Die Kunststunde

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Oktober 2018
  • |
  • 188 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7528-7626-0 (ISBN)
 
Der Grundschüler Artur bekommt im Kunstunterricht direkt vor den Ferien eine Hausaufgabe auf: Erstellt ein Kunstwerk! Empört darüber, während der Ferien eine Aufgabe bearbeiten zu müssen, flitzt Artur aus dem Klassenzimmer und prallt geradewegs mit Marcel zusammen, einem adrett gekleideten Mann mit einem Urinal unter dem Arm. Marcel möchte dieses ins Museum stellen. Ein großes Abenteuer beginnt, bei dem Artur nicht nur Pablo und Kasimir, Salvador und Joseph trifft, sondern auch noch Papas Zettelwirtschaft mit Hilfe seiner Künstlerfreunde zum aufregendsten Versicherungsbüro der Stadt werden lässt.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,33 MB
978-3-7528-7626-0 (9783752876260)
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KAPITEL I: Das gestohlene Pinkelbecken
(Marcel Duchamp)


Noch einige Minuten Kunstunterricht, dann würde die Schulglocke eine traumhafte freie Zeit einläuten. Artur konnte es kaum aushalten, von seinem Stuhl aufzuspringen, um mit höchster Geschwindigkeit über den Schulflur bis hinunter zum Haupteingang zu rasen.

Dort würde sein Kumpel Kalle warten. Und dann wären Ferien.

Ganz in diesen zauberhaften Gedanken schreckte Artur plötzlich auf, als Frau Kulle nun zum Ende der Kunststunde und so unendlich nah vor den Ferien noch einen unangenehmen Satz sagte; "Und jetzt habe ich noch eine ganz besondere Aufgabe für euch".

Frau Kulle, die Kunstlehrerin der 4c, machte ihrem Namen wirklich alle Ehre - sie war klein, etwas kugelig anzusehen und trug eine runde, zumeist ungeputzte Brille auf ihrer kurzen Nase. Jede Sekunde konnte der Schulgong losschlagen. Frau Kulle wollte doch wohl nicht jetzt noch eine Aufgabe verteilen? , dachte Artur und sah sich in der Klasse um. Seine Mitschüler wirkten ähnlich aufgeregt so direkt vor den Ferien. Überall wurden bereits möglichst leise die Reißverschlüsse der Griffelmappen zugezogen, und Tom und Nora aus der dritten Reihe hatten sogar schon ihre Jacken übergeworfen. Auch Artur hatten seinen, mit allerlei Kritzeleien dekorierten Rucksack bereits geschlossen und war startbereit. Fast hörbar brummte die Frage "was will Frau Kulle denn jetzt noch?" in allen Köpfen. Da erhob die kleine Frau ihre Stimme. "Ich möchte euch noch eine spannende Aufgabe über die Ferien mit nach Hause geben", sagte sie, machte eine Pause, holte tief Luft und fuhr dann fort. "Bringt doch am ersten Schultag alle ein selbstgemachtes Kunstwerk mit in den Unterricht. Ihr könnt...", begann Frau Kulle.

"Die Mona Lisa, oder was?", unterbrach Stefan die Lehrerin, und alle grölten.

"Auch die, wenn du sie zur Hand hast, Stefan", erwiderte Frau Kulle, "lieber wäre es mir aber, wenn ihr euch selbst etwas ausdenken würdet. Ihr habt dabei völlig freie Hand".

Artur wusste nicht, ob er sich ärgern oder lieber staunen sollte. Hausaufgaben über die Ferien zu geben, das war nun wirklich ätzend. Aber dass er sich ausdenken konnte, was er wollte, um irgendein Kunstwerk zu schaffen, das ließ ihn doch aufhorchen.

"Müssen wir mit Farben malen?", fragte Lisa aus der ersten Reihe.

"Hast doch gehört, kannst machen, was du willst", erwiderte Stefan schroff. Lisa verzog beleidigt das Gesicht.

"In diesem Fall hat unser Ober-Rocker Stefan recht", sagte Frau Kulle, "ihr habt ja eine ganze Woche Zeit, überlegt euch doch etwas Schlaues, und dann bringt ihr es mit in den Unterricht".

Artur hoffte, es würde ihm recht fix etwas einfallen, vielleicht könnte er ja seinen Hamster Bert oder dessen Hamsterhaus malen, denn die grünen Weltraumgurken würden sonst sicher die Videospiel-Erde erobern, ohne dass er eingegriffen hätte. In diesem Moment gongte es, und das Chaos brach los.

Ein Teil dieses Chaos war Artur, der wie eine Feder vom Stuhl hochschnellte, in Windeseile lässig seinen bereits gepackten Rucksack über die linke Schulter warf, mit einem kurzen Winken auf Frau Kulles Worte, "Schöne Ferien, nicht eure Aufgabe vergessen", reagierte, um dann bereits den langen Korridor entlang zu wetzen. Geradewegs gegen einen hageren, elegant gekleideten Mann mit einem Pinkelbecken unter dem rechten und einem zusammengeklappten Schachspiel unter dem linken Arm.

"Uff", machte der Mann, als Arturs Kopf ihn in der Magengegend erwischte. Ein ziemlich durchgeschüttelter Artur blickte nach oben und sah den Mann mit großen Augen an. "Entschuldigung", sagte Artur, der zwar liebend gerne und immer wieder durch die Gänge seiner Schule raste, aber noch niemals einen Lehrer dabei gerammt hatte. Schließlich konnte dieser Erwachsene doch wohl nur ein Lehrer sein? Aber ein Lehrer, der einen Anzug trug, mit einem Pinkelbecken und einem Schachspiel unter dem Arm?, dachte Artur und rieb sich die Nase. Das war zutiefst ungewöhnlich.

