Die Kreuzfahrer. Band I

Wüste
 
 
Die Kreuzfahrer (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2020
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96130-317-5 (ISBN)
 
Akkon, am 12. September 1228 im Jahre des Herrn: Das Kreuzfahrerheer des legendären Stauferkaisers Friedrich II., dem Enkel von Rotbart, landet an und zieht die Küste hinab Richtung Süden, zur Stadt Joppe. Der Kaiser unternimmt den Zug in das Morgenland, obwohl er unter dem Bannstrahl des Papstes steht. In Joppe will er Verhandlungen mit dem Sultan führen, anstatt umgehend die direkte Konfrontation zu suchen. Denn Sultan Alkamil von Ägypten hat seinem Neffen, dem Emir Annasir Daud von Damaskus, die heilige Stadt Jerusalem und Teile Syriens entrissen und scheint Pläne zu haben, das gesamte Emirat Damaskus zu erobern. Der Kaiser, ein ebenso geschickter Diplomat wie Feldherr, hofft darauf, diesen in Krieg auflodernden Erbstreit zu seinen Gunsten nutzen zu können. Verträge sollen seinem Kreuzfahrerheer das Waffenwerk wesentlich erleichtern. Doch auch wenn er, der in den Augen des halben Abendlands der leibhaftige Antichrist ist, mit den Heiden umzugehen weiß wie niemand sonst, ist Vorsicht geboten. Denn die Ungläubigen sind ebenfalls sehr gerissen und auf ihren eigenen Vorteil bedacht... Vor diesem Hintergrund erzählt uns "Die Kreuzfahrer" die Geschichte der Ritter Hezilo und Friedmuth, die beide aus ganz eigener Motivation und Überzeugung an dem Kreuzzug des Kaisers teilnehmen und im Verlauf des Buches gefährliche Abenteuer und Verwicklungen erleben. Der Geschichtswissenschaftler Felix Dahn verwebt gekonnt historische Fakten und erfundene Figuren zu einem wirklichkeitsnahen Erlebnis, das das Hochmittelalter und die Zeit der Kreuzzüge in Schrift und Bild vor dem geistigen Auge der Leserinnen und Leser lebendig werden lässt. "Die Kreuzfahrer" ist eine Buchreihe für all jene Freunde des historischen Romans, die eintauchen möchten in das Denken, Fühlen und Sprechen vergangener Zeiten. Dieses ist der erste von drei Bänden. Der Umfang des ersten Bandes entspricht ca. 250 Buchseiten.
1. Auflage
  • Deutsch
apebook Verlag
  • 1,98 MB
978-3-96130-317-5 (9783961303175)

Erstes Kapitel


Das Kreuzheer, welches Kaiser Friedrich der Zweite, der Enkel des Rothbarts, in das gelobte Land führte, war, von Cypern aus überfahrend, am siebenten September des Jahres 1248 in Akkon gelandet und von hier die Küste hinabgezogen gen Süden bis nach Joppe.

In dieser Stadt machte man Halt, alsbald wurden Verhandlungen eröffnet: Sultan Alkamil von Ägypten hatte vor Kurzem seinem Neffen, dem Emir Annasir Daud von Damaskus, die heilige Stadt Jerusalem und ein Stück von Syrien entrissen und schickte sich an, das ganze Emirat Damaskus zu erobern.

Diesen in Krieg auflodernden Erbstreit unter den beiden Häuptern der Ungläubigen hoffte Friedrich, der Statskunst nicht minder als der Feldherrnschaft ein Meister, verwerthen zu können: Verträge sollten dem Kreuzheer das Waffenwerk wesentlich erleichtern.

Aber Vorsicht war geboten.

Ob die Verhandlungen glücken, ob sie scheitern würden, - Niemand vermochte das vorher zu sagen. Und im Heere wußte man gar nicht, welcher der beiden Parteien der undurchschaubare Sohn Heinrichs des Sechsten, der den Geist überlegener Statskunst von seinem Vater geerbt hatte, sich schließlich zuneigen werde, mit wem er die geheimnißvollen Botschaften austausche, welche seine bis in den Tod ihm ergebnen und tief verschwiegnen sicilianischen Araber aus dem Lager vor Joppe in die Wüste hinein trugen, in unbekannter Richtung verschwindend .

