Gestern oder Die Stunde nach Mitternacht

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 222 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-358-8 (ISBN)
 
München, Anfang der 70er-Jahre. Nach einer enttäuschenden Vorstellung flüchtet Lorena Rocca in das luxuriöse Haus ihres Freundes Sandor. Sie weiß, dass diese Beziehung am Ende ist, auch ihre Karriere, und beschließt, sich das Leben zu nehmen. In dieser Stunde nach Mitternacht lässt sie ihr Leben noch einmal Revue passieren. Ein Leben als Artistenkind, ohne Heimat, bis zum 2. Weltkrieg mit den Eltern auf Tournee. Nach deren Tod verbrachte sie ihre Jugendjahre in München, bevor sie in den 50er-Jahren aus einem kurzen geordneten Leben wieder ausbricht in ein Leben im Scheinwerferlicht. Sie feierte große Erfolge als Sängerin und Schauspielerin, genoss Ruhm, Ehre, Erfolg und Liebe. Doch in dieser Nacht kennt sie nur die Angst vor dem Alter, der Einsamkeit und die Sehnsucht nach ihrer großen Liebe, die sie verloren hat . oder ist es doch noch nicht zu spät?
Überarbeitete Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 6,55 MB
978-3-95751-358-8 (9783957513588)

Die Stunde nach Mitternacht . In der Stunde nach Mitternacht schlafen normale Menschen. Ich habe eigentlich nie oder fast nie um diese Zeit geschlafen. Heute, in dieser Mitternachtsstunde, bin ich allein. Allein mit mir und der ganzen Welt, allein mit meinem Leben und mit dem, was geschehen wird.

In dieser Nacht werde ich sterben. Hoffentlich reichen die Tabletten. Nichts ist peinlicher als ein missglückter Selbstmord. Jeder würde dann glauben, es sollte nur ein Selbstmordversuch sein.

Soll es nicht sein. Ich will niemanden erpressen, nicht einmal das Schicksal. Das sich sowieso nicht erpressen lässt. Ich will wirklich sterben.

Diese eine verfluchte Freiheit muss man doch haben, zu gehen, wenn man nicht mehr bleiben will. Ich habe sie mir immer genommen, diese Freiheit - ich bin gegangen, wenn ich nicht bleiben wollte: von Partys, auf denen mir die Gesellschaft nicht passte, aus einem Vertrag, der mich drückte, von einem Mann, den ich nicht mehr mochte. Und jetzt nehme ich mir die Freiheit, aus dem Leben zu verschwinden.

Ich will nicht mehr. Hörst du mich, Leben? Ich nehme mir die Freiheit und gehe.

Nur blamieren möchte ich mich nicht gern. So vieles ist in den letzten Jahren schiefgegangen - hoffentlich klappt das wenigstens.

In der Zeitung werden ein paar Zeilen stehen, dazu ein Archivbild;· wenn sie fair sind, nehmen sie ein gutes. Einigen Leuten wird es leidtun um mich. Die meisten werden sagen: Es war sowieso aus mit ihr, sie war passé, restlos passé. Nicht mehr jung genug. Es ist eine Weile her, dass sie im Geschäft war, wer kennt sie noch? Und so toll war es mit ihren Erfolgen eigentlich auch nicht. Das ist ungerecht. Aber sie sind immer ungerecht - später. Einmal gehörte ich zur ersten Garnitur. Nicht international, das gebe ich zu. Meine einzige Gastspielreise in den Vereinigten Staaten war nur ein mäßiger Erfolg. Aber hierzulande war ich lange in der Spitzengruppe.

Jetzt bin ich unten, ganz unten. Der Saal war heute Abend nicht einmal halb voll. Die Zeiten haben sich geändert - sie ändern sich für alle und jeden. Andere Stars, andere Namen - und ein anderes Publikum. Wenn Jack wenigstens gekommen wäre! Dann würde ich jetzt irgendwo mit ihm sitzen, wir würden trinken und reden, er würde mich trösten, vielleicht hätte ich geweint oder ein Glas an die Wand geschmissen, und er würde sagen: »Hör auf, verrückt zu spielen. Das gehört zu dem Geschäft, es geht rauf und runter. Manche sind zwei, drei Jahre top und dann verschwunden. Was willst du denn eigentlich? Du machst das seit fünfzehn Jahren und verkaufst dich immer noch. Du wirst dich wieder besser verkaufen.« Er würde ein paar Namen nennen von solchen, die oben waren, dann unten und abgeschrieben und plötzlich ein großes Comeback hatten. So was hat's gegeben. Weiß ich selber. Aber ich würde ihm nicht glauben, er würde es nicht glauben, doch seine Ruhe und sein Optimismus hätten mir geholfen. Sie haben mir immer geholfen.

