Die Frauen der Talliens

 
 
hockebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Juni 2020
  • |
  • 516 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-350-2 (ISBN)
 
60er-Jahre in der Nähe von Frankfurt. Die Familie der von Talliens gehört seit den Zeiten des Großherzogtums zu den angesehenen Familien der kleinen Stadt. Auch nach den Weltkriegen lebt die Familie noch auf dem Stammsitz und betreibt erfolgreich eine Druckerei. Doch ein Fluch scheint auf den Frauen der stolzen Talliens zu liegen. Barbara, die über alles geliebte Schwester des aktuellen Familienoberhaupts Julius, verließ die Familie zwischen den Kriegen, mit einem verheirateten, sehr viel älteren Mann. Und nun kommt ihre Tochter, auch eine Barbara von Tallien, nach dem Tod der Mutter aus Italien, wo sie die letzten schweren Jahre verbracht hat. Auf Schritt und Tritt verfolgt sie der Schatten der schönen, lebenslustigen Mutter, die von der Familie verstoßen wurde. Und auch sie scheint einen ähnlichen Weg zu gehen: eine verbotene Liebe, die den Familienfrieden zu zerstören droht.
Überarbeitetet Neuausgabe
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • 5,81 MB
978-3-95751-350-2 (9783957513502)

I

1

Die Bahnhofsuhr zeigte vier Minuten vor sieben. Noch zehn Minuten bis zur Ankunft des Zuges. Julius von Tallien parkte seinen Wagen auf dem Bahnhofsplatz. Doch er stieg nicht gleich aus. Er blieb sitzen und blickte missvergnügt durch die Scheibe. Es war schon fast dunkel, und es hatte angefangen zu nieseln. Kalt war es nicht, eher ein wenig dämpfig, wie so oft in dieser Stadt. Es war das Wetter, das sich auf sein Herz legte. Er spürte es dann als eine kompakte Masse in der Brust, sehr groß war es, nahe unter die Haut gerückt. Er hatte das Gefühl, er brauche nur hinzugreifen, um es ein wenig zurückzuschieben, dann würde es wieder kleiner sein, nicht mehr zu bemerken. Leichte Gefäßstörungen nannte es sein Hausarzt. Nicht weiter gefährlich, aber man müsse es beobachten und in vielen Dingen vorsichtiger sein. Ein bisschen langsamer gehen im täglichen Geschehen, die Arbeit nicht übertreiben und auch mit dem Rauchen zurückhaltender sein.

Der alte Doktor blickte dabei über seine Brille prüfend auf den Patienten und meinte warnend, es sei das Leiden fast aller Männer seines Alters in der heutigen Zeit. Es sei auch kein Wunder, man hätte schließlich genug erlebt, nicht wahr, genug Belastendes und Niederdrückendes, und das Tempo dieser Tage sei nicht dazu angetan, die Menschen friedvoller und ausgeglichener zu machen. Wenn sich auch die Zeiten geändert hätten, die Konstitution des Menschen sei im Grunde doch die Gleiche geblieben. Das dürfe man nicht vergessen. Wir leben nicht bloß, um zu arbeiten, sagte der Arzt dann wohl noch. Denken Sie an Ihren Vater. Er hat ein erfülltes Lebenswerk hinter sich gebracht, hat stets seine Pflicht getan, aber was Hast war, unwürdige Eile, das hat er nicht gewusst. Er kannte noch die Muße, die Freude an den schönen Dingen des Daseins, und er ist dabei 79 Jahre alt geworden. Und ich bin der Überzeugung, dass er heute noch lebte, wenn der Krieg nicht gewesen wäre.

