Das Hotel im Moor

Die Kincaid-James-Romane 1 - Roman
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. Januar 2013
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10852-6 (ISBN)
 
Von seiner aufreibenden Arbeit bei Scotland Yard völlig ausgebrannt, begibt sich Inspektor Duncan Kincaid für eine Woche nach Yorkshire, um sich in einem noblen Feriengästehaus zu erholen. Als Vertretung vor Ort läßt er Sergeant Gemma James zurück, seine junge und ebenso praktische wie fähige Mitarbeiterin. Doch kaum hat es sich Kincaid im Hotel am Moor gemütlich gemacht, liegt schon ein toter Hotelangestellter im Swimmingpool. Und die Reihen der Feriengäste beginnen sich zu lichten, als eine schrullige alte Dame erschlagen aufgefunden wird. Kincaid übernimmt den Fall. Wenngleich die Morde in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen, ist er fest davon überzeugt, daß er den Täter unter den Gästen suchen muß. Er schaltet Gemma James in London ein. Mit ihrer Hilfe stößt er auf ein verblüffendes Motiv.

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Goldmann
  • 0,37 MB
978-3-641-10852-6 (9783641108526)
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Deborah Crombies höchst erfolgreiche Romane um Superintendent Duncan Kincaid und Inspector Gemma James von Scotland Yard wurden mit dem »Macavity Award« ausgezeichnet und für den »Agatha Award« und den »Edgar Award« nominiert. Die Autorin lebt mit ihrer Familie im Norden von Texas, verbringt aber viel Zeit in England, wo ihre Romane angesiedelt sind.

1


Duncan Kincaids Urlaub in Yorkshire fing verheißungsvoll an. Gerade als er in die schmale, von hohen Hecken eingefaßte Landstraße einbog, brach ein Sonnenstrahl durch die Wolken und erhellte, als hätte jemand einen himmlischen Scheinwerfer eingeschaltet, ein Stück sanft gewelltes Hochmoor.

Trockenmauern zogen sich wie blasse Runen über das leuchtende Grün der Weiden, auf denen lichtglänzende Schafe grasten, ohne sich um ihre Bedeutung für die Komposition zu kümmern. Die Szene schien aus Zeit und Raum herausgehoben, und er hatte den Eindruck, ein lebendes Bild vor sich zu sehen, das Bild einer fernen, unerreichbaren Welt. Die Wolken schoben sich wieder zusammen; so rasch wie sie aufgeleuchtet war, erlosch die Vision, und ein merkwürdiges Frösteln des Verlusts überlief ihn bei ihrem Verschwinden.

Das muß die Schufterei der letzten Wochen sein, dachte er und schüttelte das vage Gefühl dunkler Vorahnung ab. Offiziell verlangte New Scotland Yard von keinem seiner frischgebackenen Superintendenten, daß sie rackerten bis zum frühen Herzinfarkt, aber der August war in den September übergegangen, und die Überstunden hatten sich angesammelt. Irgend etwas war immer dazwischengekommen, und der letzte Fall war besonders scheußlich gewesen.

Eine ganze Serie von Leichen im ländlichen Sussex, lauter Frauen, alle auf die gleiche Weise verstümmelt – der größte Alptraum eines Kriminalbeamten. Sie hatten ihn schließlich gefaßt, einen Perversen übelster Sorte, aber es gab keine Garantie, daß die Beweise, die sie in mühsamer Kleinarbeit zusammengetragen hatten, einen Haufen pflaumenweicher Geschworener überzeugen würden. Und die Sinnlosigkeit des Ganzen machte den größten Teil der Befriedigung darüber, den Berg von Schreibarbeit bewältigt zu haben, zunichte.

»Einen amüsanteren Samstagabend könnte ich mir gar nicht vorstellen«, hatte Gemma James, Kincaids Sergeant, am Abend zuvor gesagt, als sie sich durch die letzten Akten geackert hatten.

»Sagen Sie das mal der Werbeabteilung. Ich glaube, der Gedanke ist denen noch gar nicht gekommen.« Kincaid lachte sie über den vollgepackten Schreibtisch hinweg an. Gemma mit dem vor Müdigkeit schneeweißen Gesicht und den dunklen Schatten unter den Wangenknochen wäre in diesem Moment keine Zierde für ein Werbeposter der Polizei gewesen.

