Phänomenologie und psychotherapeutische Psychiatrie

 
 
Kohlhammer (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. November 2014
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  • 224 Seiten
 
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978-3-17-029061-7 (ISBN)
 
Phänomenologie ist mehr als reine Beschreibung. Sie ist die Grundlage jeder Psychopathologie und Diagnostik. Lange Zeit in den Hintergrund gerückt, zeigen die Diskussionen um DSM-5 und ICD-11 jedoch, wie relevant die Grundlagen der Klassifikation weiterhin sind, die in diesem Buch in allgemeinen, auch philosophischen, historischen und spezifisch klinischen Aspekten vertieft werden. Phänomenologie ist eine Methode der Erkenntnis, bei der neben der Wahrnehmung auch die Einfühlung von großer Relevanz ist. Sie ergänzt das methodische Repertoire eines jeden diagnostisch tätigen Klinikers und ist eines der Fundamente, auf dem Psychiatrie und Psychotherapie bis heute stehen. Beiträge zur speziellen Psychopathologie zeigen die Bedeutung und Vielfalt der phänomenologischen Psychiatrie heute und ihren Praxisbezug.
  • Deutsch
  • Stuttgart
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  • Deutschland
  • 3,17 MB
978-3-17-029061-7 (9783170290617)
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Dr. med. Dipl.-Psych. Dipl.-Soz. Gerhard Dammann, Psychiater, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychoanalytiker, Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Dienste Thurgau und der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.

1         Wolfgang Blankenburgs Psychopathologie des Unscheinbaren


Martin Heinze


Unter dem Titel »Psychopathologie dieses Unscheinbaren« erschien 2007 posthum eine Aufsatzsammlung mit den wichtigsten Beiträgen Wolfgang Blankenburgs zur Psychopathologie. Nach dem Zeugnis seiner Ehefrau wollte Blankenburg diesen Titel selbst als Überschrift für ein solches Kompendium wählen, welches zu Lebzeiten aber nicht mehr zustande kam. Als Herausgeber der Aufsätze im Parodos-Verlag nahm ich diesen Titel dann gerne auf. Einerseits besagt er, dass der Gegenstand der Psychopathologie oft in unscheinbaren Dingen oder Erscheinungen zu finden ist, die im Rahmen größer angelegter Theorien vielleicht nicht beachtet werden oder verloren gehen würden. Er beschreibt aber auch die Denkhaltung Blankenburgs, der ich in diesem Beitrag besondere Aufmerksamkeit schenken möchte. Mit der Frage nach der Denkweise dieses wichtigen Autors lässt sich auch die Frage verknüpfen, inwieweit er, zweifellos dem Feld der Anthropologischen Psychiatrie zuzuordnen, dennoch eine Sonderposition einnimmt, nämlich die, dass er anders als die meisten in diesem Feld zwar die Phänomenologie zum Ausgangspunkt nimmt, sich sein Denken aber über phänomenologische Methoden hinaus zu einem dialektischen Denken weiterentwickelt, sich zuweilen von der Phänomenologie geradezu abstößt. Dabei ist Blankenburg einer bestimmten philosophischen Schule so ohne Weiteres nicht zuzuordnen, sondern die Qualität seiner Arbeit liegt gerade darin, dass er sehr breit sowohl empirische als auch philosophische Ansätze rezipiert und in oft wagemutiger Montage zueinander in Verbindung bringt.

Blankenburg studierte Philosophie, bevor er sich der Medizin zuwandte. Durch sein Studium in Freiburg war er zunächst sehr eindeutig von der Heidegger'schen Philosophie geprägt, für die auch seine akademischen Lehrer Eugen Fink und Wilhelm Szilasi stehen. Kontakt zur anthropologischen Psychiatrie im engeren Sinne bekam er über seine Dissertation »Daseinsanalytische Studie über einen Fall paranoider Schizophrenie« (Blankenburg 1958), zu der er in engem Austausch mit Ludwig Binswanger geriet. Erst nach einem Umweg in die internistische Medizin, die ihn vor allem hinsichtlich ihres psychosomatischen Gehalts interessierte, landete er biographisch relativ spät im Feld der Psychiatrie, ebenfalls an der Universität in Freiburg, an der man sich zu diesem Zeitpunkt mit der Tiefenpsychologie, aber auch der anthropologisch orientierten Psychotherapie auseinandersetzte. Folgerichtig ging er dann als Oberarzt nach Heidelberg, wo er nach der Emeritierung von von Bayer kommissarischer Direktor der Klinik war, bis er seine Tätigkeiten in Bremen und Marburg aufnahm. Den Kontakt zur Philosophie pflegte Blankenburg sein Leben lang, insbesondere während der Heidelberger Zeit, in der er auch gemeinsame Seminare mit dem damals dort tätigen Michael Theunissen abhielt.

Der Beitrag möchte Blankenburgs Denkhaltung unter fünf Stichworten rekonstruieren: Im ersten Teil wird, sozusagen als Startpunkt, der Bedeutung von Anthropologie bei Blankenburg nachgegangen. Der zweite Teil rekonstruiert unter dem Titel des Könnens und Nicht-Könnens die praxistheoretische Wende, die Blankenburgs Denken in den 1970er Jahren vollzog. Als Konsequenz entwickelt Bankenburg eine ihm gemäße Konzeption einer Dialektik, die Gegenstand des dritten Teiles ist. Der sich nun abzeichnende Ansatz für eine dialektische Psychopathologie wird im vierten Teil dargestellt, bevor abschließend Konsequenzen für die Therapie abgeleitet werden.

