Sharpes Waterloo

 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. Januar 2018
  • |
  • 494 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-4984-9 (ISBN)
 
Brüssel, Juni 1815. Richard Sharpe dient im persönlichen Stab des Prinzen von Oranien. Dieser weigert sich jedoch beharrlich, Sharpes Warnung ernst zu nehmen, dass Napoleon sich an der Spitze einer gewaltigen Armee auf sie zubewegt. So kommt es zur Schlacht bei Waterloo, und eine militärische Katastrophe bahnt sich an. Doch gerade, als der Sieg der Alliierten unmöglich erscheint, übernimmt Sharpe das Kommando - und die blutigste Schlacht seiner Karriere wird zu seinem größten Triumph.
1. Aufl. 2018
  • Deutsch
  • 1,17 MB
978-3-7325-4984-9 (9783732549849)
3732549844 (3732549844)
weitere Ausgaben werden ermittelt

KAPITEL 1


Der Morgen dämmerte an der nördlichen Grenze Frankreichs. Die Grenze wurde nur durch einen seichten Fluss markiert, der zwischen verkümmerten Stämmen gekappter Weiden floss. Eine gepflasterte Landstraße endete an der Furt und erstreckte sich am anderen Ufer weiter nordwärts. Die Straße führte aus Frankreich in die holländische Provinz Belgien, aber es gab weder einen Wachtposten noch ein Tor, um anzuzeigen, wo die Straße das französische Kaiserreich verließ und in die Königlichen Niederlande führte. Da war nur der im Sommer seichte Fluss, über dem Nebel wallte und sich in Schleiern über die Weizen-, Roggen- und Gerstenfelder legte.

Die aufgehende Sonne wirkte wie ein roter Ball, der tief im feinen Nebel hing. Der Himmel im Westen war noch dunkel. Eine Eule flog über die Furt, drehte ab in einen Buchenwald und schrie noch einmal hohl. Der Schrei ging unter im lauten Chor der Morgendämmerung, der einen strahlenden, heißen Sommertag in dieser fruchtbaren und beschaulichen Landschaft anzukündigen schien. Der Himmel war wolkenlos. Es versprach ein Tag zum Heumachen zu werden, oder ein Tag, an dem Liebende durch den Wald schlendern und am grünen Flussufer rasten konnten. Es war eine schöne Morgendämmerung im Sommer an Frankreichs nördlicher Grenze, und für einen Augenblick, für einen herzbewegenden Moment, war Frieden auf der Welt.

Dann trommelten Hunderte Pferdehufe durch die Furt, und Wasser spritzte in den Nebel. Uniformierte Männer mit Degen in den Händen ritten aus Frankreich nach Norden. Die Männer waren Dragoner. Ihre metallenen Helme waren mit Stoff bedeckt, damit das Material nicht den Schein der aufgehenden Sonne reflektierte, was ihre Position verraten hätte. Die Reiter hatten kurzläufige Karabiner, die in Sattelfutteralen steckten.

Die Dragoner waren die Vorhut einer Armee. Hundertfünfundzwanzigtausend Männer marschierten nordwärts auf jener Straße, die zu der Furt bei Charleroi führte. Dies war eine Invasion. Eine Armee zog mit Wagen, Kutschen, Ambulanzen, dreihundertvierundvierzig Geschützen, dreißigtausend Pferden, mit tragbaren Schmieden, Pontonbrücken, Huren und Frauen und Fahnen, Lanzen, Musketen, Säbeln und Degen und allen Hoffnungen Frankreichs über eine unbewachte Grenze. Dies war die Nordarmee Kaiser Napoleons, und sie marschierte auf die wartenden holländischen, britischen und preußischen Streitkräfte zu.

Die französischen Dragoner überquerten die Grenze mit gezogenen Degen, doch die Waffen dienten nur dem Zweck, den großen Augenblick dramatisch zu würdigen, denn es gab keinen einzigen holländischen Zöllner, der sich der Invasion widersetzte. Da waren nur der Nebel und die leeren Straßen und das ferne Krähen von Hähnen in der Morgendämmerung. Ein paar Hunde bellten, als die Kavalleristen die ersten holländischen Dörfer einnahmen, ohne auf Widerstand zu stoßen. Die Dragoner hämmerten mit den Degen gegen Türen und Fensterläden und fragten, ob irgendwelche britischen oder preußischen Soldaten in den Häusern einquartiert wären.

