John Sinclair 2183 - Horror-Serie

Der Verwandler
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Mai 2020
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-9669-0 (ISBN)
 
Es war unser Männerabend. Suko und ich saßen in einem der besten Chinarestaurants der Stadt, wollten was essen, auch was trinken - zumindest ich - und es uns einfach gut gehen lassen. Mal so richtig von Mann zu Mann quatschen. Das war so lange möglich, bis sich Sukos Augen weiteten und er flüsterte: "Hinter dir ... Da steht jemand und will dich erstechen." "Was!? Wer?" "Ich ..."
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 1,67 MB
978-3-7325-9669-0 (9783732596690)

»Nach der Suppe werde ich dir sagen, was du noch bestellen kannst«, teilte Suko mir mit und grinste mich dabei an.

»Hoffentlich kein toter Hund.«

»So ist es. Und auch kein alter Affe.«

»Widerlich. Du weißt, wie man einem den Appetit verderben kann.« Ich schüttelte mich.

Suko lachte über mein Schauspiel. Es war klar, dass ich wusste, dass er nur Spaß gemacht hatte. Ich hätte sie ja auch loben können, denn diese Geflügelsuppe war eine Wucht. Ente, Gans und Huhn hatten sich zu einem wunderbaren Geschmackserlebnis verdichtet. Jetzt war ich auf das Hauptgericht gespannt, denn auf das Zwischengericht hatte ich verzichtet.

Shao, Sukos Partnerin, war nicht dabei. Sie hatte sich mit einer Freundin verabredet. Gemeinsam waren sie in die Oper gegangen, ein Werk, das mehr als drei Stunden dauerte. Danach wollten sie noch einen Schluck trinken gehen.

»Ja, so ist das«, sagte Suko und tupfte mit der Serviette seine Lippen ab.

Ein Kellner wieselte heran und räumte lächelnd den Tisch ab. Suko hatte sich eine große Flasche Wasser bestellt, und ich trank einen herben Roséwein.

»Und das Hauptgericht?«, fragte ich, »wann kann es serviert werden?«

»Einen Augenblick Geduld noch. Dieses Werk ist nicht so einfach zu kochen.«

»Werk?«, fragte ich.

»Ja, ein Werk. Bei diesem Essen gibt man sich die größte Mühe.«

»Aha.« Wenig später bekam ich zu sehen, was Suko damit gemeint hatte. Ein Wagen wurde herangefahren. Auf ihm standen vier Schwäne aus Eis. Sie bewachten einen großen ovalen Teller, auf dem so ziemlich alles lag, was die chinesische Küche zu bieten hatte. Je näher der Servierwagen an unseren Tisch geschoben wurde, desto größer wurden meine Augen, und automatisch stieg eine Frage in mir hoch, die ich sofort stellte.

»Sag mal, Suko, welche Familie hast du für heute noch eingeladen?«

»Keine.«

»Das . das . ist für uns?«

»Wie du siehst.«

Ich rollte mit den Augen und ließ mich nach hinten sinken. Das war ein Hammer, ich wollte noch etwas sagen, da sah ich den Mann, der auf uns zukam. Er war mit einem scharfen Messer bewaffnet, das ihm wohl noch nicht scharf genug war, denn an einem fast armlangen Wetzstein schliff er es.

Für meinen Hals war das nicht bestimmt. Eher für die große Ente, die den Mittelpunkt des Gerichts bildete. Um den Vogel herum verteilten sich die unterschiedlichsten chinesischen Gemüsesorten und auch eine Auswahl verschiedener Reissorten sowie die entsprechenden Soßen.

Sukos Augen glänzten. Er wurde gefragt, was serviert werden sollte, und auch mich fragte ein zweiter Ober.

Ich hatte am Rand der Platte Frühlingsrollen entdeckt, und die esse ich verdammt gern. Besonders die Füllung im Innern machte mir Freude.

