Der schwarze Spiegel

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 194 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-348-9 (ISBN)
 
Schloss Grottenbrunn im Spessart in den 80er-Jahren. Der wohlhabende Fabrikant Karl Ravinski lebte hier seit Kriegsende mit seiner von allen geliebten Frau Dorothea und den Kindern. 5 Jahre nach dem Tod der warmherzigen Dorothea heiratete er die junge, exzentrische Cora, mit der die 4 Kinder nie warm werden. Nach dem Tod des Vaters erbt Cora auch noch das Schloss und die Firma, von der seine Kinder mit ihren Familien leben. Bei einem Familientreffen eröffnet sie ihnen, dass sie alles verkaufen will . und wird am nächsten Morgen erschossen aufgefunden. Dass Kommissar Graf aus Frankfurt die Familienmitglieder verdächtigt, ist nicht verwunderlich. Irene kann nicht glauben, dass ihre Geschwister den Mord verübt haben sollen. Sie findet den alten schwarzen Spiegel wieder, der laut ihrer Mutter immer die Wahrheit sagte . auch dieses Mal?
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • 6,38 MB
978-3-95751-348-9 (9783957513489)

Coras Abschied

Im Osten schimmerte das erste Sonnenlicht über dem Wald, als sie das Schloss verließ. Sie schlich lautlos wie eine Katze, blieb an der Tür stehen, blickte sichernd umher, lauschte, alles war still, nichts rührte sich.

Keiner hatte sie gesehen und gehört, sie schliefen wohl alle noch. Es war spät geworden am Abend zuvor, das Essen zog sich lange hin, Rosine hatte ihr Bestes getan, denn sie wusste um die gespannte Atmosphäre im Haus und hoffte wohl, durch eine ausgedehnte und üppige Tafel die Gesellschaft friedfertig zu stimmen. Viel genützt hatte es nicht. Zwar saßen sie nach dem Essen noch zusammen in der Halle, die Stimmung blieb gedrückt, das Gespräch war mühsam. Jochen hatte vorgeschlagen, nach Hause zu fahren, aber seine Frau widersprach. Wenn Irene schon einmal hier sei, dann wolle sie auch den Rest des Abends mit ihr verbringen. Aber dann fiel ihr doch nichts anderes ein, als Irene mit dem Gejammer über ihre Kinder zu langweilen, das die anderen schon zur Genüge kannten. Dass das Gespräch nicht ganz erstarb, war Gisela zu verdanken, sie war klüger und geschickter als Hella, verstand es gut, kleine spöttische Bemerkungen anzubringen und direkte Fragen elegant zu servieren. Aber von Irene war nicht viel zu erfahren, sie wirkte abwesend, schon während des Essens hatte sie kaum gesprochen, dann schwieg sie überhaupt, blätterte in einer Zeitschrift, nippte an ihrem Whisky.

Jochen und Bert unterhielten sich leise über geschäftliche Angelegenheiten, solche nebensächlicher Art. Über die Gesellschafterversammlung, die an diesem Tag stattgefunden hatte, würden sie erst sprechen, wenn sie allein waren. Felix setzte sich immer wieder vor das Radio und drehte daran, fand er eine Musik, die ihm zusagte, drehte er auf volle Lautstärke, bis jemand Einspruch erhob.

Ihr wütender Blick hatte schließlich die beiden jungen Männer aus der Halle verscheucht, die mit gekreuzten Beinen vor dem Kaminfeuer saßen, leise miteinander flüsterten und hin und wieder albern kicherten. Die Familie beachtete sie nicht, genauso wenig wie diese einen Blick an sie verschwendeten. Als die Jungen verschwunden waren, fragte Hella ungeniert: »Sag mal, schläfst du eigentlich mit beiden, oder treiben die es nur miteinander?«

Jochen sagte verärgert: »Bitte!«, und blickte seine Frau strafend an.

Gedacht hatten sie das wohl alle, und Felix meinte sanft: »Aber lass sie doch. Das sind doch wirklich zwei niedliche Typen. Die könnten mir auch gefallen, wenn ich auf so was stünde.« Das war deutlich genug, sie merkte, wie die Wut in ihr hochstieg. Dieser Nichtstuer, dieser hochnäsige Fixer, der noch nie im Leben eine eigene Mark verdient hatte, wagte es, hier in ihrem Haus den Mund aufzumachen.