Julius nickte dazu, aber er schwieg. Sein Leben mit dem des Vaters zu vergleichen, hatte wenig Sinn. Als sein Vater so alt war wie er heute, lag dieses Lebenswerk, von dem der Arzt sprach, schon hinter ihm. Er, Julius aber, hatte wieder von vorn beginnen und sich dabei den Bedingungen der heutigen Welt fügen und anpassen müssen. Mit einem allerdings hatte der Doktor recht. Die Zeiten hatten sich gewandelt. Und wie sie sich gewandelt hatten. Schon zu Lebzeiten des alten Herrn. Nur, dass der keine Notiz davon genommen hatte. Er kannte nicht nur die Muße und die Freude an den schönen Dingen des Lebens, er kannte auch den Eigensinn und den Dünkel, und er leistete sich die Überheblichkeit des Grandseigneurs zu ignorieren, was ihm nicht behagte. Er blieb bis an sein Lebensende, was er gewesen war. Raoul, Baron von Tallien, der Mann vom Hofe, Minister des Großherzogs, ein Mann von Wissen und Würde, ein Herr in hohem Rang. Noch als die Bomben auf die Stadt fielen, saß er so zwischen ihnen, gerade aufgerichtet die schlanke Reiterfigur, unbewegt das scharf geschnittene alte Gesicht, ein Zug von Verachtung um die schmalen Lippen. Seine Augen blickten fremd über sie hinweg.

Manchmal jedoch kam eine seltsame Weichheit in diese Augen, ein verlorener, fast sehnsüchtiger Ausdruck. Julius hatte ihn nicht zu deuten gewusst. Der Vater sprach erst, als er sterben musste. An seine Tochter hatte er gedacht, an die verlorene und verschollene Tochter, das Kind, das er am meisten geliebt und das ihn am tiefsten enttäuscht und verwundet hatte.

»Kümmere dich um sie«, das war der letzte Auftrag, den er seinem Sohn gab. »Du musst sie finden. Sie soll nach Hause kommen. Es wird Zeit. Sie gehört hierher. Und von allem, was da ist, gehört ihr die Hälfte, Julius. Hörst du mich?«

»Ja, Vater«, hatte er erwidert. Es gab nichts Schriftliches über diesen Letzten Willen. Aber für Julius anullierte es das Testament des Alten, in dem von der Tochter nicht die Rede war. Es machte Julius nichts aus. Er war nicht geldgierig. Und damals, im Jahre 1944, war es ohnedies gleichgültig. Der Betrieb war zerstört, das Haus schwer beschädigt, der Himmel wusste, ob man es behalten würde, vom übrigen Besitz war kaum noch etwas geblieben, in die Zukunft, an das, was später kommen würde, vermochte zu jener Zeit keiner zu denken.

Rückschauend konnte man jetzt mit Staunen feststellen, dass es doch eine Zukunft gegeben hatte, nicht einmal eine schlechte. Einige mühselige Jahre, doch dann war die Familie zu Wohlstand gekommen, das alte Ansehen war wiederhergestellt. Geld war auf einmal da. Das hatte die Familie nie übermäßig besessen, hatte übrigens auch keiner angestrebt. Julius hatte ein neues Vermögen geschaffen, vermehrte es täglich. Obwohl es auch ihn nie sonderlich interessiert hatte. Fleiß und Tüchtigkeit der alten Familie, das Bestreben, eine Pflicht zu erfüllen, die ihm oblag, waren selbstverständliche Bestandteile seines Wesens. So war es aufwärtsgegangen, gerade in dieser Zeit, an die man vor zehn Jahren nicht zu denken wagte.

Nur Barbara war nicht nach Hause gekommen. Niemals wieder. Und sie würde nicht mehr kommen. Barbara, seine schöne, seine unbesonnene, leidenschaftliche Schwester.

Heute kam ihre Tochter. Und er war hier, um sie abzuholen. Diese Mission erfüllte ihn mit Unbehagen.

Als er ausgestiegen war, atmete er einige Male tief. Vielleicht wurde davon das Herz wieder kleiner. Doch die feuchte, schwere Luft war unrein, Ruß war darin, Benzin, der giftige Atem der Stadt, die Nebeldecke hielt ihn fest.

Julius zündete eine Zigarette an und ging langsam auf das breite Portal des Bahnhofs zu. Der Platz war belebt um diese Zeit, die Züge aus der Umgebung und aus der Hauptstadt brachten die Berufstätigen nach Hause. Andere verließen die Stadt, um heimzufahren, in die Dörfer und Orte im Umkreis.

In der Bahnhofshalle blieb er stehen. Es würde gut sein, sich einen Gepäckträger zu sichern. Viele gab es nicht, zwei oder drei, meist waren sie unsichtbar. Solche Arbeit war nicht mehr geschätzt. Wenn der Fernzug einlief, war es zu spät.