Einstweilen aber - das war allbekannt - rückten die Heere der beiden Fürsten, das ägyptische von Süden, das damascenische von Nordosten drohend gegen Joppe heran. Kam es nicht zur Verständigung, so konnten der Oheim oder der Neffe - oder vielleicht, nach einem der in diesem Lande so häufigen Umschläge der Interessen oder der Stimmungen, beide - plötzlich über die kleine Streitmacht des Kaisers herfallen, ihren bisherigen Hader in den gemeinsamen Haß gegen die »Franken« versenkend. Deßhalb hatte der kriegskundige Staufer nach den beiden bedrohten Seiten hin Vorposten ausgeschickt, welche, ein par Tagmärsche vor Joppe, in günstiger Stellung jede Annäherung der Feinde beobachten und rechtzeitig melden sollten nach rückwärts.

Gegen Nordosten, wider Anuasir Daud, hatte man nur ein par schwache Fähnlein ausgesendet: deutsche Kreuzfahrer waren es: Ritter aus dem Allgäu, aus Vorarlberg, aus den Thälern von Inn und Etsch: - meist königliche Dienstmannen, Ministerialen des Reichs, mit ihren berittenen Knechten.

Sie hatten Stellung genommen auf dem letzten sanften Höhenzug, der dicht vor dem Saum der großen Wüste hin lief.

Ein dünnes Rinnsal salzigen, kaum trinkbaren Wassers sickerte hier durch Sand und Steine zu Thal.

Auf der Hügelkrone wiegten drei Palmen ihre stolzem Federn gleichenden Äste leise, wie träumerisch, im Abendwinde. -

Im Westen, im Rücken des deutschen Lagers, sank rasch die Sonne: ein dunkelrother, matt glühender Ball, ohne Strahlen: Dunst und Qualm, aufsteigend aus dem Hitze brütenden Boden, umschlossen bleigrau die glanzlose Scheibe.

Ein Aasgeier, den langen, nackten Hals weit vorgestreckt, flog mit trägem Flügelschlag, hin und wieder heiser kreischend, langsam der Wüste zu.

Unter den Palmen hatte man auf dem heißen Sande, den kein »Franke« hätte unbeschuht beschreiten können, mittelst eines alten Segels und einiger gekreuzt eingerammter Speere ein höchst einfaches Zelt aufgeschlagen: es war ein dürftig Obdach: - fast nur ein Schattenwinkel.

Außer den an Stamm und Blättern vom Wüstenstaub gelbbraun überkrusteten Palmen: - ringsum, so weit das Auge sah, keine Pflanze.

Nur an dem salzbrakigen schmalen Geriesel reckten hie und da spärliche Halme des Wüstenhafers ihre stachligen Rispen starr empor.

Von dort her schritt eine hohe, schlanke Gestalt langsam gegen das Zelt hin: es war der Ritter, der hier befehligte.

Er führte am Zügel ein Roß, das, müde zum Sterben, den Kopf hängte.

Den schweren Sattel trug er, an dem Speer befestigt, sammt dem langen schmalen Schild auf dem Rücken; oft bückte er sich, brach wählerisch einzelne saftigere Halme, rieb sorgfältig die scharfen Randspitzen an der Scheide seines breiten Schwertes ab und reichte dann auf der flachen Hand das magre Kraut dem edeln Thier, das mit dankbarem Blick sein Auge suchte.

Vor dem Zelt angelangt, übergab er Schild, Speer, Sattel und Zügel einem jungen Burschen in grünem, nur bis an die Kniee reichenden Woll-Wamms, der eilig aufgesprungen war von dem braunen Lodenmantel, darauf er geruht. Lichtblonde, fast weiße Haare umstanden ihm das runde Haupt, ganz kurz- und kraus-gelockt, fast einem Vließe vergleichbar, kaum niedergehalten von dem niedrigen Barett, von dem der Busch des Silberreihers nickte: seine lachenden Blau-Augen waren das einzige Heitere, was hier zu sehen war weit und breit.

»Herr«, rief er zu dem Hochragenden hinauf, »der Abendtrunk steht längst bereit. Der Wein wird schal -, das kostbare Wasser wird lauwarm! Wie würde Frau Wulfheid schelten, ließet Ihr Euch daheim so lang erwarten! - Wo wart Ihr?«

»Vorn.«

»Was? Abermals bei der Außen-Wache? Das sind fast zwei Stunden Weges: Wüstenweges! Und - ich seh's an dem Sand auf den Fuß-Schuppen bis an die Kniee hinauf - um den Braunen zu schonen: - zu Fuß!«

»Hast du den Abendtrunk schon gemischt, Hezilo? Nein? So theile den Rest von Kyperwein: bringe die eine Hälfte, daß wir dem Gaul die Nüstern reiben. Morgen muß er ruhen, sattle morgen das Reisepferd.«

Der Knabe holte aus dem Zelt in silbernem Becher eine arme Neige starkduftenden Weines.

