Wolkentanz

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 528 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-352-6 (ISBN)
 
Mecklenburg im Mai 1945. Der Krieg ist gerade vorbei, da findet der Bauer Jochen im See eine fremde Frau und rettet sie vor dem Ertrinken. Da sie nach einer Vergewaltigung ein Kind erwartet, wollte sich die schöne Schauspielerin Constanze das Leben nehmen. Jochen und Elsgard, seine Frau, nehmen sie auf und überreden sie, das Kind zur Welt zu bringen. Die kleine Cordelia ziehen sie als ihre eigene Tochter auf. Durch die Bodenreform verlieren sie jedoch ihren geliebten Hof. Auch die Familie von Renkow, auf deren Gut Elsgard aufwuchs, muss sich eine neue Heimat suchen. Der Roman schildert eindringlich das Schicksal der beiden Familien bis in die 68er-Jahre, in Mecklenburg, Berlin, München und im Münsterland. Ein bewegendes Stück Zeitgeschichte vor dem Hintergrund der faszinierenden Welt von Film, Theater und Ballett!
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • 6,95 MB
978-3-95751-352-6 (9783957513526)

Die Tote im See

Die Sonne steigt über dem Wald auf, er wendet geblendet den Kopf zur Seite, und da sieht er etwas Blaues im Schilf. Es sieht aus wie ein Ballon, der da schwimmt, sich sacht im Wasser bewegt. Er greift nach dem Holz, treibt das Boot langsam uferwärts, dann wird das Wasser flach, das Boot bleibt im Schilf stecken.

Und dann packt ihn Entsetzen, ein anderes Entsetzen diesmal.

Karolinchen!

Da liegt ein Mensch im Wasser.

Karolinchen kann es nicht sein, sie ist auf dem Els eingebrochen und ertrunken, das ist acht Jahre her. Sie trug ein blaues Mäntelchen. Darum fiel es ihm ein.

Er stakt langsam heran. Eine tote Frau. Das blaue Kleid, das sie trägt, hat sich im Wasser aufgebläht wie ein Segel. Der Kopf mit langen dunklen Haaren liegt zurückgebogen auf einem Kissen von Schilf.

Wie lange liegt sie da? Sie ist ertrunken. Sie sieht nicht aus wie eine Ertrunkene, und ihr Kopf ist nicht im Wasser.

Ist sie wirklich tot? Sie liegt da wie in tiefem Schlaf. Er greift mit der Hand über den Bootsrand nach ihrem Gesicht. Kalt. Sie muss tot sein. Er weiß nicht, was er tun soll. Wenn er das Boot hier im seichten Wasser stecken lässt, kann er an Land waten und sie herausziehen.

Und was macht er dann? Eine tote Frau, was soll er mit ihr tun? Irgendetwas muss er tun. Muss er nicht. Eine tote Frau mehr oder weniger in dieser Zeit spielt keine Rolle. Aber er hat sie gesehen, er hat sie berührt, er muss sie an Land bringen, er kann sie nicht einfach hier im Wasser liegen lassen.

Er klettert aus dem Boot, watet ins Wasser, es ist mühsam, mit einem Arm einen leblosen Körper aus dem Wasser zu ziehen. Er wird nass bis zu den Hüften, und nun gerät auch ihr Kopf unter Wasser, aber als er sie schließlich auf dem Trockenen hat, hört er ein Stöhnen, und sie macht die Augen auf. Nur für eine Sekunde, dann fällt ihr Kopf zur Seite, sie ist wieder bewusstlos oder nun wirklich tot. Er legt den Finger an ihre Halsschlagader, er spürt nichts.

Und was nun? Er kann sie keinesfalls ins Haus transportieren, er muss Els holen, sie wird inzwischen aufgestanden sein.

So schnell er kann, läuft er zurück, vergisst ganz, sich umzuschauen, ob irgendeine Gefahr droht.

Els steht unter der Tür, die Katze auf dem Arm.

»Wo bist du denn?«, fragt sie angstvoll.

Er berichtet hastig, und dann läuft Els mit ihm zum See. Die Frau liegt so, wie er sie liegen ließ, regungslos, leblos. Das nasse blaue Gewand ist nicht mehr gebläht, es ist zusammengesunken, bedeckt die Gestalt bis zu den Füßen.

