Jacobs Frauen

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 560 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-361-8 (ISBN)
 
November 1923. Jacob Goltz kehrt in seine Heimat zurück. An der Seite der schönen Belgierin Madlon hat er im 1. Weltkrieg an der Front in Deutsch-Ostafrika gekämpft. Die aufregenden Nachkriegsjahre verbringen die beiden im lebendigen Berlin, doch die Währungsreform frisst alle Mittel auf und so suchen sie Zuflucht bei der wohlhabenden Familie Jacobs am Ufer des Bodensees. Die Rückkehr nach Konstanz fällt Jacob schwer. Der Enge dieser von fest gefügten Traditionen geprägten Welt war er vor 15 Jahren entflohen. Während Madlon auf ein geordnetes Leben hofft, findet Jacob sich im Zivilleben nicht zurecht, ist rastlos, ohne Ziel. Weder die Anwaltskanzlei, die sein Vater und sein Onkel führen, noch der Bauernhof, den seine unabhängige Mutter Jona bewirtschaftet, interessieren ihn. Die blutjunge, zauberhafte Clarissa, die ihn anhimmelt, dafür umso mehr .
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 6,24 MB
978-3-95751-361-8 (9783957513618)

Die Heimkehr

Im November 1923 kam Carl Jacob Goltz zurück in sein Elternhaus am See, in die wohlgeordnete, festgefügte Welt, die ihm in seiner Jugend so eng vorgekommen war. Die Ferne hatte er gesucht, die große Weite, das Abenteuer auch; das alles hatte er gefunden, doch nun kam er zurück. Nicht mit hängenden Flügeln, das hätte seinem Wesen nicht entsprochen, dazu gab es auch keinen Grund. Er war, wie so viele, ein Opfer der Zeit, ein Opfer des großen Krieges, der hinter ihnen lag.

Wild und bewegt war sein Leben gewesen, die Lust an der fremden Welt ging unter in dem langen, erbarmungslosen Kampf, in dem er Hunger und Durst, Not und Krankheit ertragen musste, Attacke und Flucht, Siege und Niederlagen erlebte und schließlich die bittere Enttäuschung des Endes.

Doch wenn auch Deutschland den Krieg verloren hatte, er hatte an der einzigen Front gekämpft, an der die Deutschen nicht besiegt wurden. Das blieb in all den Jahren, die noch vor ihm lagen, sein stolzer Ausspruch, dem sich nicht widersprechen ließ.

Dennoch hatte er nichts und besaß er nichts, als er kam, nicht einmal einen Beruf, nur die Malaria in seinem Blut und ein lahmes Bein.

Und eine Frau brachte er mit.

Von seiner Ehe hatte die Familie nichts gewusst. Im Frühjahr 1919 erst erfuhren sie, dass er lebte. Er schrieb aus Berlin, wo er nach der Gefangenschaft und der Rückverschiffung nach Europa gelandet war. Zunächst war es nur eine kurze Nachricht, es gehe ihm gut, und er werde bald zu einem Besuch nach Hause kommen. Doch dann kam ein Brief aus Pommern.

»Ich erhole mich auf dem Gut eines Kameraden von den Strapazen der vergangenen Jahre. Und hier gibt es auch mehr zu essen als in Berlin.«

Von einer Frau war nicht die Rede, und auf die Idee, dass er sich auch zu Hause erholen könnte und dass es da ganz sicherlich mehr zu essen gab als in Berlin, schien er nicht gekommen zu sein.

Eine Weile riss die Verbindung nicht ab; seine Mutter schrieb ihm, auch sein Vater, sie mahnten ihn ungeduldig zur Heimkehr, er antwortete, später wieder aus Berlin, mit vagen Ausflüchten. Wie er eigentlich lebte, wovon, was er tat, davon schrieb er nichts, und seine Mutter entnahm daraus, dass es ihm schlecht ging.

Sie schrieb nicht gern Briefe, aber eines Tages wurde es ein langer Brief, mit vielen Fragen, mit energischen Worten, mit dem Satz: »Komm endlich! Ich brauche dich hier.«

Dieser Brief kam als unzustellbar zurück. Sie hatte ihn an das Hotel adressiert, das er als Absender angegeben hatte, doch dort wohnte er nicht mehr.

