etwas Bestimmtes an, und genau auf dieses Ziel bewegte er sich geduckt zu. Er hatte das Glück, dass hier am Sonntag niemand arbeitete. In Deckung einiger Fahrzeuge bewegte er sich weiter. Er duckte sich dabei, das war ihm einfach in Fleisch und Blut übergegangen. Nach wie vor begleitete ihn der Verwesungsgestank. Er war einfach da, er drang aus den Poren seines Körpers, aus den Rissen, den Nasenlöchern, einfach von überall her. Manchmal liefen Schleimfäden über sein Gesicht. Wenn sie an seinen Mund gelangten, dann leckte er sie einfach weg, was stets mit einem Schmatzen verbunden war. Sein Ziel lag hinter einem Container, der mit Metallabfall gefüllt war.

Es war das Tor zu seiner eigentlichen Welt. Ein Einstieg, ein viereckiger Gully, recht breit, sodass er keine Probleme hatte, sich durchzuzwängen. Vor dem Gully sank er in die Knie. Er fasste mit seinen Klauen zu und schob sich in die Lücken zwischen die Stäbe. Da das Gitter schon mehr als einmal in die Höhe gehoben worden war, brauchte er kaum Kraft, um es diesmal auch zu schaffen. Sein Blick fiel in die Tiefe. Auch von dort stieg ein alter und fauliger Geruch hoch, doch er war längst nicht so intensiv wie der Gestank, den er abgab. Vor ihm lag eine Leiter. Schmale Sprossen, die blank waren und schimmerten.

Das Wesen huschte hinein und hielt wenig später an, um den Deckel wieder in seine alte Position zu bringen. Danach ging es weiter nach unten. Der schleimige Widerling rutschte an der Leiter entlang in die Tiefe, und es dauerte nicht lange, bis er festen, aber nass glänzenden Boden unter den Füßen spürte. Jetzt erst fühlte er sich sicher. Umgeben von einer stinkenden Finsternis. Aber das machte ihm nichts aus. Das war seine Welt. Hier fühlte er sich geborgen, aber er dachte nicht daran, hier zu warten, denn vor ihm öffnete sich ein Gang, der dem eines Tunnels glich und nichts anderes war als ein Abwasserkanal. Den lief er entlang."

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