Amaris

Mit dem Wind um die Wette
 
 
Planet! (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. August 2020
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-522-65445-6 (ISBN)
 
Ein verwahrloster Araberhengst, ein düsteres Geheimnis und eine große Liebe - dieser Roman geht unter die Haut! Für alle Fans von "Elena" Alice ersteigert spontan den verwahrlosten Araber-Jährling Amaris auf einer Auktion - denn eine unsichtbare Kraft scheint sie mit dem Pferd zu verbinden. Alices leiblicher Vater, auf dessen Reiterhof sie den Sommer verbringt, unterstützt sie nach Kräften. Doch das düstere Geheimnis, das der Hengst birgt, wird schon bald zur Gefahr für sie und ihre neuen Freunde. Zum Glück ist Ben an ihrer Seite, aber der Stallbursche aus Kalifornien bringt Alices Gefühlsleben ganz schön durcheinander.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Maren Dammann, geboren 1983 in Wermelskirchen, studierte Umweltmanagement und emigrierte nach Australien, wo sie unter anderem den Lebensraum der Koalas und Flughunde erforschte. Nun arbeitet sie in einer leitenden Position bei einem der größten Sprachdienstleister Australiens. Seit ihrer frühen Jugend im Journalismus tätig, entwickelte Maren Dammann eine Passion für das Schreiben. Sie hat ca. zehn Jahre als Freelance-Journalistin gearbeitet und unzählige Artikel veröffentlicht. Als Selfpublisherin hat sie bereits Erfahrung mit Kinder- und Jugendbüchern gesammelt. In ihrer Freizeit beschäftigt sich Maren Dammann mit ihren Pferden, bei denen sie sich auch Inspiration für ihre Geschichten holt.

Kapitel 1


Der Duft der Kirschblüten umfing sie in ihrem Baumversteck auf dem verlassenen Obsthof, der direkt an das Haus in der Silberkampstraße 4 angrenzte. Alice lehnte sich seufzend an den Stamm und genoss die sanfte Brise, die durch die Äste wehte und ihr Gesicht streichelte. Tief sog sie den lieblichen Geruch der Blüten ein, der Erinnerungen an den Sommer weckte. Hier oben war es friedlich, alle Sorgen schienen weit weg und unbedeutend. Neben ihr rupfte eine Meise an ihrem Nest herum und ließ sich von ihrer Anwesenheit nicht stören.

Und doch konnte die Schönheit dieses Frühlingstages nicht von der schrecklichen Erkenntnis ablenken, die heute Morgen ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte.

Das Wort »Familiensache« raste ihr durch den Kopf, hämmerte gegen die Innenseite ihres Schädels und bereitete ihr Kopfschmerzen. Sie war nicht die, die sie glaubte zu sein. Genau genommen war ihr ganzes bisheriges Leben eine Illusion gewesen.

Eine der rosafarbenen Kirschblüten segelte an ihr vorbei, leicht und unbeschwert, als wolle sie Trost spenden. Aber schon war sie außer Sicht und Alice wieder allein. Dabei hatte der Tag so gut angefangen .

Kurz vor sechs erwischte sie den Wecker ein paar Sekunden vor dem Klingeln, etwas, das sie sonst nie schaffte. Auf Zehenspitzen schlich sie in die Küche, kochte Kaffee und backte Brötchen auf. Prüfend betrachtete sie den gedeckten Tisch und entschied, dass alles gut aussah. Heute würde ihre Mutter vierzig werden, und Alice wollte ihren Ehrentag gebührend feiern. Vierzig - das war eine besondere Zahl: Man stand mitten im Leben, hatte seine Karriere gewählt und eine Familie gegründet. In ihrem Fall bestand die Familie allerdings nur aus ihnen beiden, denn Alice hatte keine Geschwister, und zu ihrem Vater äußerte sich ihre Mutter Tina nicht.

Etwas rumpelte im Zimmer über ihr. Alice beeilte sich, die verführerisch duftenden Brötchen aus dem Ofen zu holen.

Tinas wuscheliger Lockenkopf tauchte im Türrahmen auf.

»Mor'n«, murmelte sie und gähnte. Vor dem Genuss ihres ersten Kaffees war mit der ansonsten meist gut gelaunten Kleintierärztin nichts anzufangen.

