Der Sommer des glücklichen Narren

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-357-1 (ISBN)
 
In den 60er-Jahren, nahe München. In dem rustikalen Waldhaus im Voralpenland verbrachte Adolf Schmitt, genannt Dodo, mit Frau und Tochter glückliche Jahre. Der mäßig erfolgreiche Schriftsteller liebt das einfache Leben mit seinem Hund Dorian und der kapriziösen Stute Isabel, die bei alten Freunden auf dem nahe gelegenen Bauernhof untergebracht ist. Doch dann verlässt die schöne Rosalind ihren Mann nach 14 Jahren Ehe: Sie wünschte sich schon lange ein luxuriöseres Leben und hat nun den passenden Mann dazu gefunden. Der etwas weltfremde Dodo bleibt einsam und verloren zurück, bis er eines Tages Steffi kennenlernt. Sie ist jung, voller Leben, erfrischend und praktisch veranlagt. Die beiden kommen sich langsam näher. Doch der Sommer wird turbulent in dem sonst so ruhigen kleinen Waldhaus: Ständig tauchen unerwartet Besucher auf und stiften gehörig Unruhe .
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 6,72 MB
978-3-95751-357-1 (9783957513571)

Das ist eine Einleitung

»Na ja«, sagt Florian und blickt mit dem kühlen Blick des Weltmanns in die Runde, »so was is Geschmacksache. Ihr steht eben auf so was.« Immerhin hat er sich die Haare schneiden lassen zur Feier des Tages und das neue blaue Samtjackett angezogen, das er bisher als »zu affig« abgelehnt hat.

Sein Bruder Sebastian, zwei Jahre jünger, was bedeutet, dass er zwölf ist, lässt sich leichter beeindrucken. Außerdem widerspricht er seinem Bruder, wann immer es möglich ist. Darum erklärt er: »Ich find's echt klasse. Schnieker Laden.« So weit die Jugend. Meine Tochter Lix, weit gereist und welterfahren, Fernsehreporterin, lächelt mir zu. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, in einem Luxusrestaurant zu speisen, sie hat die Sicherheit der erfolgreichen jungen Frau von heute. Obendrein hat sie seit einiger Zeit auch einen Ehemann, Dr. phil., Richard mit Namen, von ihr Ricky genannt. Ich kann ihn ganz gut leiden, nachdem ich mich an ihn gewöhnt habe. Man muss sich ja überhaupt erst mal an die Tatsache gewöhnen, Schwiegervater zu sein. Soweit ich es beurteilen kann, kommen die zwei gut miteinander aus. So direkt erfährt man ja von jungen Leuten nicht viel. »Wie ist denn das nun so«, habe ich Lix kürzlich mal gefragt, »mit euch beiden? Seid ihr glücklich? Ist er der Richtige?«

»Gott, Paps, du stellst Fragen! Der Richtige - aus welcher Gartenlaube hast du das denn?«

Es war mir sehr peinlich. »Ich meine ja nur. Geht mich ja nichts an.«

Lix lächelte verzeihend. »Ricky ist okay«, sagte sie dann gelassen. »Man wird sehen, wie er sich so macht mit der Zeit. Sonst wird er ausgetauscht.«

Emanzipation, nicht wahr? Man weiß Bescheid, auch wenn man schon so ein alter Trottel ist wie ich. Bei mir musste es immer Liebe sein.

Sie braucht nicht unbedingt einen Mann. Geld verdient sie selber. Abwechslung hat sie auch ohne ihn, und Männer hat es in ihrem Leben auch immer gegeben. Einzelheiten darüber weiß ich nicht. Ich werde mich hüten und allzu oft dumme Fragen stellen. Ich bin nur der Vater.

Jetzt hat sie also mal geheiratet, und Ricky ist okay. Man wird sehen, was daraus wird.

Mir gegenüber sitzt Rosalind.

Vielleicht sollte ich aber erst einmal berichten, wo wir eigentlich sitzen und wie es zu diesem Auftrieb kommt. Wir sind beim Humplmayr.

Für den Fall, ein Mensch ist aus München, muss man nun weiter nichts erklären. Für den Fall, ein Mensch hat das Pech, nicht aus München zu sein, sei ihm mitgeteilt, dass Humplmayr eins der feinsten Restaurants von München ist. Ein Nobelrestaurant, wie man heute sagt.

