Geisterjäger John Sinclair Folge 1743. Die Templer-Gruft

Die Templer-Gruft
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 6. Dezember 2011
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1414-1 (ISBN)
 
Obwohl der Templerführer Godwin de Salier nicht in den Spiegel blickte, wusste er doch, dass er selten in seinem Leben so blass geworden war. Der Grund war das Bild, das er in der Hand hielt. Sekunden zuvor hatte es noch in einem Umschlag gesteckt, den ihn der Mann am Tisch gegenüber gereicht hatte. Der Templer sah hoch. Er wollte nicht mehr direkt auf das Foto schauen. Er brauchte eine kleine Ablenkung und interessierte sich für die Umgebung, die besonders eindrucksvoll war und von einem perfekten Tag den letzten Schliff bekam -
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • 0,95 MB
978-3-8387-1414-1 (9783838714141)
3838714148 (3838714148)

Das kleine Café lag im Schatten der mächtigen Stadtmauern von Carcassonne, dieser historischen Stadt, in der der Einfluss der alten Templer noch immer zu spüren war.

Die Sonne eines Spätsommertags vergoldete vieles. Sie ließ die Laune der zahlreichen Menschen - Einwohner und viele Touristen - steigen. Diese Umgebung brachte ihn nicht so durcheinander wie das Foto, zu dem Godwin langsam seinen Kopf hinsenkte.

»Sie sagen ja nichts, Monsieur.«

Godwin atmete tief durch. »Pardon, aber ich muss erst nachdenken. Das Foto hat mich doch aufgewühlt.« Er zuckte mit den Schultern und schaute seinen Besucher an.

Viel wusste er nicht von ihm. Er hatte sich ihm als Henri Graham vorgestellt. Ein ungewöhnlicher Name, der auf einen Franzosen, aber auch auf einen Briten hinwies. Der Mann hatte sich unbedingt mit Godwin treffen wollen. Er war um die vierzig Jahre, und seine Haarfarbe bestand aus zwei Teilen. Zum einen waren die Haare angegraut, zum anderen zeigten sie rötliche Strähnen, wobei Godwin glaubte, dass diese nicht eingefärbt worden waren. Über sich hatte der Mann nicht viel erzählt, der so locker dem Templer gegenübersaß.

Helle Jeans, eine beige Jacke, Sneakers an den Füßen, ein dunkelblaues T-Shirt, so machte er den Eindruck eines Touristen, der sich die Stadt anschaute.

»Und?«

Godwin de Salier runzelte die Stirn. »Ich bin wirklich überrascht«, gab er zu.

»Das habe ich mir gedacht.«

Der Templer nahm das Bild an sich und betrachtete es genau. Es war kein schönes Foto, das man Kindern gezeigt hätte. Es konnte in einer Höhle aufgenommen worden sein, musste aber nicht. Im Vordergrund war kein Boden mehr zu sehen, weil er von zahlreichen Schädeln bedeckt war, die dicht an dicht lagen. Auch steckten Schwerter oder Streitäxte zwischen ihnen, die hier jedoch wie das Zeichen einer furchtbaren Niederlage wirkten.

Das alles hätte den Templer nicht so fasziniert. Es ging um etwas anderes, das ihn geschockt hatte. Und das malte sich im Hintergrund ab.

Es war eine Rüstung. Ein Panzer für den Oberkörper. Aber nicht nur eine gewöhnliche Rüstung, denn diese bestand aus Gold. Sie stand dort wie ein Fanal, und im Gegensatz zu den zahlreichen Schädeln strahlte sie einen Glanz ab, der den Betrachter blendete. Man konnte auch sagen, dass sie wie eine Sonne leuchtete. Die Rüstung war nicht nur ein Brustpanzer. Sie schützte auch die Schultern und einen kleinen Teil der Oberarme.

»Und?«, flüsterte Graham.

Godwin nickte. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Aber wenn das Foto echt ist, dann .«

»Es ist echt!«, unterbrach Graham ihn.

