Al-Aqsa oder Tempelberg

Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Februar 2021
  • |
  • 365 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-406-76586-5 (ISBN)
 
Tempelberg für die Juden, drittwichtigstes Heiligtum für die Muslime: Der K omplex aus Felsendom, Al-Aqsa-Moschee und Klagemauer ist der geheimnisvollste und umstrittenste heilige Ort der Welt. Joseph Croitoru erzählt seine 3000-jährige Geschichte und schildert, wie der Streit um Jerusalems heilige Stätten seit dem 19. Jahrhundert immer weiter eskaliert ist. Inzwischen planen jüdische Eiferer einen "dritten Tempel", der Widerstand der Muslime wird mit Polizeigewalt unterdrückt. Der uralte Ort des Gebets wird zur Zeitbombe.
Sommer 1981: Auf der Suche nach der verschollenen Bundeslade gräbt sich Rabbiner Jehuda Getz durch den heiligen Felsen und stößt auf ein altes Gewölbe. Kaum herausgeklettert, entdecken ihn Muslime im Seitenraum der Moschee. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, zum Generalstreik und beinahe zur internationalen Krise. Der Streit um den Tempelberg hat längst sein Inneres erreicht. Ein jüdischer Tunnel zur Klagemauer sorgte in den 1990er Jahren für Aufstände. Parallel dazu bauten die Muslime die unterirdischen "Ställe Salomos" unter jüdischem Protest zur Wintermoschee aus. Archäologen durften 60 Tonnen Aushub auf einer Schutthalde sichten. Grabungen sind ihnen nicht erlaubt. Joseph Croitoru erzählt auf der Grundlage zahlreicher hebräischer und arabischer Quellen die dramatische Geschichte eines Kampfes, der seit der Antike mit religiösen und politischen Heilserwartungen aufgeladen ist, mit Aufständen, Waffengewalt, Pilgerfahrten und Gebeten geführt wird und für den heute weniger denn je eine Lösung in Sicht ist.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
mit 35 Abbildungen und 1 Karte
  • 5,77 MB
978-3-406-76586-5 (9783406765865)
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Joseph Croitoru, geboren 1960 in Haifa, ist Historiker und Journalist. Lange Autor der Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Neuen Zürcher Zeitung mit den Schwerpunkten Nahost und Osteuropa, schreibt er nun u.a. für Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und die taz.

– 2 –

Die spätosmanische Zeit (19. und frühes 20. Jahrhundert)

Frühzionistische Träume und die Klagemauer

Die osmanische Herrschaft über Palästina war im Laufe der Jahrhunderte nur selten und wenn auch nur vorübergehend unterbrochen. In Jerusalem selbst war dies überhaupt erst im 19. Jahrhundert der Fall: 1831/32 brachte der gegen Konstantinopel rebellierende osmanische Gouverneur von Ägypten Muhammad Ali auch Palästina sowie Teile Syriens unter seine Herrschaft. Sein Sohn Ibrahim Pascha, der den Feldzug für seinen Vater angeführt hatte und nach dem Sieg die eroberten Gebiete von Damaskus aus regierte, begann dort schon bald die westlich orientierte Reformpolitik Muhammad Alis einzuführen. Bereits kurz nach der Einnahme Jerusalems verfügte er, die spezielle Steuer, die nichtmuslimische Pilger zahlen mussten, abzuschaffen. Außerdem mussten jetzt auch erwachsene Muslime die Kopfsteuer entrichten, die bis dahin nur von Juden und Christen erhoben worden war, und in den Städten waren nun in den örtlichen Beratungsgremien zum ersten Mal auch Nichtmuslime vertreten. Deren Aufbruchsstimmung wurde zwar im Jahr 1834 kurzzeitig getrübt, als ein Teil der arabischen Bevölkerung Palästinas – so auch in Jerusalem – sich mit Waffengewalt gegen die ägyptischen Invasoren auflehnte. Doch der Zukunftsglaube kehrte nach der Niederschlagung des Aufstands bei den Juden und Christen schnell zurück. Nach einem heftigen Erdbeben erhielten sie von Ibrahim Pascha die Erlaubnis, ihre Gotteshäuser in Jerusalem umfassend zu renovieren – seit der islamischen Eroberung war ihnen dies nur unter strengsten Auflagen gestattet gewesen.[1]

