Deutsche Kolonialgeschichte

 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 4. Auflage
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  • erschienen am 4. Juni 2019
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  • 128 Seiten
 
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978-3-406-73607-0 (ISBN)
 
Das deutsche Kolonialreich war nicht groß und währte nur 30Jahre. Es wirkte jedoch in vielfältiger Weise auf Deutschland zurück.Sebastian Conrad beschreibt, wie die koloniale Ordnung funktionierte, wo sie an ihre Grenzen stieß und wie die einheimischen Gesellschaften auf die Fremdherrschaft reagierten.Gleichzeitig bindet er die Geschichte der Kolonien in den größeren Zusammenhang der Globalisierung um 1900 ein und zeigt, wie stark die koloniale Erfahrung das Denken der Europäer prägte.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
mit 2 Karten
  • 3,82 MB
978-3-406-73607-0 (9783406736070)
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Sebastian Conrad ist Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin.
1 - Cover [Seite 1]
2 - Titel [Seite 3]
3 - Zum Buch [Seite 2]
4 - Über den Autor [Seite 2]
5 - Impressum [Seite 4]
6 - Inhalt [Seite 5]
7 - 1. Einleitung [Seite 7]
7.1 - Konjunkturen des kolonialen Interesses [Seite 8]
7.2 - Welche Kolonialgeschichte? [Seite 14]
8 - 2. Kolonialismus vor dem Kolonialreich [Seite 17]
8.1 - Vorgeschichten [Seite 17]
8.2 - Nation und Kolonialismus [Seite 19]
8.3 - Orientalismus [Seite 21]
9 - 3. Das deutsche Kolonialreich [Seite 22]
9.1 - Faktoren, Motive, Träger der Expansion [Seite 22]
9.2 - Haltung zur Kolonialpolitik in Deutschland [Seite 27]
9.3 - Das deutsche Kolonialreich [Seite 28]
9.4 - Periodisierung [Seite 34]
10 - 4. Der koloniale Staat [Seite 38]
10.1 - Kontinuitäten der Herrschaft [Seite 39]
10.2 - Inseln der Herrschaft [Seite 43]
10.3 - Legitimität [Seite 47]
10.4 - Gewalt und Kriege [Seite 49]
11 - 5. Wirtschaft und Arbeit [Seite 54]
11.1 - Koloniale Wirtschaftspolitik: Plantagen, Farmen oder Handel? [Seite 55]
11.2 - «Erziehung zur Arbeit» [Seite 57]
11.3 - Bilanz [Seite 59]
12 - 6. Die koloniale Gesellschaft [Seite 61]
12.1 - Plurale Gesellschaften [Seite 62]
12.2 - Politik der Differenz [Seite 65]
12.3 - Zivilisierungsmission [Seite 69]
12.4 - Going Native [Seite 75]
13 - 7. Wissen und Kolonialismus [Seite 79]
13.1 - Wissen und Macht [Seite 79]
13.2 - Kolonisierung der Imagination? [Seite 83]
14 - 8. Die koloniale Metropole [Seite 86]
14.1 - Koloniale Imagination [Seite 87]
14.2 - Laboratorien der Moderne? [Seite 89]
14.3 - Globale Handlungsräume und globales Bewusstsein [Seite 93]
15 - 9. Kolonialismus in Europa [Seite 96]
15.1 - Polen als angrenzende Kolonie [Seite 97]
15.2 - Kolonialismus und Holocaust [Seite 99]
15.3 - Die nationalsozialistische Ostexpansion [Seite 103]
16 - 10. Koloniale Globalität [Seite 105]
16.1 - Ein deutsches Alabama in Togo [Seite 107]
16.2 - Dimensionen kolonialer Globalität [Seite 110]
17 - 11. Erinnerung [Seite 116]
17.1 - Kolonialrevisionismus [Seite 116]
17.2 - Koloniale Erinnerungen in Deutschland nach 1945 [Seite 118]
17.3 - Erinnerung an die Kolonialzeit in den ehemaligen Kolonien [Seite 122]
18 - Literatur [Seite 125]
19 - Ortsregister [Seite 127]
20 - Karte 1 [Seite 129]
21 - Karte 2 [Seite 130]

