Nichts ist gut. Ohne dich.

Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. April 2018
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43355-6 (ISBN)
 

Unsagbar intensiv, ergreifend echt: Lea Coplin

Sechs Jahre lang haben sich Jana und Leander nicht gesehen. Als Kinder waren sie unzertrennlich - bis zu diesem einen, verhängnisvollen Abend im August, als Janas Bruder Tim bei einem Autounfall ums Leben kam. Leander fuhr den Wagen. Und verschwand danach aus Janas Leben. Kein Wort haben sie seitdem gewechselt, wissen nichts mehr voneinander. Und jetzt steht er plötzlich vor ihr. Mit seinen hellblauen Augen. Und die Anziehungskraft ist so viel größer als Jana wahrhaben will. Sechs Jahre hat sie versucht, ihn zu hassen. Und nun ist er da, aus einem wirklich guten Grund: Er ist hier, damit sie ihn rettet. Nur weiß er das selbst noch nicht.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Format: EPUB
  • 1,17 MB
978-3-423-43355-6 (9783423433556)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Lea Coplin ist das Pseudonym einer Autorin, die mit ihren gefühlvollen Romanen bereits auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Mehr als fünfzehn Jahre arbeitete sie als Journalistin, bevor sie sich für die Schriftstellerei entschied. Nachdem ihre Romane »Nichts ist gut. Ohne dich.« und »Nichts zu verlieren. Außer uns.« lose zusammenhingen, ist ihr dritter Roman »Für eine Nacht sind wir unendlich« völlig unabhängig.

10
Leander


»Oh, das wird Bela ihm nie verzeihen.« Meine Mutter lacht und schüttelt gleichzeitig den Kopf. »Dieser Junge. Was stimmt nicht mit ihm? Er kommt aus der besten Familie und hat nur Blödsinn im Kopf.«

»Nur, weil Max' Familie reich ist, muss sie nicht zu den besten gehören«, erinnere ich sie, während ich die Platten aus meinem Rucksack ziehe und auf ihren Nachttisch lege.

»Sein Vater sitzt im Bundestag.«

»Ja, ganz genau.«

»Ich verstehe, was du meinst.« Sie greift nach dem obersten Album und studiert das Cover. »Gott, es sieht so traurig aus«, sagt sie. »Und es ist so tragisch. Ich bin immer noch nicht darüber hinweg.«

»Ich weiß.« Ich nehme ihr das schwarze Album aus der Hand und gehe damit zum Plattenspieler. »Ich bin mir nicht sicher, ob dir das hier gefällt«, sage ich. »Es klingt schon ziemlich düster. Das hat nicht mehr viel mit dem Bowie aus deiner Jugend zu tun.«

»Danke, dass du sie besorgt hast, Leander.«

»Klar«, sage ich. »Ich hab noch ein paar andere mitgebracht. Unter anderem die erste von Lenny Kravitz, die du haben wolltest.«

»Ah, Lenny.« Meine Mutter seufzt und ich grinse den Plattenspieler an, bevor die ersten Töne von Bowies schwermütigem Abschiedsalbum mir die gute Laune vom Gesicht wischen. Es ist wirklich fraglich, ob das die richtige Untermalung für den heutigen Tag ist, denn dieser Tag ist einer der guten. Meine Mutter wirkt frisch und erholt, sie hat gerade keine Schmerzen, ist neugierig und wach. Ich sehe zu ihr hinüber und sie lächelt mich an. »Erzähl mir von dem Leben da draußen«, sagt sie und klopft auf die Matratze, damit ich mich zu ihr setze.

Meine Mutter ist 52 Jahre alt, süchtig nach Büchern und Musik, sie ist ein herzensguter Mensch, ohne meinen Vater besser dran und sie hat Krebs im Endstadium. Ich kämpfe jedes Mal um meine Fassung, wenn ich auch nur daran denke, also vermeide ich den Gedanken weitgehend und tue in der übrigen Zeit so, als wären das hier ganz normale Besuche, in denen sich ein Sohn mit der Mutter austauscht, über Musik, Literatur, das WG-Leben, mein nicht vorhandenes Studium und den ganzen sinnlosen Rest. Denn sinnlos ist so gut wie alles, etwa nicht? Zumindest wenn man es im Verhältnis betrachtet, wenn man es in die richtige Perspektive rückt.