Natürlich wusste er genau, dass es eine Pleite sein würde, darum ist er gar nicht erst gekommen. Und auch weil er wusste, die Pleite würde so groß sein, dass selbst ihm keine Trostworte mehr einfallen würden. Ich bin passé. Er weiß es genauso gut wie ich.

Nicht einmal angerufen hat er. Warum auch? Er hat ein paar neue gute Leute in seinem Stall, er kann es auch brauchen, mit mir hat er sowieso schon zu viel Zeit verplempert. Heute ist nur noch die Jugend gefragt. Und Jack hat jetzt junge Leute. Die sind unbelastet und haben im Moment die besseren Nerven.

Nicht so gute Nerven, wie ich sie hatte. Und sie werden nicht so lange durchhalten wie ich. Aber jedenfalls, solange sie zwanzig sind, haben sie nun mal bessere Nerven. Und Nerven braucht man in diesem Geschäft. There's no business like show business. Bei Gott!

Es ist das härteste Geschäft der Welt. Es ist erbarmungslos. Wenn ich bedenke, dass ich es als Kind schon gehasst habe und dennoch nicht davon loskam - absurd! Und dass es mir trotz aller Rückschläge immer wieder Spaß gemacht hat, dass ich einfach nicht glücklich sein konnte ohne meine Arbeit - nochmals absurd! Aber so bin ich, so war ich immer, voller Widersprüche; was ich nicht hatte, wollte ich haben - was ich besaß, mochte ich nicht mehr. Ohne meine Arbeit kann ich nicht leben, das weiß ich seit Langem. Immer wieder bin ich in die Manege gegangen wie ein gut dressiertes Zirkuspferd, das den Kopf hebt, wenn es die Musik hört.

Nur heute Abend, als ich den leeren Saal sah, da wäre ich am liebsten umgekehrt. Ich habe diesen Abend durchgestanden, aber es hat mir den Rest gegeben.

Nun nicht mehr. Nein, nie wieder.

Ich wollte es wissen. Diese gute neue Band, die Jade da unter Vertrag hat, ein paar erstklassige Nummern für mich, dazu meine alten Hits - die Leute, die da waren, haben geklatscht wie wild, denen hat's gefallen.

Aber ich sah nur die leeren Stühle. Und dachte an das, was morgen oder übermorgen in der Zeitung stehen wird. Nein! Man muss wissen, wenn es aus ist. Vorhang!

Jetzt sterbe ich an diesem Beruf, an diesem gehassten und geliebten Beruf - das ist nicht absurd.

Das ist eigentlich ganz in Ordnung.

Gemein ist es nur von mir, dass ich mir gerade diesen Ort ausgesucht habe, um zu sterben. Immerhin ist es ein gepflegter Rahmen für meinen letzten Akt - alles teuer, geschmackvoll und wertvoll in diesem Haus: die Möbel, die Bilder, die Teppiche. Ich habe mich entsprechend zurechtgemacht: ganz dezentes Make-up, ein hochgeschlossenes, sehr teures Kleid aus flaschengrünem Seidensamt. Grün war immer meine Farbe.

Ihn wird es ärgern. Ob er weiß, dass ich den Schlüssel noch hatte? Sicher, so etwas weiß er. Natürlich war er zu vornehm, ihn zurückzuverlangen, dachte wohl, ich werfe ihn in den Papierkorb. Weil es ihm und mir gleichermaßen kindisch vorgekommen wäre, wenn ich gesagt hätte: »Hier sind übrigens die Schlüssel. Ja, also dann .«

So sind wir beide nicht. Wir haben nicht viel Gemeinsames, aber wir sind weder kitschig noch sentimental; wir haben uns so ganz beiläufig voneinander getrennt, es wurde gar nicht darüber gesprochen, kein Krach, keine Abschiedsszenen, kein melancholischer Blick und kein resigniertes Lächeln, nicht die abgedroschenen guten Wünsche auf den Lippen und das obligate Versprechen, gute Freunde zu bleiben.

