Der Mond im See

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 308 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-354-0 (ISBN)
 
Frühsommer in den Sechzigerjahren. Nach 3 aufregenden Jahren in Indien sehnt sich der Schweizer Ingenieur Walter Ried nach Urlaub, nach seiner Heimat. Seine Jugendliebe Isabelle de Latour, das "schönste Mädchen der Welt", hat er nie vergessen. Tante Hille, bei der er nach dem Tod der Eltern aufgewachsen ist, bringt ihn auf den neuesten Stand: Annabelle ist geschieden und lebt vorübergehend wieder auf dem elterlichen Schloss, das nun ein Luxushotel ist. Ihr Vater, der dem Glück der beiden vor 10 Jahren im Weg stand, lebt nicht mehr. Darf Walter auf eine zweite Chance bei der kapriziösen Isabelle hoffen? "Wenn der Mond im See schwimmt, kommt die Liebe oder der Tod" sagt man in dem kleinen Ort Wilberg am See. Als überraschend eine Leiche auftaucht, wird aus Walters Urlaub ein gefährliches Abenteuer ...
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • 6,12 MB
978-3-95751-354-0 (9783957513540)

Immerhin wirkte der Traum so nach, dass ich einige Tage später einen Brief an Tante Hille schrieb. Mir gehe es gut, kommendes Frühjahr hätte ich Urlaub, und dann würde ich sie besuchen. - Doch, das hatte ich mir fest vorgenommen. Acht bis zehn Tage würde ich bei ihr bleiben. Das genügte. Denn ich hatte viel vor in meinem Traumurlaub. Erst nach München zur Firma, dann einen flotten kleinen Wagen kaufen, und dann, gut, bitte schön, würde ich in die Schweiz fahren zu Tante Hille, in das komische alte Haus, in dem ich den größten Teil meiner Kindheit verbracht hatte.

Aber dann - dann ging das große Leben los. Zuerst vielleicht zum Genfer See, dann in einem Rutsch zur französischen Riviera und dort ein paar großartige Wochen verbracht. Ehe die große Hitze kam. Darauf legte ich keinen Wert. Hitze hatte ich hier genug genossen. Wieder nach Norden, mal eben schnell nach Paris, dann vielleicht an die holländische Küste, möglicherweise auch an die Nordsee. Wir hatten einen jungen Ingenieur vor ein paar Monaten herbekommen, der erzählte tolle Geschichten von der Insel Sylt. Wer dort etwas auf sich hielt, lief nackt herum. Und gelegentlich seien ein paar gut gewachsene Mädchen darunter, die das Anschauen wert seien. Das durfte ich mir nicht entgehen lassen.

Überhaupt Mädchen! Frauen! Europäische Frauen mit langen Beinen und heller Haut, möglichst blond und blauäugig. Am besten fuhr ich gleich nach Schweden weiter, da gab es so was massenhaft. Ein Urlaub würde das werden!

Abends im Club schwärmte ich davon. Meine jungen Kollegen bekamen träumerische Augen. Und gaben sehr realistische Kommentare dazu. Thaler, der Leiter vom Kraftwerk, ein stämmiger Mann Ende fünfzig, lächelte nachsichtig.

»Dann sehe ich Sie schon mit einer Ehefrau hier ankommen. Passen Sie auf, Ried, das geht schnell.«

»Bei mir nicht. Ich heirate erst, wenn ich hier unten fertig bin. Wenn ich ganz wieder zu Hause bin und einen großartigen Job bei der Firma habe. Und dann suche ich mir ein Mädchen!« Ich blickte schwärmerisch zur Decke, wo ich das Wundermädchen schweben sah. »Das schönste Mädchen der Welt. Zart und schlank, blond und süß, mit zärtlichen blauen Augen, so ein Mädchen muss es sein.«

Komisch, was da vor meinen inneren Augen schwebte, glich aufs Haar Annabelle. Blond und zart, schutzbedürftig, zärtlich - hatte ich je ein Mädchen gesehen, das mir besser gefiel als sie? Nie!

Nie.

