Der Tanz auf dem Regenbogen

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 458 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-353-3 (ISBN)
 
50er-Jahre, Weihnachten in München. Von ihrem geliebten Vater bekommt Elisabeth das teure "Regenbogenkleid" - dabei leben die Kriegsflüchtlinge aus Danzig nach schweren Jahren in einfachen Verhältnissen. Bei einem Verkehrsunfall lernt sie den umschwärmten Schauspieler Veit Gregor kennen. Aus einer Laune heraus kümmert sich der exzentrische Lebemann um Elisabeth: eine neue Rolle für den Filmstar. Die unscheinbare scheue Frau passt so gar nicht in seine glitzernde Scheinwelt, doch er hält an ihr fest - und aus ihrer Dankbarkeit wird Zuneigung. Doch seine unberechenbaren Gefühle - zwischen zärtlicher Leidenschaft und kalter Gleichgültigkeit - belasten Elisabeths neues Leben zunehmend. Nur in seinem Haus am Tegernsee fühlt sie sich wohl, begegnet dort dem Arzt Michael. Findet sie bei ihm die ersehnte Liebe . und kann sie sich von Veit Gregor lösen?
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 5,71 MB
978-3-95751-353-3 (9783957513533)

Gregor

Der große Wagen stand still. Zwei erschreckte Gesichter starrten durch die Windschutzscheibe. Von allen Seiten kamen auf einmal Leute herbei. Nicht viele, aber es sammelte sich doch eine kleine Gruppe, magnetisch angezogen von dem Unfall. Der Kerl mit dem gelblichen Gesicht verdrückte sich eilig, hastete in eine Nebenstraße.

Der Mann, der am Steuer des Wagens saß, schreckerstarrt für einen kleinen Moment, stieg aus. Als er sich über die bewusstlose Frau am Straßenrand beugte, fiel ihm das dunkle Haar in die Stirn.

Die Leute, die herumstanden, betrachteten ihn neugierig. Und dann wurde er erkannt.

Eine Mädchenstimme rief erstaunt: »Der Gregor!«

Der Mann schien es nicht zu hören.

Die Frau, die noch im Wagen saß, öffnete jetzt die Tür und fragte ängstlich: »Was ist los? Ist ihr was passiert?«

Veit Gregor gab keine Antwort. Er kniete auf der Straße. Behutsam hob er den Kopf der bewusstlosen Frau etwas an. Schwer und leblos hing er in seiner Hand.

Die Leute redeten wirr durcheinander.

»Ein Arzt muss her!«

»Besser nicht anrühren!«

»Sie ist mit dem Kopf auf die Bordsteinkante geschlagen!«

Und eine gehässige Stimme: »Man muss eine Blutprobe machen.«

Alle starrten den Mann an. Die verunglückte Frau war nicht interessant. Aber Veit Gregor kniete im Straßenschmutz. Sein Mantel war auseinandergefallen, man sah den Smoking darunter.

Ist sie tot? dachte Gregor. Nein, das kann nicht sein. Ich habe sie bloß gestreift. Der Stoß hat sie umgeworfen. Bin ich zu schnell gefahren? Sie ist mir direkt in den Wagen gelaufen. Sie kam von seitwärts und war plötzlich, da.

Er hob den Kopf und sah in neugierige Augen, die ihn anstarrten, begierig, erwartungsvoll.

»Veit Gregor!«, flüsterte wieder die Mädchenstimme, andächtig und bewundernd.

Es fehlt noch, dass sie mich um ein Autogramm bitten, dachte Gregor. Sie tun es immer und überall, warum nicht auch jetzt. Der arrogante Zug erschien um seinen Mund, mit dem er sich vor den Menschen schützte. Seine Stimme klang herrisch, als er sagte: »Ein Arzt! Wohnt hier ein Arzt in der Nähe?«

»Die Funkstreife muss her«, das war wieder die gehässige Stimme.

»Natürlich«, erwiderte Gregor kalt. »Kann man hier irgendwo telefonieren?«

Man konnte. Wenige Schritte entfernt war ein kleines Weinlokal. Der Mann mit der gehässigen Stimme steuerte gewichtig darauf zu. Und gleich darauf strömten die Gäste des Lokals auch auf die Straße. Die Menschengruppe um die Verunglückte war nun recht ansehnlich.

