Schwarzer Sand

Neuseeland-Krimi
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Mai 2017
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1543-0 (ISBN)
 

Neuseeland ist nicht nur unglaublich schön, sondern auch unglaublich gefährlich!

Auf der Nordinsel Neuseelands wird am Strand die Leiche einer unbekannten Frau gefunden. Mit dem schwarzem Sand und der gefährlichsten Brandung des Landes ist Piha Beach ein mythenumwobenes Stück Natur. Inspektor Parnell, mit Krankheit und Tod in der eigenen Familie konfrontiert, nimmt die Ermittlungen auf.

Als ein Sturm aufzieht über dem Land der zwei Inseln, ganz unten, wo die Welt zu Ende geht, ist Parnell dem Mörder auf der Spur. Oder ist es der Mörder, der ihn die ganze Zeit schon nicht aus den Augen gelassen hat?

1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,79 MB
978-3-8437-1543-0 (9783843715430)
weitere Ausgaben werden ermittelt
K. C. Crowe ist das Pseudonym eines erfolgreichen Kriminalschriftstellers. Der Autor lebt in Europa und schreibt neben Kriminalromanen Artikel für renommierte Zeitungen und Magazine. Neuseeland kennt er selbst durch mehrmonatige Reisen. Die faszinierende Landschaft und ihre Bewohner inspirierten ihn zu diesem Krimi.

1

Die Leiche des Mädchens lag im schwarzen Sand. Dort, wo Meer und Land im Rhythmus der Brandung um Boden rangen. Die Gischt umspülte die kreideweißen, nackten Beine. Das hellblaue Kleid war zerrissen. Der durchtränkte Stoff klebte an ihrer Haut. Im Rücken klafften tiefe Wunden. Der Kopf der Leiche war zur Seite geneigt. Nasses Haar verdeckte das, was einmal ihr Gesicht gewesen sein musste. In der Nähe waren die Abdrücke von Schuhen im Sand zu erkennen.

Der Inspektor spuckte die Zigarette aus dem Mundwinkel. Sie flog durch die Luft und landete in den Wellen.

»Scheiße«, sagte Parnell. »Damn shit.«

Er bückte sich zu dem toten Mädchen hinab, streifte die Haare beiseite und schreckte zurück. Eins ihrer grünen Augen starrte ihn an, er hob den Kopf leicht an, das zweite Auge fehlte genauso wie eine Wange. Die Backenzähne lugten durch das löchrige Fleisch hervor. Die Stirn war zerkratzt und mit Schnitten versehen. Die Nase war verstümmelt. Die Lippen der Toten waren aufgeplatzt. Der gesamte Körper des Mädchens war mit Sandkörnern übersät. Der Sand hatte sich in die Wunden des Rückens gefressen, er klebte in ihrem Haar und steckte zwischen ihren perlweißen Zähnen.

Parnell kniete sich hin und führte seinen Kopf ganz nah an den der Leiche heran. Am Bauchnabel entdeckte er einen dunklen, herzförmigen Fleck. Er wollte die Haut der Toten nicht erneut berühren, sie war eiskalt. Der beißende Geruch des Meeres drang ihm in die Nase.

Parnell liebte diesen Geruch. Es war der Geruch des Lebens, seines Lebens - eigentlich. Nicht der des Todes. Es war der Geruch seiner Heimat.

Der Inspektor schaute sich um. Er hörte das Tosen der Wellen. Er spürte regelrecht ihren magnetischen Sog. Die Möwen kreischten über dem Lion Rock, der im Profil tatsächlich wie ein Löwenkopf aussah und den Strand von Piha in zwei Hälften teilte. Die Möwen ließen sich von den Winden hinauftragen, um dann, plötzlich, mit ein, zwei Flügelschlägen gegen sie anzukämpfen und in Zickzacklinien wieder auf das Wasser hinabzustürzen.

Parnell ging über die Dünen zum Wachturm der Rettungsschwimmer zurück, der auf einem Hügel am hinteren Ende des Strandes stand. Er drehte sich eine neue Zigarette und winkte einige der Polizisten zu sich heran.

»Kennt jemand das Mädchen?«, fragte er und schaute in blasse Gesichter. Die Männer starrten zu Boden. Auch Haromi, Parnells Kollegin blickte auf den schwarzen Sand.

