Quartett im September

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 260 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-360-1 (ISBN)
 
München, in den 60er-Jahren. Die erfolgreiche Werbetexterin Vera hat eine Trennung hinter sich - wieder eine Leidenschaft, die den Alltag nicht überlebt hat. Vera beschließt, mit ihrem geliebten Pferd Urlaub in dem kleinen Kneipp-Kurort Bad Waldhofen zu machen. Männer sollen in ihrem Leben keine Rolle mehr spielen. Zeit, an eine unabhängige Zukunft zu denken. Sie genießt den Spätsommer auf dem gut geführten Reitstall, auch wenn ihre ängstliche Stute und sie mit dem Landleben nur langsam warm werden. Vielleicht ein neues Buch schreiben? Die Kurgäste liefern genügend Material für interessante Geschichten. Auch der zurückhaltende Besitzer von Timotheus, mit dem sich ihre Vollblutstute Lorine so gut versteht. Die Liebe zu den Pferden bringt Vera und den zurückgezogen auf dem Land lebenden Dr. Gerlach einander näher, mehr haben beide nicht geplant .
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 7,29 MB
978-3-95751-360-1 (9783957513601)

Lorines Abreise

Lorine will nicht verreisen. Sie zeigt klar und deutlich, dass ihr nicht das Geringste daran liegt, mit mir gemeinsam in die Ferien zu fahren. Seit geschlagenen zwanzig Minuten weigert sie sich erfolgreich, den Wagen zu besteigen, der sie zu ihrem Urlaubsziel befördern soll. Die weit geöffnete Tür des Gefährts muss ihr vorkommen wie das Tor zur Hölle. Sie geht nur noch rückwärts, sie steigt, sie schnaubt und prustet, ihr Blick ist leicht irr. Lieber Himmel, was tue ich ihr da an! Das konnte ich ja wirklich nicht ahnen.

Dabei würde sie geradezu fürstlich reisen, gemessen daran, wie die meisten Leute heutzutage in Urlaub fahren - mit Kind und Kegel, sechs Koffern, der Schwiegermutter und einem Zelt, und das alles in einem engen Viersitzer. Ich könnte es verstehen, wenn sich da einer weigert, mitzufahren.

Lorine dagegen hat keinen Grund, sich so idiotisch aufzuführen. Ein großer geräumiger Transporter mit gepolsterten Ständen, mit Stroh ausgelegt, mit Luftklappen versehen, steht zu ihrer Verfügung. Sie hätte sogar Gesellschaft; Casanova, der Schimmel des Herrn Welz, ist bereits verladen, er geht für vier Wochen auf die Koppel, bis sein Herrchen von der Adria zurück sein wird. Übrigens hat Casanova sich vorbildlich benommen, ein leichtes Zögern, dann ist er gelassen und elegant eingestiegen, ganz ein Mann von Welt, der es gewöhnt ist, gelegentlich zu verreisen. Nun dreht er den Kopf und besieht sich von innen indigniert Lorines hysterisches Gebaren. Allzu sehr dürfte es ihn allerdings nicht wundern, schließlich kennt er Lorine. Er war dabei, als sie mich vor vierzehn Tagen abgeworfen hat, nur weil ein Vogel etwas schrill in ihrer Nähe gepiept hat. So ist Lorine nun mal: Wenn es irgendeinen Grund gibt, Theater zu machen, dann macht sie es.

Ich habe mich in den Hintergrund zurückgezogen, mir ist schwummerig zumute, meine Augen tränen und meine Knie sind weich. Lorine hat mir einen ganz schönen Kinnhaken verpasst. Natürlich dachte ich, sie geht ohne Weiteres mit mir, wenn ich sie am Halfter fasse und ihr gut zurede. Denkste! Weder mit Zucker noch mit Rüben war sie in den Wagen zu locken. Wie eine Verrückte hat sie mit dem Kopf geschlagen und mich am Kinn getroffen. Der ganze Unterkiefer schmerzt mir, und mit der Zunge probiere ich, ob meine Zähne noch fest sind. Das fängt ja gut an. Offenbar eine Schnapsidee von mir, mit dem Pferd in Urlaub zu fahren. Ich hätte es wissen müssen: Mit Lorine ist so was nicht zu machen.