Und noch dazu eins, das es schon immer gibt. Das ist das Seltene daran. Denn wir haben natürlich in München eine ganze Menge guter, bester und auch teurer Lokale, gelegentlich kommt ein neues dazu, dann wieder verschwindet eins, irgendeins ist immer besonders »in«, da will dann unbedingt jeder dort essen, und man muss tagelang vorher einen Tisch bestellen. Manchmal ist das nur ein kurzer modischer Höhepunkt, und das Restaurant ist genauso plötzlich, wie es »in« wurde, wieder »out«.

Humplmayr, wie gesagt, hat es immer gegeben und gibt es noch. Ich, der ich ein echter Münchner bin, was eine ziemlich seltene Spezies Mensch geworden ist, weiß, dass es den Humplmayr schon gegeben hat, als ich ein kleiner Bub war. Gegessen haben wir natürlich dort nie, wir waren einfache Bürger und kamen gar nicht auf die Idee, in ein so feines Restaurant zu gehen. Als ich erwachsen war, kam ich auch nicht auf die Idee, ganz einfach darum, weil ich das Geld dazu nicht hatte.

Wer auf solche Ideen kam, war Rosalind. Zwar ist sie auch nicht in einer Millionärsfamilie groß geworden, aber bei ihr ist das eben so. Sie war immer süchtig nach Luxus. Nach jeder Art von Luxus.

Als wir jung verheiratet waren, hatten wir gar kein Geld. Nachkriegszeit und so. Die Zeiten wurden besser und besser, die Zeiten wurden großartig, das Wirtschaftswunder brach über uns herein und bescherte uns ein Schlaraffenland ohnegleichen, wie es das nie zuvor in diesem Land gegeben hat und vielleicht auch nie wieder geben wird.

Bloß, ich, Depp, der ich bin, nahm am Wirtschaftswunder nicht teil. Wieso und warum, werde ich später noch erklären.

Jedes Mal aber, wenn uns der Weg über den Maximiliansplatz führte, blieb Rosalind vor der vornehmen Humplmayr-Holztür stehen und seufzte sehnsüchtig: »Hierher möchte ich für mein Leben gern mal essen gehen.«

Was macht ein Mann, der eine Frau so liebt, wie ich Rosalind liebte, und zudem noch ständig ein schlechtes Gewissen hat, weil er einer so bildhübschen Frau fast keinen ihrer Wünsche erfüllen kann? Er überlegt, rechnet, spart und sagt eines Tages: »Weißt du was, Liebling? Heute Abend gehen wir mal zum Abendessen zu Humplmayr.«

Ein Jubelschrei, ein Kuss, verzweifelter Blick in den Kleiderschrank, Friseur.

So war das damals vor . vor . Zeit, du gefräßiges Ungeheuer, wie lange ist das her? Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig Jahre etwa würde ich schätzen.

Rosalind, die es auch nicht gewohnt war, Luxusrestaurants zu besuchen, machte ihre Sache gut. Frauen haben ja dafür ein angeborenes Talent. Anmutig schritt sie hinter dem Oberkellner her, setzte sich auf den zurechtgerückten Stuhl - damals sah das hier ein bisschen anders aus, ein paar Mal haben sie natürlich inzwischen umgebaut und umdekoriert, aber ein sehr vornehmes Lokal war es immer -, sie sah sich mit glänzenden Augen um, strich eine dunkle Locke zurecht und vertiefte sich in die Speisekarte. Das tat ich auch, und zwar tat ich es zunächst auf der rechten Seite. Gott steh mir bei! Ich überzählte im Geist nochmals meine Barschaft, aber dann dachte ich: Sei's drum! Einmal ist keinmal. Und wenn ich alles ausgebe bis zum letzten Pfennig.

So schlimm war's dann gar nicht. Gemessen an heutigen Preisen - du lieber Himmel!

Wir suchten beide nicht das Teuerste aus, weder Austern noch Hummer, wir hätten gar nicht gewusst, wie man damit umgehen soll. Aber ich weiß noch, dass es uns großartig geschmeckt hat und dass wir beide hochbefriedigt waren. Der Unterschied zwischen uns beiden bestand darin, dass ich ohne Luxuslokale leben konnte. Rosalind nicht. Aber davon später.