1. Einleitung

Die koloniale Vergangenheit ist heute allgegenwärtig, und das nicht nur in den ehemaligen Kolonien. Die Kolonialreiche haben ein Vermächtnis hinterlassen, das sich auch in den Metropolen niederschlägt und in aktuellen politischen Konflikten häufig mitverhandelt wird. Von den Diskussionen über Kopftuchverbote in französischen Schulen über die Entschuldigungen für die Sklaverei in Großbritannien bis zu den Debatten über holländische «Exzesse» in Indonesien: Die Erinnerung an die koloniale Epoche ist beinahe ständig präsent. In Frankreich verfügte das Parlament im Jahre 2005, dass im Schulunterricht die «positiven Aspekte» kolonialer Herrschaft betont werden müssten. Gleichzeitig provozierte die unkritische Deutung der Kolonialzeit in japanischen Schulbüchern gewaltsame Demonstrationen in Beijing und Seoul. Die Klage der Herero gegen die Bundesrepublik hat die koloniale Vergangenheit auch in Deutschland zu einem Thema der öffentlichen Debatte gemacht. In zahlreichen Städten wird über die Umbenennung von Straßennamen diskutiert, die auf unrühmliche Episoden aus der Kolonialzeit verweisen.

Die mediale und politische Präsenz der kolonialen Erfahrung ist vor allem ein Effekt des gegenwärtigen Globalisierungsprozesses. Die Frage nach Zusammenhängen zwischen der kolonialen Ordnung der Welt und der heutigen globalen Integration ist ein Gegenstand hitziger Auseinandersetzung. Begriffe wie Neoimperialismus oder Kolonisierung der Köpfe gehören zu den Schlagworten der Zeit. Seit dem 11. September 2001 und der Diskussion über das amerikanische Empire ist die Frage nach der politischen und moralischen Bewertung von Kolonialismus und Imperialismus nicht zur Ruhe gekommen.

Auch die aktuelle Aufmerksamkeit für die deutsche Kolonialgeschichte steht in diesem größeren Zusammenhang. Die Fragen der Gegenwart haben die Perspektive auf die koloniale Epoche verändert. Das gilt auch für die Geschichtswissenschaft. Im historischen Rückblick wird deutlich, wie sehr sich seit dem formalen Ende des deutschen Kolonialreichs 1919 die Schwerpunkte verschoben haben. Dabei lassen sich mehrere Phasen ausmachen, die in den jeweiligen Anliegen und Fragen, aber auch in den methodischen Zugriffen grundlegend differieren. Etwas vereinfachend könnte man drei Stoßrichtungen unterscheiden: eine politisch revisionistische Strömung in den 1920er Jahren als Reaktion auf das Ende des Kolonialreichs; eine kritisch-sozialgeschichtliche Perspektive in den späten 1960er und 1970er Jahren vor dem Hintergrund der Dekolonisationsprozesse; sowie eine postkoloniale Geschichtsschreibung seit den 1990er Jahren im Zeichen der Globalisierung.

Konjunkturen des kolonialen Interesses

(1) Nach dem Versailler Vertrag und der Übergabe der überseeischen Besitzungen an die Mandatarmächte gehörten die meisten deutschen Historiker zu der Mehrheit der Bevölkerung, die den Verlust der Kolonien lautstark beklagte. Die Einigkeit hinsichtlich der Kolonialpolitik war in der Weimarer Republik vermutlich größer als vor dem Weltkrieg und reichte über parteipolitische Grenzen hinweg. Auch jetzt, wie schon vor 1914, waren Historiker an der Diskussion nur am Rande beteiligt. Die wichtigsten Publikationen, wie etwa das Deutsche Koloniallexikon aus der Hand des ehemaligen Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika, Heinrich Schnee, wurden von Kolonialveteranen selbst verfasst. Das übergreifende Anliegen dieser Werke bestand darin, den Vorwurf gewalttätiger, «unzivilisierter» Herrschaft zu widerlegen, mit dem die Alliierten den Entzug der deutschen Kolonien begründet hatten. Schnee sprach gar von einer «Kolonialschuldlüge». Die meisten Arbeiten lassen sich daher als Teil des großangelegten Versuches deuten, die Leistungen und kulturellen Verdienste der deutschen Kolonialherrschaft herauszustellen, um auf diese Weise für eine mögliche Rückgabe der Kolonien zu werben. Aufgrund dieser revisionistischen Zielsetzungen wurde die internationale Forschung der Zeit, in erster Linie angelsächsische Werke, kaum wahrgenommen.

(2) Zu einer kritischen Beschäftigung mit der kolonialen Epoche kam es erst seit den späten 1960er Jahren. Nachdem das Thema einige Jahrzehnte ganz in den Hintergrund getreten war, rückten der weltweite Prozess der Dekolonisation und das Interesse an den nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in der Dritten Welt die koloniale Vergangenheit wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Neubewertung des deutschen Kolonialismus bezog einen Teil ihrer Energien aus der damals einsetzenden Kritik an den Traditionen der deutschen Geschichtswissenschaft. Zudem entwickelten die DDR-Historiker in den 1970er Jahren eine imperialismuskritische Perspektive, die auch von ihren westdeutschen Kollegen nicht ignoriert werden konnte. Hinzu kamen die Ergebnisse der amerikanischen Forschung. Und auch in Tansania, dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika, wurden unter Rückgriff auf in Daressalam lagerndes Quellenmaterial erste wichtige Studien über die Kolonialzeit fertiggestellt, häufig aus der Perspektive des entstehenden postkolonialen Staates.

