In den Straßen von Los Angeles

 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2013
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09328-0 (ISBN)
 
Leben und Sterben zum Rhythmus der Musik

In den finsteren Seitengassen und Cocktailbars von Los Angeles spielen Ry Cooders Geschichten. Dort sind die Arbeiter und kleinen Kriminellen zu Hause, die um ihr Überleben kämpfen. Kleine Kriminalgeschichten, in denen Ry Cooder gekonnt und ein wenig ironisch mit den Genres des Hardboiled-Krimis und des Gangsterfilms spielt.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,14 MB
978-3-641-09328-0 (9783641093280)
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1940

Normale Arbeitstage

Ich arbeite für das Los Angeles Stadtregister, ein Buch voller Namen, Adressen und Berufsbezeichnungen. Ich bin nur einer von vielen. Unsere Aufgabe ist es, rauszugehen und die Fakten einzusammeln. Dann übernehmen andere Leute unsere Arbeit und füllen damit das Buch. Aber das, was wir machen, ist der wichtige Teil. Los Angeles ist eine große Stadt, und das Stadtregister ist ein großes Buch.

»Wie möchten Sie im Stadtregister aufgeführt werden?« Ich zeige den Leuten, worum es sich handelt. Sie befürchten, dass man ihnen peinliche Fragen stellt, wie »Haben Sie eine Toilette?« und »Kann ich sie sehen?«. Ich erkläre ihnen, dass sie eintragen lassen können, was sie wollen - den Beruf, den Namen des Ehemanns, den Namen der Ehefrau -, einfache Sachen, gegen die die meisten Leute nichts einzuwenden haben. Den meisten Leuten gefällt es, wenn sie beachtet werden und wenn man ihnen Fragen stellt.

Der Abteilungsleiter meinte, ich hätte die richtige Art und Erscheinung: mittlere Größe, mittleres Alter, dunkles Haar, Brille. Ich wurde eine Woche eingearbeitet, ehe ich ein Gebiet zugeteilt bekam. Das Buch erscheint jährlich. Meine Bezahlung sind 25 Cent pro Eintrag.

Ich lebe in einem Ein-Zimmer-Apartment auf der Alta Vista, im alten Stadtteil Bunker Hill, und deshalb gehört Bunker Hill zu meinem Gebiet. Das ist mit viel Kletterei verbunden, aber es macht mir Spaß herumzukommen. Für diese Art von Arbeit sind Apartmenthäuser angenehm, und davon gibt's in Bunker Hill eine ganze Menge. Viele ältere Leute leben hier, und ältere Leute haben nichts dagegen, sich ein bisschen Zeit zu nehmen, denn sie müssen nirgendwo hin. Dass ich nicht erwarte, hereingebeten zu werden, macht es den Leuten einfacher. So eine Eintragung ins Register ist eine einfache Sache, das ist meine Botschaft.

Ich machte die Bekanntschaft eines gewissen Mr. John Casaroli. Mr. John, wie er genannt wurde, war ein pensionierter Opernsänger und Gesangslehrer. Ich registrierte ihn als Casaroli, John, Gsg-Lhr, New Grand Hotel 257 Grand Ave. Es ergab sich, dass wir uns anfreundeten und ich ihn öfter in seinem Apartment besuchte. Eines Abends kam ich dort an und stand vor einer Menge Polizisten und Gaffer, die sich auf dem Gehsteig um etwas drängten, das wie ein Körper aussah. Die Polizei erklärte, dass Mr. John vor wenigen Minuten vom Dach gesprungen und tot war. Sie fragten mich, ob ich ein »Partner« von ihm wäre, und ich erklärte ihnen, dass er mein Freund war und dass er mich zu einem Spaghetti-Abendessen eingeladen hatte. Sie nahmen mich mit ins Polizeipräsidium, und ich wurde eine Stunde lang verhört. Als ich fragte, warum, meinte der Beamte, das sei nur Routine. Dabei erfuhr ich, dass Mr. John ein Testament hinterlassen und mir seinen Plattenspieler und alle Schallplatten und italienischen Gedichtbände vermacht hatte. Die nächsten Abende verbrachte ich damit, alles einen Block weiter in mein Apartment zu schaffen. Und dabei entdeckte ich, dass er bereits ein Exemplar des Stadtregisters besaß. Es war ausgehöhlt, und da drin steckten fünftausend Dollar - in Hundertdollarscheinen! Ich hatte noch nicht mal einen Hunderter jemals auch nur gesehen. Ich entschied mich, das Geld zu lassen, wo es war, und meine Anstellung zu behalten. Ich erzählte niemandem etwas, denn da gab's niemand, dem ich's hätte erzählen können. Mr. John war der einzige Freund, den ich gehabt hatte. Aber ich fragte mich - warum sollte ein Mann, ein Italiener, einen Topf Spaghetti kochen und dann vom Dach springen?

Die Schätze von Mr. John machten mein Leben viel interessanter. Ich fing damit an, mir abends Schallplatten anzuhören und Cribari-Rotwein zu trinken, so wie er es getan hatte. Für mich war das eine neue Erfahrung. Dann kam ich auf die Idee, dass ich doch versuchen könnte, Italienisch zu lernen, um die Gedichtbände lesen zu können. Warum nicht? In meinem Haus wohnte eine Italienerin, die ich nur als Cousine Lizzie kannte. Sie war einverstanden, mich für fünfzig Cent die Stunde zu unterrichten. Und ich verzeichnete sie als Giordano, Lizzie (verw Benito), Nhrn, Alta Vista Apts. 255 Bunker Hill Ave.