Alle schüttelten betreten den Kopf.

»Jemand muss sie brutal abgeschlachtet haben. Mit einem Messer oder einer Machete«, sagte der Polizist, der direkt neben Parnell stand. Sein Atem verströmte einen Hauch von Erbrochenem. Der Inspektor nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette, um den Geruch zu vertreiben.

»Wer hat sie gefunden?«, fragte er dann.

»Einer der Rettungsschwimmer. Der erste, der heute Morgen hier war«, antwortete der Cop. »Im Morgengrauen, noch bevor die ersten Surfer an den Strand kamen, noch bevor die Bewohner von Piha ihre Hündchen Gassi führten.«

»Was machen die Kollegen da drüben?«, fragte Parnell weiter und zeigte auf den Parkplatz, wo zwei Polizisten damit beschäftigt waren, den Zugang zum Strand mit »CRIME SCENE - DO NOT CROSS«-Flatterband abzusperren. Drei weitere Einsatzwagen hatten sich an der Zufahrt zum Parkplatz postiert. Rund zwei Dutzend Cops waren mit dem Inspektor nach Piha gekommen.

Das Blaulicht der Einsatzwagen tanzte über das Grün des Dschungels, der hinter dem Strand die steilen Felswände überwucherte.

»Heute kein Badespaß«, rief einer der Cops den Besuchern entgegen, die sich mit Surfbrett und Luftmatratze vom Parkplatz in Richtung Brandung bewegten.

Der Polizist hob mitleidig die Schultern, doch sein Blick blieb ernst.

»Der Kollege schickt die Badegäste wieder nach Hause«, kommentierte Smith, ein weiterer Kollege, der Parnell gegenüber stand, das Geschehen.

»Niemand wird nach Hause geschickt, verstanden?«, sagte Parnell und schüttelte den Kopf. »Geh rüber, Smith, und übernimm das! Befragt jeden Einzelnen, der ankommt. Ich will, dass ihr alle Badegäste verhört! Auch die Surfer! Findet die, die auch gestern schon da waren. Vielleicht hat irgendjemand irgendetwas gesehen. Und dann geht von Bungalow zu Bungalow - befragt die Bewohner!«

»Okay«, sagte Smith und entfernte sich in Richtung des Parkplatzes.

Der Inspektor schaute ihm nachdenklich hinterher. Er sah die Menschen hinter dem Absperrband. Sie standen da in Badehosen und Bikini, mit großen Strandtaschen über den Schultern. Ganz vorn trippelte ein Mädchen von einem Fuß auf den anderen. Sie hielt ihr Handy in die Höhe und fotografierte. Erst später, am Abend, dachte sich Parnell, wird sie beim Durchklicken der Fotos realisieren, was sie da festgehalten hatte.

Sie wird erkennen: Das da neben dem Mann mit der Zigarette, der vorn am Strand gekniet hatte, das waren die Überreste einer Frauenleiche. Und der Fernseher des Hostels, in dem sie mit ihren Freunden einquartiert war, wird ähnliche Bilder zeigen. Die Bilder der TV-Journalisten, die sich wenig später am Strand tummeln würden.

Breaking News: Mädchenleiche am Strand von Piha gefunden.

Die Kameras werden vom Parkplatz hinüberschwenken zum Strand, sie werden auf den Mann im Mantel halten, hinunterzoomen auf die Tote, mittlerweile unter einer silberglitzernden Plane versteckt, von den Forensikern zum Abtransport freigegeben. Daneben wird ein Plastiksarg stehen. Die Kameras werden wieder hochfahren, ein paar Panoramaschnitte werden eingefügt werden, kreischende Möwen, der Felsen, der dem Strand seinen Namen gibt. Dann werden O-Töne folgen. Von den Badegästen am Absperrband. Von Parnell werden die Fernsehzuschauer nur eine abwehrende Handbewegung und ein fluchendes Gemurmel hören.

So wie immer.