Die Frau im Wagen schob einen Fuß heraus, einen schmalen Fuß in einer winzigen Brokatsandalette. Als sie die nasse Straße sah, zog sie ihn schnell wieder zurück. Vor den neugierigen Augen verbarg sie sich im Dunkel des Wagens. Aber man hatte sie bereits ebenfalls erkannt. Sonja Markov, die junge Nachwuchsschauspielerin, das Starlet. Gerade in dieser Woche war auf einer Illustrierten ein Titelfoto von ihr zu sehen. Schmale grüne Nixenaugen unter einem Hügel wilder, roter Haare. Wer die Zeitung las, wusste, dass sie seit einiger Zeit die ständige Begleiterin von Veit Gregor war. So jedenfalls nannten es die Zeitungen.

»Was ist denn?«, rief sie jetzt verärgert aus dem Wagen. »Greg! Ist es etwas Ernsthaftes?«

Gregor wandte sich nicht zu ihr um. Er hielt immer noch den Kopf der Frau. Er hätte sich gern niedergebeugt, um an ihrer Brust zu lauschen, ob das Herz noch schlug. Aber es würde eine so pathetische Geste sein. All die neugierigen, die bösartigen, die feindlichen Augen um ihn hielten ihn davon ab. Schließlich fasste er nach dem Puls der Frau.

Er konnte nichts fühlen. Er war selbst zu aufgeregt. Sein Herz schlug rasend. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken. Das muss mir passieren, ausgerechnet mir. Was für Scherereien! Habe ich viel getrunken heute Abend? Drei oder vier Whisky. Das ist für mich so gut wie gar nichts. Kommt darauf an, wie die Polizei es sieht. Für sie ist es immer ein gefundenes Fressen, jemanden wie mich in die Finger zu kriegen. Dass ich viel trinke, weiß jeder. Es steht oft genug in der Zeitung. Sie werden sagen, ich war betrunken.

Der Skandal mit Sonja war noch keine Woche her. Breit und ausführlich hatte die Presse über seine Auseinandersetzung mit ihr berichtet. Dass er sie geohrfeigt und sie ihm den Sekt aus ihrem Glas ins Gesicht geschüttet hatte. In aller Öffentlichkeit.

Es war nicht so wichtig, solche Szenen waren zwischen ihnen an der Tagesordnung. Nur eben, dass die Außenwelt davon erfuhr, sein Publikum, das war lästig. In einer Situation wie der heutigen schadete ihm das. Zum Teufel mit dieser Person! Sie war ihm direkt in den Wagen gelaufen.

Er kniete immer noch auf dem Boden und kam sich lächerlich vor. Eine komische Rolle, die er da spielte. In keinem Drehbuch würde die Szene so lange dauern. Die Überfahrene, blass und ohnmächtig, und dann Großaufnahme, das Gesicht Veit Gregors, wie er sich über sie neigt, bestürzt, Schreck und Erbarmen im düsteren Gesicht. Aus. Abblenden! Hier war es anders. Hier musste er bleiben, eine andauernde Großaufnahme, und in seinem Gesicht waren weder Schreck noch Erbarmen, nur Ärger und Verdruss. Und dieser verdammte Pöbel stand herum und starrte ihn an. Diese Gans, diese Sonja rief dazu nach ihm aus dem Wagen. Sie sollte endlich ihren dummen Mund halten. Er konnte jetzt nicht aufstehen und den Kopf der Frau wieder in den Schneematsch legen, das hätte schlecht ausgesehen.

Erstmals betrachtete er das Gesicht der Frau genauer. Ein schmales, sanftes Gesicht, nicht mehr jung, aber gut geformt. Ihr Haar war nass und verwirrt. Unter dem Mantel sah er helle, schimmernde Seide. Offensichtlich war die Frau auf dem Weg oder auch auf dem Heimweg von einer Gesellschaft. Warum lief sie da auf der Straße herum? Jeder vernünftige Mensch setzte sich in ein Taxi.

Endlich. Die Funkstreife. Erleichtert legte Gregor den Kopf der Frau wieder auf die Straße und stand auf. Aus den Augenwinkeln sah er, dass sich der Kreis der Neugierigen noch vergrößert hatte. Waren die Journalisten schon da? Sicher doch. Gleich würde der erste ihn anquatschen. Veit Gregor verursacht Unfall in der Innenstadt. Veit Gregor überfährt eine Frau. - Was für herrliche Überschriften.

