Die Lieder der Erde

Roman
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2011
  • |
  • 560 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06611-6 (ISBN)
 
Das Geheimnis der Magie liegt in den Liedern der Erde
Das heilige Buch von Eador lässt keine Zweifel aufkommen: Wer die Lieder der Erde hören kann, soll brennen! Bereits seit tausend Jahren befolgen die Ritter der Kirche dieses Gebot und verfolgen jeden, den sie der Magie verdächtigen. Dabei machen sie auch vor ihren eigenen Reihen nicht halt: Als der Novize Gair zum ersten Mal die ebenso schöne wie schreckliche Melodie vernimmt, ist ihm klar, dass dies sein Ende bedeutet, sollte sein Geheimnis gelüftet werden. In einem unbeobachteten Moment gelingt Gair die Flucht, doch die Kirche ist ihm auf den Fersen, und in sich spürt er die Kraft der Erde heranwachsen, so mächtig, dass sie ihn zu zerstören droht. Einzig die Hüter des Schleiers können Gair jetzt noch helfen ...


Elspeth Cooper wurde 1968 in Newcastle upon Tyne geboren. Als sie noch klein war, lasen ihr ihre Eltern Ivanhoe als Gute-Nacht-Geschichte vor und weckten so in ihr die Liebe zu epischen Abenteuern. Eine Faszination, die sie bis heute nicht mehr losgelassen hat. Die Lieder der Erde ist ihr erster Roman und der Auftakt zu einer faszinierenden Serie. Die Autorin lebt mit ihrem Mann in Northumberland.
  • Deutsch
  • 1,03 MB
978-3-641-06611-6 (9783641066116)
3641066115 (3641066115)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1


Die Magie war wieder entfesselt.

Ihre Musik ließ Gairs Nerven vibrieren wie Harfensaiten, und das Versprechen von Macht durchlief ihn. Er musste es nur wagen, sie zu ergreifen. Er drückte das Gesicht gegen die Knie und betete. »Gegrüßet seist du, Mutter, voll der Gnade, Licht und Leben der ganzen Welt. Gesegnet sind die Sanftmütigen, denn sie werden in dir Stärke finden. Gesegnet sind die Gnädigen, denn sie werden in dir Gerechtigkeit finden. Gesegnet sind die Verlorenen, denn sie werden in dir Erlösung finden. Amen.«

Das Gebet kam ihm Zeile für Zeile, Vers für Vers über die aufgeplatzten Lippen. Seine Finger suchten nach den vertrauten Perlen, damit er nicht aus dem Rhythmus kam, aber der Rosenkranz war Gair schon vor langer Zeit abgenommen worden. Als die Worte ins Stocken gerieten, zog er die Knie noch enger an die Brust und begann von Neuem.

»Jetzt habe ich mich an einen Ort der Finsternis verirrt, o Mutter, ich bin von deinem Pfade abgewichen. Leite mich erneut .«

Noch immer wisperte die Musik verführerisch in seinen Ohren. Nichts übertönte sie - kein Gebet, kein Flehen, nicht einmal die wenigen Hymnen, an die er sich noch erinnern konnte. Sie war überall: in den rostigen Eisenwänden seiner Zelle, in dem ranzigen Schweiß auf seiner Haut, in den Farben, die er in der Dunkelheit sah. Mit jedem Atemzug wurde sie ein wenig lauter.

Silbriges Glockengeläut erfüllte die Luft. Gair öffnete die Augen. Sofort wurden sie von einem so hellen, so weißen Licht versengt, dass er das Gesicht mit den Händen abschirmen musste. Zwischen den Fingern hindurch sah er zwei Gestalten, die in strahlenden Glanz gekleidet waren. Engel. Heilige Mutter, es waren Engel, die sie ihm gesandt hatte, damit sie ihn nach Hause führten.

». segnet mich nun, nehmt mich an eure Seite, vergebt mir all meine Sünden .«

Kniend wartete Gair auf den Segen. Eine heftige Ohrfeige warf ihn zu Boden.

»Spar dir deine Gesänge, Scheußling!«

Ein weiterer Schlag schleuderte ihn gegen die Eisenplatten der Zellenwand. Schmerz explodierte in seinen Schläfen, und die Musik verstummte.