Ob sie wohl noch daran denkt?

Ich schaue sie an, und sie gefällt mir immer noch. Es liegen eine ganze Reihe von Jahren zwischen jenem und dem heutigen Abendessen, und Rosalind ist nun immerhin auch schon - o nein, Schweigen. Einer Frau soll man ihr Alter nie nachrechnen, das ist die unfeinste aller unfeinen Taten, außerdem, und das ist die reine Wahrheit, sieht sie wundervoll aus. Ihr Make-up ist vollendet, das Haar hat einen leichten Kupferschimmer jetzt, was ihr gut steht, das Kleid, das sie trägt, ist weit und breit das eleganteste. An ihrer Hand blitzt es, an ihrem Hals auch, und es blitzt echt. Zwölf Austern verspeist sie jetzt im Handumdrehen, und nun . nun treffen sich unsere Blicke.

Was denkt sie? Ähnliches wie ich? Oder denkt sie gar nicht mehr daran?

Ein kleines Lächeln in ihrem Mundwinkel, sie lässt den Blick über die Tischrunde gleiten, lächelt etwas ausdrucksvoller meinem Verleger zu, er hebt sein Glas, sie nimmt das ihre, sie trinken beide. Ich weiß, dass er eine Schwäche für sie hat, aber welcher Mann wäre ihr gegenüber je gleichgültig geblieben?

Jetzt sieht sie mich wieder an.

»Ein schnieker Laden, Sebastian hat recht. Ist immer noch hübsch hier«, sagt sie. »Weißt du noch, wie wir das erste Mal hier waren?«

Sie erinnert sich also doch. Das freut mich, das freut mich unheimlich. (Unheimlich ist ein Lieblingswort von Florian.)

Sie erzählt der Tischrunde von unserem ersten Ausflug in die Welt der feinen Leute, sie tut das sehr hübsch, mit kleinen Pointen, mit etwas Ironie, und berichtet auch noch, dass ich ihr im Verlauf des Abends drei Rosen kaufte, als die Blumenfrau durch das Lokal kam. Sieh mal an, das hätte ich gar nicht mehr gewusst.

»Drei Rosen«, staune ich. »Ich muss mir vorgekommen sein wie Gunter Sachs.«

Meine Söhne gackern, und ich sehe, wie Muni lächelt. Ein wenig wehmütig, aber nicht ohne Stolz. Sie ist mit dem Ablauf meines Lebens, so wie es sich in den letzten Jahren entwickelt hat, ganz zufrieden.

»Lümmel dich nicht so«, sagt sie dann streng über den Tisch hinweg zu ihrem Enkelsohn Florian.

Worauf das blaue Samtjackett sich ordentlich hinsetzt und die Ellbogen vom Tisch nimmt.

O nein, auch als Oma ist Muni kein sanftes Lämmchen. Die Buben kriegen nichts anderes zu hören, als ich zu meiner Zeit zu hören bekam. Und bei gegebenem Anlass auch heute noch zu hören bekomme.

Auch über Munis Alter wollen wir nicht reden, auch sie ist eine Frau. Sie ist gesund, Gott sei gedankt, bisschen Arthritis im Knie, bisschen schwerhörig, was sie ärgert und was sie kaschiert, so gut es geht.

»Nuschel nicht«, sagt sie zu mir, wenn sie mich nicht verstanden hat, und ich habe mir in den letzten Jahren zu meinem sowieso sonoren Bariton noch eine erstklassige Artikulation angewöhnt.

Ihre Augen sind klar, ihr Haar ist weiß, sie färbt es nicht, aber sie war heute beim Friseur und sieht ausgesprochen wohlsituiert aus in ihrem hellgrauen Seidenkleid, das um den Hals eine feudale Perlenstickerei aufweist.

Um nun endlich die Tischrunde vollständig vorzustellen und auch den Anlass dieser festlichen Zusammenkunft zu verkünden, fahre ich fort und berichte .

Doch da unterbricht mich mein Verleger.

»Mein lieber Freund«, sagt er, damit meint er mich, woraus jeder entnehmen kann, dass ich kein ganz erfolgloser...

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