Die Siebte Seherin

Historischer Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2011
  • |
  • 576 Seiten
 
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978-3-641-06641-3 (ISBN)
 
Wenn eine große Gabe zum Schicksal wird

Frankfurt 1495. Die junge Magd Mira soll Gerhild, die Tochter des Seidenhändlers Helmprecht, zur Hochzeit nach Venedig begleiten. Doch nach einem Überfall während der Reise stirbt Gerhild, und Helmprecht zwingt Mira, die Rolle seiner toten Tochter zu spielen. Unterwegs erkennen zwei alte Bäuerinnen Mira als Auserwählte: die vom geheimen Astarte-Bund lang erwartete siebte Seherin. Als Mira von ihrer Gabe, in die Zukunft zu sehen, Gebrauch macht, gerät sie im Spiel der Mächtigen in große Gefahr ...

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 0,54 MB
978-3-641-06641-3 (9783641066413)
3641066417 (3641066417)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sybille Conrad, geboren 1969, studierte Pharmazie in Heidelberg und Lyon. Sie erforscht natürliche Pflanzenwirkstoffe für die Arbeit im Weinberg. Die geschichtsträchtige Burgen- und Rebenlandschaft an der Weinstraße, wo sie heute mit ihrem Mann lebt, inspirieren sie zu ihren Büchern.

1


Kardinalrot und königsgelb leuchteten die Seiden auf den Auslagen. Mira bewunderte den Schimmer im Bischofspurpur, der viele Ellen lang von einem Ebenholzständer zu den Dielen herabfloss. In der Abendsonne glänzten die gerafften Stoffe noch vornehmer als sonst. Als Magd durfte Mira eigentlich hier oben bloß den Boden wischen, und das auch nur, wenn die Stoffe vorher sorgsam verhüllt worden waren. Denn in der Verkaufsstube über dem Markt empfing Paulus Helmprecht nur edle Herren, Kirchenfürsten oder Hohe Frauen. Wer sonst konnte sich die teuren Stoffe des reichsten Seidenhändlers in Frankfurt leisten?

Mira blinzelte ins Abendlicht. »Der Purpur schillert so schön fliederfarben, je nachdem wie du den Kopf hältst.« Sie schaute hinüber zu Gerhild, der Tochter ihres Herrn, die ein blaues Seidenband um ihren Finger wickelte.

»Das liegt nur daran, weil sich kette- und schusssichtige Stellen abwechseln, hat mir Vater erklärt.« Gerhild ließ das Band in einem Kringel vom Finger gleiten. »Wie die Weber in Damaskus das machen, weiß allerdings niemand. - Wie findest du dieses mit den roten Blüten?« Gerhild hielt sich das gedrehte Seidenband vor die nussbraunen Haare. »Meinst du, dass es zu meiner Reisehaube passt?«

Drunten auf dem Markt sammelten die Armen auf, was bei den Ständen liegen geblieben war. Mira zog schnell den dünnen Leinenvorhang vor das Fenster. Ihr Herr hatte dem Gesinde bei strenger Strafe eingeschärft, nie die Seidenstoffe von der Sonne bescheinen zu lassen.

»Warte. Ich will sehen, ob das Band wenigstens schön glänzt.«

Gerhild durfte natürlich mit der Seide spielen. Schlank wie sie war, wand sie sich wie eine Katze in ihrem grünen Leinengewand um die Tischkante. Sie zupfte die roten Blütenblätter zurecht. »Ein bisschen grob genäht, findest du nicht? Eher was für ein Gildemeistersweib.«

Mira hatte nie begriffen, was Gerhild an diesen gut gelaunten, reich geschmückten Frauen so abstoßend fand, die ihres Vaters beste Kundinnen waren. Jedenfalls galten sie ihr als Inbegriff des Hässlichen. Mira neigte sich über Gerhilds Hand. Es stimmte. Die Nahtstiche waren schlecht gesetzt. »Bei der dritten Blüte sieht man die Stiche sogar auf der Vorderseite.«

»Warum Vater die nur eingekauft hat?« Gerhild warf das Band auf den Tisch zurück.

Es fiel wie eine tote Natter auf die farblich geordneten Bänder. Als Magd hätte Mira sich mehr als eine Ohrfeige für solch Unordnung eingefangen. Aber Vater Helmprecht ließ Gerhild alles durchgehen, seit er sie so weit weg von Frankfurt verlobt hatte.