Außerdem hat mich der Transporteur ziemlich unfreundlich angefahren. »Gengans doch weg, gnä' Frau, , lassen S' doch uns das machen. Pferdebesitzer stören nur, wenn verladen wird.« Wahrscheinlich hat der Mann recht, ich bin ihm nicht böse. Aber es kränkt mich, dass Lorine so wenig Vertrauen zu mir hat. Zwei Jahre lang teilt sie nun mein Leben, in all der Zeit hat sie nur Gutes von mir erfahren, hat eine Menge Liebe gekriegt, und schließlich und endlich habe ich sie davor bewahrt, im Verleihbetrieb zu landen. Sie sollte das wissen und nicht so undankbar sein.

Im Hof der Reitschule haben sich eine Menge Neugierige angesammelt, alle meine lieben Reiterfreunde und -freundinnen, die mehr oder weniger schadenfroh dem Unternehmen beiwohnen. Der Chef ist da, die Pferdepfleger, die Kinder der Pferdepfleger und die Putzfrau aus dem Café, und die Männer, die im Café eine neue Leitung verlegen - alle finden es hochinteressant und fühlen sich gut unterhalten. Auf meine und Lorines Kosten.

Jetzt ziehen sie ihr einen dreckigen Sack über den Kopf, was natürlich Blödsinn ist, denn das muss sie vollends verrückt machen. Sie führen sie im Kreis, aber Lorine ist natürlich nicht zu täuschen, sie weiß genau, wo der Wagen steht und als sie sich mit ihr der Rampe nähern, die ins Innere des Transporters führt, steigt sie und reißt sich los.

Ich kann das nicht mehr mit ansehen. Das Pferd wird sich verletzen oder gleich einen Herzschlag kriegen.

Ich wage mich also wieder in den Kreis der Männer und sage: »Ich glaube, wir lassen es lieber. Ich werde alles absagen.«

»Wissen S' was, gnä' Frau, Sie täten mir einen Gefallen, wann S' verschwinden täten. Gehn S' rauf ins Café und trinken S' an Schnaps. Wir machen das schon.«

»Das ist eine gute Idee«, sagte Herr Weber und ergreift mich energisch am Arm, »gehen wir hinauf, das ist das Beste.«

Herr Weber ist der Chef der Reitschule und natürlich weiß und versteht er das alles besser als ich, aber .

»Nein, ich kann jetzt nicht weg. Sie werden sie schlagen. Ich kann doch nicht .«

»Kommen Sie nur, die machen das schon richtig.«

»Die anderen sollen auch verschwinden«, ruft der Transporteur und scheucht mit einer Armbewegung alle Neugierigen davon.

Herr Weber deponiert mich an einem Tisch in unserem Reiterlokal und bestellt einen doppelten Steinhäger für mich. »Nur keine Angst«, tröstet er mich, »das geht schon in Ordnung.«

Die anderen setzen sich um uns herum und erzählen von spannenden und dramatischen Transporterlebnissen. Frau von Kleiss, groß, knochig, breitschultrig, eine Pferdeexpertin ersten Ranges - jedenfalls mit dem Mundwerk -, berichtet ausführlich, wie ihre Stute Ramona sich bei dem Transport von Karlsruhe nach München so schwer verletzte, dass sie danach drei Monate stehen musste und genau genommen überhaupt nicht mehr richtig gesund wurde, ein halbes Jahr später ging sie in den Pferdehimmel ein. Und Frau Alberty, recht hübsch, klein und zierlich, ein Society-Gewächs, in dritter Ehe mit einem reichen Textilfabrikanten verheiratet, weiß zu berichten, dass der Herkules, den sie früher mal hatte, so herumgetobt hat, dass er den ganzen Transportwagen einfach umschmiss. Mit sich selber drin.