Irene blickte von ihrer Zeitschrift auf und sah ihren Bruder nachdenklich an, dann seine Frau, die still und stumm neben ihm saß in ihrem albernen Schlabberkleid, die langen Wimpern über die farblosen Augen gesenkt.

Dann stand Irene plötzlich auf, warf die Zeitschrift auf den Sessel und sagte, an niemanden gerichtet, dass sie müde sei, und ohne noch jemand anzusehen, ging sie lässig durch die Halle und stieg langsam die Treppe hinauf. Das war Irenes Art, ihre Ablenkung, ihren Verdruss an der ganzen Situation merken zu lassen.

Cora hatte Irene nachgesehen. Wenn es einen Menschen in dieser Familie gab, zu dem sie sich hingezogen fühlte, dessen Freundschaft sie gern gewonnen hätte, so war es Irene. Aber sie hatte nie eine Chance gehabt, Irene näherzukommen. Sie hatte sich mit Hella oft gestritten, es gab bissige Auseinandersetzungen mit Gisela, mehr oder minder notwendige Gespräche mit den Männern, eine wechselvolle Beziehung zu Felix, je nachdem, in welcher Stimmung er sich gerade befand, er war launisch wie ein Kind, manchmal liebenswürdig, ja zutraulich, doch dann wieder gereizt und verdrossen.

Eins nur stand fest: Jeder Mensch in dieser Familie hasste sie. Mochte es anfangs nur Abneigung, Ablehnung gewesen sein, mit der Zeit war es Hass geworden.

Sie empfand es so, fühlte es geradezu körperlich, und darum war es Zeit, sich zu lösen, fortzugehen. Sie würde nie zu ihnen gehören, und das, wonach sie verlangt hatte, ein wenig Liebe und Geborgenheit, würde sie hier nie bekommen. Aber nun war es vorbei. Sie hatte ihnen gesagt, was sie tun würde, und danach konnte ihr die ganze Sippe gestohlen bleiben.

Als sich endlich alle zurückgezogen hatten, war sie hinaufgegangen in ihr Zimmer, hatte eine Weile nur so dagesessen, hatte geistesabwesend ihre Lippen nachgezogen, die Nase gepudert und gedacht: Warum haben sie mir nie geglaubt, dass ich Karl wirklich gern hatte. Er gab mir, was ich nie besessen hatte, Liebe und Geborgenheit, und darum liebte ich ihn. Nicht nur, weil er Geld hatte.

Ach, zum Teufel mit diesen sinnlosen Gedanken!

Schluss jetzt. Vorbei.

Sie stand rasch auf, ging über den Gang in Roys Zimmer, und wie nicht anders erwartet, war der Neunzehnjährige bei ihm, sie saßen auf dem Boden und spielten mit Würfeln. Ohne weitere Einleitung warf sie Roy die Puderdose, die sie noch in der Hand hielt, an den Kopf, der Puder stäubte über sein Gesicht, sein Hemd und auf den Teppich. »Hatte ich nicht angeordnet, dass ihr verschwunden sein sollt, wenn die Familie hier eintrifft? Habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt?«

»Angeordnet!« Roy klopfte sich den Puder von seinem reinseidenen Hemd. »Bella mia! Was für Töne! Sind wir hier beim Militär?«

»Du machst mich lächerlich. Zwei von mir ausgehaltene Schwule, die hier auf dem Schloss herumschmarotzen, das ist ein fabelhafter Eindruck, den ich auf die mache.«

»Das kann dir doch egal sein. Es ist dein Schloss, dein Zaster, deine Fabrik. Die können froh sein, dass du sie mal einlädst und in dem Laden wurschteln lässt. Wenn du willst, kannst du sie alle an die Luft setzen. Das hast du doch neulich erst gesagt. Dir gehört die Mehrheit der Firma. Wenn du dein Geld rausziehst, können sie sich ihre Küchen an den Hut stecken.«