»Die sind alle im Norden! Die lassen sich hier kaum blicken!« Die Dorfbewohner sprachen Französisch. Sie betrachteten sich als französische Bürger und hießen die Dragoner folglich mit Wein und Essen willkommen. Für diese widerwilligen Holländer war die Invasion eine Befreiung, und sogar das Wetter passte zu ihrer Freude. Die Sonne stieg höher am wolkenlosen Himmel, und der Nebel, der immer noch in den grünen Tälern wallte, löste sich bald auf. Auf der Hauptstraße, die nach Charleroi und Brüssel führte, kamen die Dragoner in zügigem Tempo voran. Sie ritten fast, als wären sie auf einer Übung in der Provence, anstatt im Krieg. Ein Lieutenant der Dragoner fühlte sich so sicher und ungefährdet, dass er seinem Sergent erzählte, wie man in der neuen Wissenschaft Phrenologie durch Messungen des menschlichen Schädels auf die Begabung der Person schließen konnte. Der Lieutenant meinte, wenn diese Wissenschaft richtig verstanden wurde, dann würden bald alle Beförderungen in der Armee auf sorgfältigen Schädelmessungen basieren. »Wir werden in der Lage sein, Mut und Entschlusskraft, gesunden Menschenverstand und Ehrbarkeit zu messen, und das alles mit einem Zirkel und einem Maßband!«

Der Sergent sagte nichts dazu. Er und sein Offizier ritten vor ihrer Schwadron und somit an der Spitze der vorrückenden französischen Armee. Der Sergent hörte nur mit halbem Ohr die begeisterten Worte des Lieutenants. In Gedanken beschäftigte er sich teils mit der Vorfreude auf die belgischen Mädchen, und teils sorgte er sich, dass dieser überstürzte Vormarsch auf feindliche Feldposten stoßen würde. Die Briten und Preußen waren doch bestimmt nicht geflüchtet, oder?

Der Lieutenant war ein wenig pikiert über das mangelnde Interesse seines Sergents an Phrenologie, doch die niedrige Stirn des Mannes verriet, dass er unfähig war, neue Ideen zu akzeptieren. Der Lieutenant versuchte dennoch, den altgedienten Soldaten aufzuklären. »Man hat Studien in den Polizeischulen in Paris gemacht, Sergent, und einen bemerkenswerten Zusammenhang entdeckt zwischen .«

Der bemerkenswerte Zusammenhang blieb ein Geheimnis, denn etwa dreißig Meter vor den beiden Reitern krachte hinter einer Hecke Musketenfeuer, und das Pferd des Lieutenants brach von einer Kugel getroffen zusammen. Das Pferd wieherte schrill. Blut schoss aus seinem Maul, als es stürzte und wild auskeilte. Der Lieutenant, der abgeworfen worden war, wurde von einem auskeilenden Huf in den Unterleib getroffen. Er schrie seinen Schmerz hinaus, während er mit seinem Pferd die Straße blockierte. Die bestürzten Dragoner hörten, dass der Feind die Ladestöcke in die Musketenläufe rammte. Der Sergent schaute zurück zu den Dragonern. »Einer gibt dem Pferd den Gnadenschuss!«

Weitere Schüsse krachten von der Hecke her. Die Männer im Hinterhalt waren gut. Sie hatten die französischen Kavalleristen sehr nahe herankommen lassen, bevor sie das Feuer eröffnet hatten. Die Dragoner schoben ihre Degen in die Scheiden und zogen die Karabiner, doch vom Pferderücken aus konnten sie nicht so gut zielen, und der kurzläufige Karabiner war bekannt für seine Ungenauigkeit. Das Pferd des Lieutenants lag immer noch in seinem Blut auf der Straße und keilte aus. Der Sergent befahl seinen Männern, vorzurücken. Ein Trompetensignal ertönte und befahl einen anderen Trupp in Linie nach rechts durch ein Weizenfeld. Ein Dragoner neigte sich aus dem Sattel und erschoss das Pferd des Lieutenants. Ein weiteres Pferd stürzte, von einer Musketenkugel getroffen. Ein Dragoner lag im Straßengraben, und sein Helm fiel zwischen Brennnesseln. Reiter preschten an dem verwundeten Lieutenant vorbei, und die Pferdehufe schleuderten Dreck und Schotter empor. Der Degen des Sergents glänzte silbern.

