Eine Heimat hat der Mensch

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 260 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-346-5 (ISBN)
 
1963 in Salzburg. Der amerikanische Musikwissenschaftler Richard Gorwess besucht die Festspiele. Eines Abends glaubt er den Mann zu erkennen, mit dem einst seine Frau Carola und ihre Schwester Britta in Ost-Berlin lebten: Boris Jaretzki. Als junger GI hatte Richard 1949 die junge Carola beim Stehlen erwischt. Jahre später sehen sie sich wieder und noch vor dem Mauerbau flieht sie mit ihm aus dem düsteren Berlin nach Amerika. Zwei Jahre lang lebten sie dort glücklich, aber dann wollte Carol noch einmal ihre geliebte Schwester besuchen, und kam nicht wieder. Sie sei ertrunken, hieß es. Nun, ein Jahr später, macht Richard sich in der Salzburger Umgebung auf die Suche nach dem geheimnisvollen Boris. Nach einem Unfall lernt er auf einem Jagdschloss die Geschwister Toni und Seppi Saritz kennen, die ihm helfen wollen, das Geheimnis zu lüften.
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • 6,07 MB
978-3-95751-346-5 (9783957513465)

Berlin I

Mein Vater fasste im Herbst 1938 den endgültigen Entschluss, Deutschland zu verlassen. Es bestand kein zwingender Grund zu dieser Emigration, er war weder Jude noch Kommunist, noch war er den Nationalsozialisten in besonderer Weise unangenehm aufgefallen. Er hatte sich niemals politisch betätigt, war weder der Partei noch einer ihrer Gliederungen beigetreten, und da er kein prominenter Mann war, blieb das ohne Einfluss auf sein Leben.

Mein Vater war Physiker, hatte während der Zwanzigerjahre in Berlin studiert und promoviert, arbeitete danach als wissenschaftlicher Assistent im Kaiser-Wilhelm-Institut bei Professor Otto Hahn. Danach hatte er eine relativ gut bezahlte Position in einem Werk der Fotoindustrie. Das Gebiet der Atomforschung hatte er schweren Herzens verlassen, er war gerade darin hervorragend geschult und erfahren, doch er begründete es sehr lapidar mit der kurzen Aussage, dass es ihm Unbehagen bereite. Übrigens geschah es gerade in besagtem Jahr 1938, dass Professor Hahn die Spaltbarkeit des Urankerns entdeckte und damit den Weg zur Nutzung der Atomenergie eröffnete. Zu jener Zeit, wie gesagt, war mein Vater jedoch nicht mehr im Institut.

Unbehagen bereitete ihm auch in steigendem Maße, was sich in Deutschland abspielte. Obwohl es ihm und seiner Familie - seiner Frau und mir, seinem Sohn - recht gut ging. Wir hatten keinen Anlass, über unser Dasein zu klagen. Mein Vater erklärte mir später, warum er trotzdem emigrierte.

Ich war neun Jahre alt, ich bin im Mai 1929 geboren, und aus verständlichen Gründen debattierte man mit mir nicht über die bevorstehende Veränderung. Ich ging noch in die Volksschule, hatte Schulfreunde aus verschiedenen Kreisen, und es wäre zweifellos schädlich gewesen, wenn ich über unsere Pläne gesprochen hätte. Natürlich hätte ich den Mund gehalten, wenn mir gesagt worden wäre, dass ich nicht darüber sprechen dürfe, aber es wäre doch ein quälender Zwiespalt für ein Kind gewesen, und den wollte man mir ersparen.

Allerdings bekam ich mehr mit, als meine Eltern vermuteten; die Belastung, unter der mein Vater stand, konnte mir nicht verborgen bleiben, auch nicht die Erregung, in der er sich nach manchen Gesprächen mit meiner Mutter befand. Das musste mir auffallen, denn mein Vater war ein ruhiger, ausgeglichener Mann, immer Herr seiner selbst. Und ich sah, dass meine Mutter weinte, was ich von ihr nicht kannte. Ich hörte Sätze wie: Das kannst du mir nicht antun!