Gut, dass er nicht mehr getrunken hatte. Sonja konnte das bezeugen. Ach was, Sonja. Sie war als Zeugin nicht zu gebrauchen. Und vermutlich hatte sie mehr getrunken als er. Sie würde die Sache nur noch schlimmer machen. Aber tot konnte die Frau nicht sein. Keinesfalls. Seine Räder hatten sie nicht berührt. Nur der Kotflügel hatte sie zur Seite geschleudert. Davon starb man nicht.

Dann nahm alles seinen sachlichen Verlauf. Die Fragen der Polizisten, seine Bremsspur, ein Arzt, schließlich ein Krankenwagen. Die Frau war noch immer bewusstlos.

Sie war ihm in den Wagen gelaufen. Zeugen? Nein, bedaure, Zeugen hatte er nicht. Die Leute waren erst später gekommen.

Ärgerlich blickte Gregor den fragenden Beamten an: »Sie müssen mir schon so glauben. Sie lief ganz plötzlich, ohne sich umzublicken, auf die Fahrbahn. Mir direkt vor den Kühler.«

Der Beamte war sehr höflich. Natürlich kannte auch er den berühmten Schauspieler. Er wandte sich an die umstehenden Leute. Zwar bekam er allerhand Meinungen zu hören, aber keine präzisen Angaben . Keiner hatte den Unfall aus der Nähe gesehen.

»Der Wagen fuhr sehr schnell. Ich würde sagen, schneller als 50«, das war wieder die gehässige Stimme.

Gregor schoss einen scharfen, bösen Blick zu dem Sprecher hin. Ein schmalbrüstiger, älterer Mann, typischer Miesmacher. Einer von denen, für die Schauspieler und vornehmlich Filmschauspieler zur Ausgeburt der Hölle gehörten.

Auch an Sonja wurden einige Fragen gerichtet. Aber sie benahm sich unpassend wie immer. »Es ging so schnell«, hauchte sie. »Ich habe gar nicht richtig gesehen, wie es passiert ist. Ich sprach gerade mit Herrn Gregor und achtete nicht auf die Straße.«

Sie sprach stockend, betonte bewusst den fremden Akzent ihrer Sprache. Natürlich, dachte Gregor wütend, auch das noch. In der Zeitung würde dann stehen, sie hätten wieder einmal Streit gehabt. Und deswegen hätte er nicht auf die Straße geachtet. Warum, zum Teufel, hatte er das Frauenzimmer nicht längst hinausgeworfen. Sie ruinierte seine Nerven; Liebe und Hass, Glut und Kälte in jähem Wechsel, und dabei so dumm, dass sie nicht einmal begriff, was sie jetzt sagen musste.

Die dunkel ummalten Augen weit geöffnet, blickte sie den fragenden Polizisten mit der hilfeflehenden Unschuld eines Kindes an.

»Können wir jetzt fahren? Wir müssen zum Filmball. Es ist sowieso schon so spät. Um zwölf ist die Starparade, und wir müssen dabei sein. Wir kommen sicher zu spät.«

»Bedaure«, sagte der Beamte höflich. »Wenn ich Sie noch bitten dürfte, sich mit ins Polizeipräsidium zu bemühen. Nur einige Formalitäten.«

Die Blutprobe, dachte Gregor, natürlich.

»Oh«, flüsterte Sonja, »das ist ja schrecklich. Greg, was machen wir da bloß? Wir werden zu spät kommen. Classen wartet auf uns. Du solltest noch ein paar Worte sprechen zum Auftakt.«

»Halt den Mund«, sagte Gregor grob. »Das ist jetzt nicht wichtig.«

Er blickte den Beamten fragend an. »Soll ich mit Ihnen kommen, oder kann ich mit meinem Wagen fahren?«

»Sie können selbstverständlich mit Ihrem Wagen fahren. Es ist doch weiter nichts daran?«

»Nein, nein, sicher nicht«, antwortete Gregor. »Es war wirklich nur ein leichter Anprall. Meiner Meinung nach kann der Frau nicht viel...

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