Wieder krachte es, doch diesmal wölkte der weiße Pulverrauch vereinzelter Schüsse hinter der Hecke auf. »Sie ziehen sich zurück!«, rief der Sergent einem Offizier weit hinter sich zu. Dann wartete er nicht auf Befehle, sondern gab seinem Pferd die Sporen und rief: »Attacke!«

Die französischen Dragoner preschten auf die Hecke zu. Sie sahen keinen Feind mehr, doch sie wussten, dass die Männer, die aus dem Hinterhalt geschossen hatten, in der Nähe sein mussten. Der Sergent nahm an, dass sich die feindliche Infanterie in dem Weizenfeld verbarg. Er schwenkte bei der Hecke ab, trieb sein Pferd durch einen Graben und ritt in den Weizen. Er sah eine Bewegung am fernen Ende des Feldes. Männer rannten auf ein Waldstück zu. Sie trugen dunkelblaue Uniformröcke und schwarze Helme mit silbernem Rand. Preußische Infanterie.

»Da sind sie!« Der Sergent wies mit dem Degen auf den Feind.

»Hinterher!«

Dreißig Dragoner folgten dem Sergent. Sie stießen die Karabiner in die Sattelfutterale und zogen die Degen. Preußische Musketen krachten am Waldrand, doch die Distanz war zu groß, und nur ein Pferd wurde getroffen und stürzte in den Weizen. Die übrigen Dragoner preschten weiter. Die preußischen Posten, die aus dem Hinterhalt die französische Vorhut angegriffen hatten, eilten in den Schutz des Waldes, aber einige hatten sich zu spät zurückgezogen, und die Dragoner holten sie ein. Der Sergent galoppierte an einem Mann vorbei und schlug rückwärts mit dem Degen zu.

Der preußische Infanterist presste die Hände auf das getroffene Gesicht und versuchte, seine Augen in die Höhlen zurückzudrücken. Ein anderer Mann, der von zwei Dragonern niedergeritten worden war, erstickte an seinem Blut. »Attacke!« Der Sergent ritt in den Wald. Er sah preußische Infanteristen davonrennen und empfand das wilde Hochgefühl eines Kavalleristen, der einen hilflosen Feind niedermachen konnte, aber er sah weder die Batterie Geschütze, die im tiefen Schatten am Waldrand versteckt war, noch den preußischen Artillerieoffizier, der jetzt befahl: »Feuer!«

Gerade noch trieb der Sergent seine Männer zum Angriff, und im nächsten Augenblick wurden er und sein Pferd von Kartätschenfeuer niedergemäht. Reiter und Pferd waren auf der Stelle tot. Hinter dem Sergent schwenkten die Dragoner nach links und drehten ab, doch vier weitere Männer starben und drei andere Pferde brachen getroffen zusammen. Zwei der Gefallenen waren Franzosen, und zwei waren preußische Infanteristen, die sich zu spät zurückgezogen hatten.

Der preußische Artillerieoffizier sah einen anderen Trupp Dragoner, der seine Stellung zu umgehen drohte. Er spähte zurück zur Straße, wo weitere französische Kavallerie aufgetaucht war, und er wusste, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis die erste französische Achtpfünderkanone eintreffen würde. »Aufprotzen!«

Die preußischen Geschütze wurden von Pferden nordwärts gezogen. Schwarzuniformierte Husaren, die auf ihren Helmen ein...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: ohne DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "glatten" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Ein Kopierschutz bzw. Digital Rights Management wird bei diesem E-Book nicht eingesetzt.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB ohne DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen