Angekommen und integriert?

Bewältigungsstrategien im Migrationsprozess
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2017
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  • 218 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-43705-7 (ISBN)
 
Im Integrationsgesetz legte die Bundesregierung zuletzt das Konzept des Förderns und Forderns fest, das eine schnelle Integration der Migranten in die deutsche Gesellschaft ermöglichen soll. Anhand von Interviews mit tschetschenischen Kriegsflüchtlingen kann Marit Cremer zeigen, mit welchen individuellen Ressourcen und Bewältigungsstrategien Migranten ihr Leben in der neuen Umgebung gestalten wollen und können. Dabei verweist sie auch explizit auf die Schwierigkeiten, diese Potenziale mit den institutionellen Anforderungen und Vorstellungen der gegenwärtigen Politik in Einklang zu bringen.
  • Deutsch
  • Frankfurt / New York
  • Neue Ausgabe
  • 8,68 MB
978-3-593-43705-7 (9783593437057)
3593437058 (3593437058)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Marit Cremer, Dr. phil., ist Soziologin, Leiterin der Geschäftsstelle von MEMORIAL Deutschland e.V.
Inhalt
1.Einleitung9
1.1Forschungsfrage14
1.2Stand der Forschung14
1.3Tschetschenische Flüchtlinge in Deutschland16
1.4Aufbau der Studie19
2.Verortungen: Adat, Islam und Atheismus in der tschetschenischen Gesellschaft 21
2.1Der Glaube bei den Vainachen22
2.2Struktur, Funktionsweise und Gewohnheitsrecht der segmentären tschetschenischen Gesellschaft24
2.3Die Islamisierung tschetschenischer Stämme ab dem 16. Jahrhundert31
2.3.1Die Gleichzeitigkeit der Rechtssysteme Scharia und Adat32
2.3.2Mystik im tschetschenischen Volksislam: der Sufismus33
2.3.3Der Kampf gegen den Adat unter Imam Samil' (1834 bis 1859) 34
2.4Religion und Widerstand in der Sowjetunion ab 1917 36
2.4.1Verbot der Religionsausübung in der Sowjetunion37
2.4.2Islam als Teil vainachischer Identität38
2.5Die Islamische Renaissance und muslimische Strömungen seit der Perestroika 38
2.5.1Islam als politischer Spielball in Moskau und Grosny nach 199039
2.5.2Militanter Islamismus41
2.5.3Die Ausrufung eines Kaukasischen Emirats42
2.6Das tschetschenische Wertesystem aktuell44
2.6.1Wertewandel im Migrationsprozess46
2.6.2Soziale (Un-)Ordnung in Tschetschenien aktuell: Leben zwischen Adat, Scharia und russischer Verfassung48
2.7Zusammenfassung51
3.Theoretische Grundlagen 54
3.1Migrationsforschung54
3.1.1Migrationsentscheidungen55
3.1.2Phasen der Migration55
3.1.3Migrationsverlauf im Aufnahmeland: Desozialisation, Resozialisation, Absorption57
3.1.4Transmigration61
3.1.5Marginalisierung vs. Fremdheit62
3.2Bewältigungsstrategien (Coping)63
3.2.1Stress- vs. entwicklungstheoretischer Ansatz64
3.2.2Ressourcenorientierung und Risikofaktoren im Bewältigungsprozess66
3.2.3Die Bedeutung des biographischen Zeitpunkts68
3.2.4Zeitgeschichtliche Ereignisse und kollektive Traumata69
3.2.5Zielverfolgung, Ist- und Sollmodifikation, Zielablösung69
3.2.6Religionen als Bewältigungshilfe71
3.3Bewältigungshindernisse72
3.3.1Kollektive Hindernisse: Mythen72
3.3.2Individuelle Hindernisse: Psychische Traumata84
3.3.3Institutionelle Hindernisse: Regelungen zu Asyl und Flucht in Deutschland86
4.Methodische Überlegungen und empirisches Vorgehen88
