Meine Freundin Elaine

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 316 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-345-8 (ISBN)
 
Berlin 1925. Julia besucht ihre Tante Marina Delmonte, eine berühmte Sängerin, in ihrem geliebten Berlin. Sie braucht Abstand von ihrem Leben als junge Mutter von 3 Kindern auf dem Familiengut ihres Mannes Joachim in Pommern. Aus Liebe hatte sie sehr "des Kaisers schönsten Leutnant" geheiratet, aber nach dem Krieg und dem Tod seines Bruders muss er sich um die Familie und das Landgut kümmern. Die Kriegserinnerungen belasten sein Leben zusätzlich. Julia, das Großstadtmädchen, fühlt sich in der Provinz fremd, von allen abgelehnt, überfordert mit den Kindern. Da trifft sie in Berlin auf Elaine, ihre schöne Schulfreundin aus dem Internat in Lausanne. Julia ist begeistert, als Elaine ihr anbietet, mit nach Pommern zu kommen, als Julias Kinder krank werden. Dass sie sich damit keinen Gefallen getan hat, merkt sich erst später. Vielleicht zu spät .
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 6,61 MB
978-3-95751-345-8 (9783957513458)

Wie auf Wolken

Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl, wieder einmal in Berlin zu sein. Ich ging wie auf Wolken Unter den Linden dahin, die Friedrichstraße rauf und die Leipziger runter, ich stand am Gendarmenmarkt und bewunderte das Schauspielhaus und den Französischen Dom, als hätte ich sie nie gesehen. Oder ich landete beim Schloss, ging über die Brücke und himmelte den Großen Kurfürsten auf seinem stolzen Ross an, in ihn hatte ich mich schon als Kind verliebt.

An einem anderen Tag lief ich vom Nollendorfplatz über den Wittenbergplatz die Tauentzienstraße entlang, den ganzen Kurfürstendamm bis hinaus nach Halensee. War ich müde, fuhr ich mit der Straßenbahn, mit dem Bus oder der U-Bahn zurück und landete völlig erschöpft bei Tante Marina, sank in einen Sessel und sah ihr zu, wie sie den Tee bereitete.

An einem Tag hatte es heftig geregnet, und ich kam klitschnass nach Hause.

»Kind, du übertreibst«, sagte sie. »Jetzt hast du dich bestimmt zu allem Unglück noch erkältet.«

»Es ist so schön, so schön, so schön. Wieso Unglück? Ich bin glücklich. So glücklich bin ich seit hundert Jahren nicht mehr gewesen.«

»Ein komischer Ausspruch für eine verheiratete Frau mit drei niedlichen Kindern.« Sie sprach im typischen Marina-Ton, man wusste nie, ob sie es ernst meinte oder ob sie spottete.

Das Mädchen hatte währenddessen meinen nassen Mantel hinausgebracht, ich streifte die Schuhe von den Füßen, sie waren nicht wasserdicht, und ich hatte kalte Füße. War schon möglich, dass ich mich erkältet hatte. Na, wenn schon. In Berlin und bei Tante Marina fand ich alles wunderbar, selbst eine Erkältung. Ich rollte mich im Sessel zusammen und hätte am liebsten geschnurrt wie zu Hause unsere Mieze. Marina zapfte an ihrem Samowar den Tee, brachte die gefüllte Tasse und stellte sie auf das kleine Tischchen neben mich.

Der Tee war heiß und köstlich, sie hatte einen Schuss Rum hineingetan, wohl um der angekündigten Erkältung vorzubeugen. Ich trank in kleinen, genüsslichen Schlucken, bis die Tasse leer war. Dann langte ich nach der Keksdose.

»Du bist seit morgens elf Uhr unterwegs gewesen, du verrücktes Mädchen«, sagte Marina. »Hast du denn wenigstens irgendwo eine Kleinigkeit gegessen?«

»Habe ich nicht. Ich hatte wenig Geld dabei. Es hat gerade für den Bus gereicht. Sonst hätte ich mir ja eine Taxe genommen, als es anfing zu regnen.«

»Du bist dümmer, als die Polizei erlaubt. Dann wäre der Taxifahrer eben mit heraufgekommen, und wir hätten ihn hier bezahlt.«

»Ich bin wirklich dumm«, bestätigte ich zufrieden.