Sie blähte die Wangen auf und blies zu den feinen roten Haarsträhnen hinauf, die ihr in die Augen hingen. »Sie haben’s gut, Sie bekommen jetzt mal eine Woche lang nichts von allem zu hören und zu sehen. Schade, daß wir nicht alle Vettern mit schicken Ferienwohnungen haben.«

»Entdecke ich da eine Spur Neid?«

»Sie fahren ja morgen nur nach Yorkshire, während ich nach Hause fahre, um die Wäsche der letzten Woche zu waschen und mal wieder einzukaufen – wieso sollte ich da neidisch sein?« Gemma lächelte gutgelaunt wie meistens, aber als sie wieder sprach, lag ein Anflug von mütterlicher Besorgnis in ihrer Stimme. »Sie sehen echt fertig aus. Es ist wirklich Zeit, daß Sie mal Urlaub machen. Das wird Ihnen bestimmt guttun.«

Soviel Fürsorglichkeit von einer Frau, die zehn Jahre jünger war als er, amüsierte Kincaid, aber er fand sie neu und angenehm. Er hatte diese Beförderung mit großem Einsatz angestrebt, weil er gewußt hatte, daß der neue Posten ihm erlauben würde, endlich wieder vom Schreibtisch weg zur praktischen Arbeit zu kommen. Aber allmählich schien ihm, daß das Beste an dieser Beförderung Gemma James war, die man ihm als Sergeant zugeteilt hatte. Gemma war Ende Zwanzig, geschieden und hatte einen kleinen Sohn, den sie allein aufzog; hinter ihrem gutmütigen Naturell verbargen sich, wie Kincaid langsam entdeckte, ein scharfer Verstand und viel Ehrgeiz.

»Ich glaube nicht, daß es unbedingt mein Fall ist«, sagte er, während er die letzten losen Blätter in einen Hefter schob. »Ein timesharing-Apartment.«

»Und Ihr Vetter hat das für Sie organisiert?«

Kincaid nickte. »Seine Frau erwartet ein Kind, und der Arzt hat im letzten Augenblick entschieden, daß es doch besser ist, wenn sie nicht verreist. Und da haben die beiden an mich gedacht, weil sie die Woche nicht einfach sausenlassen wollten.«

»Fortuna«, konterte Gemma in scherzhaftem Ton, »hat wirklich eine Art, immer die zu beschenken, die es am wenigsten verdienen.«

Zu müde für den gewohnten Abstecher ins Pub, war Gemma an diesem Abend direkt nach Leyton hinausgefahren, und Kincaid hatte sich in seine Wohnung in Hampstead geschleppt und den traumlosen Schlaf des total Erschöpften geschlafen. Und nun – ganz gleich, ob er es verdiente oder nicht – war er entschlossen, aus diesem unerwarteten Geschenk das Beste zu machen.

Als er, immer noch unsicher, ob er sich auf dem richtigen Weg befand, auf einer Anhöhe anhielt, kam die Sonne ganz durch und brannte heiß auf das Verdeck des Wagens. Plötzlich war es ein vollkommener Septembertag, warm und golden und voller Verheißung. »Ein gutes Omen für einen Urlaub«, sagte er laut und spürte förmlich, wie ein Teil seiner Schlappheit von ihm abfiel. So, jetzt brauchte er nur noch Followdale House zu finden. Der Wegweiser für Woolsey-under-Bank zeigte direkt über eine Schafweide hinweg. Besser, er warf noch einmal einen Blick in die Karte.

Er hatte den Ellbogen im offenen Fenster des Midget und atmete bewußt den würzigen Duft der Hecken ein. Er fuhr langsam und hielt nach einem Anzeichen dafür Ausschau, daß er auf dem richtigen Weg war. Die Straße führte in Windungen an verstreut liegenden Bauernhöfen mit behäbigen, solide gebauten Häusern aus dem grauen Schiefer Yorkshires vorbei, und über ihnen zogen sich einladend Ausläufer bewaldeten Landes vom Hochmoor in die Weiden hinein. Kühle Nächte mußten diesem plötzlichen Auflodern spätsommerlichen Glanzes vorausgegangen sein, denn das Laub der Bäume färbte sich schon, Kupfer und Gold mit einem gelegentlichen Klecks Grün gesprenkelt. In der Ferne, oberhalb des Flickenteppichs von Feldern und Weiden und Moorlandschaft, stieg das Gelände steil zu einer hohen Wand an.