4.1Das narrative Interview als Erhebungsverfahren89
4.2Objektive Hermeneutik als Auswertungsverfahren91
4.2.1Exkurs: Two in one - übersetzendes Transkribieren93
4.3Auswahl des Samples94
5.Falldarstellungen: Biographische Krisen und ihre Bewältigung97
5.1Heda: "Ich habe Bildung immer über alles andere gestellt."97
5.2Iman: "In einer Zeit, wo ich seine Hilfe am dringendsten gebraucht hätte, war er nicht da."124
5.3Malika: "Alles, was mir geblieben ist in meinem Leben, ist nur dieses eine Kind."144
5.4Ehepaar Adlan und Mainat: "Wir suchen uns schon einen Weg."160
5.5Amir: "Ich persönlich würde gern in meiner Heimat leben. Aber ich habe keine."175
6.Fallvergleiche und Handlungsstrategien191
6.1Die Heiratsstrategie (Fallbeispiel Iman)192
6.2Die Bildungsstrategie (Fallbeispiel Heda)193
6.3Die Fürsorgestrategie (Fallbeispiele Malika und Amir)193
6.4Die Versorgungsstrategie (Fallbeispiele: Adlan und Mainat)194
7.Zusammenführung der Ergebnisse und Ausblick201
7.1Migrationsverlauf201
7.2Asylverfahren202
7.3Religion und Gewohnheitsrecht203
7.4Mythische Narrative204
7.5Traumatisierung204
7.6Resumée und Ausblick205
Literatur206
Glossar214
Abstract216
1.Einleitung
Instabile gesellschaftliche Verhältnisse in immer mehr und immer größeren Regionen weltweit haben in den letzten Jahren zu einem deutlichen Anstieg von globalen Wanderungsbewegungen geführt. Eine breite öffentliche europäische und deutsche Diskussion über die Folgen von Migration für die Aufnahmeländer wurde im Sommer 2015 ausgelöst, als mehrere Millionen Kriegsflüchtlinge aus Syrien über die sogenannte Balkanroute nach Europa kamen und hier eine sichere Bleibe für sich suchten. Neben einer hohen Bereitschaft in weiten Kreisen der Politik und Bevölkerung, den Flüchtlingen Schutz zu gewähren und Unterstützung zukommen zu lassen, entstanden gleichzeitig Unsicherheiten in Bezug auf die langfristigen Folgen der Einwanderung für die Aufnahmegesellschaften. Eine der daraus resultierenden und in den Medien oft rezipierten Forderung an die Zugewanderten war die nach einer schnellen Integration.
Im Frühjahr 2016 legte die Bundesregierung einen Entwurf für ein In-tegrationsgesetz vor. In einer Rede beschrieb die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, Integration sowohl als "Aufgabe der Gesellschaft, in die Flüchtlin-ge kommen, offen zu sein" als auch als "Aufgabe derer, die kommen, sich auf unsere Gesellschaft einzulassen". Das Integrationsgesetz sei "ein Ge-setz des Forderns und Förderns". Der Staat bemühe sich, für die Flücht-linge Arbeitsplätze und Bildungsangebote zu schaffen sowie den schnellen Zugang zu Sprachkursen zu ermöglichen. Gleichzeitig sollten Anreize dafür gesetzt werden, "dass die Bleibeperspektiven besser werden, wenn man sich im Rahmen der Integration engagiert". Umgekehrt seien jedoch auch Sanktionen möglich, "wenn Pflichten verletzt werden". Merkel stellte abschließend fest:
"Das alles, also Fördern und Fordern, soll den Rahmen dieses Integrationsgesetzes bestimmen. Wir gehen damit einen neuen Weg. Es gibt bis jetzt kein solches Gesetz. Wir haben aber auch in den letzten Jahrzehnten gemerkt, dass es nicht gut war, dass wir nicht von Anfang an den Fokus auf Integration gerichtet haben."
