Badische Bienen

Kriminalroman
 
 
Emons Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. November 2018
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96041-411-7 (ISBN)
 
Klara Haag und Sebastian Langer in ihrem dritten Fall.

In der Heidelberger Bahnstadt liegt ein Anwalt erstochen in seiner schicken Wohnung. Das aufstrebende Viertel hat damit seinen ersten Mord. Die Kommissare Klara Haag und Sebastian Langer, beruflich wie privat liiert, beginnen mit den Ermittlungen und wühlen in Ehekrisen, Liebschaften und Spielsuchtproblemen. Dabei gelangen sie aus der gutbürgerlichen Welt direkt ins Milieu. Dass Langer gleichzeitig ein lukratives Bordell im Schwarzwald erbt, macht die Lage nicht einfacher!
weitere Ausgaben werden ermittelt
Hannah Corvey stammt aus einem kleinen Ort an der Mosel. Sie studierte Anglistik und Französische Philologie in Trier, absolvierte ein Verlagsvolontariat und promovierte anschließend in Sprach und Übersetzungswissenschaft. Nach Stationen in Nancy, Frankfurt und München lebt und arbeitet sie seit 2001 in Heidelberg.

2


»Ich glaub fast, Rosi hat mir dasselbe Grillbesteck zu Weihnachten geschenkt.« Ein kerniges Raucherhusten war Hauptkommissar Harald Benders Satz vorangegangen und folgte nochmals, als er geendet hatte.

»Das gleiche«, murmelte Klara. Dabei sah sie auf den leblosen Körper des Mannes vor ihr.

»Wat?«, fragte Harald in seinem ortstypischen Dialekt.

»Das gleiche Grillbesteck. Wenn es dasselbe wäre, hättest du ein Problem.«

»Ah geh fott, Klara, jetzt werd mal net kleinkariert. Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«

Die kleinkarierte »Favorit«-Laus, dachte Klara und schwieg.

Als sie heute morgen gegen acht Uhr dreißig ins Büro gekommen war, hatte Sebastian sie mit einem warmen Lächeln begrüßt und ihr kurz darauf einen Kaffee auf den Schreibtisch gestellt.

»Es ist alles okay«, hatte er dicht an ihrem Ohr geflüstert, aber für Klara war die Sache nicht so einfach okay.

Dann war zwei Stunden später der Anruf gekommen, und die Welt war seitdem noch ein Stück weniger in Ordnung. Ein Mann lag ermordet in seiner Wohnung in der Heidelberger Bahnstadt, jenem angesagten, frisch aus dem Boden gestampften Stadtteil, für dessen teure Wohnungen man sich auf Wartelisten eintragen musste. Ein Quartier, das boomte und aufstrebte - und nun sein erstes Mordopfer hatte.

Klara war mit Sebastian und ihrem älteren Kollegen Harald Bender zum Fundort geeilt. Es war nur ein kurzer Weg vom Revier in der Römerstraße bis dorthin.

Die Wohnung des Getöteten lag im ersten Stock eines der besonders begehrten Gebäude an den Pfaffengrunder Feldern, vierstöckige, modern gestaltete Passivhäuser. Die vormittägliche heile Bahnstadt-Welt war bereits durch ein Aufgebot an Einsatzfahrzeugen gestört worden, die dort hielten, wo striktes Halteverbot galt.

Die Ehefrau des Toten hatte ihren Mann auf dem Bauch liegend in der gemeinsamen Wohnung gefunden. Klara und Sebastian waren kurz nach dem Notarzt eingetroffen, der die leichenblasse Frau gerade aus dem Wohnbereich in ein anderes Zimmer führte.

Klara betrachtete wieder den sportlichen Körper des Toten. An seinem Hinterkopf zeichnete sich eine blutende Wunde ab, vermutlich war sie durch einen stumpfen Gegenstand zugefügt worden. Der Kopf war nach links gedreht, sodass man das immer noch attraktive Gesicht des Mannes erkennen konnte. Die Lider waren geschlossen, das volle dunkle Haar leicht gewellt. Die Kleidung war klassisch-leger, aus der Kategorie »Damit sind Sie immer gut angezogen«: Lederslipper, ockerfarbene Chinohose, grauer Kaschmirpullover. Der tellergroße, dunkelrote Blutfleck am Rücken ruinierte allerdings das Outfit.