Als Kincaid die nächste Kurve umrundete, sah er sich plötzlich am Rand eines Bilderbuchdorfs. Kleine Steinhäuser, typische Cottages, säumten die Straße, und aus Töpfen und Kästen fielen Geranien und Petunien in farbigen Kaskaden zur Straße hinunter. Zu seiner Rechten stand ein wuchtiger Stein mit der Aufschrift »Woolsey-under-Bank«. Die hohe Steilwand, die jetzt direkt hinter dem Dorf in die Höhe zu ragen schien, mußte Sutton Bank sein.

Ein paar Meter weiter zeigte sich durch eine Lücke in der hohen Hecke ein steinerner Torpfosten mit einem eingelegten Messingschild. »Followdale« stand darauf, und unter dem Namen war eine voll erblühte Rose auf leicht gebogenem Stengel eingraviert. Kincaid stieß einen tonlosen Pfiff aus. Sehr vornehm, in der Tat, dachte er, als er den Wagen durch das schmale Tor lenkte und auf dem gekiesten Vorplatz anhielt. Er betrachtete Haus und Park überrascht und erleichtert. Er wußte selbst nicht recht, was er von einem englischen timesharing-Hotel erwartet hatte, verpflanzte Costa del Sol vielleicht oder prätentiöse viktorianische Wuchtigkeit. Ganz sicher nicht dieses georgianische Haus – elegant und beeindruckend in seiner Schlichtheit -, das in honigfarbenem Glanz im Licht des späten Nachmittags stand. Efeu nahm dem unteren Mauerabsatz die Strenge, und wilder Wein leuchtete in kräftigem Rot am oberen Teil des Hauses.

Bei näherem Hinsehen zeigte sich, daß der erste Eindruck trog – das Haus war nicht wirklich symmetrisch, wenn auch das von einem Giebelfeld gekrönte Portal rechts und links von je einem Seitenflügel flankiert war; die linke Seite des Hauses war geräumiger und ragte in den Vorplatz hinein. Er fand diese Illusion von Ausgewogenheit angenehm, nicht so streng im Anspruch wie echtes Ebenmaß.

Er nahm sich einen Moment Zeit, um seine Glieder zu strecken, ehe er aus seinem alten MG Midget stieg. Nur die Tatsache, daß die Sprungfedern im Fahrersitz schon vor Jahren den Geist aufgegeben hatten, verhinderte, daß er beim Fahren mit dem Kopf ans Verdeck stieß. Er blieb stehen und sah sich um. Im Westen eine Reihe niedriger Bungalows, aus dem gleichen goldbraunen Stein gebaut wie das Haus, im Osten gepflegter Park im Schatten des Sutton Bank.

Wohlgefühl schien durch jede Pore in seinen Körper zu sickern, und erst als er merkte, wie langsam und tief er atmete, wurde er sich bewußt, wie angespannt er gewesen war. Er verbannte die letzten hartnäckigen Gedanken an Arbeit, holte seinen Koffer aus dem Kofferraum und ging zum Haus.

 

Die schwere Eichentür war nur angelehnt. Sie öffnete sich unter Kincaids Berührung, und er fand sich im typischen Vorsaal eines Landhauses, komplett mit Gummistiefeln und Schirmständer. Im Flur dahinter stand auf einem Seitentisch eine chinesische Vase mit Chrysanthemen, deren Bronzetöne sich mit dem Scharlachrot des gemusterten Teppichs bissen. In der stillen Luft hing ein Geruch nach Möbelpolitur.

Durch eine halboffene Tür zu seiner Linken konnte er die Stimme einer Frau hören. Sie sprach abgehackt, mit einer Art wütender Präzision. »Jetzt hören Sie mal, Sie widerlicher kleiner Schnüffler. Ich sag’s Ihnen zum letzten Mal, hören Sie endlich auf, mich zu bespitzeln. Ich hab’s satt, Sie dauernd dabei zu erwischen, wie Sie rumschnüffeln, wenn Sie meinen, keiner merkt’s.« Kincaid hörte die Frau nach Luft schnappen. »Was ich in meiner Freizeit tue, geht niemanden etwas an. Sie können von Glück reden, daß Sie’s bis dahin gebracht haben, wo Sie jetzt sind, bei Ihrer Ausbildung und Ihren besonderen Eigenschaften!« Sie legte Nachdruck auf die beiden letzten Worte. »Aber verlassen Sie sich drauf, ich...

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