Zweifellos scheint eine der wichtigsten Veränderungen in der Gesetzge-bung die Möglichkeit für Flüchtlinge aus festgelegten Herkunftsstaaten zu sein, bereits vor Abschluss ihres Asylverfahrens und der Erteilung eines Bleiberechts Zugang zum Arbeitsmarkt und weiterführenden Bildungsan-geboten zu bekommen. Die bisherige restriktive Regelung, die faktisch ein Arbeits- und Ausbildungsverbot für nicht anerkannte Flüchtlinge darstell-te, verhinderte weitgehend deren Teilhabe am Leben der Aufnahmegesell-schaft und nahm ihnen zudem bedeutende Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung.
Die Erwartungen an die Wirkung des Integrationsgesetzes mit seinem Konzept von Fordern und Fördern sollten dennoch nicht zu hoch gesteckt werden. So naheliegend und mitunter gut gemeint dieses Konzept erscheint, übersieht es - indem es vom Interesse einer stabilen, sich bestenfalls durch langfristig geplante und (an)geordnete Reformen verändernden Gesellschaft ausgeht - mit welchen individuellen Motivationen und Ressourcen einwandernde Migranten ihr Leben in der neuen Umgebung fortsetzen und gestalten wollen bzw. können. Im direkten Zusammenhang damit stehen die Herausforderungen, gesellschaftliche Voraussetzungen und individuelle Vorstellungen miteinander in ein konstruktives Zusammenspiel zu bringen.
Die vorliegende Studie deckt die Ressourcen und Strategien der Kri-senbewältigung von Geflüchteten am Beispiel von nach Deutschland geflohenen Frauen und Männern aus Tschetschenien auf und stellt sie den institutionellen Anforderungen und strukturellen Bedingungen der Aufnahmegesellschaft gegenüber. Daraus lassen sich dann unmittelbar Rückschlüsse auf die Erfolgsaussichten der Integration von Flüchtlingen im Sinne des Integrationsgesetzes ziehen.
Migrationserfahrungen naht- und problemlos in die Biographie zu integrieren, ist eher Ausnahme denn Regel. Die Folgen von Migration für das Individuum werden in der Literatur vielfältig beschrieben. Luhmann setzt das Verlassen des Herkunftslandes für die Betroffenen mit dem Verlust des bisherigen Bezugssystems gleich , für Eisenstadt führt Migration auf der subjektiven Ebene zu "some feeling of insecurity and anxiety".
Wenn Menschen gezwungenermaßen emigrieren, um sich vor Krieg und Verfolgung in Sicherheit zu bringen, verstärken die genannten Folgen von Migration oft noch die massiven gesundheitlichen Probleme, unter denen viele Flüchtlinge aufgrund von schweren Traumatisierungen durch erfahrene Gewalt leiden. Diese Migrationssituation muss für das Gros tschetschenischer Flüchtlinge, die seit Ende der 1990er Jahre ihr Her-kunftsland aufgrund des zweiten Tschetschenienkrieges verlassen haben, angenommen werden. Zur schwierigen persönlichen Situation hinzu kommt zumeist unvorbereitet die Begegnung mit einem im Luhmannschen Sinne überwiegend unvertrauten Bezugssystem in (West-) Europa, das das von Eisenstadt beschriebene Gefühl der Unsicherheit und Angst auslösen kann.
Die Beobachtung der in Deutschland damals noch neuen Migranten-gruppe im professionellen psychotherapeutischen, medizinischen und psychosozialen Kontext generierte einige soziologische Arbeiten, auf die diese Studie aufbaut und die sich mit der Lebenswelt von Tschetschenen - ihrem Wertesystem, ihrer Gesellschaftsordnung, religiösen und gewohnheitsrechtlichen Entwicklungen und Veränderungen sowie den sozioökonomischen Einflüssen von Perestroika und Kriegen seit den 1990er Jahren - befassen. Zugrunde liegen den Arbeiten neben der Auswertung von Literatur empirische Untersuchungen, die ich mit nach Deutschland geflüchteten tschetschenischen Frauen 2005 geführt habe. Zu diesem Zeitpunkt ging die Zahl der schutzsuchenden tschetschenischen Flüchtlinge bereits wieder zurück, gleichzeitig war abzusehen, dass ein Teil der anerkannten Asylbewerber seinen Lebensmittelpunkt langfristig in Europa sah. Insgesamt kamen von 1997 bis 2006 170.649 Asylbewerber aus der Russischen Föderation nach Europa. Die größte Anzahl von Erstanträgen gab es 2003 mit 33.906 Bewerbern. Hauptzielländer der Migranten waren Polen, Deutschland, Österreich, Frankreich und Belgien, wo 2006 mehr als drei Viertel aller Migranten aus der Russischen Föderation Asyl beantragten. Polen allerdings entwickelte sich zunehmend zu einem Transitland. Die Anerkennungsquote für tschetschenische Flüchtlinge lag in Österreich zwischen 2002 und 2006 mit 74,8 Prozent von allen europäischen Staaten am höchsten, während sie in Deutschland, Belgien und Frankreich zwischen 23 und 28 Prozent lag. Polen als eines der fünf Hauptzielländer erkannte lediglich um die fünf Prozent der Antragsteller als Flüchtlinge an.
