Jovana

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 552 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-349-6 (ISBN)
 
Ende der 50er-Jahre sucht der erfolgreiche Filmregisseur Steffen Rau einen geeigneten Drehort. In dem kleinen Städtchen Ahlsen trifft er auf die junge Jovana. Sie ist verzweifelt, ihre große Liebe heiratet eine andere, die Stiefmutter lehnt sie ab, sie fühlt sich hässlich - sieht keinen Sinn mehr im Leben. Steffen muntert sie auf. Als er sie einige Zeit später in Hamburg wiedersieht, wo er mit seiner Frau Dorothy lebt, erkennt er schnell, dass Jovana das Talent der Mutter, einer tschechischen Schauspielerin, geerbt hat. Er unterstützt sie, bald nicht nur aus beruflichem Interesse, und Jovana lernt schnell, sich in seiner Welt zu behaupten. Sie ist außerordentlich ehrgeizig und diszipliniert. Ihre erste Rolle bringt sie dem Traum von der Schauspielkarriere näher. Doch wird sich auch ihr größter Traum erfüllen?
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • 5,44 MB
978-3-95751-349-6 (9783957513496)

Begegnung

Der Weg war weiter als vermutet, dreiviertel Stunde von der Autobahn, und dann endlich dieser Ort namens Ahlsen, von dem Steffen noch nie gehört hatte und der ihm auf den ersten Blick nicht gefiel.

Barenth, sein Regieassistent, hatte ihn zu dem Umweg veranlasst. »Sie sollten da mal vorbeischauen, Chef. So ein richtig verschlafenes Städtchen voller Spießer. Mitten auf dem Marktplatz steht eine alte Kirche, nicht schön, aber irgendwie wirkungsvoll. Und am Ende des Platzes sind zwei alte Wehrtürme, sehr imposante Dinger. Das könnte was für uns sein. Nie gehört davon? Na, ich glaube, das Nest kennt außer mir sowieso keiner.«

Woher er es denn kenne, hatte Steffen wissen wollen.

»Woher schon? Aus dem Krieg natürlich. Letzte Kriegs- und erste Nachkriegszeit. Ich war durch einen Zufall dort gelandet. Halb verhungert und ziemlich am Ende meines Lateins. So gegen Ende hatten sie mich noch rangekriegt, als Flakhelfer. Und ich sagte mir, was soll der Quatsch? Ich werde den Krieg auch nicht mehr gewinnen. Da bin ich getürmt. Erst trieb ich mich im Wald und auf der Heide herum, und als ich nicht mehr weiterwusste, wagte ich mich in einen Ort. Ahlsen eben. War goldrichtig. Es gab da eine einsame Witwe, die hatte ein Herz für einen armen heimatlosen Jungen. Nicht nur, dass sie mir zu essen gab, sie führte mich sogar in die Liebe ein. Unvergesslich für mich - Ahlsen.«

Am Abend zuvor war Steffen bei der Premiere seines letzten Films in Frankfurt gewesen. So das Übliche. Presseempfang, Party, Fotografen. Die Thorwald ständig an seiner Seite, deutlich demonstrierend, wie nahe sie einander standen. Dabei wusste sie, dass sie ihn überhaupt nicht beeindruckte. Er schätzte sie nicht einmal als Star seiner Filme, geschweige denn, dass er mit ihr ins Bett gegangen wäre.

Er mochte auch den Film nicht, den sie da gerade gestartet hatten, eine sirupsüße Liebesgeschichte mit verlogenem Hintergrund. Nicht zu glauben, dass die Leute so etwas sehen wollten. Was für gute Filme hatte er noch vor einigen Jahren gemacht - aber jetzt, alles Kitsch.

Darum freute er sich ja auch so auf den nächsten Film, ein interessanter Stoff, ein gutes Buch. Diesmal würde er sich nicht hineinreden lassen von engstirnigen Produzenten und Verleihern. Wichtig war beispielsweise der Ort, an dem sie drehen würden, eine Kleinstadt, ein wenig düster und verschlafen.