Ich schielte auf Sukos Teller. Die Ente war noch nicht angeschnitten worden, dafür bekam Suko ein anderes Fleisch gereicht, das aussah wie kleine Frikadellen und erst richtig schmeckte, wenn man es mit einer scharfen Soße übergoss.

Auch zu meinen Frühlingsrollen bekam ich eine kleine Schale, die mit einer grünen Soße gefüllt war. Ich probierte sie und merkte, dass sie leicht minzig schmeckte. Nicht schlecht. Als Brite war ich ja Minze im Essen gewohnt.

»Und?«, fragte Suko.

»Sehr pikant, würde ich sagen.«

»Siehst du. Man sollte nie so voreingenommen sein. Das Gericht ist wirklich lecker. Wenn erst mal die Ente zerlegt ist und sich dabei ihr Aroma entfaltet, dann läuft dir das Wasser im Mund zusammen.«

»Kann ich mir denken, und deshalb esse ich auch nur zwei.«

»Das ist gut, John, das ist .« Plötzlich sprach er nicht mehr weiter, sondern sah mich an und zugleich an mir vorbei. Seine Augen waren weit geworden.

»Was ist los?«, fragte ich.

Suko schüttelte den Kopf. An ein Weiteressen dachte er in diesen Momenten nicht.

»He, träumst du?«

»Kann sein, aber ich glaubte nicht, dass ich geträumt habe. Ich habe was gesehen.« Er hatte den Satz mit einer Betonung gesagt, als hätte er ihn angewidert.

»Und was hast du gesehen?«

»Ähm . mich, John!«

»Was? Du hast dich gesehen?«

»Ja, und zwar hinter deinem Rücken.«

Ich musste lachen, hörte aber schnell wieder auf, als ich Sukos Gesichtsausdruck sah, denn das war kein Spaß. Er rutschte auch unruhig auf seinem Stuhl hin und her, das kannte ich bei ihm nicht. Da musste schon etwas geschehen sein.

Er atmete heftiger. Hielt sich mit beiden Händen an der Tischkante fest und schüttelte immer wieder den Kopf.

Ich wollte mehr wissen. »Hast du denn noch etwas bei mir gesehen?«

»Nein, nur mich. Aber .«

»Nein, behalte dein aber.« Jetzt war ich bereit, mich zu drehen, was ich auch tat.

Ich - sah nichts!

Ja. Ich konnte nichts mehr denken, wollte es auch nicht und drehte mich wieder, sodass ich Suko ansehen konnte.

»Da war nichts.«

Er nickte.

»Aber geträumt hast du nicht - oder?«

»Nein, das habe ich nicht. Außerdem habe ich dir nicht alles erzählt.« Er musste tief Luft holen, um wieder normal zu werden. Dann sagte er: »Da war noch etwas, das ich dir nicht erzählt habe.« Er beugte sich etwas vor, um seine Stimme zu senken. »Ich hielt in meiner rechten Hand ein Messer mit recht langer Klinge. Es sah so aus, als wollte ich es dir in den Hals stoßen.«

Es ist nicht leicht, mich zum Schweigen zu bringen. Diesmal war es geschehen, und ich starrte Suko an. Eine Antwort fiel mir im Moment nicht ein.

Suko nickte mir zu. »Ich habe dich nicht belogen. Das Bild war da. Ich mit dem Messer. Ich habe dich bedroht.«

Begreifen konnte ich das noch immer nicht. Aber ich ging davon aus, dass alles stimmte und fragte: »Was hattest du denn an?«

»Das, was ich jetzt anhabe.«

»Wahnsinn.«

»Ja, und ich habe mir das nicht eingebildet.«

»Kann man da von einer Geisterscheinung sprechen?«

»Ich weiß es nicht, John. Es geschah alles so schnell und Vorwarnung. Das ist ja das Schlimme.«

»Was können wir tun?«, fragte ich.