Insgesamt lebten 2006 rund 37.000 tschetschenische Flüchtlinge in Europa. Für sie hieß das, nach den Wirren der ersten Zeit, der Orientie-rungslosigkeit, oft auch des erschöpfenden Weges durch die gerichtlichen Instanzen bis zur Anerkennung als Flüchtling nun ihr Leben in einer neuen Umgebung eigenständig zu gestalten.
Die oben kurz angerissenen Schwierigkeiten, die tschetschenische Flüchtlinge aufgrund von Traumatisierungen, aber auch der Herkunft aus einem sich von Deutschland stark unterscheidendem Gesellschaftssystem mitbringen, eröffnet die Frage nach der Bewältigung der im Migrations-prozess anstehenden Herausforderungen. Als noch neuer Migrantengrup-pe steht tschetschenischen Flüchtlingen die Unterstützung einer etablierten Gruppe von Landsleuten im Exil nicht zur Verfügung. Dass sie zur Bewältigung der Herausforderungen vielfacher Unterstützung bedürfen, darauf deutet nicht zuletzt ihre große Nachfrage nach psychosozialen, medizinischen und juristischen Dienstleistungen hin. Andererseits steht der Hilfebedürftigkeit ein offensichtliches Potential an Ressourcen zur Verfügung. Denn betrachtet man die Lebensläufe von tschetschenischen Flüchtlingen vor ihrer Flucht nach Deutschland, so lässt sich bereits eine bewegte Vorgeschichte konstatieren, die schon im Herkunftsland erhebliche Anpassungsleistungen an sich verändernde Lebensumstände erforderlich machten. Dabei gehörten Orts- und Berufswechsel selbstverständlich zum Leben dazu. Diese Erfahrungen könnten für den Migrationsprozess im europäischen Exil als Bewältigungsressource dienen.
Zur Lebenssituation in den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion gehörte in der Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik, dass es kaum noch qualifizierte Arbeitsmöglichkeiten für die nichtslawische Bevölkerung gab. Zumeist Männer, aber auch manche Frauen verdienten ihren Lebensunterhalt im Sommerhalbjahr in Kasachs-tan, Sibirien oder russischen Großstädten, oft als ungelernte Arbeiter auf Baustellen, in Kantinen etc. Die Jahre der Perestroika und der Zusammenbruch des politischen und wirtschaftlichen Systems erforderten die Anpassung an veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten und eine individuelle Neuorientierung. Noch bevor eine gesellschaftliche Neuordnung und Stabilisierung möglich waren, begann 1994 in Folge von Auseinandersetzungen um die Verteilung der politischen Macht in Russland und Tschetschenien der bis 1996 andauernde erste Tschetschenienkrieg. Die drei Jahre Waffenruhe bis zum erneuten Einmarsch russischer Truppen 1999 waren in dem zerstörten Land vor allem geprägt vom wirtschaftlichen Überlebenskampf bei hoher Gewaltkriminalität und fehlenden staatlichen Strukturen. Während die deutliche Mehrheit der Bevölkerung im ersten Krieg für die Unabhängigkeit Tschetscheniens eintrat, kam es nun zur Spaltung der Gesellschaft. Hier spielten neue religiöse Strömungen , der Wechsel der für die Unabhängigkeit von Moskau stehenden Identifikationsfigur Ahmad Kadyrovs auf die russische Seite und weitere, die Identität irritie-rende und in Frage stellende Faktoren eine Rolle. Loyalitätskonflikte gin-gen durch Familien hindurch und schwächten die verwandtschaftlichen Unterstützungssysteme.