»Ich lasse dir eine Stulle zurechtmachen.«

»Nein, bitte nicht. Die Kekse schmecken wunderbar, ich esse mindestens fünf Stück davon. Keine Stulle. Ich will mir den Appetit auf das Abendessen nicht verderben. Du weißt, wie gut es mir bei dir schmeckt.«

Sie nickte, sie wusste es und hätte es nicht anders erwartet. »Wir werden ein paar kleine Schnittchen mit Kaviar essen«, berichtete sie, »und dann eine in leicht gewürztem Sud gedünstete junge Ente mit Kartoffelpüree und dazu Erbsen und Möhrchen.«

»Die natürlich deine nicht hoch genug zu preisende Wanda selbst eingemacht hat. Ich habe mir die Vorratskammer angesehen. Enorm, was es da gibt. Wir haben auch eine Menge Eingemachtes zu Hause, aber bei uns wächst das Zeug ja vor der Tür. Für einen Stadthaushalt ist es fabelhaft, was Wanda alles hat.«

»Kommt noch dazu, sie hat das meiste selbst auf dem Land eingekauft. Wie ich sie kenne, wird sie heute Abend auch ein Glas mit Spargelspitzen aufmachen, Spargel aus Beelitz, den holt sie sich dort auch immer selber. Der Professor kommt zum Essen, wie du weißt, und er sagt, für Wandas Spargelspitzen würde er von Schwerin nach Berlin zu Fuß laufen.«

»Warum gerade von Schwerin? Weil sich das reimt?«

»Er ist dort geboren.«

Ich holte mir eine zweite Tasse Tee und knabberte den vierten Keks.

»Allein schon die Idee, eine Ente in leicht gewürztem Sud zu dünsten«, sagte ich träumerisch. »Unsere Mamsell kommt auf keinen anderen Einfall, als sie zu braten.«

»Nun, das ist die übliche Art, mit einer Ente zu verfahren, wir braten sie meistens auch. Aber dann wäre der Kaviar als Vorspeise unpassend, denn zur gebratenen Ente gehört nun mal Rotkraut und eine fette Sauce. Also das harmoniert nicht.«

»Harmoniert nicht«, wiederholte ich, angenehm erwärmt, und verzichtete auf den fünften Keks im Gedanken an den Kaviar. Es gab ihn bestimmt meinetwegen, denn Marina wusste, wie gern ich ihn mochte.

»Der Ente wird die Haut abgezogen«, klärte mich Marina weiter auf, »so ist sie leicht und bekömmlich.«

Sie bediente sich selbst noch einmal aus dem Samowar, ihr weißes Haar war wohlfrisiert wie immer, und ihr gut geschminktes Gesicht wirkte im weichen Kerzenlicht schön und jung. Im vorletzten Sommer hatte sie uns, auf meine dringende Einladung, endlich einmal auf dem Gut besucht, ich wollte ihr zeigen, wie und wo ich lebte, und ich brauchte ihren Trost und Zuspruch, denn ich war schon wieder schwanger.

Alle hatten sie bewundert, angefangen bei meiner Schwiegermutter bis zum Stallknecht. Zumal sie von Pferden etwas verstand und mit sicherer Hand einen Zweispänner fahren konnte. Damals trug sie das Haar noch hochgesteckt, wie ich es seit meiner Kindheit kannte, nur dass es früher blond gewesen war. Hochgesteckt trug sie es privat; ich kannte es auch als blonde Flut über ihre Schultern und ihren Rücken, als Sieglinde zum Beispiel oder als Isolde. Inzwischen hatte sie sich die Haare abschneiden lassen und trug einen Bubikopf.

»O nein«, hatte ich gesagt, als ich vor einer Woche in Berlin eintraf. »Wie konntest du nur! Dein schönes Haar!«

»Sieht doch gut aus. Macht mich jünger.«

Seitdem kam ich mir altmodisch vor mit meinen langen aufgesteckten Haaren, denn rundherum in Berlin erblickte ich fast nur noch Bubiköpfe genauso wie kurze Röcke. Bei uns in der Provinz war das noch höchst ungewöhnlich. Auf meinen langen Spaziergängen durch die geliebte Stadt überlegte ich nicht nur, wie ich es anstellen könnte, wieder für immer hier zu leben, sondern ob ich mir vor meiner Heimreise nicht auch die Haare abschneiden lassen sollte.