»Ganz ruhig. Er hat keine Macht, dir hier etwas anzutun.«

Nein. Er hatte keine Macht. Die Magie war ungezügelt und unberechenbar. Nie blieb sie lange bei jemandem. Es bedurfte keiner Eisenwände, um ihn hilflos zu machen. Gair sackte auf dem Boden zusammen und fasste sich an den pochenden Kopf. Gesegnet sind die Verlorenen.

Stiefel mit silbernen Sporen durchquerten sein Blickfeld und erzeugten die Geräusche, die wie zarter Glockenklang anmuteten. Und es waren keine Roben aus Licht, die er sah, sondern nur die weißen wollenen Waffenröcke der Marschälle des Hohen Vorstehers. Eiserne Handschellen legten sich klickend um Gairs Handgelenke, und die Marschälle hoben ihn an den Ketten hoch.

Er sackte wieder auf die Knie, und die Zelle drehte sich wie verrückt um ihn.

Fluchend rammte einer der Marschälle Gair seinen Stiefel in den Hintern.

Der andere Marschall schnalzte tadelnd mit der Zunge. »Du weißt, dass es eine Sünde ist, ihren Namen für nichts anzurufen.«

»He! Du hast dich dem falschen Haus verschworen, mein Freund. Du predigst wie ein Lektor.« Ein weiterer Tritt. »Steh auf, Hexer! Geh zu deiner Hinrichtung, oder wir schleifen dich dorthin!«

Gair kämpfte sich auf die Beine. Draußen in dem steingepflasterten Korridor blendete ihn das Sonnenlicht, das durch hohe, schmale Fenster hereinfiel. Die Marschälle gingen rechts und links neben ihm her, stützten ihn unter den Armen, wenn er stolperte, und trieben ihn voran. Schwertscheiden und Sporen klirrten, als weitere Marschälle hinter ihnen her schritten.

Es ging durch endlose, verschwommene Korridore. Treppenstufen brachten ihn zum Taumeln und zerrissen ihm die nackten Füße. Es wurde ihm nicht erlaubt, sich auszuruhen und ruhig durchzuatmen. Er musste gehen oder fallen, und er war schon so oft gefallen. In Ungnade, außer Hörweite der Göttin, egal wie viele Gebetsfragmente noch immer durch die Leere jagten, die die Magie in ihm hinterlassen hatte.

». sei mir ein Licht und tröste mich nun und in der Stunde meines Todes .«

»Still!«

Eine gepanzerte Hand gab Gairs Schläfe einen Stoß, und ein Ziehen an seinen Ketten trieb ihn weiter. Nun waren die Gänge breiter und mit Holz getäfelt. Der Boden bestand nicht mehr aus bloßem Stein, sondern aus Marmorplatten, und an den Wänden hingen Stickereien. Nach einer letzten Biegung blieben die Marschälle stehen. Vor ihnen erhoben sich dunkle Türflügel, von verschwommenen Gestalten mit langen Bannern in den Händen flankiert. Ein Luftzug kräuselte den Stoff, und die Heiligen Eichen flammten auf, als einige Goldfäden der Stickereien das Sonnenlicht einfingen.

Das Wiedererkennen traf Gair wie ein Stein in die Eingeweide. Diese Türen führten zur Ratshalle, in der die Ritter ihre Versammlungen und Zeremonien abhielten . und in der der Orden seine Urteile sprach. Gairs Knie gaben nach, und die Ketten klirrten, als er die Hände ausstreckte, um nicht auf den polierten Boden zu fallen. In ihm regte sich noch ein letztes Wispern der Musik, das rasch verstummte.

Das Urteil. Nun durfte er nicht mehr hoffen, verschont zu werden. Nun durfte er auf nichts mehr hoffen als auf Gnade.

O Göttin, sieh jetzt freundlich auf mich herab.

Vor ihm schwangen die großen Türflügel lautlos nach innen.

Von dem durch einen Vorhang abgetrennten Balkon aus über der Tür konnte Alderan die gesamte Ratshalle von den Wachen in ihren Waffenröcken am Eingang bis zu der Bronzeeiche mit den vielen Blättern über dem Stuhl des Präzeptors überblicken, die in dem Sonnenlicht erglänzte, das durch die hohen Fenster einfiel. Alderans Position lag so hoch über den Blickwinkeln der anderen Anwesenden, dass er in Sicherheit war, vorausgesetzt, er tat nichts, was die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken vermochte. Dennoch war es ein Risiko, hier zu sein.