Die jahrelange Unbeständigkeit des politischen Systems mit ihren ext-remen Auswirkungen, wie Verfolgung und Krieg, hatten ständiges Reagie-ren auf in das Leben erheblich eingreifende, krisenhafte Ereignisse erfor-derlich gemacht. Das ökonomische, physische und zuweilen politische Überleben musste permanent neu abgesichert werden. Höchste Flexibilität und Anpassungsfähigkeit waren hier überlebenswichtig. Dazu mussten Ressourcen mobilisiert und Strategien entwickelt und erprobt werden, mit deren Hilfe diese komplexen Situationen zu bewältigen waren.
1.1Forschungsfrage
Das Forschungsinteresse dieser Studie besteht deshalb darin, herauszufin-den, wie tschetschenische Flüchtlinge in Deutschland mit den Herausfor-derungen, die sich ihnen im Exil stellen, umgehen. Es soll der Frage nach-gegangen werden, welche Strategien zur Lösung von Problemen eingesetzt werden und nach welchen Kriterien die Handelnden diese Strategien aus-wählen. Welche Rolle spielen dabei biographische Erfahrungen, kulturelle Bindungen, Wertvorstellungen, religiöse Haltungen, die gesundheitliche Verfassung, mithin das mitgebrachte Gepäck? Und wie und wodurch verändert sich das soziale Verhalten in der Emigration, (wenn es sich verändert)? Werden soziale Rollen erweitert? Gibt es eventuell schon Tendenzen hin zu einer Verschmelzung mit der Aufnahmegesellschaft oder ist sie perspektivisch zu erwarten?
Dafür werden die jeweiligen Entscheidungsprozesse in krisenhaften bi-ographischen Situationen während der gesamten, im Interview erhobenen, Biographie der einzelnen Personen analysiert. Außerdem wird nach gesell-schaftlichen, kulturellen und weiteren Einflussfaktoren, persönlichen Mo-tiven und der Stringenz von Entscheidungen im Lebenslauf gesucht. Nicht zuletzt geht es darum herauszufinden, was mit der jeweils getroffenen Entscheidung biographisch gewonnen bzw. verloren wird. Welche Folgen und Optionen ergeben sich daraus für die Zukunft, welche Wege werden eröffnet oder versperrt? Und was würde ein eventueller Paradigmenwechsel, mit dem auf das Scheitern der bisherigen Bewältigungsstrategien reagiert werden könnte, für die lebensgeschichtlich herausgebildeten biographischen Strukturen und den Habitus bedeuten?
1.2Stand der Forschung
Die Forschung zu tschetschenischen Flüchtlingen in Europa ist noch immer recht überschaubar und konzentriert sich bisher einerseits auf die Beschreibung bzw. Analyse der Kultur und Geschichte Tschetscheniens, des tschetschenischen Wertesystems, Gewohnheitsrechts und der politi-schen Entwicklungen seit der Perestroika und auf der anderen Seite auf die (problematische) Lebenssituation von tschetschenischen Flüchtlingen im europäischen Exil. Die Beschäftigung mit dem Thema scheint in Österreich besonders intensiv, hier wurden in den letzten Jahren eine Reihe von Aufsätzen und Diplomarbeiten publiziert. Das mag damit zusammenhängen, dass hier tschetschenische Asylbewerber in den letzten Jahren nicht nur die größte Flüchtlingsgruppe darstellten, sondern sie zudem bis 2009 eine hohe Anerkennungsquote genossen.