Godwin sprach weiter. »Okay, wenn es also echt ist, dann muss es die Templer-Gruft sein.«

Henri Grahams Lippen zogen sich in die Breite. »Sie haben es erfasst. Es ist die Templer-Gruft.«

»Und Sie haben es geschafft, sie zu fotografieren.«

Graham lächelte weiter. Dabei trank er sein Glas leer, in dem sich Wasser befunden hatte. »Wer sagt Ihnen denn, dass ich sie fotografiert habe?«

»Nicht?«

»Nun ja - möglich.«

Godwin hasste es, hingehalten zu werden. In diesem Fall saß der Mann am längeren Hebel. Da konnte er nichts machen. Aber er kannte die Geschichte, die das Bild zeigte.

Es ging um den Tod zahlreicher Templer. Sie waren vor Jahrhunderten in eine Falle gelockt worden. Ihre Feinde hatten keine Gnade gekannt und die Ritter bis zum letzten Mann niedergemetzelt. Man hatte sie in eine Gruft geworfen, in ein Massengrab, und so war der Name Templer-Gruft entstanden.

Über Jahrhunderte war dieser Begriff immer wieder mal aufgetaucht. Es gab Beschreibungen des Ortes, die irgendwelche Unbekannte hinterlassen hatten, doch in allen Beschreibungen war diese goldene Rüstung erwähnt worden, die den Mittelpunkt der Gruft bildete.

Dass es ein Foto von ihr geben würde, das hatte Godwin nicht für möglich gehalten. Jetzt sah er es, und er ging davon aus, dass es keine Fälschung war.

Graham schien Gedanken lesen zu können, denn er fragte: »Denken Sie darüber nach, ob es eine Fälschung sein könnte?«

»In der Tat.«

Henri Graham schüttelte den Kopf. »Das ist es aber nicht, ja, das schwöre ich Ihnen.«

»Gut, ich akzeptiere es, Monsieur Graham. Aber wo ist diese Aufnahme geschossen worden?«

Plötzlich fing Graham an zu lachen. Er legte dabei den Kopf in den Nacken und streckte die Hände in die Luft. »Bitte, Monsieur de Salier, Sie glauben doch nicht, dass ich Ihnen mein Wissen so mir nichts dir nichts preisgebe.«

Godwin ärgerte sich über diese Bemerkung. Er riss sich aber zusammen und fragte: »Weshalb sitzen wir dann hier?«

»Ich bin gekommen, um zu verhandeln.«

»Und worüber?«

»Nichts auf der Welt ist umsonst. Selbst der Tod kostet das Leben. Und das ist mit dem Foto hier ebenso. Wir müssten uns schon über einen Preis einig werden.«

Dass es darauf hinauslaufen würde, hatte sich der Templer in den letzten Sekunden schon gedacht. Was sein Gegenüber gesagt hatte, klang durchaus menschlich, aber Godwin traute dem Mann nicht. Er wusste nicht, wer er war und woher er kam. Aber er war ein Wissender, sonst hätte er sich nicht mit ihm in Verbindung setzen können. Er musste mehr über die Vergangenheit erfahren haben, die speziell die Templer betraf, dennoch glaubte Godwin nicht, dass er dazugehörte. Möglicherweise war er durch einen Zufall auf das Geheimnis gestoßen.

»Wer sind Sie, Monsieur Graham?«

»Sie kennen meinen Namen doch.«

»Das ist mir zu wenig.«

»Es sollte reichen.«

»Ich brauche Hintergründe.«

»Nein, nicht jetzt, erst wenn wir uns einig sind«, flüsterte Graham. »Dann werden Sie die ganze Wahrheit erfahren.«

»Einig zu sein heißt, dass es um Geld geht.«

Die hellen Augen des Mannes strahlten. »Das haben Sie gut erfasst, Godwin.«

Der Templer kam jetzt zur Sache. »Und an welche Summe haben Sie gedacht?«

Henri Graham fuhr mit der flachen Hand über sein dichtes Haar. »Das ist schwer, muss ich zugeben.«

»Sagen Sie die Summe.«

Die Augen des Mannes verengten sich. »Was wären Ihnen meine Informationen denn wert?«