Vorausschicken sollte ich wohl, dass ich das denkbar beste Verhältnis zu meinen Eltern hatte, ich liebte sie, ich vertraute ihnen, ich war das typische Einzelkind, dem von jeher sehr viel Aufmerksamkeit, sehr viel Liebe zuteilgeworden war. Mein Vater war für mich ein bewundertes Vorbild, aber ich hatte, genau wie meine Mutter, auch immer Sorgen um ihn, denn sein Herzleiden ließ uns ständig um sein Leben bangen. Seine angegriffene Gesundheit war wohl auch einer der Gründe, warum meine Mutter sich so heftig gegen die geplante Veränderung in unserem Leben wehrte.

Meine Erziehung ging fast unbemerkbar vonstatten. Ich habe in meiner Kindheit nie laute Schelte vernommen oder Schläge bekommen, es genügten eine Ermahnung, eine Erklärung; der höchste Ausdruck an Tadel, den mein Vater aufbrachte, waren ein Kopfschütteln und ein höchst erstaunter Blick aus seinen grauen Augen hinter der goldgefassten Brille, zumeist begleitet von den gleichen Worten: »Wie konntest du das tun? Ich verstehe das nicht.«

Daraufhin verstand ich es auch nicht mehr, schlich beschämt vondannen und kam mir höchst unwürdig vor, der Sohn eines so großartigen Vaters zu sein.

Es mag merkwürdig, ja unglaubwürdig erscheinen, so etwas heute auszusprechen, aber so war es nun einmal. Ich will auch keineswegs den Eindruck erwecken, ich sei ein Musterknabe gewesen, Torheiten und Ungezogenheiten kamen vor, jungenübliche Streiche, auch Pannen in der Schule, aber das wurde nicht unnötig dramatisiert und auf die eben beschriebene Weise aus der Welt geschafft.

Ich erinnere mich gut, dass ich im Sommer 1938, kurz bevor die großen Ferien begannen, zusammen mit zwei anderen Jungen den Hausmeister der Schule im Keller einschloss. Wir hatten beobachtet, wie er in den Keller ging, wir wussten auch, dass er da unten immer ein paar Bierflaschen und auch eine Schnapsflasche aufbewahrte, denn wir hatten schon herumgestöbert. Jetzt kann er sich in Ruhe mal einen auf die Lampe gießen, sagten wir, bestiegen unsere Räder und sausten unter Gelächter davon.

Der arme Mann blieb die ganze Nacht im Keller, denn der Keller war tief und schalldicht, irgendwann wird er wohl auch blau genug gewesen sein, um einzuschlafen. Die Frau Hausmeister machte sich zunächst keine großen Sorgen um den verschwundenen Mann, erst als am nächsten Morgen der Direktor in die Schule kam, berichtete sie ihm vom spurlosen Verschwinden ihres Mannes. Dann kam die Polizei, uns wurde mulmig zumute.

Schließlich fand man den Verschwundenen, und da er einen von uns dreien, nicht mich, sondern meinen Freund Hans, am Nachmittag zuvor auf dem Schulgelände gesehen hatte, zu einer Zeit also, wo ein Schüler dort nichts mehr verloren hatte, tippte der gute Mann ganz richtig, wer der Übeltäter sein könnte. Dann war es natürlich Ehrensache, dass wir beiden anderen uns als Komplizen zu erkennen gaben. Ich kann mich im Einzelnen an die verschiedenen Strafmaßnahmen nicht mehr erinnern, nur dass mein Vater einen Brief von der Schule bekam.

Er las den Brief nach dem Mittagessen meiner Mutter und mir laut vor, blickte mich dann auf die erwähnte Weise an, nahm die Brille ab, rieb mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken, auf dem sich immer eine Vertiefung befand, und fragte meine Mutter: »Was macht man denn da, mit diesem deinem Sohn?«

Meine Mutter meinte: »Strafarbeiten und Nachsitzen und Tadel im Klassenbuch hat er ja alles schon bekommen. Wir können ihm ja verbieten, eine Woche in die Schule zu gehen.«

»Wie immer, du Singvogel, nimmst du das Leben nicht ernst. Wie willst du auf diese Weise einen ordentlichen Menschen aus diesem Jungen machen?«

»Das machst du schon. Nein, ich finde, wir sollten uns etwas ausdenken, was den armen Mann tröstet, wenn er schon die ganze Nacht im Keller sitzen musste.«

»Weißt du etwas, was ihn tröstet?« fragte mich mein Vater und setzte die Brille wieder auf.