Der Inspektor fror. Er schaute zum Himmel. Eine nutzlose Angewohnheit. Er fragte sich, woher er sie hatte. Kein Neuseeländer, der sich für das Wetter interessierte, schaute zum Himmel. Dort war zu sehen, was immer zu sehen war. Endloses Hellblau oder tiefschwarze Wolken - oder beides. Neuseeland brauchte keinen Wetterdienst. Wenn es in Neuseeland regnete, dann schien bald wieder die Sonne, und wenn die Sonne schien, regnete es alsbald wieder. Das wusste jedes Kind.

Manchmal schien auch die Sonne, während gleichzeitig Tropfen fielen. Neuseeland, diese beiden Inseln irgendwo im Nirgendwo, südlich von Australien, nördlich der Antarktis. Weit weg von allem. Weit weg, wie der Mond, der manchmal schon nachmittags weiß leuchtete, während die Sonne dem Horizont entgegenwanderte.

Parnell griff nach dem schwarzen Kaffee, den ihm Haromi gereicht hatte. Er stellte den Becher auf das Holzgeländer des Wachturms und zog Tabak und Papers aus der Tasche, um sich eine Zigarette zu drehen. Er liebte Kaffee, ohne Milch, ohne Zucker, aber niemals ohne Zigarette. Er inhalierte den beißenden Rauch. Der Rauch kratzte am Rachen, an dem noch der Geschmack des Whiskeys vom letzten Abend klebte.

Parnell schaute wieder zum Strand. Dort, wo die Leiche gelegen hatte, wanderten ein paar Kollegen von der Forensik in ihren weißen Schutzanzügen und Metalldetektoren umher. Sie wirkten wie Schatzsucher.

»Wer war über Nacht hier?«, grummelte Parnell vor sich hin.

Er schaute hinüber zur Schlucht hinter dem Parkplatz, wo ein Bachdelta sich mit der Düne des Strandes verband. Piha. Dieses Idyll an der Tasmanischen See, vor den Toren Aucklands, hatte sich verändert über die Jahre. Holzbungalows waren wie Pilze aus dem Dschungel geschossen.

Dem Inspektor fiel das erst jetzt auf. Wer schaute schon auf Holzbaracken im Dschungel, wenn vor einem die phantastischste Brandung von ganz Neuseeland toste?

Immer mehr Surfer kamen morgens und abends an den Strand, um die Wellen zu reiten. Immer mehr Kleinbusse karrten Touristen heran, für Selfies, Sonnenuntergangsmomente, Urlaubsfeeling. Das war Parnell egal. Das Meer war für alle da. Und wenn er aufs Meer starrte, verschwand alles um ihn herum. Da war er eins mit dem Ozean, in einer anderen Welt.

Wenn der Inspektor mit seinem verbeulten Toyota Corolla nach Piha kam, hatte er nichts dabei außer einer Kanne Filterkaffee, ein paar selbstgemachter Papaya-Sandwiches, einem Taschenbuch mit den gesammelten Songtexten von Nick Cave, von den späten Siebzigerjahren bis heute, einer Badehose, einem weißen Handtuch, einem alten Strohhut und einer zerkratzten Sonnenbrille von Ray Ban.

Er schaute nicht nach hinten. Nicht nach links, nicht nach rechts. Er schaute aufs Meer. Er bewunderte die Surfer, die todesmutig die Wellen bezwangen. Er belächelte die Reisegruppen, die mit großen Fotoapparaten alles fotografierten, was sich fotografieren ließ, und sich kreischend in die Brandung stürzten. Er grinste, wenn sie vom unbarmherzigen Sog hin- und hergeschleudert wurden. Parnell war ein guter Schwimmer, aber hier in Piha wurde auch er sich immer wieder bewusst, dass niemals der Schwimmer das Meer beherrscht, sondern das Meer den Schwimmer. Es lässt ihn schweben, wenn es mag, es verschlingt ihn, wenn ihm danach ist.

Das Meer herrscht über den Menschen, nicht umgekehrt, sinnierte Parnell, während er vor sich hin starrte. Wenn der Mensch dem Wasser gewachsen sein will, soll er im Pool schwimmen. Parnell hasste Pools. Er hasste Chlorwasser. Lieber sprang er in seine Badewanne. Natürlich erst, nachdem er sie mit Kochsalz gefüllt hatte.

Erste Tropfen fielen vom schwarzen Himmel.

»Scheiße«, sagte...

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