Nun, das war lange vorbei. Annabelle hatte längst geheiratet. Und dass sie für mich unerreichbar war, das hatte man mir ja damals deutlich genug zu verstehen gegeben. Annabelle de Latour, die Tochter vom Schloss. Solange sie ein Kind war, durfte ich mit ihr spielen. Später nicht mehr.

Die Kollegen hatten inzwischen den Faden aufgenommen und malten weiter an dem Bild des Mädchens, das ich mir vorstellte. Der eine wollte sie mit großem, der andere mit kleinem Busen haben. Einer bestand auf einem Grübchen in der Wange, und der kleine Sanders meinte frech, er finde ein Grübchen am Popo viel reizvoller.

Thaler hörte sich das geduldig an und nibbelte langsam an seinem Whisky.

»Und sonst, Ried? Sonst soll sie gar nichts sein? Nur schön und zärtlich?«

»Reich natürlich auch«, quakte Tillessen dazwischen. »Das ist besonders wichtig.«

Ich winkte ab. »Mit reichen Mädchen ist es schwierig.«

»Ich könnte mir noch ein paar andere Eigenschaften vorstellen«, meinte Thaler.

Ich sah ihn an und wusste, was er meinte.

»Klug«, sagte ich. »Und ein guter Kamerad.«

»Ja.« Thaler nickte bedächtig. »Ein Freund. Versteht ihr? Ein echter Freund, in guten und in bösen Tagen. Ob sie dann einen großen oder kleinen Busen hat und ein Grübchen hier oder dort, spielt gar keine Rolle. Daran gewöhnt man sich. Aber das andere, das ist viel wichtiger.«

Er konnte gut reden. Es war keine Theorie. Er hatte so eine Frau. Karin Thaler war die Frau, die mir außer Annabelle in meinem Leben am besten gefallen hatte. Keine Übertreibung. Es spielte keine Rolle dabei, dass sie gut zehn Jahre älter sein mochte als ich. Tatsache war, dass ich Thaler um diese Frau beneidete. Sie musste einmal ein bildschönes Mädchen gewesen sein. Und sie sah immer noch blendend aus, obwohl sie zu Hause in Deutschland drei Kinder hatte. - Schlank, hochbeinig, ein schmales rassiges Gesicht mit großen graublauen Augen, hellblondes Haar, und das Lächeln eines jungen Mädchens. Die beiden führten eine glückliche Ehe, das merkte man, ohne dass ein Wort darüber gesprochen wurde. Sie waren - nun ja, eben nicht nur ein Ehepaar, sondern Freunde. Und das Schlimmste, das sie erlebt hatten, hatte sie nur enger aneinander gebunden.

Ich wusste ja nur einiges über ihr Leben, was man eben so im Laufe der Zeit erfuhr. Er hatte den ganzen Krieg mitgemacht, war schwer verwundet worden, und dann in russischer Kriegsgefangenschaft. - Zwei Kinder hatte sie damals schon, sie lebte in der Sowjetzone. Als er dann kam, war er kein junger Mann mehr. Und das Leben war schwer für sie. Vor fünf Jahren waren sie in die Bundesrepublik gekommen, er nun schon ein Mann in den Fünfzigern, mit der schweren Aufgabe, ganz neu anzufangen. Unsere Firma hatte ihn angestellt, aber nur in verhältnismäßig bescheidener Position. Die großen Posten gehörten heute den Jungen.

Und darum war er nach Rourkela gegangen. Hier bekam er eine leitende Position, hier verdiente er viel mehr, und man hatte ihm zugesagt, wenn er noch fünf Jahre Indien machte, würde er dann in der Heimat eine gute Position bekommen. Es war wichtig für ihn. Die beiden Ältesten brauchten eine gute Ausbildung, der Große studierte schon, soviel ich wusste. Der kleine Nachkömmling benötigte noch lange Zeit, bis er erwachsen war.

Sie hätte daheimbleiben können. Gemütlich in Deutschland, in einer hübschen Wohnung, bei ihren Kindern, Geld war ja nun da, sich pflegen, noch ein bisschen was vom Leben haben, ehe sie alt wurde.

