Wo hohe Türme sind

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 491 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-355-7 (ISBN)
 
Kurz nach dem 1. Weltkrieg wächst Angèle geliebt und behütet auf Schloss Bodenstein auf. Ihr Vater, Graf Bodenstein, fühlt sich als Böhme, nichts anderes, es ist ihm gleichgültig, zu welchem Staat seine Heimat gerade gehört. Als er 1938 stirbt, heiratet Angèle den fürsorglichen Arzt Karl Anton Wieland, doch der 2. Weltkrieg beendet ihr glückliches Leben auf dem Schloss mit dem hohen Turm. Angèle verliert alles: ihre geliebte böhmische Heimat, ihre Freunde und den Mann, der verschollen bleibt. Mit Tochter Blanca und Stiefsohn Peter flüchtet sie nach Franken zu Josefa, der Schwester ihres Mannes. Die Familiengeschichte verfolgt das schillernde Schicksal der schönen Gräfin und ihrer Familie in den stürmischen Zeiten der Nachkriegsjahre bis 1990 - vom Frankenland über Wien, Berlin, München, Amerika, Italien - bis der Kreis sich in Prag wieder schließt.
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • 7,04 MB
978-3-95751-355-7 (9783957513557)

Prolog

Die Gemahlin des Kaisers erwachte zu ungewohnt früher Stunde. Ein schrilles, kratzendes Geräusch hatte sie so jäh geweckt, dass sie erschrocken die Augen aufriss, noch gefangen in einem Traum, nun verwirrt in der fremden Umgebung. Was war das? Und wo befand sie sich eigentlich? Ach ja, in einem Hotel. Sie musste geträumt haben. Sicher von einem Krach mit der Bürgerin.

Sie wandte den Blick zur Seite, seine Stirn lag auf ihrer Schulter, er schlief noch fest. Ihre Körper berührten sich nicht, denn er wusste, dass sie das nicht mochte. So leidenschaftlich sie in der Umarmung war, so zärtlich sie sich an ihn schmiegte, zuvor und danach, im Schlaf wollte sie allein sein.

Sie schloss die Augen, öffnete sie gleich wieder. Sie würde nicht wieder einschlafen, so hell wie es in diesem Zimmer war, die Vorhänge taugten nichts.

Sie zuckte mit der Schulter. Wenn sie nicht schlief, brauchte er auch nicht zu schlafen.

Er war sofort da. Sein Arm legte sich so behutsam um ihren Körper, wie seine Stirn an ihrer Schulter gelegen hatte.

»Du bist schon wach?«

»Es ist so hell. Und so ein Krach.«

»Was für ein Krach? Ich höre nichts.«

»Ein grässliches Geräusch. Vielleicht habe ich auch nur geträumt. Nein! Da ist es wieder. Das geht einem durch und durch.«

»Was ist das denn?«

Ein schleifendes, schepperndes Kratzen direkt vor dem Fenster. Er lachte leise. »Das ist die Straßenbahn. Die hättest du gestern schon hören können, als wir schlafen gingen. Aber du hattest fünf Becherovka getrunken, da hast du gar nichts mehr gehört.«

»Du gehst mit mir in ein Hotel, an dem direkt eine Straßenbahn vorbeifährt?« Sie richtete sich auf und schüttelte seinen Arm ab. »Also wirklich!«

»Es ist das erste Haus am Platze. Und schalldichte Fenster haben sie hier noch nicht.«

»Es hat mir gleich nicht gefallen. Warum sind wir überhaupt hier?«

»Du wolltest partout in diese Stadt.«

»Sag bloß nicht wegen dem Bier.«

»Wegen des Bieres«, verbesserte er freundlich.