Das könne man ja nun hiermit nicht vergleichen, wird sie von Frau von Kleiss belehrt - die beiden sind intime Feindinnen -, vermutlich sei Herkules in einem Anhänger gereist und nicht in einem ordentlichen Transporter. So wie sie es herausbringt, hört es sich an, als sei Frau Alberty zu geizig gewesen, einen richtigen Transporter zu bezahlen. Die beiden reden immer auf diese Weise miteinander. Frau Alberty sagt, es sei ein besonders großer und stabiler Anhänger gewesen, der bekannte Turnierreiter XY habe ihn ihr geliehen, weil er so große Stücke auf sie und Herkules hielt, und schließlich hätte sie damals einen Cadillac gefahren, da habe es ihr eben Spaß gemacht, das Pferd selbst zu transportieren. Das sei übrigens damals gewesen, als sie bei dem Grafen XYZ für den Sommer eingeladen gewesen sei. Auf das Schloss des Grafen, Sie wissen doch? Oder kennen Sie es am Ende nicht? Frau von Kleiss wird ein wenig gelb im Gesicht, es war ein bisschen viel in dieser Antwort verpackt, der Graf, das Schloss, der Cadillac und auch noch die Reiterkoryphäe, so etwas muss man erst mal schlucken. Aber sonst sind die beiden reizende Menschen und sooo unterhaltend.

Herr Weber verbeißt sich ein Schmunzeln und meint, wenn einer schon Herkules hieße, dann könne man ja nicht viel anderes von ihm erwarten.

Ich sage gar nichts und kippe meinen Schnaps und rauche eine Zigarette. Ich fühle mich gar nicht wohl in meiner Haut. Arme Lorine, was machen sie da unten mit dir. Ich werde Tage brauchen, bis ich dich wieder friedlich gestimmt habe, du hast nun mal ein etwas kompliziertes Seelenleben, dafür bist du eben eine hochgezüchtete Aristokratin und das gefällt mir gerade an dir. Du bist das schönste Pferd weit und breit, stolz, geradezu arrogant, ich kenne jedenfalls niemand, der so hochnäsige Nüstern machen kann wie du, wenn dir etwas oder vor allem jemand nicht passt. Wir beide, Lorine, wir kennen und verstehen uns. Ich liebe dich sehr und ich dachte, du liebst mich auch ein wenig. Aber wie sich nun zeigt: Du hast kein Vertrauen zu mir. Schön, verreisen wir also nicht.

»Noch einen«, sagte ich zu Molly, unserer Bedienung, die zufällig vorbeikommt. Von selbst kommt sie nämlich sonst nie, man muss sie immer holen.

Und plötzlich kommt Klaus, der Sohn des Pferdepflegers Franz, hereingestürmt und schreit lauthals »Sie ist drin, sie ist drin. Ist ganz prima gegangen.«

Ich stürze hinunter in den Hof, aber die Tür des Transporters ist schon geschlossen, von Lorine ist keine Schweifspitze mehr zu sehen.

»Ist ihr auch nichts passiert?«

»Woher denn? Was soll ihr denn passieren?«

»Wieso ging's denn auf einmal?«

»Sie hat eingesehen, dass sie ihren Kopf nicht durchsetzen kann«, antwortet mir der Mann voller Gemütsruhe und verzieht keine Miene.

Ich schlucke alle weiteren Fragen herunter. Eine Peitsche kann ich nirgends sehen. O Lorine, da drin in dem Riesenkasten, wie werde ich dich wiederfinden?

»Kann ich sie nicht mehr sehen?«

»Nix mehr. Wir fahren jetzt ab.«

»Ich fahre auch gleich. Ich werde zum Empfang draußen sein.«

»Ist recht.«

Am liebsten würde ich sagen: Fahren Sie vorsichtig! Aber ich lasse es bleiben. Nicht nötig, dass ich mir eine grobe Erwiderung einhandle. Und ich weiß ja, dass er vorsichtig fahren wird, schließlich ist es das bestrenommierte Pferdetransportgeschäft weit und breit. Turnier- und Rennpferde werden hier verladen, zu weiten Auslandstransporten manchmal, und alle kommen sie gut an, also wird wohl auch mein Herzblatt unbeschädigt landen.

»Auf Wiedersehen! Gute Fahrt.«

Ich sehe dem Transporter nach, wie er schwerfällig die Auffahrt hinaufrumpelt und um die Ecke verschwindet. Arme Lorine! Sicher bist du sehr verzweifelt. Denkst du, dass ich dich verkauft habe? Dass ich dich verraten und verlassen...

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