Während die frühere Forschung sich auf die Außenpolitik und militärische Auseinandersetzungen konzentriert hatte, wurden nun vor allem sozialgeschichtliche Fragestellungen verfolgt. Viele der Probleme, die frühere Generationen beschäftigt hatten, traten dadurch in den Hintergrund – so etwa die Frage, warum sich Bismarck nach langer Skepsis 1884 doch noch für den Erwerb von Kolonien entschieden hatte. Stattdessen lag das Augenmerk auf den Strukturen sozialer, politischer und ökonomischer Entwicklung. Eine Reihe von wichtigen Untersuchungen zur Sozialgeschichte der Kolonialbewegung, der Rolle von Parteien und Verbänden, zum Wirtschaftsimperialismus, zu Missionen und Bildungssystem, zu staatlicher Herrschaft und Widerstand erschien in dieser Zeit. Das dabei sichtbar werdende Interesse für lokale Formen der Opposition und Widerständigkeit war nicht zuletzt ein Ausdruck des explizit antiimperialistischen Erkenntnisinteresses und der Inspiration, die diese Forschung aus den Dritte-Welt-Bewegungen der Zeit bezog.

Aufgrund dieser neuen Perspektive entstanden zunehmend Arbeiten, die nicht nur die kolonialen Archive nutzten, sondern auch auf einer breiten Kenntnis afrikanischer Geschichte basierten. Vor allem Deutsch-Ostafrika war Gegenstand einer Reihe von Untersuchungen, die sich mit Verwaltung und Widerstand, ökonomischer Entwicklung und Ausbeutung befassten. Auch die deutsche Herrschaft in Kamerun und Deutsch-Südwestafrika, wo der Hererokrieg im Mittelpunkt stand, wurden intensiv erforscht. Vor dem Hintergrund der Dekolonisation richtete sich das Interesse vor allem auf Afrika, während die deutsche Präsenz im Pazifik oder in China kaum behandelt wurde.

Viele Arbeiten aus dieser Zeit waren von Empathie mit den Kolonisierten und einem Interesse an den Handlungskompetenzen (agency) lokaler Akteure geprägt. Aber gleichzeitig fassten die meisten Autoren die koloniale Begegnung implizit doch als Einbahnstraße auf. Denn sie gingen letztlich davon aus, dass die wichtigsten Entscheidungen in Deutschland gefällt wurden und die zentralen Faktoren von Expansion und Herrschaft in Berlin zu suchen seien. Kolonialismus blieb so im Kern eine europäische Angelegenheit. Diese Tendenz lässt sich am Beispiel der einflussreichen Studie «Bismarck und der Imperialismus» von Hans-Ulrich Wehler gut illustrieren. Darin argumentierte Wehler für eine sozialimperialistische Lesart des Kolonialismus. Aus dieser Sicht war das koloniale Projekt nicht nur mit dem Ziel verbunden, den Zugriff auf notwendige Ressourcen für die weitere Entwicklung der deutschen Wirtschaft zu sichern; im Zentrum stand vielmehr die Absicht, «durch die Meisterung außerordentlich schwieriger Aufgaben dem charismatischen Herrschaftssystem Bismarcks neuen Glanz zu verleihen». Das gemeinsame Ziel der überseeischen Expansion habe oppositionelle Gruppen, in erster Linie die Arbeiterklasse, auf ein nationales Ziel eingeschworen und ihre Aufmerksamkeit von den drängenden sozialen und materiellen Konflikten abgelenkt. Indem auf diese Weise interne Probleme nach außen umgeleitet wurden, habe die «Gegenutopie» imperialen Ruhmes die politische Integration und die soziale Disziplinierung unterer Schichten erleichtert.

Wehler diskutierte am Beispiel der Kolonialpolitik also soziale Konflikte und Antagonismen der wilhelminischen Gesellschaft; der Fokus lag in letzter Instanz nicht auf Togo oder Kamerun, sondern auf den strukturellen Problemen des Kaiserreichs. Diese Sichtweise war für die Forschung der 1970er Jahre typisch. Kolonialpolitik erschien dann eigentlich als eine Form der Politik in Deutschland oder Europa, wenn auch «über den afrikanischen ...

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