Auf den Bänken zu beiden Seiten der Halle drängten sich die Hierarchen, die in ihrem formellen Scharlachrot prächtig anzusehen waren - ein ganzer Saal voller rosiger Wangen und gut gepolsterter Hintern; alle schwatzten, nickten und spreizten das Gefieder.

Alderan kräuselte die Lippen. Das sind die Erben von Endirion? Der Erste Ritter muss sich im Grabe herumdrehen.

Aus einer Seitentür traten zwei Männer, die in ihren schwarzen Roben so nüchtern wie Raben wirkten. Sie nahmen ihre Plätze an zwei Tischen ein, die einander vor dem Podest des Präzeptors an den Wänden gegenüberstanden. Der Ankläger durchblätterte kurz seine Papiere, während der Schreiber Tinte und Feder bereitlegte, um die Verhandlungen dieses Tages für das Archiv festzuhalten. Einen Augenblick später betrat der Präzeptor die Halle.

Ansel hielt den kantigen Körper so hoch gereckt wie immer, doch die Farbe seines dichten Haares passte zu der weißen Robe, und die Hand, die den Amtsstab hielt, war vor Arthritis knotig und verdreht.

Da hat er am Ende doch noch einen Gegner getroffen, den er nicht besiegen kann. Der Held von Samarak wird durch die Zeit bezwungen.

Der Kaplan an Ansels Seite wirkte unverändert und war lediglich etwas grauer geworden, seit Alderan ihn zuletzt gesehen hatte. Danilar neigte den an einen Löwen gemahnenden Kopf zu Ansel hinunter, flüsterte ihm etwas zu, was nur er hören sollte, und runzelte die Stirn über die Antwort. Er steckte die massigen Hände in die Ärmel der Robe und ging zu seinem Sitz in der ersten Bankreihe. Ansel reckte die Schultern, kletterte die Stufen des Podests hoch und wandte der Halle das Gesicht zu. Die Hierarchen verstummten.

»Ich rufe den Rat zur Ordnung«, verkündete er. »Wir wollen beginnen.«

Ein Fingerzucken Ansels zeigte den Wächtern an, dass sie die Tür öffnen sollten. Sämtliche Hierarchen beugten sich vor und wollten einen Blick auf den eintretenden Angeklagten erhaschen. Alderan ballte die Fäuste im Schoß. Die Hierarchen waren die ältesten Würdenträger des Ordens und nur dem Präzeptor untergeordnet, der wiederum lediglich noch den Lektor von Dremen über sich hatte.

Man sehe sie sich bloß einmal an! Sie glotzen wie Bauerntölpel auf dem Jahrmarkt, die darauf warten, dass der Schausteller die bemalte Dame oder das zweiköpfige Kalb hervorholt. Ich hoffe, die Göttin beobachtet genau, was ihre Gesalbten gleich in ihrem heiligen Namen tun werden.

Durch die Tür schritten zwei Marschälle; zwischen ihnen stolperte der Gefangene einher. Langes, strähniges Haar und die Bartstoppel vieler Tage verbargen das Gesicht des Angeklagten, aber nichts konnte verbergen, was ihm angetan worden war. Sein nackter Körper war mit Prellungen und Blutergüssen übersät. Narben von Peitschenhieben überzogen seinen Rücken, und der eine Fuß hinterließ bei jedem Schritt blutige Schlieren auf dem schwarz und weiß gemusterten Boden. Als die Marschälle ihn an das Mahagonigeländer ketteten, stürzte er auf die Knie; er war so schwach, dass er nicht mehr aus eigener Kraft stehen konnte.

Wie ein Mann hielt die gesamte Kurie den Atem an. Einige Hierarchen hielten sich mit übertriebener Geste ein Taschentuch vor das Gesicht, während sie den Gefangenen weiterhin anstarrten.

Waren die Suvaeon wirklich so weit von den Glaubenssätzen des Diamanthelms abgewichen? Kehrten sie wirklich zu Befragung und Peitsche zurück, was seit Jahrhunderten verboten war? Wut schnellte in Alderans Bauch hoch wie eine zustoßende Schlange. Nannten sie das etwa Gerechtigkeit?

Ein stechender Schmerz durchfuhr...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

11,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen

Unsere Web-Seiten verwenden Cookies. Mit der weiteren Nutzung des WebShops erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen zu Cookies finden Sie in unserem Datenschutzhinweis. Ok