Ich setze mich neben sie aufs Bett und greife nach ihrer Hand. »Wie wäre es mit einem iPod?«, frage ich, zum gefühlt hundertsten Mal. »Ich kann dir all deine Musik draufspielen, und du kannst von wo auch immer du gerade bist steuern, was du hören willst.« Vom Bett aus ist das, was ich lieber nicht aussprechen will, obwohl es kein Geheimnis ist, dass meine Mutter kaum mehr aufsteht, dass sie sich maximal zwischen Bett und Sofa hin- und herbewegt und die Wohnung nur noch selten verlässt, es sei denn, Lotta fährt sie zu ihrer Behandlung ins Krankenhaus. Zum gefühlt hundertsten Mal antwortet sie: »Das ist nicht das Gleiche«, und damit ist das Thema erledigt.

»Hast du deinen Vater in letzter Zeit gesehen?«

Ich lasse ihre Hand los und fahre mir stattdessen durch die Haare. »Nein.«

»Nein?« Meine Mutter sieht mich überrascht an. »Er wollte sich eigentlich bei dir melden«, erklärt sie. »Er fand, ihr hättet euch schon viel zu lange nicht mehr getroffen.«

»Nun«, sage ich, während ich aufstehe, nach Lenny Kravitz greife, zum Plattenspieler gehe und die Musik wechsle, »ich hab ihn weder gesehen noch gesprochen.« Was nicht heißt, dass er nicht angerufen hat, aber das weiß meine Mutter nicht.

»Also hat er dich angerufen, aber du bist nicht ans Telefon gegangen«, stellt sie fest und ich atme einmal tief ein. Dann mache ich mich weiter am Plattenspieler zu schaffen.

»Leander.«

»Mmh?«

»Was ist los?«

»Nichts.« Ich zucke mit den Schultern, während ich mich umdrehe, zu ihr zurückgehe und mich auf den Sessel neben dem Bett fallen lasse. »Wir haben einfach seit Längerem nicht miteinander geredet.« Was sich in Zukunft auch nicht ändern wird, denke ich. Mein Vater war schon immer ein beschissener Betrüger, aber dieser Tage schießt er den Vogel ab. Ich weiß nicht, weshalb meine Mutter überhaupt noch mit ihm spricht - sie muss ahnungslos sein, denke ich mir. Meine Mutter wusste immer über die Affären meines Vaters Bescheid, aber ist ihr klar, dass er jetzt, gerade in diesem Augenblick, mit einer Frau, die halb so alt ist wie er, in ihrem Haus auf Brangelina macht? Die Frau hat kleine Kinder, Himmel noch mal. Und er könnte ihr Großvater sein.

Ich spüre, dass sich meine Gesichtshaut verfärbt hat. Sie fühlt sich glühend heiß an, zum Bersten gespannt.

»Lean«, sagt meine Mutter sanft. »Was auch immer es ist, ihr zwei solltet .«

»Nein.«

»Es wird eines Tages so sein, dass nur noch ihr beide .«

»Nein!«

Ich sehe meiner Mutter in ihre blauen Augen, die meine sind, und sie studiert mein Gesicht. Es geht ihr wirklich gut heute, sie wirkt so viel munterer und gesünder als die Tage davor. Ich weiß, ich darf keine Hoffnung haben, aber in solchen Momenten fällt es mir schwer, nicht doch an ein Wunder zu glauben.

»Ich wünsche ihm alles Glück dieser Welt«, sagt sie schließlich. »Er soll nicht zurückbleiben und leiden. Er soll sein Leben haben, mit einer neuen Frau, einer neuen Familie, wenn er möchte, solange ihr beide auch noch eine seid. Das ist mein Wunsch, Leander«, erklärt sie über mein Schnauben hinweg, »mein einziger, und das weißt du genau. Du und dein Vater, ihr seid das Wichtigste, das es je gab in meinem Leben. Ich möchte nicht, dass .«