Aber sie war mit ihm gegangen. Der Mann war so viel allein gewesen, hatte sie so lange entbehren müssen. Er war nicht mehr gesund, das Klima bekam ihm nicht. Sie wusste, dass es für ihn leichter sein würde, wenn sie bei ihm war.

Freunde! Ja. Das war es wohl.

Ich nickte Thaler zu. »Sie haben recht. Wieder einmal ganz genau auf den Punkt. Ich werde daran denken, wenn es so weit ist.«

Ach, du lieber Himmel! Ich ahnungsloser Narr. Woran würde ich noch denken, wenn ich Annabelle wiedersah? An nichts, an gar nichts. Nur daran, sie in die Arme zu nehmen und zu küssen und festzuhalten. Sie zu besitzen. Ja, ganz klar herausgesagt, sie endlich besitzen. Annabelle, die längst die Frau eines anderen war.

»Noch einen«, sagte ich mürrisch zu dem Boy und gab ihm mein leeres Glas.

Nach einer Weile kam Karin Thaler aus dem Nebenraum von ihrer Bridgerunde.

»Fertig für heute?« fragte ihr Mann.

Sie nickte. »Ja. Ich kann mich sowieso nicht konzentrieren. Diese Luft .«

Sie sah schlecht aus, müde und älter als sonst, ein paar Linien im Gesicht, die ich noch nie gesehen hatte. Aber sie lächelte mir zu. »Na, Walter, so nachdenklich?«

»Er macht im Geist Europa unsicher und trifft gerade seine Wahl unter den Töchtern des Landes«, mokierte sich Thaler.

»Hoffentlich nicht gerade während seines Urlaubs«, meinte sie. »Da wählt man meist daneben. Die Zeit ist zu kurz und der Eifer zu groß. Das haben wir hier schon öfter erlebt.«

»Na, du musst es ja wissen«, meinte ihr Mann trocken. »Ich habe dich ja schließlich auch während meines ersten Fronturlaubs kennengelernt.«

Sie stand neben seinem Sessel, legte ihm die Hand auf die Schulter und lächelte auf ihn hinab. Ein warmes, zärtliches Lächeln. Auf einmal sah sie wieder viel jünger aus.

Er schaute zu ihr hinauf und lächelte auch. Und war nicht mehr ein müder, früh verbrauchter Mann, dem das Leben wenig Chancen geboten hatte. Er war, so schien es mir, ein glücklicher Mann.

»Gehen wir?«, fragte sie.

Er nickte und stand auf.

Ich erhob mich ebenfalls, und als sie mir die Hand gab, beugte ich mich hinab und küsste ihre Hand. Eine schmale feste Hand mit langen sensiblen Fingern. Sie hob überrascht die Brauen und errötete sogar ein wenig. Wir waren sonst keine besonderen Kavaliere hier draußen.

Als sie fort waren, setzte ich mich nieder und machte mich über den neuen Whisky her. Die anderen waren in eine laute Debatte vertieft. Ingenieur Schneider führte das große Wort. Sein Lieblingsthema. Was für ein Unsinn es sei, Indien die Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts aufzuzwingen, da es geistig noch im fünfzehnten lebte.

»Sie können die Zeit nicht überspringen. Sie müssen sich entwickeln wie alle anderen. Wir haben auch Jahrhunderte gebraucht, bis wir moderne Menschen waren. Vor dreihundert Jahren haben wir auch noch wegen der Religion Kriege geführt. Und haben Hexen verbrannt. Und Zauberformeln gelernt. Es braucht seine Zeit. Auch ein Kind ist nicht in drei Jahren erwachsen.

Solange sie sich umbringen, weil sie an verschiedene Götter glauben - solange sie diese scheußlichen Bräuche und diesen furchtbaren Aberglauben haben, auch die Gebildeten unter ihnen, auch die, die etwas gelernt haben, solange sind wir einfach lächerlich mit unserer Technik hier.«

Und Tillessen dagegen: »Die Erde ist zu klein geworden. Die Technik reicht überallhin, man kann keinen Fleck aussparen und warten, bis er sich nachentwickelt. Wir müssen ihnen helfen bei dieser Entwicklung. Wir müssen sie beschleunigen. Das ist unsere Aufgabe. Und nicht nur, soweit es die Technik...

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