»Ein Städtchen, in dem die Spießer hinter dem Monde leben und wo man es ihren leeren Gesichtern ansieht, dass sie nie begreifen, was geschieht. Aber den Steinen dieses Ortes muss man es ansehen, dass auch hier etwas geschah. Irgendwie schicksalsträchtig muss der Ort sein.« - So weit der Autor. So stellte er sich die kleine Stadt vor, in der »Zwielicht« spielen sollte.

Steffen fuhr eine Runde durch Ahlsen und entschied sofort, dass er hier nicht fand, was er suchte. Hier war es nur langweilig, sonst nichts. Die leeren Gesichter würde man vielleicht finden, aber den Steinen und Mauern sah man nichts von Schicksal und Geschichte an.

Er parkte schließlich auf dem Marktplatz und stieg aus. Sah sich um. Auch schon was!

Er war unausgeschlafen und schlecht gelaunt, und dazu nun noch Ahlsen. Das war zu viel.

Da war also die Kirche, von der Barenth erzählt hatte, wuchtig und alt, unschön, aber irgendwie imponierend - das stimmte. Sie stand mitten auf dem relativ großen Platz, rundherum Kopfsteinpflaster.

Kopfsteinpflaster machte sich immer gut. Weiter. Dort am Nordende des Platzes die Türme. War das Norden? Na egal. Vierschrötige dicke Türme, oben flach, schwere Quader. Mussten sehr alt sein, die Dinger. Sicher gab es eine Art Geschichte zu diesem Nest - wo gab es die nicht? Aber er hatte nicht die geringste Lust, einen Archivar oder Bibliothekar aufzustöbern und sich über die Historie von Ahlsen unterrichten zu lassen. Denn er hatte schon entschieden, dass er hier nicht drehen würde. Gefiel ihm nicht. Das war keine Kleinstadt, kein Städtchen, das war wirklich nur ein Nest.

Pflichtbewusst umrundete er wenigstens einmal die Kirche zu Fuß, besah die Türme aus der Nähe und ging dann auf der entgegengesetzten Seite eine der beiden Straßen entlang, die parallel vom Platz ausgingen. Vermutlich die Hauptstraßen. Das Übliche: Läden, Handwerksbetriebe, ein Gasthof, ein mickriges Kaufhaus, an einer Ecke ein etwas größeres, recht ansehnliches Kaufhaus. Wieder auf dem Marktplatz, beschloss er, ein Bier zu trinken, ehe er weiterfuhr. An der einen Längsseite des Platzes war ein Gasthaus, es nannte sich »Zum schwarzen Adler« und machte einen guten Eindruck.

Zuerst eine kleine Gaststube mit Holztischen. Leer. Durch eine weitgeöffnete Tür konnte er in einen zweiten größeren Raum blicken, offenbar das Restaurant für bessere Kunden. Eine Weile sah er stumm dem regen Betrieb zu, der dort herrschte. Die Vorbereitungen zu einem Fest. Eine große Tafel, an deren Ausstattung emsig und lautstark gearbeitet wurde; Porzellan, Kerzenleuchter, Gläser, Blumen.

Kaum anzunehmen, dass man auf seinen Besuch Wert legte.

Doch nun hatte ihn eines der Mädchen entdeckt. Es kam heran, hübsch und rotwangig, ein bisschen erhitzt, und lächelte ihn freundlich an.

»Der Herr wünschen?«

»Kann ich ein Bier haben?«

»Natürlich. Macht's Ihnen etwas aus, hier draußen zu sitzen?«, fragte sie höflich und überflüssigerweise und wies ihn zurück in die kleine Gaststube. Eine rein rhetorische Frage, dachte Steffen. Angenommen, ich sage Nein, ich will an der Festtafel sitzen, was dann?

Er schmunzelte, schon besser gelaunt. Solche Kleinigkeiten erheiterten ihn. Er war ein Wortklauber, das brachte der Beruf so mit sich. Stundenlang konnte er an Dialogen feilen, und es machte ihn wahnsinnig, wenn seine Autoren unnötige Phrasen drechselten, was, wie er nun wieder einmal feststellte, höchst töricht von ihm war. Man verständigte sich sein halbes Leben lang mit unnötigen Phrasen, das also konnte man getrost als lebensechten Dialog bezeichnen. Wer redete schon immer genau und zielbewusst zur Sache.