»Ach, komm mir nicht germanistisch. So spricht kein Mensch. Außerdem kann ich Bier nicht ausstehen, das weißt du doch. Ich habe für den Rest meines Lebens genug von Bier.«

»Das weiß ich, Liebling. Aber jetzt bist du in Pilsen, und hier gibt es ein besonders gutes Bier. Mir hat es gestern Abend sehr gut geschmeckt, und ich habe bestens darauf geschlafen.«

»Du bist ganz einfach rücksichtslos. Du schläfst wie ein Ratz, und ich kann nicht schlafen.«

»Du bist noch vor mir eingeschlafen. Ich habe nicht einmal einen Gute-Nacht-Kuss bekommen.«

»Wozu auch?«, sagte sie streitlustig. »Du bist lange genug ohne Gute-Nacht-Kuss von mir ausgekommen.«

»Umso notwendiger brauche ich ihn jetzt.«

Diesmal nahm er beide Arme, sie ließ sich zurücksinken, doch sie drehte den Kopf zur Seite, sodass er nur ihre Wange küssen konnte. »Du wachst auf und bist gleich schlechter Laune, Majestät.«

»Das bin ich oft. Überhaupt, wenn ich nicht ausgeschlafen habe. Wie spät ist es eigentlich?«

Er griff über die Schulter nach der Uhr auf dem Nachttisch. »Kurz nach sieben.«

»Na bitte! Das ist eine unmenschliche Zeit, um aufzustehen.«

»Wer redet von Aufstehen?«

»Nein, lass mich. Es ist auch zu früh für die Liebe.«

»Dann schlaf noch ein bisschen.«

»Kann ich nicht. Mit diesem Ungeheuer auf der Straße. Jetzt kommt sie wieder. Kannst du mir sagen, aus welchem Jahrhundert diese Straßenbahn stammt?«

»Möglicherweise aus dem vorigen. Kann sein, dein Vater ist schon damit gefahren. Oder dein Großvater.«

»Mein Vater war Arzt und hatte ein Auto. Und mein Großvater war Ingenieur bei den Skoda-Werken, also wird er wohl auch ein Auto gehabt haben.«

»Nehmen wir mal an, als dein Vater ein kleiner Junge war und in die Schule ging, dass er damals .«

»Mit dieser quietschenden Tram gefahren ist. Du langweilst mich. Hör auf, von dieser blöden Straßenbahn zu reden.«

»Du hast davon angefangen.«

»Erklär mir lieber, warum wir hier sind. In diesem blöden Hotel mit der blöden Straßenbahn vor dem Fenster. Das Essen war auch schlecht. Nur der Schnaps war gut. Wie heißt er, sagst du?«

»Becherovka. Ich habe ihn dir empfohlen, ich wusste nur nicht, dass du dich damit betrinken würdest.«

»Ich bin nicht betrunken von fünf Schnäpsen. Sie schenken allerdings sehr gut hier ein, das muss ich zugeben.«

»Das erste Lob, das du der Heimat deiner Väter zukommen lässt.«

»Becherovka. Trink ich heute wieder. Du kennst ihn wahrscheinlich aus Prag, als du mit deiner Freundin dort warst.«

Er nickte. »Ich kenne ihn aus Prag, als ich mit meiner Freundin dort war.«

»Wie oft warst du mit der Dame in Prag?«

»Mindestens viermal. Wenn nicht fünfmal.«

»Ich hasse dich. Vermutlich bist du nichts anderes als ein widerlicher kommunistischer Spion.«

»Das könnte man vermuten.«

»Darum hat man mich auch nicht verhaftet, eingesperrt, gefoltert und hingerichtet, als ich gestern über die Grenze kam.«

»Warum sollte man das alles mit dir tun?«

»Wenn sie wissen, wer ich bin, werden sie es tun. Und natürlich wissen sie es. Aber sie denken, du wirst mich ihnen sowieso ausliefern.«

»Und warum sollte ich das tun?«

»Du bekommst dafür den Stalin-Orden. Oder den Lenin-Orden, oder was es heute so gibt. Aber am Ende werden sie dich auch hinrichten, das geht allen verdammten Spionen so. Das hat der Kaiser auch mit ihnen getan. Eigentlich hätte der Grenzer an meinem Namen sehen müssen, dass ich die Frau des Kaisers bin.«

»Du erwartest zu viel von einem Grenzbeamten. Er weiß weder, wer der Kaiser war, noch wie seine Frauen hießen. Das lernt man heutzutage nicht in einer tschechischen Schule.«