»Ich habe seit Jahren keinen Kaviar mehr gegessen«, murmelte ich vor mich hin. »Wir können uns das nicht leisten.«

»Willst du noch Tee?«, fragte sie.

»Gern.«

»Zieh mal an der Klingel.«

Die Klingelschnur mit der roten Samtbommel hing neben der hohen breiten Tür des Salons, und auf dem Weg zum Samowar zog ich mit demselben Spaß daran, den ich schon als Kind bei dieser Betätigung empfunden hatte.

»Warum sind meine Zigaretten nicht hier?«, monierte Marina, als das Mädchen erschien.

»Sie liegen im Ankleidezimmer, gnädige Frau. Ich bringe sie sofort.«

Es waren russische Zigaretten, ich mochte ihren Duft, aber ich durfte keine davon rauchen, obwohl ich es gern einmal probiert hätte.

»Das ist nicht gut für deine Lunge«, war ich gleich am zweiten Tag beschieden worden. Marina liebte keine Phrasen, sie sprach immer klar und deutlich aus, was sie dachte und meinte. Die Zigaretten waren so neu wie der Bubikopf, früher hatte sie nicht geraucht.

»Du findest also, dass ich unglücklich bin«, sagte ich und rekelte mich in meinem Sessel.

»Wieso? Vor ein paar Minuten hast du gesagt, du seist glücklich.«

»Bin ich auch. Aber du hast gesagt, ich soll mich zu allem Unglück nicht auch noch erkälten.«

»Na und? Was stimmt an diesem Satz nicht?«

»Ich bin blutarm, zu dünn, nervös und möglicherweise ist meine Lunge angegriffen«, zählte ich befriedigt auf. »Wenn dem nicht so wäre, könnte ich nicht hier bei dir sein. Und weil ich bei dir bin und in Berlin, bin ich glücklich. Meiner Lunge kann ich höchstens dankbar sein, dass sie mir zu dieser Reise verholfen hat.«

»Versündige dich nicht, Kind. Dein Mann hat mir sehr genau in seinem Brief deinen Zustand geschildert. Und darin heißt es, euer Doktor da auf dem Land hätte den leisen Verdacht, es könnte mit deiner Lunge etwas nicht stimmen. Und darum hat dein Mann mich gebeten, mit dir in Berlin einen Spezialisten aufzusuchen.«

»Weiß ich alles. Ich kenne den Brief.«

»Wenn es mit deiner Lunge wirklich nicht stimmt, und das könntest du von deiner Mutter geerbt haben, musst du nach Davos.«

»Das können wir uns nicht leisten. Wenn du mich nicht mehr haben willst, werde ich in Pommern still und langsam vor mich hin sterben.«

»So etwas macht sich nur auf der Bühne gut«, sagte sie, und ich hörte ihrer Stimme an, dass sie verärgert war.

Das Mädchen brachte die Zigaretten und entschuldigte sich, dass es so lange gedauert hätte.

»Sie waren nicht im Ankleidezimmer, gnä Frau, sie waren im Bad.«

Marina wartete, bis wir wieder allein waren, dann sagte sie streng: »Julia, manchmal wundere ich mich, wie es dein Mann mit dir aushält.«

»Wundert mich auch. Rauchst du neuerdings in der Badewanne?«

»Du warst ein dummes Kind, als du ihn geheiratet hast. Ich sehe dich noch vor mir stehen, hier in diesem Zimmer, glühend vor Liebe und Begeisterung. Ich muss ihn haben, hast du geschrien. Ich will nur ihn. Nur ihn. Er ist des Kaisers schönster Leutnant.«

»War er ja auch. Damals. Aber da war eben Krieg. Heute ist er ein knickriger, sorgenbelasteter, meist schlecht gelaunter, von Schulden erdrückter Gutsbesitzer in Hinterpommern. So ist das!«

»Aber er liebt...

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