»Halt dein dummes Maul, du miese Schwuchtel, was verstehst du denn davon?«

»Für 'ne feine Dame hast du ja komische Ausdrücke. Erinnert dich an frühere Zeiten, wie? Und was hast du auf einmal an mir auszusetzen? Warst du mit meinen Diensten unzufrieden?«

»Wenn ich gewusst hätte, dass du von der Sorte bist -«

Roy grinste unverschämt. »Na, das weißt du ja nun schon eine ganze Weile. Begabt muss man eben sein. Es gibt Leute, die können sowohl dies wie das.«

Der blonde Junge lag rücklings auf dem Teppich und blickte zur Decke. Er war schön wie ein Engel. In seinen Augen standen Tränen.

»Ich wünschte, du würdest es mit ihr nicht tun«, flüsterte er. Die Wut erstickte sie fast. Sie war selbst schuld daran, sie hatte geduldet, dass Roy diesen sogenannten Freund mitbrachte, und hatte mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass ihr Liebhaber eine echte Doppelbegabung war.

Sie spuckte alles aus, was sie auf dem Herzen hatte, und sie tat es nicht auf feine Weise, es wurde ein lauter heftiger Streit, sie ohrfeigte Roy, er ohrfeigte sie ebenfalls, der blonde Junge schluchzte verzweifelt, umklammerte Roys Knie, sie trat nach ihm mit voller Wucht. Ermattet gab sie auf.

»Ihr frühstückt auf dem Zimmer, dann steigst du in deine Karre, und ihr verschwindet, so schnell es geht. Ohne dass euch einer sieht. Das ist keine Anordnung, das ist ein Befehl.«

»Sehr wohl, Geliebte. Und wann sehen wir uns wieder?«

»Gar nicht.«

Mit einer geschmeidigen Bewegung legte Roy die Arme um sie, seine Lippen berührten ihre Schläfe. »Aber Bella! Bellissima! Das kann dein Ernst nicht sein. Was tust du ohne mich?«

Der Blonde heulte auf, und nun trat Roy mit dem Fuß nach ihm.

»Sei still, du Esel. Wovon willst du eigentlich leben?«

Unwillkürlich musste sie lachen. »Du bist wenigstens ehrlich. Aber ich würde sagen, die Talente, die er hat, kann man ja wohl auch zu Geld machen.«

»Du willst mich wirklich nicht wiedersehen?«

»Nein. Und wage es nicht, hier noch einmal aufzukreuzen. Ich werde wieder heiraten. Und zwar einen richtigen Mann. Einen, der mir die ganze verdammte Sippe vom Leib hält.«

»Hast du schon einen in petto?«

»Klar.«

»Aha. Darum kannst du dich so leichten Herzens von mir trennen.«

»Das wäre mir noch nie schwergefallen.«

»Und das Wägelchen darf ich behalten? Wirklich? Nicht, dass es nachher heißt, ich hätte es geklaut.«

»Ich habe es dir geschenkt«, sagte sie kurz.

Dann verließ sie das Zimmer ohne ein weiteres Wort. Es war drei Uhr morgens, und sie war betäubt von Ärger und Müdigkeit.

Das Wägelchen, einen fast neuen Porsche, hatte sie ihm wirklich geschenkt. Sie mochte nicht mehr darin fahren, seitdem sie auf der Autobahn die Herrschaft über den Wagen verloren hatte und beinahe verunglückt wäre.

Als sie in der Morgenfrühe aus dem Haus schlich und hinüberging zum Stall, war sie trotz der Müdigkeit voll von wilder Entschlossenheit.

Endlich wusste sie, was sie tun würde. Fortgehen. Schluss machen mit allem hier. Sie hatte so oft daran gedacht, aber nun war es so weit. Viel zu lange hatte sie sich die Unverschämtheiten dieser Leute gefallen lassen.

Gesellschafterversammlung! So ein Blödsinn. Sie konnten ihr erzählen, was sie wollten, was verstand sie schon von der Fabrik? Aber sie würde heiraten und ihnen einen Mann vor die Nase setzen, der sehr wohl verstehen würde, wie die Geschäfte liefen. Und vor allem musste sie das alte Gemäuer loswerden. Schloss! Lächerlich. Eine Bruchbude...

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