Ein Schwerpunkt in der Literatur zu Tschetschenen in Europa liegt auf der Analyse der Abweichungen der Migranten von gesellschaftlichen Normalerwartungen in den Aufnahmegesellschaften. Auffällig sind die unübersehbaren Schwierigkeiten dieser heterogenen Gruppe, einen von Eigenständigkeit und Einbindung in die Aufnahmegesellschaft geprägten und damit über den tschetschenischen Referenzrahmen hinausgehenden Lebensentwurf zu entwickeln - und zwar auch bei der im Exil heranwachsenden Generation. Überdurchschnittlich ist beispielsweise die hohe Zahl von Schulabbrüchen, bei Mädchen oft aufgrund frühzeitiger Verheiratungen. Auch die hohe Kriminalitätsrate unter tschetschenischen Jugendlichen wird thematisiert und in einen Zusammenhang mit dem im Exil schwindenden Einfluss der auf die Jugend mäßigend einwirkenden älteren Generation gebracht. "The result is a shift in values towards archaic, radical elements of Chechen culture [.], respectively also on marriage of underage girls." Aber auch die Chancen einer Erweiterung der Handlungsspielräume, die mit der Emigration einhergehen, werden untersucht, so beispielsweise die Emanzipationsmöglichkeiten von Tschetscheninnen in der Diaspora. Sie werden von den Autorinnen als sehr begrenzt dargestellt und führen bei Szczepanikova zu der mit einem politischen Appell verbundenen Schlussfolgerung, "that gender is a crucial structuring force in refugee settlement and if ignored can lead to undesired effects of social exclusion and marginalisation of both refugee men and women."
Bei der Erklärung des sozialen Handelns spielen Werte und Kultur der ethnischen Gruppe jeweils eine besondere Rolle. Häufig wird auch auf den Einfluss der gesundheitlichen Situation der Flüchtlinge auf den Verlauf des Migrationsprozesses verwiesen. Aber auch objektive Faktoren - hier besonders die asylrechtliche Gesetzgebung und die Arbeitsmarktsituation oder auch eine Mischung aus mehreren Faktoren - können für die Anknüpfung der Flüchtlinge an gesellschaftliche Normen und Konformitätserwartungen der Aufnahmegesellschaften von Belang sein.
Die kulturellen Aspekte bleiben in der bisherigen Forschung allerdings weitgehend unverknüpft mit den unterschiedlichen individuellen Bewälti-gungsstrategien der Flüchtlinge, die im jeweiligen Lebensverlauf erlernt und in Entscheidungssituationen angewendet werden. In Abgrenzung dazu legt die vorliegende Studie den Fokus darauf, welche Strategien tschetschenische Flüchtlinge in biographischen Krisen entwickelt haben und wie sie diese im Herkunftsland, während der Phase der Migration und im Exil in Deutschland anwenden, um die diversen Herausforderungen des Lebens allgemein und im Migrationsprozess im Besonderen zu bewältigen.
Vermutet wird ein Zusammenhang von Bewältigungsstrategien und bi-ographischen Erfahrungen, die nach und nach ein bestimmtes Lebensthe-ma generieren. Dieses könnte der Antrieb für die Motivation zu bestimm-ten Handlungen sein. Anhand der wissenschaftlichen Analyse dieser Strategien entlang des Lebensverlaufs sollte sichtbar gemacht werden können, um welche Lebensthemen es sich hierbei handelt. Sie könnten helfen, individuell-biographisch die bisherigen Beobachtungen und wissenschaftlichen Ergebnisse einzuordnen und über die kulturalistischen Erklärungen hinaus zu erweitern. Dazu sollen Verdichtungen oder Verflüchtigungen von Orientierungen, die bestimmte Entscheidungsprozesse nach sich ziehen, aber auch Brüche von gesellschaftlichen Normen und Konformitätserwartungen biographietheoretisch erfasst werden.