»Morgen.« Klara vernahm eine ihr gut bekannte tiefe Altstimme. Es war die von Professor Monika Hansen, der Leiterin der Heidelberger Rechtsmedizin. Hinter der großen, schlanken Frau folgten die Kollegen der Spurensicherung.

»Wen haben wir denn da?«, fragte Monika Hansen und betrachtete den Toten.

»Hallo, Monika. Der Mann heißt Thoralf Kaiser, zweiundvierzig Jahre, seine Frau Melanie hat ihn gefunden«, gab Sebastian einen kurzen Bericht. »Sie war mit dem gemeinsamen Sohn Ruben übers Wochenende bei ihren Eltern in Karlsruhe gewesen.«

Als hätte er zugehört, setzte aus einem Nachbarraum das laute Weinen des etwa sechsmonatigen pausbackigen Säuglings ein.

»Was hat der Mann da im Rücken?«, fragte Monika Hansen. »Ist das ein Grillbesteck?«

»Sieht so aus, Messer und Gabel«, antwortete Harald trocken. »Manche grillen ja auch im Winter.« Er wandte sein von zu vielen Zigaretten fahl gewordenes Gesicht zum Balkon. Dort standen ein ziemlich neuer Barbecuegrill und teure Loungemöbel - auf den wenigen Quadratmetern ließen sich mühelos mehrere tausend Euro unterbringen.

»Okay«, meinte Monika Hansen und nickte den Männern von der Spurensicherung zu. »Ihr zuerst.«

Die Kollegen machten sich an die Arbeit.

In dem Wohnbereich war es sehr hell, die Januarsonne fiel durch die großen Fenster. Sie gaben freien Ausblick auf die lange, schnurgerade Promenade vor dem Haus und die dahinterliegenden Pfaffengrunder Felder.

Die Einrichtung der Kaisers war geschmackvoll. Ein hellgraues Designersofa, weiße Regale, ein großer Esstisch aus dunklem Holz mit modernen Stühlen aus Plexiglas und Stahl. Etwa in der Mitte der Tischplatte lag ein Handy, das gerade von einem Kriminaltechniker in einen Plastikbeutel befördert wurde.

In einer Ecke neben dem Sofa befanden sich ein paar Spielsachen, unweit des Kopfes von Thoralf Kaiser lächelte ein kleiner Plüschhund vor sich hin.

Mit ihrer Tochter Josephine war Klara ein paarmal auf dem sogenannten Feuerwehrspielplatz neben der Schwetzinger Terrasse hier in der Bahnstadt gewesen. Sie hatte sich das Treiben der jungen, wohlhabenden Familien angesehen und sich gefragt, wie der Stadtteil wohl in fünfzehn Jahren aussah. Scheidungsrate über dreißig Prozent. Wegzug, Aufgabe der schicken Eigentumswohnung, aus einem Haushalt mach zwei. Klara war es wie eine große Blase vorgekommen und gleichzeitig wie ein Gewinnspiel. Hundertfaches trautes Heim gegen die Statistik. Die Statistik gewann immer.

»Da dran sind Blutanhaftungen.« Die Stimme eines Kollegen von der Kriminaltechnik riss Klara aus ihren Gedanken. Er hielt einen durchsichtigen Beutel hoch, in dem sich eine massive Pfeffermühle aus hellem Granit oder Marmor befand. »Die stand drüben auf der Anrichte in der Küche.«

Monika Hansen sah sich das Fundstück an. »Könnte zu der Kopfwunde passen.« Sie ging vorsichtig neben dem Toten in die Hocke, strich ein paar Haarsträhnen von der blutigen Stelle weg und nickte nach ein paar Sekunden. »Schauen wir weiter«, sagte sie und nahm mit einem Thermometer zunächst die Körpertemperatur. Anschließend begann sie, Thoralf Kaiser zu untersuchen.

»Rigor mortis ausgeprägt. In Anbetracht der Kerntemperatur würde ich sagen, der Mann ist seit etwa zehn bis zwölf Stunden tot, also seit gestern Abend beziehungsweise Nacht.«

Klara erinnerte sich, dass sie an einen britischen Adligen gedacht hatte, als sie vor vielen Jahren zum ersten Mal die lateinische Bezeichnung für die Totenstarre hörte. Dass der Sachverhalt mit englischer Noblesse wenig zu tun hat, war ihr jedoch schnell klar geworden.