»Ungeschmückt kann ich mich doch nicht sehen lassen, schon gar nicht in Venedig.« Gerhild fuhr sich über die reine Stirn. »Vielleicht soll ich meine Reisehaube gar nicht schmücken? Das Fahren über Land ist so gefährlich. Besser ist, ich falle gar nicht auf.« Sie fasste Mira beim Ellenbogen und legte ihren Kopf an ihre Schulter. »Eigentlich will ich gar nicht weg von euch«, sagte Gerhild ganz leise.

Mira graute vor dem ersten Tag allein in Frankfurt, wenn Gerhild sie nicht mehr morgens nach dem Gerstenbrei aus der Gesindeküche abholen und mit nach oben in die Herrenstube nehmen würde. »Du wirst mir auch so fehlen. Mit wem soll ich denn lachen?« Gerhild war immer für einen Spaß zu haben, gerade wenn sie der Hausbesorgerin Mechthild eins auswischen konnte. Und sei es nur, dass Gerhild vom Markt einen Kuckuck mitbrachte und im Korb außen vor Mechthilds Kammer hängte. Im Gesinde schwieg man vor der Tochter lieber darüber, dass man die Hausbesorgerin neuerdings nachts in Vater Helmprechts Stube schleichen hörte.

»Und wer weint mit mir?« Gerhild barg ihr Gesicht an Miras grobleinenem Ärmel. »Ich kenne dort niemanden. Wenn die Venezianer so hoffärtig sind, wie es heißt, dann spotten sie meiner wegen jeder Kleinigkeit.« Gerhilds Worte verschwammen mit einem Schluchzer. »Ich vermag ja kaum ein Wort Venezianisch herauszubringen.«

Mira strich ihrer Freundin über die Hand. »Das stimmt doch gar nicht«, sagte sie sanft. »Du weißt schon so viele Worte und machst immer weniger Fehler. Das sagt doch der Magister Contrini jede Woche.«

»Aber nicht so wenige wie du!« Gerhild ließ sie los. »Bis ich in Venedig angekommen bin, werde ich alles vergessen haben, wenn du nicht mit mir übst.«

»Die Worte kehren alle wieder. Du wirst ja nichts anderes mehr hören als Venezianisch.«

»Aber das ist doch schrecklich.« Gerhild verzog den Mund. »Cantatone chiara vara besse bene tone - das klingt doch alles gleich.« Sie wandte sich ab und fasste dabei nach dem weißen Nonnenleinen auf dem ersten Hängeständer. Langsam herumschlendernd ließ sie es durch ihre Finger gleiten. Gerhilds Augen blitzten schon wieder schelmisch. »Wer singt dann mit mir, Mira, wenn nicht du? Ich fand ein kleines Hündelein drunten an der Quell'.«

Mira konnte nicht anders, sie fiel kichernd in den Gesang ein. »Das streckt und bäumet sich .«

Gerhild wollte immer alles genau erfahren, was Mira von den strammen Gesellen zu berichten hatte, wenn sie als Magd zu den Feiertagen auf einen Tanz gehen durfte. Und ihre Freundin machte auch gern mal einen Umweg durch die Handwerkergassen, wenn sie zu einem Spital Almosen verteilen ging.

Gerhild ließ ein Augenlid sinken wie eine Verrufene aus der Katzengasse. »Kaum kraulet man des Hündchens Fell .«, sang sie.

Für eine reiche Erbtochter wie Gerhild ziemte es sich nicht, dass sie sich wie Mira mit den kräftigen Burschen auf den Dielen drehte bis ihr schwindelig wurde. Und gar einem beim Nachhauseweg im Schatten einer Traufe ein paar Küsse gestattete. Wenigstens dazu war es gut, nur eine Magd zu sein, dachte Mira. Aber mehr ließ sie den Kerlen auf keinen Fall durchgehen. Dafür hatte sie in den Küchen von den Frauen zu viel Schlimmes über die falschen Versprechen der Männer gehört. Wenigstens das Weib eines anständigen Gesindemannes wollte Mira werden können, wenn sie schon alles verloren hatte, was ihr einst in die Wiege gelegt worden war.