1.3Tschetschenische Flüchtlinge in Deutschland
Mit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges 1999 kam es zur ersten größeren Fluchtbewegung von Einwohnern Tschetscheniens nach Europa. Im Jahr 2000 stellten eintausend Tschetschenen in Deutschland einen Asylantrag, 2001 waren es bereits doppelt so viele. In den nachfolgenden Jahren gingen die Zahlen stetig zurück. Die Gesamtschutzquote für Tschetschenen lag 2012 bei 18 Prozent. Etwa 40 Prozent der als schutzwürdig anerkannten Tschetschenen erhielten subsidiären Schutz, der sich zumeist auf den nationalen Abschiebungsschutz bezieht.
Eine Ausnahme war das Jahr 2013, als fast 15.000 Staatsbürger der Russischen Föderation Asylerstanträge in Deutschland stellten, von denen circa 90 Prozent aus Tschetschenien stammten. Russland stand damit auf dem ersten Platz der Hauptherkunftsländer für Flüchtlinge. Als Hauptur-sache für die Flucht aus dem Nordkaukasus wird von europäischen Be-hörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen weiterhin die ange-spannte Menschenrechtslage in der Region angenommen :
"Kampfhandlungen und Anschläge sind fast an der Tagesordnung. Hinzu kommt der intensive allgemeine Fahndungsdruck der russischen Sicherheitskräfte. [.] Zudem dürfte die prekäre wirtschaftliche und soziale Lage im Nordkaukasus, der trotz erheblicher Subventionen als die mit Abstand ärmste Region Russlands gilt, eine Rolle spielen. [.] Hinzu kommt eine zunehmende Islamisierung des Alltagslebens. Seit Ende 2010 wächst der gesellschaftliche und politische Druck - insbesondere gegenüber Frauen - sich den Regeln des Korans anzupassen. So kam es vereinzelt schon zu Übergriffen gegenüber Frauen mit typisch westlicher Kleidung und solchen, die sich weigerten, ein Kopftuch zu tragen."
Hauptzielländer der Migration von Tschetschenen sind Deutschland, Österreich und Frankreich. Der Landweg nach Deutschland führt jedoch über Polen, das als Mitglied der Europäischen Union automatisch als sicheres Herkunftsland gilt und in dem entsprechend der Dublin-Verordnung das Asylverfahren durchgeführt werden muss. Ein Gros der tschetschenischen Flüchtlinge reist jedoch weiter nach Westeuropa und versucht, hier einen Aufenthalt zu bekommen. Als Ursache dafür wird ein "weit geringeres Niveau der sozialen Leistungen Polens im Vergleich zu den meisten westlichen EU-Staaten" angenommen:
"In Polen erhalten Asylbewerber ungeachtet ihres asylrechtlichen Status nach einem Jahr keine staatliche Unterstützung mehr. Offenbar führt dies zu einer Sekundärmigration in andere Staaten mit regelmäßigen Sozialleistungen. Dies stützen Erkenntnisse aus den Befragungen der Reisewegsbeauftragten des Bundesamtes: Während ein Drittel aller befragten Asylbewerber angab, in weniger als einer Woche von ihrem Heimatort nach Deutschland gereist zu sein, gab ein weiteres Drittel eine Reisedauer von mehr als sechs Monaten an - anscheinend mit längerem Zwischenaufenthalt in Polen. Asylbewerber berichteten darüber hinaus, dass in Aufnahmeeinrichtungen in Polen ab Herbst 2012 das Gerücht kursierte, Deutschland würde bis Ende 2012 vermehrt Tschetschenen aufnehmen. Man habe von einem "Korridor" für Tschetschenen gesprochen. Daraufhin sei es zu Massenausreisen von Tschetschenen aus Polen nach Deutschland gekommen."
Deutschland stellte 2013 deshalb knapp 14.000 Übernahmegesuche an Polen, um die Flüchtlinge dorthin zurückzuführen.