In letzter Zeit hatte Tina viel gearbeitet. Sie war eine der Tierärztinnen, die immer für ihre Patienten da sind. Auch nachts um drei und am Wochenende. Aber der heutige Tag gehörte nur ihnen beiden, das hatten sie so vereinbart.

»Morgen, Mama«, rief Alice fröhlich, wischte sich ihre Hände an der Schürze ab und fiel ihrer Mutter um den Hals.

»Is' was?«, fragte sie schlaftrunken.

Alice grinste. »Ja, du Morgenmuffel, tu nicht so unschuldig. Ich weiß, älter werden ist nicht dein liebstes Hobby. Aber trotzdem: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!« Sie schob ihrer Mutter ein Päckchen entgegen, liebevoll in glänzendes Papier eingeschlagen. »Für dich.«

Tina packte einen bunten Seidenschal und eine silberne Kette mit Medaillon aus. Behutsam ließ sie das Schloss aufschnappen und ein Babyfoto von Alice blitzte ihr entgegen. Ein frecher blonder Spatz mit hellblauen Augen, etwa ein Jahr alt.

»Das erste Foto, das es von mir gibt«, sagte Alice etwas wehmütig. »Schade, dass alle früheren Bilder von mir beim Wasserrohrbruch verloren gegangen sind. Aber ich dachte, dass du mich damit immer am Herzen tragen kannst, wenn du möchtest.«

Ihre Mutter zögerte einen Moment, als wolle sie etwas sagen, entschied sich aber anders. Sie nahm Alice in den Arm, drückte sie fest und Tränen standen in ihren Augen.

»Gefällt es dir?«, fragte Alice.

»Beides ist wunderschön, Schal und Kette. Vielen Dank, meine Süße. Womit habe ich dich nur verdient?«

Später spazierten sie mit Bobby am Mühlstädter See entlang.

Der junge Schäferhund tollte ausgelassen auf den sumpfigen Wiesen neben dem Weg herum.

Wild wehten ihnen die Haare ins Gesicht, als die Wolken schneller vorbeizogen und sich verdichteten. Lachend und mit schlammverschmutzten Schuhen erreichten sie die Silberkampstraße, gerade noch rechtzeitig, als eine dunkle graue Wolke sich über den Himmel schob, die verdächtig nach Regen aussah.

Vor ihrem Haus parkte ein Auto, und als sich die Tür öffnete, kletterte ein Raubvogel heraus. Zumindest kam es Alice so vor. Mit ihrem scharfen suchenden Blick und der spitzen Nase gab ihre Großmutter ihr immer das Gefühl, eine kleine Maus in einem frisch gemähten Kornfeld zu sein. In dem Moment, als ihre Lederstiefeletten auf den Asphalt trafen, wurde es windstill und merkwürdig ruhig.

»Hallo, Tina, hallo, Alice«, begrüßte sie die beiden mit einem derart kalten Unterton, dass Alice eine Gänsehaut bekam. Abschätzig deutete die alte Dame auf Alices und Tinas schlammige Schuhe. »Schlimm seht ihr aus.«

»Oh, Mutter, was machst du denn hier?«, fragte Tina und ihr Lachen verschwand, um einer eisernen Miene Platz zu machen.

»Darf man jetzt nicht mal sein Kind besuchen? Ich wollte dich zu deinem Geburtstag überraschen. Oder bin ich etwa nicht erwünscht?«

Eine Windböe kam auf und der Mantel der alten Dame flatterte hoch wie ein wild schlagender Flügel.

Bobby fiepte leise und Alice legte ihm beruhigend die Hand auf den Kopf. Ein Regentropfen klatschte auf den Boden, gefolgt von einem zweiten.

Sie gingen ins Haus und Alice trocknete Bobby ab, der sich entgegen seiner sonstigen Kämpfe mit Handtüchern erstaunlich gut benahm. Der junge Hund hatte feine Antennen für angespannte Situationen. Anschließend verzog sich Alice in die Küche, um Kaffee aufzusetzen. Jede Minute, die sie weniger mit ihrer Großmutter verbringen musste, war ihr recht.