Und dann platzt mir doch noch der Kragen. »Mama«, rufe ich, während ich aufspringe und um das Bett herumlaufe. »Er hockt da draußen mit einer 26-jährigen Blondine und spielt Familie mit ihren Kindern. Wie kannst du so blind sein? Er macht sich nichts aus uns, gar nichts, und das hat er noch nie. Und es wird sich nicht ändern. Niemals. Also, was verlangst du da von mir? Soll ich einfach darüber hinwegsehen, was er dir antut? Und all die Jahre schon angetan hat? Er ist ein beschissener Lügner und ein beschissener Ehemann und ein beschissener Vater und er sollte meine Nummer besser vergessen, denn ich werde ganz sicher nicht mehr mit ihm sprechen.«

Zunächst sagt meine Mutter gar nichts, aber sie nickt, und bevor mir übel wird vor lauter schlechtem Gewissen, dass ich hier so herumschreie in ihrem Krankenzimmer, an ihrem Sterbebett, und ihr wehtue, indem ich ihr von den verdammten Entgleisungen ihres Arschlochs von Ehemann erzähle, schnappe ich mir meine Jacke, um nach draußen zu fliehen.

»Ich komme morgen wieder«, murmle ich, während ich ihr einen Kuss auf die Stirn drücke. »Erhol dich, okay?«

»Lean.«

»Hm?«

»Ich denke, mit Hannah ist es anders als mit den Frauen davor.«

»Was . was

»Sie ist nicht nur eine Affäre, sie hilft ihm darüber hinweg, dass er mich verlieren wird.«

Ich starre meine Mutter an, ungläubig und fassungslos. »Was zum Henker redest du da? Hannah? Du kennst ihren Namen? Er hat dir von ihr erzählt?« Das darf nicht wahr sein. Das darf ehrlich nicht wahr sein.

»Mir ist klar, zwischen dir und deinem Vater war es nicht immer einfach in den letzten Jahren .«

Ich lache laut auf.

Meine Mutter seufzt. »Er hat nicht die besten Entscheidungen getroffen, nicht, was unsere Ehe angeht, und natürlich auch nicht dir gegenüber, aber .«

»Er hat dich betrogen, seit ich ein Kind war - und vielleicht schon davor, was weiß ich. Er hat immer nur an sich gedacht. Er hat dafür gesorgt, dass ich meine Jugend in einem Internat verbracht habe statt bei meiner Mutter und meinen Freunden, 600 Kilometer weit weg von zu Hause. Er hat .« Und nun schlucke ich. Er hat seine schmutzigen Beziehungen spielen lassen, damit ich nicht einmal dafür bestraft werde, was ich getan habe, und dabei ging es ihm gar nicht um mich, sondern allein um sich und seinen guten Ruf.

Er hat die Beziehung zwischen mir und Tims Familie zerstört. Er hat Tims Familie zerstört. Und unsere. Und ich hasse ihn. Aus tiefstem Herzen hasse und verachte ich diesen Mann.

»Es war nicht leicht für ihn, all die Jahre mit meiner Krankheit zu leben«, sagt meine Mutter leise. »Der Krebs hat auch ihn zerfressen mit der Zeit.«

»Nein«, sage ich laut. »Er ist putzmunter, glaub mir, und er vögelt kleine Mädchen.«

»Leander!«

»Sorry, ich kann gerade nicht.« Dann drehe ich mich um und stürme aus der Wohnung.

 

 

Ich rausche an der U-Bahn-Haltestelle vorbei und mache mich zu Fuß auf den Weg. Ich bin zu geladen, um anzuhalten, zu warten, mich fahren zu lassen, ich muss mich abreagieren, sonst platze ich aus meiner Haut. Ich bin 22 Jahre alt. Alt genug, um mit Tragödien fertigzuwerden, um mit Trauer umzugehen, um . ich weiß nicht, weiterzumachen. Aber ich will nicht. Ich will meiner Mutter nicht beim Sterben zusehen, und meinen Vater, den will ich überhaupt nicht mehr sehen. Ich fluche laut vor mich hin. Die Menschen, die mir auf meinem Marsch durch die Stadt begegnen, halten mich sicher für verrückt, doch das ist mir egal. Ha! Bitter lache ich auf. Gott, wie ich ihn hasse. Und sie liebt ihn? Immer noch?

Ich renne jetzt fast. Durch halb Neuhausen und die Maxvorstadt in Richtung Englischer Garten, wo Max' Wohnung ist. Ah, und dann noch Max, dieser Kinderkram, wie mich das...

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