Er hatte Angst vor der Begegnung, die vor ihm lag. Obwohl es töricht war, vor einem jungen Mädchen, vor diesem Kind Angst zu haben. Würde er sie überhaupt erkennen? Wie mochte sie aussehen? Warum hatte sie kein Bild von sich geschickt? Sie hatte nur kurz mitgeteilt, an welchem Tag und mit welchem Zug sie eintreffen würde. Eine knappe Mitteilung nur, sie hatte nicht geschrieben, ob sie gern käme, und sie hatte sich auch nicht bedankt dafür, dass man sie aufgefordert hatte zu kommen.

Elisa von Tallien hatte geringschätzig den Mund verzogen. »Sie wird ein schöner Bauerntrampel sein. Der Himmel weiß, was wir uns da aufgeladen haben.«

Julius hatte den Fall nicht aufs Neue mit ihr diskutiert, es war genug darüber gesprochen worden. Dass Elisa es ihm nicht leicht machen würde, war zu erwarten gewesen. Hier nun, auf dem Bahnhof, war er ehrlich zornig auf sie. Es wäre ihre Aufgabe gewesen, das Mädchen abzuholen, ihn wenigstens zu begleiten. Sie war eine Frau, sie hätte es besser verstanden, die ersten Minuten zu erleichtern. Aber sie hatte nur gesagt: »Ich? Wie käme ich denn dazu? Schließlich ist es deine Nichte. Wenn sie jetzt schon herkommen muss, dann kümmere du dich gefälligst darum.«

Es war ein ungutes Wort, dieses »wenn sie jetzt schon herkommen muss«, und Julius wollte um alles in der Welt nicht, dass der künftige Aufenthalt des jungen Mädchens in seinem Haus unter diesem Wort stand. Sie hatte ein Recht, in diesem Hause zu sein. Sie war eine Tallien, und seine Schwester war ihre Mutter, mochte auch geschehen sein, was geschehen war. Der Alte hatte gewollt, dass Barbara nach Hause käme, und er selbst hatte es auch gewünscht. Immer und zu jeder Zeit hatte er es gewünscht. Und es war selbstverständlich, dass sie ihr Kind mitbrachte.

Nun kam das Kind allein, die junge Barbara, die keiner hier kannte und die ihrerseits ebenfalls keinen von der Familie je gesehen hatte. Wie sie wohl sein mochte? Das hatte sie alle in letzter Zeit beschäftigt, ihn selbst, seine Frau, die Kinder.

Eine merkwürdige Jugend hatte dieses Mädchen gehabt, unstet, ruhelos. Im fremden Land hatte sie gelebt, unter ganz anderen Verhältnissen. Man wusste so wenig von diesem Leben, eigentlich gar nichts. Denn wenn Barbara auch alles verlassen hatte, den Stolz der Talliens hatte sie mitgenommen. Dieser Stolz, der es ihr verbot, je wissen zu lassen, wie es ihr wirklich erging. Doch gerade dieses Schweigen hatte offenbart, dass es ihr nicht gut gegangen sein konnte, soviel war gewiss.

Er, Julius, ihr Bruder, hätte das ändern können, zumindest in den letzten Jahren. Er hatte es nicht getan. Auch darum hatte er Angst vor der Begegnung mit Barbaras Tochter, jene Angst, die aus einem Schuldgefühl erwächst.

Auf dem Querbahnsteig entdeckte er einen Gepäckträger und beauftragte ihn, in der Nähe zu bleiben. Blieb noch die Frage, ob es nötig sein würde, ob das Mädchen überhaupt Gepäck hatte.

Als der Zug einlief, war er so nervös, dass seine Hände zitterten, sein Herz noch größer geworden war. Es war töricht, es war unsinnig für einen Mann seines Alters und seiner Stellung, Angst zu haben vor der Begegnung mit einem zwanzigjährigen Mädchen. Er besaß selbst zwei Töchter, von denen die eine sogar ein Jahr älter war als der Besuch.

Die Beleuchtung auf dem Bahnhof ließ zu wünschen übrig, stellte er fest. Wie sollte er das Mädchen erkennen.

Dann stand der Zug. Nicht allzu viel Leute stiegen aus, die meisten fuhren in die Hauptstadt weiter.

Auf einmal sah er sie.

Alle seine Sorgen waren unnötig gewesen. Er wusste noch gut, wie seine Schwester...

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