»Es wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben«, erwiderte er und schenkte dem Mädchen sein berühmtes Lächeln, dessen Charme den arrogantesten Star in ein williges Lamm verwandelte. »Da Sie hier offenbar ein Fest vorbereiten .«

Das Mädchen lächelte zurück. »Eine Hochzeit.« Und stolz, als sei es ihre eigene, fügte sie hinzu: »Eine sehr große Hochzeit.«

»Wenn Sie mir trotzdem ein Bier bringen, werde ich es Ihnen nie vergessen.« Er lächelte immer noch.

Die Blonde, gefangen von seinen grauen Augen, vergaß für einen Moment die Hochzeit und die viele Arbeit. Einen Mann wie diesen sah man in Ahlsen nie. Die Wangen noch ein wenig röter, rief sie: »Ich bring's Ihnen sofort, einen Augenblick nur«, und da lief sie schon.

Steffen setzte sich zufrieden an einen Tisch am Fenster. Und registrierte bei sich wieder einmal, mit oft geübter Selbstironie, seine nicht zu verleugnende Eitelkeit. Siebenundvierzig Jahre - und auch Mädchen, die nicht wussten, wer er war, gerieten in Verwirrung. Nicht, dass er allzu viel Gebrauch davon machte. Eigentlich schon eine ganze Zeitlang nicht mehr. Aber es freute einen doch.

»Du hast etwas von einem Dompteur an dir«, sagte Dorothy, seine Frau, manchmal. »Wärst du nicht Regisseur geworden, hättest du dich sicher großartig als Löwendompteur geeignet.«

»Wennschon, dann lieber Tiger. Und wo, bitte, ist der Unterschied zwischen einem Regisseur und einem Dompteur? Die Tigerkatzen, mit denen ich zu tun habe, sind weitaus gefährlichere Raubtiere und viel schwieriger zu behandeln. Ich stelle es mir erholsam vor, einem Tiger mein Haupt in den Rachen zu legen, anstatt acht Wochen lang Britta Thorwald bei guter Laune zu halten - man reiche mir die Tiger!« Dorothy hatte gelacht. Aber er dachte nicht nur an Britta, er dachte auch an Autoren, Kameramänner, an Produzenten, Verleiher, sonstige Geldgeber und auch an die Presse. Nein, Tiger mussten ein Kinderspiel dagegen sein.

Das Bier kam mit Windeseile. Und das blonde Mädchen hatte sich offenbar inzwischen intensiv mit ihm beschäftigt, es sagte: »Falls der Herr hier auch essen will, dann wäre es gut, wenn Sie das bald bestellen würden. Wenn das große Essen losgeht, ist in der Küche viel Betrieb.«

An Essen hatte er eigentlich nicht gedacht. Aber nun, darauf angesprochen, schien es ihm ganz verlockend, einen kleinen Imbiss zu nehmen. Er konnte dann ohne Aufenthalt durchfahren.

»Angenommen«, sagte er und blickte die Blonde liebevoll an, »Sie könnten mir eine ordentliche Portion Rührei mit Schinken bringen, ehe der Festschmaus losgeht - wie wäre das denn? Das macht nicht viel Arbeit, bringt die Küche nicht noch mehr durcheinander, als sie es sowieso schon ist. Und dazu kriege ich Brot und Butter, möglichst schwarzes Brot, und einen doppelten Klaren. Geht das?«

»Aber natürlich«, erwiderte das Mädchen, nun restlos für ihn da und abgelenkt vom Tumult des Hauses. »Sie können auch ein Schnitzel haben.«

»Nein. Rührei mit Schinken - das wäre es, was mich glücklich macht. Im Moment.« Sie lachte vergnügt und verschwand. Steffen zündete sich eine Zigarette an und war nun wirklich hervorragender Laune. Das ging bei ihm oft von einer Sekunde zur anderen. Sehr gemütlich, hier zu sitzen, abseits vom Trubel im Haus und irgendwie doch als stiller Beobachter daran beteiligt. Er stellte sich vor, wie die Blonde in die Küche kam mit seiner Bestellung und die Wirtin entsetzt die Hände zusammenschlug. »Was sagst du? Rühreier will einer essen! Jetzt?«

Auf dem Marktplatz wurde es nun auch lebendig. Es...

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