»Die anderen Tatwerkzeuge müsst ihr ja auch nicht lang suchen«, bemerkte Monika Hansen lapidar und zog das lange scharfe Grillmesser aus dem Leichnam heraus. »Voilà.« Vorsichtig ließ sie es in einen Plastikbeutel gleiten und verfuhr anschließend mit der Gabel ebenso.

»Ich sach's jo«, grummelte Harald. »Genau desselbe Besteck.«

Klara deutete ein Kopfschütteln an. Aber eigentlich hatte sie sich längst an Haralds abgeklärte, bärbeißige Art gewöhnt. Seit dreißig Jahren fluchte er sich, »Arsch, Sack«, durch die Ermittlungsarbeit, doch sein Instinkt und seine Routine gehörten zum Besten, was die Heidelberger Polizei vorzuweisen hatte.

»Die Analyse der Kopfwunde und der Stichkanäle inklusive der ungefähren Körpergröße und Händigkeit des Täters gebe ich euch später durch«, sagte Monika Hansen. »Die toxikologische Auswertung von Blut- und Gewebeproben dauert wie gewohnt etwas länger.«

»In Ordnung«, antwortete Klara. Immer noch drang das Weinen des kleinen Jungen in ihre Ohren und zerrte an ihren Nerven - es war eines der wenigen Geräusche, die sie kaum ertragen konnte.

»Kann sich mal jemand um das Kind kümmern?«, fragte sie. Fast gleichzeitig erntete sie Blicke von Harald, Sebastian und Monika, die alle zu fragen schienen: Wer ist denn hier Mutter?

Hörbar blies Klara Luft aus, zögerte noch einen Moment und ging dann, immer dem Geschrei nach, in das benachbarte Kinderzimmer.

Die Sonnenstrahlen fielen durch die halb heruntergelassenen Jalousien und malten Muster auf die hellblau gestrichenen Wände. In einem Babybett saß der blonde Junge mit einem vom Weinen rot angelaufenen Gesicht. Er klammerte seine Händchen um die Gitterstäbe. Als Klara sich lächelnd zu ihm hinunterbeugte, streckte er ihr seine Arme entgegen. Klara hob ihn hoch.

»Ist ja gut«, sagte sie sanft. »Nicht weinen.« Mit dem sonderbaren Gefühl, das die Nähe zu einem fremden Kind manchmal mit sich bringt, schaukelte sie ihn ein wenig hin und her und versuchte, ihn zu trösten.

Auf einmal tat es Klara unendlich leid, dass dieser Junge ohne seinen Vater aufwachsen musste, dass er ihn nie kennenlernen konnte. Dabei hatte der Kleine keine Ahnung, wie sehr dieser Tag heute sein Leben veränderte. Eine Familie war zerstört worden, durch die Willkür eines anderen. Vor Klaras geistigem Auge erschien ein blasser, zurückhaltender Schulbub, der sich immer sehnte und nichts lieber wollte als Vater und Mutter.

»Ich glaube, ich kann ihn jetzt nehmen«, sagte eine leise Stimme hinter Klara. Sie drehte sich um. Melanie Kaiser stand am Türrahmen.

Die große, etwas füllige Frau war immer noch kalkweiß, die Augen waren gerötet. Der Kleine reckte die Arme nach seiner Mutter, und etwas in Klara war froh, ihn abgeben zu können.

»Es tut mir wirklich sehr leid, Frau Kaiser. Ich kann Ihnen versprechen, dass wir alles tun werden, um das Verbrechen aufzuklären.«

»Danke«, murmelte die Frau. »Aber davon wird Thoralf auch nicht mehr lebendig.«

»Nein, leider nicht.« Klara beobachtete Melanie Kaiser, die apart war, aber gerade starr und leblos wirkte. Fast mechanisch streichelte ihre Hand über das Haar ihres Sohnes, der immer noch weinte.

»Frau Kaiser, Sie waren über das Wochenende bei Ihren Eltern?«, fragte Klara.

»Ja.«

»Heute Vormittag haben Sie Ihren Mann bei Ihrer Rückkehr so vorgefunden und seitdem nichts in der Wohnung verändert?«

Melanie...

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