Gerhild verkniff sich die nächste Strophe, kramte stattdessen mit der Linken in der Tasche ihres Faltenkleides. Sie winkte Mira näher. »Gestern Abend hat mir Vater noch ein kleines Bildnis meines Verlobten zugesteckt, das mit seidenen Stickfäden aus dem Süden heraufgekommen ist.Vater sagt, es gleiche ihm wirklich.« Gerhild streckte ihr ein goldgefasstes, rundes Bildnis entgegen, das nicht größer als ein Wecken war.

Mira erschrak, so lebensecht wirkte das Abbild. »Als blicke er uns wirklich an«, flüsterte sie. Sehr dunkle Augen hoben den Blick zu ihr empor, der warm und freundlich schien trotz aller Winzigkeit des Bildnisses. Schwarze Locken fielen spielerisch in eine klare Stirn, die Augenbraue links war ein wenig keck höher gezogen, als lächelte der Verlobte milde über irgendeinen Spaß.

»Sieh, was er für schön geschwungene Lippen hat, nicht wirklich breit, aber auch nicht schmal.« Gerhild linste von der Seite auf das Bildnis. »Meinst du, dass er gut küssen kann?«

Eher befehlen, mit einer klaren, tiefen Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Aber Mira behielt ihren Gedanken für sich. »Du wirst dich an die kratzenden Haare gewöhnen müssen«, sagte sie. Das kräftige Kinn in dem goldenen Rundbild bedeckte ein gestutzter Bart.

Gerhild riss die braunen Augen auf.

»Sorge dich nicht. Vielleicht sind sie ja auch weich.« Mira reichte ihr das Bildnis zurück. »DeinVater hat dir einen schönen Mann ausgesucht.«

Mira wandte sich um. Das böse Gerede in der Gesindeküche ersparte sie der Herrin. Der Stallknecht hatte geknurrt, noch immer sei dem alten Helmprecht Geld das Wichtigste von allem, und welcher Kaufherr in Frankfurt nehme für seine Tochter nicht den Schwiegersohn mit dem schwersten Geldsack am Gürtel? Die rotwangige Gundis hatte nur knapp gemeint, ein guter Vater verheirate sein einziges Kind nicht so weit weg. Wie solle der da seine Enkel jemals bei der Taufe herzen?

Auf einem Tisch vor der Wand lagen golddurchwirkte Tücher ausgebreitet. Maurenfrauen trugen solche im Haar in ihren Palästen. Gerhild fuhr mit den Fingern durch die zarten Fransen. »Er hat mir immer nur das Beste gekauft.«

»Gewiss.«

Gerhild wand sich eins der kleinen maurischen Tücher als Haube um den Kopf und betrachtete sich beim Fenster in dem großen venezianischen Spiegel, den der Verlobte als erstes Geschenk gesandt hatte.

»Meinst du, dass ich als Braut so viele Goldfäden tragen darf?« Gerhild wandte ihr ebenmäßiges Gesicht vor dem Spiegel hin und her. »Die Venezianer haben ganz andere Sitten als wir.« Sie strich sich über die schmal gezupften Augenbrauen.

Mira gefiel das lebhafte Tuch an Gerhild, der unregelmäßige goldene Grund unterstrich die Schönheit des ebenmäßigen Gesichts. »Selbst in Frankfurt würden sich die Leute bei einer Kaufmannstochter wie dir nicht daran stören.« Nur sollte Gerhild mit der Fältelung nicht das Augenmerk darauf lenken, dass ihr rechtes Ohr ein kleines bisschen weiter abstand als das linke. »Lass die goldenen Zipfel rechts länger hängen, dann .«

»Verdecken sie mein scheppes Ohr.« Gerhild knotete rasch neu.

»Du übertreibst wie immer.« Mira lächelte dem Spiegelbild ihrer Freundin zu. »Jeder winzige Makel erscheint dir riesengroß. «

»Du hast gut reden.Wo du deinen Schönheitsfleck hast, kannst du aus der Suche ein lustiges Spiel für Männerfinger machen.« Gerhild tippte mit dem Zeigefinger auf den kreisrunden dunkelbraunen Fleck knapp unter ihrem Auge. »Mein Leberfleck tanzt mir mitten im Gesicht.«

»Alle finden dich herzig damit, die Männer all gar.«

»Ich aber nicht.« Gerhild zog eine Fratze. »Am liebsten...

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