Wieder einmal war Carl Jacob Goltz verschollen, und seine Familie hielt es durchaus für möglich, dass er Deutschland abermals verlassen hatte und ins Ausland gegangen war. Zurück nach Afrika oder, wie sein Onkel Carl Eugen Goltz vermutete, nun vielleicht nach Amerika.

»Er wird erst zurückkommen, wenn er Millionär geworden ist, das ist ihm zuzutrauen«, fügte er hinzu, und Jacobs Schwester Agathe meinte spöttisch: »Millionär war er schon immer. Eine Million Flausen im Kopf, daran hat sich bestimmt nichts geändert.«

Aber Jacob war in Berlin geblieben, und Millionär wurde er gleichzeitig mit allen anderen Deutschen, als die Inflation ihrem Höhepunkt zustrebte. Von dem Hotel war er in eine Pension umgezogen, dann bewohnte er mit seiner Frau ein möbliertes Zimmer im Westen, eine Zeit lang wohnten sie geradezu fürstlich, sie verfügten über eine große Wohnung in Schöneberg, altmodisch, aber gemütlich eingerichtet, sie gehörte den Eltern eines Kameraden, die sich in ihr Haus im Riesengebirge zurückgezogen hatten, weil ihnen das Berlin der Nachkriegszeit widerwärtig sei, wie sie sagten. Ihr Sohn, der Aufnahme fand in das neue Heer der Republik, heiratete jedoch nach einiger Zeit und beanspruchte die Wohnung dann für sich.

Sie logierten nun wieder in billigen Pensionen und lebten wie die meisten Menschen in dieser Zeit von heute auf morgen, von der Hand in den Mund.

Und dennoch, so wechselvoll ihr Leben war, sie genossen beide, Madlon und Jacob, die Jahre im turbulenten Berlin der Nachkriegszeit.

Abenteuerlich war ihr Leben immer gewesen, wenn auch auf andere Art, doch das Triumphgefühl des Lebens, des Überlebthabens, war stärker als die Sorgen des Alltags, jedenfalls so lange, bis das immer wertloser werdende Geld sie in nackte Not brachte. Zuvor waren die Jahre wie ein einziger Rausch gewesen. Sie hatten alte Freunde in Berlin wiedergetroffen und noch mehr neue gefunden, sie saßen lange Nächte in den Bars und Kneipen, es waren Vergnügungen, die einer Betäubung gleichkamen. Wie so viele dieser Kriegsgeneration hatten sie noch nicht in ein normales Leben zurückgefunden, sie versuchten es auch gar nicht, wieder ordentliche Bürger zu werden. Das heißt, nur Jacob hätte es versuchen können, Madlon war es nie gewesen.

Am liebsten wäre Jacob in das 100 000-Mann-Heer eingetreten, das der Versailler Vertrag der deutschen Republik zubilligte, aber dafür bestand nicht die geringste Aussicht, sein Gesundheitszustand machte es unmöglich. Einmal erwog er, sich einem der Freikorps anzuschließen, die viel von sich reden machten, aber dem widersprach Madlon energisch.

»Wir haben glücklich überlebt, und ich habe dich behalten. In solch einen sinnlosen Kampf ziehst du nicht.«

»Aber wir müssen uns wehren gegen die Roten.«

»Lass es andere tun, du hast genug gekämpft. Deutschland hat den Krieg verloren. Wer auf diese Weise noch Selbstmord begehen will, soll es meinetwegen tun. Du nicht. Es ist töricht, für eine verlorene Sache zu kämpfen.«

»Haben wir nicht jahrelang für eine verlorene Sache gekämpft?«

»O nein«, widersprach sie entschieden, »gerade das haben wir nicht getan. Und wir haben nicht verloren. Gerade wir nicht.«

Eine Zeit lang hoffte er, Lettow-Vorbeck, der eine Brigade in Schwerin befehligte, werde sich für ihn verwenden und einen Posten für ihn finden, doch bereits im Sommer 1920 bekam Lettow sehr abrupt den Abschied, im Anschluss an den missglückten Kapp-Putsch.