Asylsuchende aus der Russischen Föderation 1999 bis 2016
199920002001200320042005200620072010201120122013201420152016
2094276345233383275717191040772119916893202148874411525710985

Asylentscheidungen bei Antragstellern aus der Russischen Föderation 2014
Asylberechtigung und Familienasyl4
Flüchtlingsschutz nach Genfer Flüchtlingskonvention § 60 Abs. 1
AufenthG195
Subsidiärer Schutz nach § 4 Abs. 1 AsylVfG94
Abschiebungsverbot nach nationalem Recht §60 Abs. 5 oder 7129
sonstige Erledigung (wegen Zuständigkeit eines anderen Staates, Sicherheit in einem sonstigen Drittstaat, Antragsrücknahme, Mehrfachantrag o.ä.)4.690
Ablehnung als unbegründet oder offensichtlich unbegründet1.341
Gesamtzahl Anträge6.453
Schutzquote6,54 %

Die insgesamt niedrige Anerkennungsquote der Schutzbedürftigkeit von tschetschenischen Flüchtlingen in Deutschland und die Dublin-Verordnung führen in den letzten Jahren vermehrt zur Entscheidung, einer Abschiebung nach Polen zuvorzukommen und sich zu einer freiwilligen Rückkehr nach Russland zu entschließen:
"Russische Staatsangehörige, überwiegend Tschetschenen, entscheiden sich in der letzten Zeit anscheinend vermehrt für eine Rückkehr ins Heimatland, wenn sie aufgrund der Dublin-Verordnung von Deutschland nach Polen rücküberstellt werden sollen. In jüngster Zeit forderten deutsche Ausländerbehörden auf Veranlassung der Ausländer binnen drei Monaten rund 1.000 russische Pässe aus Polen an, um die freiwillige Rückkehr zu ermöglichen. Ausländerbehörden berichten zudem, dass sie vermehrt um Buchung von Flügen nach Russland gebeten werden."
Dennoch steigt die Anzahl der Erstanträge von tschetschenischen Asylbe-werbern in Deutschland wieder an. Im Jahr 2015 stellten 5.257 Personen mit Staatsbürgerschaft der Russischen Föderation einen Antrag, die meis-ten davon waren Geflüchtete aus Tschetschenien und anderen Nordkaukasusrepubliken. Ein Jahr später, 2016, waren es bereits 10.985 Personen. Die unverändert angespannte und prekäre Lebenssituation in der Region veranlasst offenbar wieder mehr Menschen trotz der gesunkenen Bleibeperspektiven und der Dublin-Verordnung (vorübergehenden) Schutz in der Bundesrepublik zu suchen.
1.4Aufbau der Studie
Die Studie gibt nach dem in das Thema einführenden Kapitel 1 einen differenzierten Überblick über die wichtigsten Einflüsse und Faktoren, die für die Entwicklung der tschetschenischen Gesellschaft von besonderer Bedeutung waren und die bis in die Gegenwart hinein wirkmächtig sind. Dazu gehört zweifellos mit ihrer herausragenden Rolle für die Stabilität der Gesellschaft die Wechselbeziehung von Gewohnheitsrecht und Religion, die deshalb im Fokus des zweiten Kapitels steht. Anschließend werden soziologische Theorien aus der Migrationsforschung vorgestellt, die die besonderen Herausforderungen von Migranten von der Entscheidung zur Migration bis zur Gestaltung des Lebensalltags im Aufnahmeland in den Blick nimmt (Kapitel 3.1). Die potentiellen Mittel zur Bewältigung der Herausforderungen wurden der Lebensereignisforschung entnommen und werden in Kapitel 3.2 erläutert. Diesen werden Bewältigungshindernisse gegenübergestellt, die aus gruppenspezifischen Vorstellungen, persönlichen Lebensereignissen und -erfahrungen sowie institutionellen Regelungen erwachsen können (3.3).
Kapitel 4 stellt die methodische Vorgehensweise bei der Durchführung des empirischen Teils der Studie und das Sample der Interviewten vor. In den sich daran anschließenden sechs Falldarstellungen werden die jeweiligen Strategien herausgearbeitet, mit denen die Interviewees auf biographische Krisen reagieren (Kapitel 5). Aus dem Vergleich der Fälle werden Strategietypen entwickelt, die die jeweilige zentrale Motivation und Herangehensweise beim Umgang mit Krisen aufzeigen (Kapitel 6). Ein Resümee fasst die Ergebnisse der Studie kompakt zusammen.

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