Els sagt dann auch als Erstes: »Was hat die denn da an? Das sieht aus wie . wie .«

»Was meinst du?«

»Wie ein Abendkleid. Oder .« Sie kniet nieder, beugt sich über das Gesicht der Frau. Ein leiser Wind kommt vom See her, bewegt das Schilf, es wirft Schatten über das blasse Gesicht am Boden, es sieht auf einmal nicht mehr so leblos aus.

Els legt ihre Hand auf die Brust der Frau, legt dann ihr Ohr auf die Brust, lauscht, ob sie einen Herzschlag hört, fasst dann nach dem Puls.

»Es ist nichts zu hören«, sagt sie aufgeregt. »Du denkst, sie ist nicht tot?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aber wenn sie doch hier im Wasser gelegen hat.«

»Komm, ich zeig dir, wo.«

Els steht auf, er hebt die Hand, beschreibt die Stelle, wo die Frau lag, wie sie da lag.

Das Boot ist dort an der Stelle, es bewegt sich nicht, der Kiel steckt im Sand.

»Und du hast nicht gesehn, wie sie da hinkam?«

»Nein, ich sage dir doch, ich bin von dort gekommen, und dann .«

Er beschreibt genau, was sich abgespielt hat, von wo er kam, wie er sie gesehen hat, wie das Kleid sich über dem Wasser blähte, wo ihr Kopf lag.

»Sie kann doch nicht die ganze Nacht dort gelegen haben. Das gibt es doch nicht. Es war so kalt. Sie hat die Augen aufgemacht, sagst du?«

»Eine Sekunde. Eine halbe Sekunde.«

Ein Flug Enten steigt plötzlich aus dem Schilf auf, streicht über den See ab, sie erschrecken beide, jetzt sieht sich Jochen in der Gegend um. Nichts. Leer die Wiese, keine Bewegung am Waldrand.

»Wenn sie tot ist, können wir sie hier liegen lassen.«

»Können wir nicht. Die Tiere aus dem Wald werden über sie herfallen.«

»Sollen wir sie vielleicht begraben?«, fragt Els. »Wie stellst du dir das vor? Wie unseren Mutz?« Sie steht, legt die Hand über die Augen, denn die tiefstehende Sonne blendet sie. »Er fehlt mir so«, fügt sie hinzu.

»Im ersten Moment«, sagt er, »bekam ich einen Schreck. Als ich das Blau sah. Ich musste an Karolinchen denken.«

Els wirft ihm einen kurzen Blick zu, schiebt ärgerlich die Unterlippe vor.

»Davon wird nicht geredet«, bescheidet sie ihn. »Also gut, dann bringen wir sie vom See weg, legen sie in die Sonne. Da wird sich dann finden, ob sie lebt oder nicht.«

»Wir nehmen sie mit«, entscheidet Jochen.

»Und wie machen wir das? O doch, ich weiß. Ich hole die Schubkarre.« Sie läuft schon, sie hat einen kurzen Rock an und die schmutzige dunkle Jacke, die sie jetzt immer trägt, wenn sie aus dem Haus kommt. Sie ist schlank und zierlich, und wie sie da über die Wiese rennt, sieht sie aus wie ein junges Mädchen. Wie das Mädchen, in das er sich damals verliebte, er war zweiundzwanzig und sie gerade sechzehn.

Er kannte sie, wie alle Leute vom Gut, seit seiner Kindheit, die kleine Els, die er kaum beachtet hatte, und nun war sie auf einmal kein Kind mehr. Er sah sie mit anderen Augen, aber eigentlich war sie es, die sich in ihn verliebte. Oder jedenfalls zeigte, dass er ihr gefiel. Einmal kam sie mit Alexander zum Luminhof geritten, und dann mit Inga, als die Ferien hatte. Und dann kam sie auch allein, auf dem Pfad durch den Wald.

»Ich muss Ilka bewegen, sie hatte eine schwere Kolik. Der Doktor sagt, sie muss jeden Tag im Schritt rausgehn. Hier, halt mal!«

Sie gab ihm die Zügel in die Hand, sprang vom Pferd und ging dann ins Haus, setzte sich zu seiner Mutter in die Küche.