Diese Entwicklung weckte bei manchen Juden im Land wie auch in der Diaspora messianische Erwartungen. In Jerusalem brachten diese Kreise, wie aus ihrem Briefwechsel mit Glaubensbrüdern im Ausland hervorgeht, den Erdstoß direkt mit dem Tempelberg in Verbindung, der als mutmaßliches Epizentrum des Bebens angenommen wurde – tatsächlich waren unweit des Felsendoms Teile der Stützmauer bei dem Erdstoß zerstört worden. In den Briefen verschmolzen indes Wirklichkeit und Phantasie: Von einem über dem Moscheenareal schwebenden Leuchter aus Feuer war dort etwa die Rede oder von einem unerklärlichen Lärm, dessen Quelle der legendäre Gründungsstein im Felsendom gewesen sein soll. Diese vermeintlichen Erscheinungen wurden, da vom einstigen Tempelplatz und dem Allerheiligsten kommend, als göttliche Zeichen gedeutet. So berichtete einer der Briefschreiber, dass die muslimischen Wächter des Tempelbergs über das Rumoren zutiefst erschrocken gewesen seien und die Flucht ergriffen hätten. Und ein anderer meinte, dass die Muslime, die sich in den Felsendom begeben hatten, um dem hier als menschliche Stimme beschriebenen Geräusch nachzugehen, auf der Stelle tot umgefallen seien; womöglich auch deshalb, wie es an anderer Stelle hieß, weil sie die kauernden Gestalten, die dort zu sehen gewesen seien, für betende Juden hielten. Gleich mehrere der Briefautoren verbanden die mysteriöse Stimme mit ihren messianischen Vorstellungen: Sie sei aus dem Gründungsstein erklungen und habe verkündet, dass in zwei Jahren für die Juden in Zion die Erlösung kommen werde. Andere wiederum behaupteten, dass das Geschehen auf dem Tempelberg der eigentliche Grund dafür gewesen sei, dass Ibrahim Pascha den Juden erlaubte, die Schäden an den Synagogen zu beheben.[2]

Die Berichte von den wundersamen Geschehnissen in Jerusalem machten auch unter Juden in Europa die Runde und erreichten vermutlich auch den im polnischen Thorn (heute Torun) wirkenden Rabbiner und Talmudgelehrten Zwi Hirsch Kalischer (1795–1874).[3] Als einer der wichtigsten Vordenker des religiösen Frühzionismus brach Kalischer mit der vorherrschenden Auffassung, dass die Erlösung des jüdischen Volkes erst mit der Ankunft des Messias erfolgen werde: Die Juden sollten nicht in passiver Erwartung verharren, sondern selbst aktiv werden, um die biblisch-prophetische Vision von der Rückkehr des Volkes ins Heilige Land zu verwirklichen.

Die von Ibrahim Pascha für die Juden in Palästina geschaffenen günstigen Bedingungen betrachtete Kalischer als geeignete Ausgangslage für die Realisierung dieser Mission, weshalb er sich 1836 mit einem Brief an den Frankfurter Bankier Amschel Mayer von Rothschild wandte: Er solle versuchen, Palästina oder zumindest Jerusalem, auf jeden Fall aber den einstigen Tempelplatz von Ibrahim Pascha käuflich zu erwerben. Mit Gottes Hilfe, so die Überzeugung des Talmudgelehrten, werde dies auch Herrscher anderer Länder dazu bewegen, Juden in ihren Ländern bei der Auswanderung nach Eretz Israel (Land Israel) zu unterstützen – Kalischer beschwor hier das biblische Vorbild des Perserkönigs Kyros. Sobald die Juden in das Heilige Land zurückgekehrt seien, würden sie auf dem Tempelberg einen Altar errichten und den Opferdienst wieder aufnehmen. Gott werde daran Gefallen finden, der Messias werde kommen und bald darauf die Erlösung folgen.[4]