An die Schlüssel habe ich gar nicht gedacht, ich habe sie sowieso selten benutzt.

Ich habe nie Freundschaft gehalten mit den Männern, die ich geliebt habe und die ich verließ oder die mich verließen. Entweder - oder.

Was Sandor betrifft, so kann ich nicht einmal sagen, dass ich ihn geliebt habe. Ich ihn so wenig wie er mich. Eine Weile war es ganz amüsant mit ihm. Aber dass ich bei ihm blieb, war Berechnung. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich so etwas tat. Es ist fast so schlimm wie der leere Saal heute Abend. Und beides gehört natürlich zusammen. Nicht ihn, sein Geld habe ich gebraucht. Weil ich selbst keines mehr verdienen konnte. Nicht so viel, wie ich brauchte. So kam das zustande: ein Mann mit viel Geld und entsprechendem Society-Glanz, trotz seines fragwürdigen Lebens, und eine Frau, die ihren eigenen Ruhm überlebt hat, aber immerhin den bekannten Namen hat und dazu ein Auftreten, das vergessen lässt, dass sie und ihr Ruhm von gestern sind. Mit Liebe hat das natürlich nichts zu tun.

Wenn ich darüber nachdenke, wann und wen ich denn wirklich geliebt habe - oh, no! Das ist das Letzte, worüber ich jetzt nachdenken werde. Jetzt noch nicht. Vielleicht in den letzten Minuten.

Jetzt werde ich erst mal über das Sterben nachdenken. Dazu brauche ich etwas zu trinken.

Alles ist vorhanden in diesem Haus. Die edelsten Sorten aus internationalen Weinbergen und Barschränken. - Was eignet sich am besten, um die Tabletten hinunterzuspülen? Wein wäre dafür zu schade. Wein ist für die Lebenden, für die Liebenden. Nehmen wir Whisky. Der passt zu diesem Anlass am besten. Ich habe nie gern Whisky getrunken.

Ich kann natürlich auch Champagner nehmen. Champagner habe ich getrunken, als ich das erste Mal in diesem Haus war, das ist fast vier Jahre her. Wäre doch ganz sinnig.

Auch wieder nicht, sonst bildet er sich noch ein, ich hätte kurz vor Ladenschluss an ihn gedacht.

Warum hasse ich ihn eigentlich? Stimmt nicht - ich hasse ihn nicht. Ich kann ihn so wenig hassen, wie ich ihn lieben konnte. Und ich brauche es mir jetzt nicht einzureden, nur um es dramatischer zu machen.

Wir haben nebeneinanderher gelebt, ich habe ihn betrogen, er hat mich betrogen, obwohl selbst diese dramatische Vokabel in unserem Fall zu bombastisch ist, und manchmal gingen wir uns auf die Nerven.

Als er vergangenes Jahr zu meinem Geburtstag mit dem Smaragdarmband ankam - das dritte Geburtstagsarmband in drei Jahren -, konnte ich mich nicht einmal darüber ärgern. Just bored - that's all.

Er sah mir wohl an, was ich dachte, denn ich war nie eine Frau, die sich die Mühe machte, sich zu verstellen. »Wäre dir ein neuer Nerz lieber gewesen? Ich dachte nur, weil du schon zwei hast .« Es klang ironisch.

»Ein paar Armbänder habe ich auch schon. Und zwei davon bekam ich von dir zum Geburtstag, Schätzchen. Nerz ist Weihnachten dran. Es hat mich immer schon an dir bezaubert, dass du so unerhört fantasievoll bist.«

Blattschuss. Zu der Zeit, als wir noch miteinander schliefen, habe ich ihm einmal mitgeteilt, er sei der fantasieloseste Liebhaber, den ich je gehabt hätte.

So etwas vergisst kein Mann, das trifft ihn tief.

Vielleicht habe ich deswegen nie einen...

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