Der Engel in der Hosentasche

 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Oktober 2011
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1175-1 (ISBN)
 
Seit dem Tod ihrer Mutter kann die 12-jährige Bette nicht mehr singen. Dabei hatte sie dafür ein besonderes Talent und geht auch auf eine Schule, in der Musik gefördert wird. Eines Tages findet Bette eine Münze, auf die ein Engel geprägt ist. Sie steckt sie als Talisman in ihre Hosentasche - und auf einmal lernt sie, sich wieder der Welt um sich herum zu öffnen und nach vorn zu sehen. Doch dann ist die Münze plötzlich verschwunden ... Ein wunderbarer Roman über Freundschaft und innere Stärke.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • 2,11 MB
978-3-8387-1175-1 (9783838711751)
3838711750 (3838711750)
weitere Ausgaben werden ermittelt
17. Kapitel (S. 159-160)

Das Gefühl der Beklemmung war unverkennbar. Es war, als würde ein Seil um ihren Brustkorb zusammengezogen. Vivi hängte ihren Mantel in den Garderobenschrank und redete sich ein, dass sie sich vielleicht ein bisschen ungeschickt bewegt hatte. Möglicherweise war das, was sie fühlte, nur ein zwickender Muskel. Mrs Minkus kam in die Diele. »Hallo«, sagte sie strahlend.

»Wie war der Einkaufsbummel?« »Ich habe die Stiefel vergessen«, antwortete Vivi und guckte mürrisch. Sie ließ die Tüte mit dem Pullover und den Jeans auf den Boden fallen. Entschlossen, Vivis schlechte Laune zu ignorieren, sagte Mrs Minkus: »Das macht nichts. Vielleicht können wir das morgen erledigen. Zeigst du mir, was du gekauft hast?« Vivi zuckte mit den Schultern. Sie wollte nur möglichst bald in ihr Zimmer und den Inhalator benutzen, natürlich als reine Vorsichtsmaßnahme. Aber da stand ihre Mutter mit einem erwartungsvollen Lächeln, und das Letzte, was Vivi wollte, war Verdacht zu wecken.

»Viel hast du nicht gefunden«, meinte Mrs Minkus nach einem Blick in die Tüte. »Es gab nichts, das mir an mir gefiel.« Ihre Mutter zog den roten Pullover aus der Tüte. »Ist die Größe richtig? Der sieht so groß aus.« »Er ist auf jeden Fall nicht zu klein«, erwiderte Vivi kategorisch. »Und Jeans.« Mrs Minkus machte sich gar nicht erst die Mühe sie auszupacken. »Nun ja«, seufzte sie. »Wir können noch nach ein paar anderen Sachen gucken, wenn wir die Stiefel kaufen gehen.«

»Sicher.« Ihre Antwort kam schnaufend. In der Hoffnung, dass ihre Mutter nichts gemerkt hatte, nahm Vivi Pullover und Tüte und ging in ihr Zimmer. Sobald sie außer Sichtweite war, kramte sie in ihrer Tasche nach dem Inhalator und nahm die Kappe ab. Es gab keinen Zweifel mehr. Die altbekannte Beklemmung fing an, das Atmen fiel ihr schwer. Wie jemand, der verzweifelten Durst hat, nahm Vivi zitternd einen Stoß aus dem Inhalator. Dann legte sie sich aufs Bett.

Mit Asthma war so viel Schlimmes verbunden. Ganz obenan stand natürlich immer die schreckliche, beängstigende Sorge um den nächsten Atemzug. Aber Vivi hasste auch die Art und Weise, wie die Krankheit sie dazu brachte, alles zu hinterfragen. Hätte sie den stärkeren Inhalator nehmen sollen? Mittags eine Tablette? Vielleicht sollte sie ihrer Mutter erzählen, dass sie Probleme hatte? Nein. Mrs Minkus würde mit wenig Erfolg versuchen, ruhig zu bleiben.

Mir geht es gut, sagte Vivi sich und versuchte die panische Stimme in ihrem Kopf zu ignorieren, die sagte: Aber was ist, wenn nicht? Das Atmen fiel ihr immer schwerer. Vivi stand auf und bewegte sich ein bisschen. Sie ging zum Fenster, zog die Vorhänge zurück und schaute hinaus auf den See, der jetzt im späten Licht des Wintertages düster-grau war. Von ihrem Zimmer hatte sie keinen so weiten Blick wie vom Wohnzimmer. Ein Wohnhaus blockierte den größten Teil des Wassers, und sie konnte lediglich einen Streifen vom Lake Michigan sehen. Es reichte ihr, weil Vivi diesen Streifen Wasser immer als ihr Eigentum ansah, ein privates Stück ständig wechselnder Natur, das nur ihr gehörte.

Wie fast immer beruhigte es sie auf den See zu schauen. Einige Augenblicke lang dachte Vivi, über den Berg zu sein. Sie seufzte vor Erleichterung, doch der Seufzer blieb auf halbem Wege stecken, und als sie den nächsten Atemzug machen wollte, kam der nicht. Der andere Inhalator, dachte Vivi. Er war stärker eingestellt, und sie sollte ihn nur nehmen, wenn sie sicher war, dass der andere nicht wirkte. Sie war sich nicht sicher. Ihr Vater würde wahrscheinlich bald nach Hause kommen, aber sollte sie warten und ihn fragen? Vielleicht vergeudete sie wertvolle Zeit.

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