Kalter Schlaf

Roman
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Mai 2013
  • |
  • 576 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09487-4 (ISBN)
 
Kein Opfer ist je vergessen .

In einem einsamen Waldstück in der Nähe der Autobahn werden Knochen einer menschlichen Leiche gefunden - alles deutet darauf hin, dass es sich um die Überreste von Molly James handelt, die vor fünf Jahren spurlos verschwand. Rechtspsychologin Dr. Kate Hanson wird zusammen mit der Unsolved Crime Unit der Birminghamer Polizei auf den Fall angesetzt. Schnell wird klar: Bei den polizeilichen Ermittlungen zum Verschwinden der jungen Frau wurde gepfuscht. Die damals Beteiligten scheinen von der Wiederaufnahme der Ermittlungen alles andere als begeistert, doch dann taucht eine weitere Frauenleiche auf .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Blanvalet
  • 0,86 MB
978-3-641-09487-4 (9783641094874)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

Dr. Kate Hanson kam fast lautlos durch den von einem Vorhang verdeckten Seiteneingang des Hörsaals herein. Der einzige Mensch, den sie hier zu sehen erwartete, war bereits da: Julian Devenish, ihr hagerer hochbegabter studentischer Assistent, der in einem Regiestuhl saß und mit gerunzelter Stirn über einem Skript brütete. Er stand auf, als sie hereinkam.

»Hi, Kate . Dr. Hanson. Ich habe alles vorbereitet«, sagte er und zählte die einzelnen Punkte an den Fingern ab. »Der Soundcheck ist durchgeführt, ich habe die Beleuchtung so angepasst, wie Sie's wollten, und die PowerPoint-Präsentation ist im Standby. Fotokopien der Vorlesungsunterlagen liegen auf dem Tisch am Ausgang, zum Mitnehmen bereit. Sollte irgendwas schiefgehen - was nicht passieren wird -, bringe ich's in Ordnung. Wenn Sie anfangen wollen, brauchen Sie nur leicht aufs Mikro zu klopfen .«

Kate sah lächelnd in das ernste Gesicht des großen, langhaarigen Studenten auf, nickte und sagte ruhig: »Danke, Julian. Ich weiß Ihre Hilfe wirklich zu schätzen. Aber bitte lesen Sie weiter. Ich bin sicher, dass alles perfekt klappen wird.«

Sie blieb, an einen Tisch gelehnt, stehen und sah auf ihre Armbanduhr - 13:55 Uhr, Mittwochnachmittag. Sie konnte hören, wie der Saal sich füllte und das Stimmengewirr lauter wurde. In weiteren fünf Minuten würde sie mit ihrer ersten Vorlesung dieses Studienjahrs beginnen. Sie schloss die Augen, atmete mehrmals tief durch und öffnete sie wieder.

Julian hielt ihr einen Zettel mit einer kurzen Mitteilung hin. Kate beugte sich nach vorn, um sie entgegenzunehmen, und warf einen Blick darauf, während sie in ihrer Umhängetasche nach ihrem Handy wühlte. Nach einem Blick aufs Display runzelte sie die Stirn. Kein Hinweis auf den Anruf, den sie erwartet hatte. Sie konzentrierte sich wieder ganz auf die Mitteilung. Bitte sofort DS Watts, Rose Road, anrufen. Sie scrollte zu seiner gespeicherten Nummer weiter, wählte und wartete. Keine Antwort. Heute schien niemand mit ihr reden zu wollen. Nochmals ein Blick auf ihre Uhr. Noch eine Minute.

Kate richtete sich auf, strich ihren schmal geschnittenen Rock von Armani über den Hüften glatt und überzeugte sich, dass die Kostümjacke richtig saß. Sie registrierte, dass Julian ihr aufmunternd zunickte, warf ihre üppige rotbraune Mähne mit einer Kopfbewegung nach hinten, zupfte ein letztes Mal an ihrer Jacke und trat, unter erwartungsvollem Schweigen und von hundertfünfzig Augenpaaren genau beobachtet, aufs Podium.