»Hier. - Und die andere Hälfte?«

»Die bring' ich dem kranken Herrn Heinrich von Eppan hinaus, wann ich ihn ablöse.«

Beide waren nun eifrig beschäftigt, dem matten Streitroß Nüstern und Bug fest mit dem edeln Naß zu reiben.

»Wie? Ihr wollt heute Nacht wieder die Lagerwache halten? Das ist die vierte Reihe, die Ihr für Andere übernehmt.«

»Sie waren krank, - alle drei.«

»Ihr habt das Fieber selbst!«

»Nicht stark.«

»Laßt mich heute Nacht für Euch -«

Da schlang der Ritter den Arm um den Krauskopf und drückte ihn an den beketteten Panzer: »Nein, Hezilo! Du mußt mir lebfrisch bleiben! Soll ich auch deine Schelmen-Augen vom Fieber verglast sehen? Das wäre mir zu viel! Und hab' ich's doch dem Trinelein in die Hand versprochen, für dich zu sorgen.«

»Ich werd' es ihr erzählen,« sprach der Jüngling mit Dank-leuchtenden Augen, »was Ihr für mich gethan. - Aber - was nehmt Ihr nun zum Nachtmahl, Herr Friedmuth?« -

»Das Beste, was es giebt an Speise: heimbacken Brod!«

Der Ritter griff in eine dem schweren Sattel eingefügte Tasche und holte ein Stück steinharter Brodrinde hervor.

»Deine Katharina reichte mir bei'm Abschied einen runden Laib Roggenbrod. >Nehmt, mahnte das Kind. Nichts heilt auf der Heerfahrt Hunger und Heimweh wie heimbacken, herdbacken Brod. So lehrte mich der Großvater: 's ist ein alter Spruch< - Und ein wahrer«, schloß er und biß hinein.

»Dann sind Hunger und Heimweh bei Euch schwächer als bei mir«, lachte der Knabe. »Freilich, mein Heimweh gilt dem Trinele. - Man kann wohl nicht ebenso stark Heimweh haben nach - Frau Wulfheid.«

Herr Friedmuth furchte die Brauen.

»Hüt' die Zung', sonst schüppl' ich dir die krause Wolle. - Sie ist unter der Sonne die wackerste Frau.«

»Und die Herbste! - Wie schad', daß sie kein Mann geworden!«

»Sie hat im Wolfsbühler Walde den Eber gesperrt, der dich schon angehauen hatte. Du dankst ihr's Leben.«

»Ich dankte es lieber jedem andern Menschen-Kind. Sagt selbst: weßhalb keine Seele sie lieb hat auf der ganzen Welt? - Ausgenommen natürlich: - Ihr!« fügte er langsam bei.

Der Ritter sah nachdenksam vor sich hin; der Blick der großen, offnen Augen von schönem, dunklem Blau war in das Leere gerichtet. Dann sprach er bedächtig: »Weßhalb? - Weil sonst keine Seele ihren Kern erkennt.«

Und er beugte das hohe Haupt, um durch den Vorhangspalt in das niedre Zelt zu gelangen.

»Ja, die Schale braucht Beißen!« lachte der Junge ihm nach, während er das Pferd völlig in den Schatten des Zeltes führte und die Zügel um die Schnüre und Pflöcke der Stangen knüpfte; den dreispitzigen Schild und den langen Eschen-Speer des Herrn lehnte er an die Seitenwand.

Als er eintrat, fand er den Ritter hingestreckt auf dem dunkelblauen Mantel, der den Sandboden statt eines Teppichs bedeckte.

Er hatte den schweren glockenförmigen Helm neben sich gesetzt; das blonde goldfarbige Haar hing ihm schlicht, ungelockt herab: über der Stirne war es wagrecht geschnitten: die streng regelmäßigen, schönen, ob zwar nicht gerade fein geschnittenen Züge waren so von dem Haupthaar auf drei Seiten geradlinig umrahmt. Auch der etwas heller blonde Bart war eine Hand breit unter dem starken Kinne quer abgeschnitten: so sahen Haupt und Antlitz strenggebunden, fest bemessen aus; der gerade, offne, redliche Blick verstärkte den Eindruck schlichter Kraft und stäter Treue. Er stützte das Haupt auf die Hand und reckte die starken Glieder.

»Der Panzer, die Kettenringe drücken,« meinte Hezilo, der neben ihm kauerte. »Laßt mich nur die heißen, staubigen Fußringe lösen.«

»Auf der Vorhut?« schalt der Ritter und schlug die geschäftige Hand mit sanftem Streich zur Seite.

»Auch den Bart solltet Ihr scheeren - oder scheeren lassen,« begann der Jüngling. »Kein Ritter läuft doch heut zu Tage mit solch breitem starkem Bart unter die...

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