Obgleich Kalischers Idee, den Opferkult wieder einzuführen, Vision blieb und ihm von Seiten ultraorthodoxer Rabbiner überwiegend Kritik einbrachte, warb er unbeirrbar weiter für die jüdische Kolonisierung Palästinas. Und auch wenn seine Ansichten erst Jahre nach seinem Tod 1874 ihre Wirkung in religiösen Zionistenkreisen zu entfalten begannen, fanden sie doch bei seinen Zeitgenossen eine gewisse Resonanz. In den Jahren 1844/45 hatte Kalischer, der jetzt auch verstärkt landwirtschaftliche Aspekte der künftigen Besiedlung Palästinas im Blick hatte, mit dem englischen Unternehmer und jüdisch-sephardischen Philanthropen Moses Montefiore (1784–1885) korrespondiert, der mit vierzig Jahren bereits ein so großes Vermögen erworben hatte, dass er sich aus dem Geschäftsleben weitgehend zurückzog, um sich ganz seinen humanitären und politischen Interessen zu widmen. Inwieweit der wegen seines Engagements schon bald als großer Wohltäter der Juden in Palästina hochangesehene Montefiore von den Ideen des Rabbiners inspiriert war, ist bis heute nicht geklärt.[5] Der von seinem ersten Jerusalembesuch 1827 als strenggläubiger Jude zurückgekehrte Montefiore jedenfalls – er reiste in den Jahren bis 1874 in Begleitung seiner Ehefrau Judith insgesamt siebenmal nach Palästina – war nicht nur beseelt von dem Gedanken der Rückkehr der Juden in das Land ihrer Väter, sondern hatte auch den Entschluss gefasst, die jüdische Einwanderung aktiv zu unterstützen.

In Palästina schienen auch nach dem Ende der vorübergehenden relativ minderheitenfreundlichen Herrschaft der ägyptischen Besatzer im Jahr 1840 die Voraussetzungen für ein solches Unterfangen relativ günstig zu sein. Die zunehmende Schwäche des osmanischen Staates zwang Konstantinopel nämlich schon damals, sich gegenüber Europa zu öffnen, was die westlichen Großmächte in die Lage versetzte, ihre Präsenz im Vorderen Orient zu verstärken. Dies ließ das Interesse der Europäer an Palästina wachsen. Sie nutzten nun den von den Osmanen eingeschlagenen Kurs dazu, um Konsulate zu eröffnen und Kirchen, Hospitäler und Schulen zu bauen. Von dieser Entwicklung profitierte auch die aufkeimende zionistische Bewegung, und sie kam Moses Montefiore und anderen jüdischen Philanthropen aus Europa zugute, die sich die jüdische Besiedlung des Landes auf die Fahnen geschrieben und dabei ihr Augenmerk besonders auf Jerusalem gerichtet hatten.

Bei seinem Jerusalembesuch im Jahr 1855 durfte Montefiore, der dank seiner weitverzweigten Beziehungen in Palästina schon fast als Staatsgast behandelt wurde, als erster Jude seit Jahrhunderten den Tempelberg besuchen. Mit seiner Frau Judith und seinem Sekretär, dem Orientalisten Louis Loewe, stieg er am Morgen des 26. Juli kurz nach Sonnenaufgang auf den Berg. Begleitet wurden sie nicht nur von dem türkischen Gouverneur der Stadt, Mehmed Kamil Pascha, der die Anlage von hundert Soldaten bewachen ließ, sondern auch von James Finn, dem damaligen britischen Konsul in Jerusalem, und dessen Gattin Elizabeth. Während in den postum veröffentlichten Tagebüchern der Montefiores dieses Ereignis nur knapp vermerkt ist,[6] erfährt man aus den 1929 veröffentlichten Memoiren von Elizabeth Finn, dass Moses Montefiore auf einer der Treppen zur Terrasse des Felsendoms Psalmen rezitierte – der Besuch fand kurz nach Tischa be-Av statt, dem Tag, an dem gläubige Juden der Zerstörung des Tempels gedenken.[7]

Es heißt, dass Montefiore sich in einer Sänfte auf den Berg tragen ließ, um nicht Gefahr zu laufen, seinen Fuß unwissentlich auf das Allerheiligste zu setzen und damit gegen das traditionelle jüdische Verbot zu...

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