Sie drückte eine Taste des bereitstehenden Laptops, dann wandte sie sich den Reihen junger Gesichter zu. Ein paar erkannte sie aus Bewerbungsgesprächen mit Studienanfängern wieder. Einige wenige kannte sie gut, darunter einen Überraschungsgast, der in einer der letzten Reihen des kühlen Hörsaals saß: blond, in einem makellosen weißen Oberhemd, das das Tageslicht reflektierte. Sie schickte ein kleines Lächeln in seine Richtung, aber er reagierte nicht darauf. Zu weit weg.

»Willkommen zu meiner Einführungsvorlesung zu Kriminologie, Modul eins, >Psychologie, Verbrechen und Strafrecht<. Wer sich nur hierher verirrt hat oder kein Interesse an diesem Thema hat, sollte jetzt vielleicht lieber gehen.« Sie wartete. Einige Studenten sahen sich um, aber niemand stand auf. »Gut«, sagte sie zufrieden, »ein aufmerksames Publikum. Also los!«

Ein weiterer Tastendruck füllte den Großbildschirm mit Porträtfotos. Ausschließlich Frauen, ungefähr zwei Drittel Weiße, manche mit altmodischen Frisuren, jung, lächelnd und arglos. Andere mit etwas älteren Gesichtern. Im Hörsaal ertönte leises Gemurmel.

Kate sah auf den Bildschirm, dann wieder in den Hörsaal und sprach mit ruhiger Autorität weiter. »Eine umfangreiche Bildergalerie, nicht wahr?« Sie benutzte ihren Laserpointer. »Zwischen diesen acht Frauen besteht ein Zusammenhang. Diese sieben hier bilden eine weitere Gruppe . genau wie diese vierzehn.«

Die Studenten betrachteten die Fotos. Kate beobachtete sie aus dem Augenwinkel heraus. »Ich vermute, dass die meisten von Ihnen diese Gesichter nicht kennen, aber ich hoffe, dass sie mit ein Grund dafür sind, dass Sie Kriminologie studieren und zu Ihrem Beruf machen wollen. Meiner Ansicht nach ist das dringend notwendig.«

Kate trat langsam an den Rand des Podiums, wo sie ihren schweigenden Zuhörern näher war, und senkte die Stimme, um den ersten Hauptpunkt ihrer Vorlesung zu unterstreichen. »Neunundzwanzig Frauen. Die meisten jung. Aus England, Italien, Deutschland, den USA, Kanada, Australien. Ohne geografische Grenzen. Ich hätte Ihnen noch viele, viele weitere zeigen können.« Einige Sekunden Pause. »Sie und diese neunundzwanzig jungen Frauen warten. Sie warten darauf, dass wir Kriminologen ihnen etwas geben.«

Weil sie wusste, dass die Studenten an ihren Lippen hingen, ging Kate zu dem Laptop zurück. »Diese jungen Frauen sind deshalb zu Opfern geworden, weil ihre Wege sich zufällig mit Männern« - nochmals ein Tastendruck - »wie diesen gekreuzt haben.«

Auf dem Großbildschirm erschien eine Reihe von Männergesichtern. Viele der Studenten holten erschrocken Luft, dann folgte allgemeines Gemurmel.

»Sie werden bestimmt nicht alle erkennen, aber ich gehe jede Wette darauf ein, dass es in diesem Hörsaal niemanden gibt, der nicht mindestens fünf der Abgebildeten benennen kann.« Sie wartete.

Schweigen.

»Ich hätte gewonnen«, sagte sie ruhig. »Merkwürdig, nicht wahr, dass wir Personen, die grausame Verbrechen verüben, besser kennen als ihre bedauernswerten Opfer?« Sie nickte, als sie auf vielen Gesichtern ein verlegenes kleines Lächeln sah. Kate richtete den Laserpointer auf die Brustbilder. »Alle diese Männer sind oder waren Raubtiere. Leben sie noch und fänden erneut Gelegenheit, würden sie weitere Gewalttaten wie die verüben, deretwegen sie hinter Gitter gewandert sind.«

Sie sah zu den Fotos hoch, dann konzentrierte sie sich wieder auf ihre Studenten. »Wir brauchen uns keine Vorwürfe zu machen, wenn das Gesicht des Täters eher Erkennen auslöst und unser Interesse weckt als das seines Opfers. Zu großen Teilen dafür verantwortlich sind die Medien. In allen ihren Formen.«

Kate schwieg einige Sekunden lang. »Bevor Sie Ihr Studium bei mir aufnehmen, möchte ich Ihnen einen Rat geben. Er lautet folgendermaßen: Vergessen Sie die erfundenen Verbrechen und die Krimis, die das Fernsehen oder Hollywood Ihnen gezeigt haben. Vergessen Sie vor allem die weit verbreitete Theorie, dass die Aktivitäten eines Mörders auf einen bestimmten Opfertyp fixiert sind, von dem der Täter später niemals mehr abweicht.«

Eine weitere Pause.