1.1        Anthropologie bei Wolfgang Blankenburg


In seinen frühen Schriften zeigt sich Blankenburg noch ganz der Tradition der Anthropologischen Psychiatrie verpflichtet: die Ableitung allgemeiner Aspekte der menschlichen Existenz oder anthropologischer Grundsituationen erfolgt aus Einzelfallanalysen konkreter Psychopathologie - mit Blankenburgs Worten: »Im Individuellen als Individuellem das Allgemeine aufspüren« (Blankenburg 2007, S. 80)3. Insbesondere das Phänomen des Wahns bekommt für ihn einen großen Stellenwert, ausgehend von seiner Dissertation einer daseinsanalytischen Studie über einen Fall paranoider Schizophrenie (Blankenburg 1958) bis hin zu seiner Monographie zum Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit (Blankenburg 1971).

Eines der Adjektive, die die Denkhaltung Blankenburgs von Anfang an charakterisieren, ist »anthropologisch«. Was damit gemeint ist, definiert Blankenburg 1967 in seinem Aufsatz »Die anthropologische und daseinsanalytische Sicht des Wahns«:

»Das >Anthropologische< bezeichnet demnach offenbar nicht nur den Forschungsgegenstand >Mensch<, sondern zugleich eine diesem Forschungsgegenstand angemessene Methode. Es geht darum, wie eine solche Wissenschaft zu ihrem Verstehenshorizont kommt, ob bzw. wie es ihr gelingt, sich in ihren (dem empirischen Bestimmungen zugrundeliegenden) transzendenten Entwürfen vom Logos des Menschen leiten zu lassen« (Blankenburg 2007, S. 70).

Pathologische Abweichungen seien nicht nur allgemein am Heilen und Ganzsein des Menschseins zu messen, sondern in den Bedingungen ihrer Möglichkeit positiv aus dem Wesen des Menschen heraus zu verstehen.

Einerseits folgt Blankenburg hier, wie bereits oben bemerkt, methodisch dem Vorgehen der klassischen Anthropologischen Psychiatrie, nämlich aus sich negativ darstellenden Einschränkungen auf die Grundbedingungen menschlicher Existenz hin zu reflektieren, andererseits ist aber schon in dieser frühen Definition von Anthropologie enthalten, dass es letztendlich darum geht, aus der Pathologie das Positive, welches sich in der konkreten individuellen Existenz zeigt, abzuleiten. Die Psychopathologie wäre zu verkürzt verstanden, wenn in ihr nur Fehlfunktionen negativ bestimmt würden. Blankenburg nimmt sehr früh vorweg, was später in der Ressourcenorientierung der Sozialpsychiatrie wieder zum Tragen kommt: Manche Pathologie ist nicht nur Einschränkung der menschlichen Existenzmöglichkeit, sondern gibt selbst die Möglichkeit, neue Freiräume und existentielle Entwürfe zu ermöglichen. So erschließen sich die in der Psychopathologie thematisierten Symptome erst dann einem Verstehen, wenn sie als eine auch der produktiv-positiven Möglichkeiten des menschlichen Existenzvollzugs angesehen werden. Es geht darum, die Wirklichkeit eines je individuellen Krankseins, sein Gewordensein und die Entwicklungsmöglichkeiten, die in ihm liegen, umfassend zu verstehen. Allerdings formuliert Blankenburg zu diesem Zeitpunkt auch noch, man könne eine Wahnforschung erst anthropologisch nennen, wenn es gelinge, im Wahn eine dem Menschsein wesensnotwendig innewohnende Abwandlungsmöglichkeit aufzudecken. Später wird Blankenburg eine Formulierung wie Wesensnotwendigkeit nicht mehr verwenden, sondern von Freiheitsgraden im existentiellen Entwurf sprechen, was bereits anzeigt, dass sich Blankenburg von diesem Ausgangspunkt startend zunehmend einer nicht mehr nur phänomenologischen Sprache bedienen wird.

Schon in seiner Monografie ist auch ein anderer Denktopos von Blankenburg sichtbar. Wenn er Schizophrenie im Wesentlichen als den Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit darstellt, dann meint er auch, dass ein Psychopathologe, der seinem Gegenstand angemessen vorgehen will, ebenso bereit sein muss, »natürliche« Selbstverständlichkeiten, auch eben die der von ihm gebrauchten anthropologischen Theorie, in Frage zu stellen. Es deutet sich eine Korrespondenz von Methode und Inhalt an, die Christian Kupke und der Autor später in ein konstitutives Wissen aus der Philosophie für die Psychopathologie einfließen sehen werden (Heinze und Kupke 2006).

Sich von einer statischen Wesensbetrachtung abgrenzend folgen in den 1970er Jahren Studien, in denen Anthropologie quasi dynamisiert wird, z. B. wenn auf den Begriff der Anthropologischen Proportion Ludwig Binswangers Bezug genommen wird, der aber nicht als feststehendes, sondern dynamisches Gestehen von Veränderungen der Breite und Höhe der menschlichen Existenz ausgearbeitet und mit dem wichtigen Zusatz versehen wird, dass der Begriff der Anthropologischen Proportion nur dann sinnerschließend für die Psychopathologie sein kann, wenn er nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich aufgefasst wird. Charakteristisch ist bereits hier, dass das Anthropologische unter Zuhilfenahme verschiedener kategorieller Rahmen durchgespielt wird.

1.2        Psychopathologie als Wissenschaft vom Können und Nicht-Können


In den 1980er Jahren setzt sich Blankenburg weiter von einer nach einer Wesenserkenntnis strebenden Psychopathologie ab. Er greift, wie dies zuvor auch andere Reformpsychiater getan haben, vor allem die Hannoveraner Karl-Peter Kisker und Erich Wulff, auf die...

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