»Nicht unbedingt Geld. Unsere Mittel sind begrenzt. Aber wir könnten möglicherweise in der Zukunft auf bestimmten Gebieten zusammenarbeiten.«

»Ach nein, das möchte ich nicht. Ich will schon meinen eigenen Weg gehen.«

»Und wo führt der hin?«

Da lehnte sich der Mann zurück und verschränkte die Hände am Hinterkopf. »Wissen Sie, ich bin ein Kosmopolit. Mal hier, mal da. Ich schlage mich durch.«

»Und wovon leben Sie?«

»Ha, das ist leicht.« Er setzte sich wieder normal hin. »Ich halte die Augen offen. Die Jobs liegen auf der Straße. Ich arbeite mal für den und dann wieder für einen anderen Auftraggeber. Da bin ich nicht festgelegt.«

»Und für wen arbeiten Sie in diesem Fall?«

Das Grinsen auf dem Gesicht wurde wieder breit. »Ich gebe Ihnen eine ehrliche Antwort. Im Moment arbeite ich für mich allein. Ist doch auch etwas - oder?«

»Verstehe, und nun versuchen Sie, Kapital aus dem Job zu schlagen.«

»Ja, das muss ich. Schließlich habe ich einige Kosten gehabt.«

De Salier legte den Kopf leicht schief und gestattete sich ein etwas geheimnisvolles Lächeln. »Könnte es sein, dass ich Sie als Agent bezeichnen kann?«

»Nicht schlecht gedacht.«

»Sehr schön. Und da Sie allein arbeiten, kann ich mir vorstellen, dass Sie Ihre Jobs mal dem einen Dienst und dann wieder einem anderen anbieten.«

»Sie kommen der Sache näher.« Der Mann legte seine Hände flach auf den runden Tisch. »Gehen Sie einfach davon aus, dass es der Fall ist. Ich bin ein Einzelgänger.«

»Und durch Zufall auf die Templergruft gestoßen. Kann ich das so stehen lassen?«

»Das werde ich nicht bestätigen und nicht abstreiten. Aber belassen wir es dabei. Ich kann mir auch vorstellen, dass Sie mit der Summe, die Sie zu zahlen bereit wären, Probleme haben, deshalb schlage ich Ihnen eine Bedenkzeit vor.«

Wie großzügig!, wollte Godwin sagen, riss sich aber zusammen und hielt sich zurück. »Wie lange?«, fragte er stattdessen.

»Nun ja. Bis heute Abend. Sagen wir zwanzig Uhr. Wir könnten uns in einem Restaurant treffen. Ich kenne hier ein sehr gutes, das für seine Gerichte mit Meeresfrüchten bekannt ist. Ich sehe wirklich ein, dass Sie nicht sofort alles entscheiden können, Sie müssen sich Gedanken machen, und ich kann Ihnen noch einen Hinweis geben.«

»Da bin ich gespannt.«

Henri Graham senkte seine Stimme. »Sie wissen selbst, wie stark der Goldpreis in den letzten Monaten gestiegen ist. Ich hätte auch nichts dagegen, Gold anzunehmen.«

Godwin zuckte zurück. »Ach, und Sie glauben, dass mir das Gold so einfach aus den Fingern rieselt?«

Graham verengte die Augen. »Einfach nicht, Godwin. Auch das muss reiflich überlegt sein. Ich sage mal so: Machen Sie sich Gedanken, und wenn wir uns heute Abend treffen, höre ich gern Ihren Vorschlag. Ist das ein Wort?«

Ja, das war es. Dem Templer war nichts entgangen, aber was dieser Mensch ihm da vorschlug, das war so etwas wie eine Erpressung. Er hatte den Eindruck, dass dieser Mann eine Maske trug. Was er wirklich dachte, behielt er für sich. Er war ein Spieler, ein Hasardeur und sagte jetzt wohlwollend: »Bitte, Sie können die Aufnahme behalten. Ich habe noch einige Abzüge.«

»Das dachte ich...

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