»Natürlich haben Sexualstraftäter ihre Vorlieben, aber sie sind weit davon entfernt, sich gegenüber all ihren Opfern stereotypisch gleich zu verhalten. Dass sie das angeblich immer tun, ist in den letzten zwei Jahrzehnten leider zu einer vorherrschenden Überzeugung geworden, weil es spannende Bücher, Fernsehkrimis und Filme ermöglicht. Aber das ist auch schon alles. Wir müssen uns davor hüten, auf der Grundlage unzuverlässiger Theorien allzu bequeme Schlüsse zu ziehen.«

Ihr Blick glitt über ihre Zuhörer. »Straftäter sind keineswegs so festgefahren, wie man vielleicht glauben würde.« Kate trat einige Schritte auf ihre Studenten zu. »Warum nicht?« Sie senkte die Stimme. »Weil die Fantasien dieser Männer sich verändern. Und weil sie sich wie wir alle anpassen. Sie lernen«, fügte sie noch leiser hinzu. »Und genau das wird in den kommenden Wochen auch hier passieren, hoffe ich.«

Der Glockenschlag vom Chamberlain Tower hallte über den üppig grünen, für Ende September ungewöhnlich heißen Campus und in den Hörsaal. Keiner der Studenten bewegte sich.

»Ich habe gesagt, dass die jungen Frauen, deren Fotos ich Ihnen vorhin gezeigt habe, etwas erwarten. Von Ihnen und von mir. Aber worauf warten sie?«

Sie hörte mehrere Antworten, die aus einem einzigen Wort bestanden, und nickte dankbar. »Richtig. Und wenn Sie später als Kriminalisten arbeiten, wird es weitere Opfer geben. Dann müssen Sie unvoreingenommen arbeiten und verlässliche Theorien anwenden, um ihnen die Gerechtigkeit zu verschaffen, auf die sie warten.«

Kate musterte ihre Zuhörerschaft erneut, bevor sie den nächsten Hauptpunkt betonte. »Diese Männer hören niemals auf«, sagte sie ruhig. »Weil ihr Verhalten von tiefen psychologischen Bedürfnissen gesteuert wird. Dass sie eine Zeit lang pausieren, ist nicht ungewöhnlich. Vielleicht ein Jahr, vielleicht länger.« Sie schwieg kurz. »Aber verlassen Sie sich darauf: Irgendwann machen sie weiter.«

Im Hörsaal herrschte Schweigen, dann wurde zögernd eine Hand gehoben.

»Ja?«, fragte Kate.

»Weshalb? Warum . pausieren sie?«

Kate lächelte der ratlosen Studentin zu. »Für eine angehende Kriminologin gehört >warum< zu den stärksten Wörtern überhaupt.«

Sie kehrte an den vorderen Rand des Podiums zurück. »Weshalb legen sie Pausen ein? Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass Pausen auftreten können, wenn im Leben von Wiederholungstätern irgendein Wechsel zum Besseren eintritt. Wenn sich etwas Neues ereignet, das sie mit Zufriedenheit erfüllt und ihre zwanghafte Mordlust dämpft. Vielleicht ein neuer Job oder eine neue Beziehung, die lohnend genug ist, um die Täter von verbrecherischen Gedanken und Verhalten abzulenken.« Die Studenten beobachteten, wie Kate vor ihnen auf und ab ging und ihre Worte mit nachdrücklichen Handbewegungen unterstrich. »Aber irgendwann kommt...

"Kalter Schlaf unterhält mit gut gesetzter, psychologischer Spannung aufs Feinste."
 
"Gefühlvoll-spannender Roman für Krimifans."

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