Es war ein Sonntag, Anfang Oktober. Es war 1923, das Jahr der Inflation, auf dem Gut hatten sie große Sorgen, und Jochen konnte sich keine Taglöhner mehr leisten, er und seine Mutter schufteten bis zum Umfallen.

Elsgard sah hübsch und gepflegt aus, trotzdem sagte seine Mutter, nachdem sie wieder allein waren: »Die arme Deern! Keine Mutter, und dann ist der Vater auch noch gefallen.«

Elsgards Vater war nicht gefallen, er war kurz vor Kriegsende an der Ruhr gestorben, irgendwo in den Vogesen. Er war der Inspektor auf dem Gut gewesen, stammte aber nicht aus Mecklenburg, er kam aus Schleswig, seine Frau war Dänin.

»Sie sieht ihrer Mutter sehr ähnlich. Kannst du dich an die noch erinnern?« Und als Jochen den Kopf schüttelte: »Eine hübsche Frau. Und immer so fröhlich. Sie sprach so ein ulkiges Deutsch. So, als hätte sie eine Kartoffel im Mund. Der Kröger ging dann weg nach ihrem Tod. War ihm wohl sehr nahegegangen. Das Kind wollte er gar nicht ansehen. Ist ja manchmal so, dass Männer dem Kind die Schuld geben, wenn eine Frau bei der Geburt stirbt. Aber Frau von Renkow bestimmte, dass man sich um das kleine Mädchen kümmerte, als gehöre es zur Familie. Und man soll's nicht glauben, dann stirbt auch sie ein Jahr später. Zwei Söhne hatte sie geboren, und alles war gut gegangen. Ach ja, und dazwischen hatte sie mal eine Fehlgeburt. Und nun hatten sie zwei mutterlose kleine Mädchen auf dem Gut. Was hätten sie bloß ohne Olga gemacht. Eines Tages kam dann der Kröger zurück. Herr von Renkow nahm ihn wieder, ohne Vorwurf, ohne Geschrei, der Kröger war ein guter Mann. Und nun hatte er auch seine kleine Tochter lieb. Jetzt ist er tot. Wie unser Vater auch. So ist das mit dem Krieg nun mal.« Schicksalsergeben, geduldig hatte Jochens Mutter das gesagt. So ist das mit dem Krieg nun mal.

Sie hat es als Schicksal hingenommen, damals. Und wir haben genau dasselbe getan, diesmal. Warum wehren sich Menschen eigentlich nicht? Und wenn heute die Russen wiederkommen und meinen Hof anzünden, nehmen wir es auch hin. Warum sind wir eigentlich so?

Jochen hat sich auf die Wiese gesetzt, neben die tote oder halbtote Frau, während er auf Els wartet. Das Gras ist noch nass, aber er ist sowieso nass aus dem Wasser gekommen. Es ist immer noch kalt, obwohl die Sonne, die Maisonne, versucht, ihn zu wärmen.

Seltsam, dass er jetzt an seine Mutter denkt. Nein, gar nicht seltsam. Seine Mutter und Els waren die wichtigsten Menschen in seinem Leben. Kein Vater, keine Geschwister, nur immer Arbeit von früh bis spät. Und dann kam dieses junge, heitere Mädchen in sein Leben, zeigte ganz unverhohlen, dass sie ihn leiden mochte. Elsgard Kröger vom Gut. Sie war viel klüger als er, hatte viel gelernt. Er war gerade vier Jahre in die einklassige Dorfschule gegangen, später einige Male im Winter für ein paar Wochen. Ein Hof, auf dem der Bauer fehlte, konnte einen Jungen nicht lange entbehren. Sie konnten sich damals in der schlechten Zeit kaum Arbeitskräfte leisten, Herr von Renkow schickte ihnen immer zur Ernte ein paar Leute zur Hilfe.

Einmal kamen Elsgard und Alexander zu Weihnachten mit dem Schlitten vom Gut zu Besuch, es war kalt, und es lag hoher Schnee.

»Els will dich unbedingt besuchen, Jochen. Sie hat Handschuhe für dich gestrickt und eine warme Mütze, die will sie dir bringen. Ich möchte wissen, was sie an dir findet.«

Elsgard wurde zwar rot, doch sie lachte. Sie war nicht sehr verlegen, und gelacht hatte sie immer gern.

»Möchtste gern wissen, was?«

Sie hatte auch für seine Mutter ein Geschenk...

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