Wir benutzen Abkürzungen für unsere Eintragungen: Nhrn für Näherin; Arb für Arbeiter; Bglrn für Büglerin; Blchschlssr für Blechschlosser und so weiter. Doch trotz der Abkürzungen und obwohl die Buchstaben so klein sind, dass manche Leser ein Vergrößerungsglas benötigen, ist das Register riesig. Wir sind angewiesen, auf die Schreibweise der Namen genauestens zu achten. Ich treffe auf Menschen, die kaum eine Schule besucht haben und sich nicht mal sicher sind, wie ihr eigener Name geschrieben wird. In dem Fall muss ich bei Familienmitgliedern oder Nachbarn nachfragen oder es anhand ihrer Post überprüfen, falls sie nichts dagegen haben. Macht mir nichts aus, mir die Zeit zu nehmen; das alles gehört zu meinem Job.

Eines Tages klopfte ich an die Tür von Mr. und Mrs. H. D. Clark, und eine Frau öffnete mir. In der Wohnung schien eine Art Gottesdienst abgehalten zu werden, ich hörte, wie jemand aus der Bibel vorlas. Die Frau hob einen kleinen Kasten vom Boden auf, verpasste mir einen Stoß damit und schrie: »Ihr könnt ihn nicht in Frieden lassen, oder? Er ist tot, aber ihr Bastarde könnt ihn nicht in Frieden lassen!« Sie schlug die Tür zu. Ich nahm den Kasten mit nach Hause und öffnete ihn, es war eine Klarinette. Auf der Innenseite des Deckels war eine Karte befestigt, auf der stand: »Im Verlustfall bitte zurück an Howdy Clark.« Ich sah nach, ob er im Register eingetragen war. Er war aufgeführt als Clarke, Howard D. (Margaret), Msk, New Grand Hotel 257 Grand Ave. Ich machte mir eine Notiz, dass Margaret Clark mit Wtw, der Abkürzung für Witwe, neu registriert werden musste. Aber als ich in der folgenden Woche wieder dort war, um die Schreibweise von Clark zu überprüfen, war sie verzogen, ohne eine neue Adresse zu hinterlassen. Ein alter Italiener, der für eine Umzugsfirma arbeitete, sah, wie ich an den Briefkästen nachschaute. »Sie ziehen ein, sie ziehen aus«, sagte er.

Von irgendwo hörte ich Musik und stieg die Treppe zur vorderen Veranda hoch. Da saß ein Mann und spielte auf einer Ukulele. Er sah mich und sagte: »Nichts frei.«

»Die Witwe Clark ist ausgezogen«, sagte ich.

»Ich mag's nicht, wenn Cops hier rumhängen.«

»Ich bin kein Cop, auch kein Schuldeneintreiber«, sagte ich. Ich zeigte ihm das Stadtregister-Buch.

»Ein lausiges Buch, das fünfundzwanzig Dollar kostet? Hat doch niemand das Geld, um's dafür rauszuwerfen, aber wirklich niemand.«

Ich musste an Mr. John denken. »Man soll kein Buch nach seinem Umschlag beurteilen«, sagte ich. Aber in gewisser Weise hatte er schon recht. Das Buch ist nicht für normale Haushalte gedacht; sondern als Service für Geschäftsleute, wie es offiziell heißt. Ich hatte einmal die Idee gehabt, man könnte es für Hausbesitzer zu einer Ratenzahlung von fünfzig Cent pro Woche anbieten, aber mein Vorgesetzter meinte nur: »Ist nicht machbar, kümmern Sie sich nur um Ihren Job.«

Ich wurde neu eingeteilt und bekam den in der Nähe des L. A.-River gelegenen Bezirk Aliso Flats, oder einfach nur die Flats genannt. Dort leben viele Mexikaner und Russen, die dem molokanischen Glauben angehören. Mexikanische Frauen sind normalerweise zu Hause, und manchmal bekomme ich eine Kleinigkeit zu essen angeboten - was, das weiß man nie. Oft bieten die Frauen eine Mahlzeit zum Verkauf an, um etwas Geld dazuzuverdienen, und ich trage sie dann als »Imbiss« ein. In einigen Häusern werden möblierte Zimmer vermietet, und das bedeutet, dass ich auch mit den Mietern sprechen muss. In meiner ersten Woche in den Flats schickte mich also eine Hausfrau zum Hinterhaus, in dem ein Mieter wohnte. Ich klopfte, bekam aber keine Antwort. Ich sagte: »Hallo, ich bin vom Stadtregister, ich würde Ihnen gern einige Fragen stellen. Es dauert nur fünf Minuten.« Ich hörte ein Radio. Ich klopfte wieder. Ich drückte die Fliegengittertür auf und sah die Füße eines Mannes. Und dann seinen Körper, der in der Küche lag. Blut auf dem Boden und Blut an den Wänden. Die Frau fing zu kreischen an und rannte zurück ins Vorderhaus, und ich musste das Telefon des Nachbarn benutzen, um die Polizei zu verständigen. Auch das gehört zu unserer Ausbildung.

Die Polizisten fragten mich, ob ich den Mann kannte, ob es irgendeine Verbindung zwischen uns gab. Ich zeigte ihnen meine Karte, wie man's uns in der Ausbildung beigebracht hatte. Sie nahmen meinen Namen und meine Adresse auf und sagten, ich dürfe die Stadt nicht verlassen. Ich fragte die Beamten, ob sie nicht ins Stadtregister eingetragen werden möchten. »Nicht während der Dienstzeit«, sagten sie. Aber einer gab mir seine Privatadresse und schlug vor, ich solle ihn später...

»Der Mann schreibt wie er spielt, unprätentiös, down to earth, wahrhaftig.«
 
»Vollkommen unangestrengt kommen diese Storys daher.«
BISAC Classifikation
Warengruppensystematik 2.0

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