Ich grinste. »Eine Flasche Schnaps.«

»Und die arme Frau«, fuhr meine Mutter fort. »Was wird sie sich für Sorgen gemacht haben?«

»Bestimmt nicht«, sagte ich. »Sie kann ihn ebenso wenig leiden wie wir.«

Mein Vater hatte die Fingerspitzen aneinandergelegt, tippte sie immer wieder gegeneinander, wie er es gern tat, wenn er überlegte, dann lächelte er.

»Du kaufst einen schönen großen Blumenstrauß, von deinem Taschengeld, versteht sich, bringst ihn der Frau Hausmeister und sagst, du möchtest dich entschuldigen dafür, dass du ihr eine Nacht voller Sorgen bereitet hast. Wie findet ihr das?« Wir fanden es gut, besonders meine Mutter, sie sprang auf, tanzte um den Tisch herum, küsste meinen Vater und rief: »Wunder-wunder-wundervoll! So wird's gemacht.«

Mir würde das Unternehmen ein wenig peinlich sein, das sah ich voraus. Wegen des Taschengeldes brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, da würde meine Mutter schon aushelfen. Es geschah genau wie besprochen und wurde ein Riesenerfolg. Vorsorglich hatte ich meinen Auftritt in eine Zeit gelegt, in der der Hausmeister nicht in seiner Wohnung war, und die Frau Hausmeister freute sich unbeschreiblich über die Blumen.

»Jotte doch! Nee, sowat! Sowat aber ooch! Mir hat noch keener nich Blumen jeschenkt.« Sie bekam vor lauter Rührung Tränen in die Augen, streichelte meine Wange und steckte mir Bonbons in die Tasche. Als sie mich zur Tür hinausließ, sagte sie: »Von mir aus könnt ihr'n da unten einsperren, bis er schwarz wird.«

Dies nur als kleine Illustration, wie es bei uns zu Hause zuging. Es war die Persönlichkeit meines Vaters, die Liebenswürdigkeit meiner Mutter, die mir das Menschwerden leicht machte.

Meine Mutter. Wenn ich in aller Aufrichtigkeit von meinem Vater sagen kann, dass ich ihn liebte und bewunderte, so muss ich von ihr sagen: Ich betete sie an. Das tue ich heute noch.

Sie war eine schöne Frau, und ich finde, sie ist es auch jetzt noch, mit sechsundfünfzig Jahren ist sie so anmutig und beschwingt geblieben, obwohl sie natürlich unter dem Tod meines Vaters sehr gelitten hat.

Sie lebte immer etwas abseits der Wirklichkeit und konnte in den kleinen Dingen des Lebens recht unpraktisch sein, wir benötigten stets eine versierte Haushaltshilfe, die sie von den Lästigkeiten des Alltags befreite, und wenn diese sie bestohlen oder belogen hätten, wie es später in Amerika einmal geschah, so hätte es meine Mutter gar nicht bemerkt.

Während meiner Kindheit in Berlin gab es nur zwei dieser Perlen; die erste hieß Anna und verließ uns schon, als ich vier Jahre alt war, weil sie heiratete; an sie habe ich verständlicherweise so gut wie gar keine Erinnerung.

Die zweite, die bei uns blieb, bis wir Deutschland verließen, nannte sich Thea und war ein dralles, munteres Mädchen aus Pommern. Sie versorgte unseren Vierzimmerhaushalt, meinen Vater, meine Mutter, unsere Katze und natürlich auch mich, mit Umsicht und Geschick, wusste genau, was zu tun war, man brauchte ihr keine Anweisungen zu geben, die Arbeit ging ihr spielend von der Hand. Sie sorgte dafür, dass Vater zur rechten Stunde seinen Kaffee, Mutter ihren Tee, ich meine Milch bekam, sie kochte ziemlich einfallslos, aber gut und kräftig, und sie war verlobt. Wodurch der Abschied von ihrer...

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