»Sprich nicht in der Mehrzahl!«

»In der Mehrzahl von was?«

»Du hast Frauen gesagt.«

»Bekanntlich hatte er vier.«

»Die Namen der anderen hat sich kein Mensch gemerkt. Und er hat nur mich geliebt. Vermutlich hat man mich deswegen ermordet.«

»Es steht nirgends geschrieben, dass man dich ermordet hat.«

»Warum wäre ich sonst so jung gestorben?«

»Zweiunddreißig war für die damalige Zeit ein sehr angemessenes Alter. Die meisten Frauen sind schon vorher gestorben, im Kindbett oder an einem Schnupfen. Wenn wir noch in deiner Traumzeit leben würden, wärst du längst tot.«

»Du bist gemein. Jetzt schmeißt du mir noch mein Alter vor. Ich lasse mich scheiden.«

»Wenn ich der Kaiser wäre, könntest du dich gar nicht scheiden lassen. Ich könnte dich verstoßen und dich in ein Kloster sperren oder dich vergiften lassen, wenn es mir so beliebt und .«

»Siehst du!«

»Und außerdem kannst du dich gar nicht scheiden lassen, denn wir sind nicht verheiratet.«

»Das hätten die ja auch merken müssen hier in diesem Saftladen. Eine schlampige Diktatur ist das.«

»Eine tschechische eben. Nebenan, in der deutschen, ist man gründlicher. Da wüssten sie genau Bescheid, dass du die Gemahlin des Kaisers bist und unter einem italienischen Namen reist und aus einem reaktionären Feudalgeschlecht stammst.«

»Und du ein Spion bist.«

»Da hätten sie uns vermutlich schon eingelocht. Allerdings - eines darf man nicht vergessen, hier wie dort haben sie Spaß an Devisen.«

»Die Straßenbahn!« Sie richtete sich wieder auf. »Sag mal, hast du mit jener Dame auch in diesem Hotel gewohnt?«

»Ich war nie mit ihr in Pilsen. Immer in Prag.«

»Du denkst doch nicht im Ernst, dass ich in demselben Hotel mit dir wohne, wo du mit dieser Person abgestiegen bist.«

»Mit ihr habe ich am Wenzelsplatz gewohnt. Für dich habe ich ein anderes Hotel ausgesucht. Ein schönes, neues, amerikanisches, direkt am Moldau-Ufer.«

»Ich hasse dich. Ich werde dich in Prag in den Kerker werfen und später ermorden lassen. Ja«, sie breitete begeistert die Arme aus, »ich weiß auch schon, wie. Sie werden dich fesseln und in die Moldau werfen. Du wirst ertrinken wie der heilige Nepomuk.«

»Es ist zwar ein kommunistisches Regime, aber ich glaube nicht, dass sie unliebsame Leute noch auf diese Weise beseitigen.«

»Es ist mir egal, was sie mit den anderen machen. Mit dir wird es so gemacht, wie ich es will.«

»Du bist grausam, Majestät.« Er hob die Hand und legte sie um ihre linke Brust. »Wirst du mich vorher noch küssen?«

»Ehe man dich in die Moldau schmeißt? Kommt nicht in Frage; man würde denken, dass ich dich begnadige.«

»Dann küsse mich jetzt.«

Sie ließ sich weich an ihm niedergleiten, küsste sein Ohr, seine Wange, die Kinnspitze.

»Ich muss dich was fragen.«

»Ja?«

»Warum sind wir eigentlich in Pilsen?«

»Du wolltest es. Nicht unbedingt wegen dem Bier.«

»Nein. Wegen Vater. Gestern hat es geregnet, als wir kamen. Ich habe nicht viel von der Stadt gesehen.«

»Wir werden heute einen Rundgang machen.«

»Falls es nicht mehr regnet. Meinst du, sie haben heute Nacht unseren Wagen aufgebrochen oder gleich gestohlen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Solltest du nicht nachschauen gehen?«

»Jetzt nicht. Später.«

»Und du willst auch nicht nachschauen, ob es noch regnet?«

»Nein. Solange wir im Bett liegen, ist es unwichtig.«

»Dann werde...

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