Mit der Kanne in der Hand betrat sie das Wohnzimmer und hörte, wie ihre Oma gerade zu ihrer Mutter sagte: »DU warst immer gut in Englisch. Damit kann sie nicht in deine Fußstapfen treten.«

»Das muss sie auch gar nicht. Alice kann dafür andere Dinge. Sie ist gut in Deutsch, Bio und Sport.«

»Sport? Na, damit kann man aber nichts Anständiges werden. Ich habe dir immer gesagt, dass du nicht weißt, auf was du dich einlässt .«

»Sei still, sie könnte dich hören.«

Verunsichert räusperte Alice sich und augenblicklich brach das Gespräch ab. Ein aufgesetztes Lächeln umspielte den Mund ihrer Großmutter und in einem lockeren Plauderton sagte sie: »Kaffee, wie schön. Für mich bitte mit Zucker.«

Alice zuckte zusammen, als die klauenartigen Finger der alten Dame vorstießen und ihr die Tasse viel zu heftig aus der Hand rissen. Ein Kaffeespritzer landete auf ihrer Handfläche und es brannte mehr, als es sollte. Alice starrte auf die manikürten Fingernägel ihrer Großmutter, die die Farbe von geronnenem Blut hatten.

»Willst du deiner Oma nicht was auf dem Klavier vorspielen?«, flötete Tina, und Alice wurde knallrot. Wollte sie nicht.

Ihre Großmutter kam ihr zuvor: »Nein, danke, laute Musik ertrag ich nicht mehr. Ich bevorzuge Ruhe.«

Ratlos schaute Alice zischen den Frauen hin und her, biss sich auf die Lippe und schwieg. Die Luft in dem Raum wurde immer dünner, die Anspannung war spürbar und erinnerte an einen Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Es war kaum auszuhalten. Dann machte Alice einen entscheidenden Fehler, den sie noch lange bereuen sollte.

»Okay, wenn ihr Ruhe möchtet, ziehe ich mich lieber zurück. Ich bin in meinem Zimmer. Wenn ihr mich braucht, ruft mich einfach.« Dieser eine Satz brachte den Vulkan zum Explodieren.

»Du bleibst hier!«, rief ihre Mutter, gleichzeitig mit ihrer Großmutter. »Ja, das ist besser so. Das hier ist Familiensache.«

Jetzt wurde Tina leichenblass.

Alice ahnte Schlimmes. »Wie meinst du das?«, fragte sie.

Ihre Großmutter stand so schnell auf, dass der Kaffee auf den Untersetzer schwappte, und funkelte sie an. »Schau doch in den Spiegel, wie kann man nur so blind sein?«

»Mach das nicht«, rief Tina mit verzweifelter Hilfslosigkeit in der Stimme. »Bitte!«

»Hast du dich nie gefragt, warum du als einzige Person in der Familie blonde Haare und blaue Augen hast? Du bist doch angeblich so gut in Bio - das ist einfache Genetik. Du gehörst nicht zur Familie! Du bist nicht meine Enkeltochter und auch nicht das Kind deiner Mutter - du bist adoptiert.«

»Mutter!«, schrie Tina auf und griff nach Alices Arm.

Diese riss sich entsetzt los. »Stimmt das, Mama?«

»Alice, da reden wir nachher in Ruhe drüber .«

Aber Alice war schon an ihr vorbei und aus dem Zimmer gerannt.

Nun saß sie hier oben im Baum, schaute dem Vögelchen zu, wie es eifrig das Nest für seine Küken vorbereite, und hinter ihrer Stirn war ein roter Schleier der Wut und Enttäuschung.

Der Regen hatte sich verzogen und einem herrlichen Frühlingstag Platz gemacht, aber der Stamm war feucht und glitschig. Auch der Ast, auf dem sie saß, schien zu schwanken. Sie kam sich vor wie auf einem Schiff im Sturm. Wellen der Verzweiflung schlugen über ihr zusammen, so fühlte sich wohl Ertrinken an. Und weit und breit kein Rettungsboot in Sicht.

Zwischen den Blättern hindurch sah sie, wie sich ein Regenbogen am Himmel bildete, und es kam ihr vor wie blanker Hohn. Tränen liefen ihr über die Wange, als sie verstand, dass nichts so war, wie es schien. Und - noch tausendmal schlimmer - dass es auch nie wieder so sein würde.

Die Meise hüpfte neben ihr entlang, einen winzigen Zweig im Mund.

»Lass es bleiben«, flüsterte sie dem Vogel zu, der erschrocken innehielt und sie mit schräg gelegtem Kopf anschaute, »in dieser Welt hält nichts für die Ewigkeit.«

An jenem schicksalsträchtigen Tag kam Alice erst spät nach Hause. Die Laternen in der...

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