»Keine Ahnung. Noch jedenfalls. Aber ich frage mich auch, warum diese Gestalt erschienen ist. Ich bin mir wirklich keiner Schuld bewusst, wie man so schön sagt.«

»Das nehme ich dir ab.«

Der Besitzer des Restaurants näherte sich unserem Tisch. Der etwas gedrungen wirkende Mann schien nur aus Lächeln zu bestehen. Bekleidet war er mit einem weißen Hemd, einem ebenso weißen Anzug und einer hellroten Fliege.

Er blieb stehen, deutete eine Verbeugung an, bevor er sein Erstaunen zeigte und die Augen weit öffnete.

»Bitte, bitte, die Herren. Haben wir einen Fehler gemacht? Ist das Essen nicht gut genug? Sagen Sie es. Wir werden uns sofort bemühen und Ihnen ein besseres .«

»Nein, nein, das auf keinen Fall«, sagte Suko. »Ihr Essen ist wunderbar. Wir werden es auch genießen. Nur müssen wir zuvor noch etwas besprechen.«

»Aha. Ja, ich verstehe. Dann lasse ich das Gericht wieder mit in die Küche nehmen. Dort wird man sich darum kümmern und es Ihnen wieder frisch servieren.«

»Ja, das hört sich gut an«, sagte ich.

»Danke, die Herren.« Er schnippte mit den Fingern.

Augenblicklich eilten zwei Ober herbei und schoben das Hauptgericht wieder in Richtung Küche.

»Ich hätte nichts essen können«, sagte Suko. »Nicht nachdem ich das gesehen habe.«

»Ist verständlich. Auch mir ist der Appetit etwas vergangen, und ich glaube, dass da etwas auf uns zukommt.«

»Stimmt. Es war wie eine Ouvertüre.«

»Okay«, sagte ich, »dann gehst du nach wie vor davon aus, dass du dich selbst gesehen hast. Mit einem Messer in der rechten Hand, das meine Kehle durchstoßen sollte.«

»So ist es.«

»Und du hast keinen Geist gesehen?«

Suko überlegte. »Ich kann es nicht genau sagen. Die Gestalt kam mir eher vor wie ein Mensch. Als hätte ich einen Zwilling bestellt. Ich kann dir nichts anderes sagen.«

Ja, das sah ich auch so. Man konnte auch nicht von einer Erklärung sprechen. Es war ein Phänomen. Und da es gerade mit uns passiert war, konnte man es als magisch bezeichnen.

Oder anders gesagt: Jemand hatte es auf uns abgesehen und sich eine besondere Methode einfallen lassen. Wobei dieser Unbekannte verdammt mächtig sein musste, denn eine Erklärung für das Phänomen hatten wir nicht. Man konnte sagen, dass es der Teufel und sein Umfeld gewesen waren, aber sicher war das auch nicht.

Wir fragen uns beide, ob es ein Motiv für das Ganze gab.

Ich sah, dass sich auf Sukos Stirn kleine Schweißperlen gebildet hatten. Das passierte bei ihm selten, aber wenn, dann hatte er schwere Probleme.

Er sagte mit leiser Stimme: »John, da kommt was auf uns zu. Das musst du mir glauben.«

»Möglich.«

»Nein nicht möglich. Ich kann es dir auch nicht verübeln, wenn du mir nicht glaubst, aber ich habe hinter dir einen Menschen gesehen, der ein Messer in der Hand hielt und so aussah wie ich.«

Ich nickte. »Ja, das glaube ich dir auch.«

Der Restaurantbesitzer tauchte wieder auf und fragte, ob wir das Hauptgericht serviert haben wollten.

»Nein, danke.«

»Schade, aber ich .«

»Wir reden später«, sagte Suko.

»Sehr wohl.«

Der Besitzer zog sich wieder zurück und ließ uns allein am Tisch sitzen.

»Was machen wir, John?«

»Wir werden von hier...

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