Arturs Klassenkameraden rannten links und rechts an ihnen vorbei.

"Wird das repariert während der Ferien?", fragte Artur neugierig und zeigte mit dem Finger auf das Pinkelbecken.

Der Mann grinste verschmitzt und antwortete: "Ne, ne, mein Junge". Dann senkte er die Stimme und flüsterte, so dass Artur die Worte eben noch verstehen konnte: "Ich bringe es dorthin, wo es hingehört. Ach übrigens, ich heiße Marcel".

"Hallo, Marcel", sagte Artur ebenfalls ganz leise, "ich bin Artur". Gehört es denn nicht aufs Klo?", frage Artur mit lauterer Stimme, da er sich ziemlich sicher war, dass das der richtige Ort für ein Pinkelbecken war.

Artur kratzte sich am Kopf. Was machte dieser schicke Typ namens Marcel hier mit einem Pinkelbecken und einem Schachspiel unter dem Arm? Ein Lehrer war der sicher nicht, sonst wäre er Artur bestimmt zuvor schon einmal aufgefallen. Hin und wieder hatte Artur mal einen Handwerker im Blaumann an den Schulklos rumschrauben sehen, aber ein Handwerker im Anzug? Und was sollte das Schachspiel? "Hier ist doch etwas faul", kam es Artur in den Kopf, und er kaute leicht auf seiner Oberlippe herum, wie er das immer tat, wenn der Detektiv in ihm geweckt wurde. Artur nahm allen Mut zusammen und fragte:

"Hast du das aus dem Schulklo gestohlen?"

Artur zeigte auf das Becken.

"Ach, mon petit ami", begann Marcel. Artur wusste, das war französisch und hieß "mein kleiner Freund". "Es ist doch nicht wichtig, wo es herkommt", fuhr Marcel fort, "wichtig ist, wo sein künftiger Platz sein wird".

"Wir brauchen das Becken aber doch auf dem Schulklo", sagte Artur, wobei er natürlich nicht wusste, ob es vielleicht einen Ort gab, wo es noch nötiger gebraucht wurde.

Ihm kam in den Sinn, dass Marcel in seinem Zuhause vielleicht gar kein Klo hätte, und Artur fing verschämt an zu grinsen.

"Nein", sagte Marcel, "ich bin ein Künstler und bringe das Pinkelbecken ins Museum".

Mit offenem Mund stand Artur vor Marcel. Dieser hagere Mann nahm ihn scheinbar auf den Arm. Der wollte doch wohl nicht wirklich das Pinkelbecken aus dem Schulklo in ein Museum bringen?

"Warum soll dieses Becken nicht in einem Museum stehen?", fragte Marcel, der Arturs skeptische Blicke zu bemerken schien, "ich wette mit dir, wenn es dort hoch auf einem Podest steht, werden die Menschen es staunend wie ein Kunstwerk betrachten".

Artur staunte jetzt schon. Er dachte daran, wie oft er nach dem Pausenkakao in das Becken gestrullt hatte. Das sollte nun ein Kunstwerk sein?

"Ich werde es Fontäne nennen", fügte Marcel mit ernster Stimme hinzu.

Eine Fontäne, das wusste Artur, war so etwas wie ein Springbrunnen. Er musste lachen. Der Gedanke gefiel ihm, ein Schulpinkelbecken in ein Museum zu bringen und es "Fontäne" zu nennen.

"Glaubst du denn, die Leute werden denken, dass das Ding ein Kunstwerk ist?", fragte er Marcel in skeptischem Tonfall. "Na, klar", sagte dieser mit lauter Stimme, "wenn diese wunderbare Fontäne in einem Museum steht, dann ist sie auch Kunst. Das ist ganz einfach zu erklären. Denn eigentlich kann alles Kunst sein, es kommt nur darauf an, wo man es ausstellt und was man sich dazu einfallen lässt".

"Du meinst also", fragte Artur, "wenn das Pinkelbecken hier auf dem Klo hängt, dann ist es keine Kunst, aber wenn es im Museum auf dem Podest steht, dann ist es Kunst?"

"Du hast es geblickt", sagte Marcel, "wer soll denn schon bestimmen, was Kunst ist?"

Artur stellte sich einen Tisch vor, um den eine ganze Menge schlau aussehender Leute saßen, Professoren mit langen Bärten und runden Brillen. Würden die nicht entscheiden, was Kunst ist?

"Schlaue Leute?", fragte Artur leise.

Marcel grinste und hielt sein Schachspiel in die Höhe.

"Schlaue Leute", antwortete er, "schlaue Leute spielen Schach. Was Kunst ist, das kann hingegen jeder selbst bestimmen, finde ich. Ist doch herrlich, oder? Ich behaupte einfach diese Pinkelfontäne ist Kunst, und Peng - da ist sie auch schon Kunst".

Da hatte Marcel sicher recht. Wer sollte schon entscheiden, was Kunst ist und was nicht. Jetzt aber witterte Artur Lunte. "Hat Frau Kulle sie geschickt?", fragte er skeptisch.

Marcel lachte. "Nein, nein", sagte er, "ich bin in eigener Mission unterwegs und die, entschuldige bitte meine Eile, muss ich nun auch erfüllen. Ich erwarte noch einen guten Freund zum Schachspiel".

Marcel kratzte sich am Kopf. "Das Spiel wird verdammt spannend werden. Der Fuchs hat mich nämlich ziemlich in die Enge gedrängt mit seinem Bauern", brummte er, "Also Adieu, mein Freund Artur, du wirst sicher noch hören von unserer Fontäne".

"Adieu, Marcel", sagte Artur, aber da war dieser schon mit dem Pinkelbecken und seinem Schachspiel im Treppenhaus...

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