Für ein Berliner Boulevardblatt schrieb Jacob dann, auf Anforderung, seine Erlebnisse aus der afrikanischen Dienstzeit nieder, auch hierin seinem General nacheifernd, aber Jacob hatte kein Talent zum Schreiben, es wurde nur ein kahler Bericht, dem die Journalisten erst Form und Farbe geben mussten, was einer Fälschung nahekam und dem, was sie erlebt hatten, nicht gerecht wurde. Die Stimmung in Berlin war antimilitaristisch, pazifistisch, und gerade in bestimmten Zeitungskreisen redete man übel von den besiegten Helden und nahm jede Gelegenheit wahr, ihnen etwas am Zeug zu flicken.

Der General ließ Jacob wissen, dass er diese blödsinnige Schreiberei unterlassen solle.

Eine Zeit lang spielte Jacob Chauffeur bei einem reichen Schieber, eine relativ angenehme Stellung, die er jedoch verlor, als ihn wieder einmal die Malaria packte. Einige Monate lang stand er als Portier vor einer Nachtbar, während Madlon drinnen hinter dem Tresen saß. Nach einer nächtlichen Prügelei mit Spartakisten, die ihn angepflaumt hatten, warf man ihn hinaus; ein hünenhafter russischer Emigrant mit Vollbart und dekorativem eisgrauem Lockenhaupt nahm seinen Posten ein.

Seine ehrbare und wohlhabende Familie daheim hätte fassungslos vor diesen Tatsachen gestanden. Natürlich hätten sie ihm Geld geschickt, wenn er es angefordert, wenn er sie nur hätte wissen lassen, wo er sich befand und wie es ihm erging. Aber ein lächerlicher Stolz hinderte ihn daran, sie um etwas zu bitten, und da er nicht wusste, was er ihnen schreiben sollte, schrieb er gar nicht. Zwar faselte er immer wieder einmal von dem Besuch, den er nun bald zu Hause machen wollte, Madlon hörte sich das mit skeptischer Miene an, und so sehr sie seine Familie fürchtete, war es am Ende ihr vorbehalten, ihn zur Vernunft zu bringen.

Am besten ging es ihnen, als Madlon für eine Konfektionsfirma fantastisch farbige Gewänder mit exotischem Touch entwarf, die für eine Weile Mode wurden, sodass sie gutes Geld damit verdiente. Außerdem besaß sie eine geniale Hand für Schwarzmarktgeschäfte, die in dieser Zeit üppig gediehen. Doch die wachsende Inflation machte ihr Leben zunehmend schwieriger.

Sie wohnten in einer Pension am Wittelsbacher Platz, als Jacob wieder einmal von einem heftigen Malariaanfall geschüttelt wurde. Madlon beschloss, ihren Ring mit dem großen Diamanten, von dem sie sich nie hatte trennen wollen, nun doch zu verkaufen. Während der Kämpfe hatte sie ihn in einem Beutelchen unter dem Buschhemd getragen, dann ließ sie ihn blitzen im Licht der vergnügten Nächte, nun suchte sie einen, der ihr Geld dafür gab.

»Merde!«, sagte sie, als sie in das düstere Pensionszimmer zurückkam, schmiss den Haufen Papier, den der Ring ihr eingebracht hatte, auf Jacobs Bettdecke und streckte ihm die entblößte Hand entgegen.

»Ich hätte es nicht tun sollen. Das Geld ist doch nichts wert.« Aber ehe er noch ein Trostwort finden konnte, raffte sie die Scheine wieder zusammen, stopfte sie in ihre Tasche und rief: »Ich hole ihn mir wieder. Mir ist etwas Besseres eingefallen.« Sie war aus dem Zimmer, ehe er eine Frage stellen konnte. Das war so ihre Art; impulsiv in allem, was sie tat, kaufte sie den Ring zurück, bereits mit Verlust, und fuhr unverzüglich in den Grunewald.

Kosarcz war ihr eingefallen, dessen dunkle Geschäfte über alle Grenzen reichten. Sie hatte ihn kennengelernt, als sie in der Bar arbeitete; er kam jeden Abend und ließ sie wissen, dass er verrückt nach ihr sei. Was zu verstehen war, denn die harten Jahre hatten ihrer Schönheit nicht geschadet, erst recht nicht ihrem Temperament und ihrem...

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