Zwanzig Zeilen Liebe

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. August 2015
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97106-5 (ISBN)
 
Sorg dafür, dass dein Vater sich wieder verliebt. Iss jeden Tag Gemüse. Trau keinem Mann mit übermäßigem Bartwuchs. Tanz auf meiner Beerdigung zu Dean Martin. Nacht für Nacht bringt Stella diese und andere Zeilen zu Papier. Doch es sind nicht ihre eigenen Gedanken und Wünsche. Die Hospizschwester schreibt Abschiedsbriefe im Auftrag ihrer schwer kranken Patienten und überreicht deren Nachrichten, nachdem sie verstorben sind. Bis sie einen Brief verfasst, bei dem sie keine Zeit verlieren darf. Denn manchmal lohnt es sich zu kämpfen: Für die Liebe. Für das Glück. Für den einen Moment im Leben, in dem die Sterne am Himmel ein wenig heller leuchten .
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,65 MB
978-3-492-97106-5 (9783492971065)
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Hope

Ich kann nicht schlafen. Das geht schon seit Tagen so. Hier kann ich einfach nicht schlafen, es ist nie richtig dunkel. Nie. Irgendwo lassen sie immer ein Licht an. Aber das ist nicht das Einzige. Ich muss einfach ständig daran denken, wie ich hier gelandet bin. Ja, natürlich weiß ich das: Ich habe mir was eingefangen - irgendeinen Bazillus, und das ist verdammt gefährlich, wenn man Mukoviszidose hat. Ich wäre fast gestorben, und jetzt bin ich hier, wo auf dem langen und schmerzvollen Weg der Genesung die Lichter nie ganz ausgemacht werden. Das weiß ich. Aber was ich nicht weiß und echt gerne wissen würde ist: wie. Ich will wissen, in welcher Sekunde genau der kleine Bakterienhaufen wie Sandkörner in meine Blutbahn gerieselt ist. Das kann ich natürlich nicht wissen, aber das heißt nicht, dass ich es nicht wissen will oder einfach so nicht mehr daran denken könnte. Das Frustrierende an meinem Zustand ist, dass ich jede Menge Zeit zum Nachdenken habe, gleichzeitig aber meine Lebenszeit schwindet. Die Zeit vergeht unglaublich langsam und irre schnell zugleich - sie rast und schleicht, langweilt und bringt mich in Aufruhr. Natürlich kann man sein ganzes Leben mit der Idee der eigenen Sterblichkeit leben - man kann sein ganzes Leben lang wissen, dass eines Tages der letzte Tag gekommen sein wird - und trotzdem nicht wirklich wissen oder wissen wollen, was das eigentlich heißt. Jedenfalls nicht, bis der letzte Tag dann da ist.

Mir ist der Tod auf einer Party begegnet.

Ich hasse Partys, aber mein bester Freund Ben hat mich überredet mitzukommen.

»Du kannst doch nicht immer nur in der Bude hocken«, hatte er gesagt und mich aus meinem Zimmer und die Treppe heruntergezerrt. »Du bist einundzwanzig, fast zweiundzwanzig. Du bist in der Blüte deines Lebens, das solltest du genießen und jeden Abend auf der Piste sein!«

»Du bist in der Blüte deines Lebens - ich bin schon auf dem absteigenden Ast«, sagte ich, obwohl ich wusste, dass er es nicht ausstehen konnte, wenn ich derartige Anspielungen auf meine geringe Lebenserwartung machte. »Und abgesehen davon: Kann ich wohl. Ich kann den Rest meines Lebens in der Bude hocken, Joni Mitchell hören, Bücher lesen, Buchcover entwerfen und versuchen, das Solo aus >Beat It< auf der Gitarre nachzuspielen - und es würde mir dabei ganz hervorragend gehen.«

»Mrs K.?« Ben zog mich ins Wohnzimmer, wo meine Eltern die x-te Wiederholung einer Krimiserie sahen, in der der Kommissar entschieden zu viel trinkt, eine hässliche Scheidung von seiner Frau hinter sich hat und jetzt hinter irgendeinem Psycho-Mörder her ist. »Bitte sagen Sie's Ihrer Tochter: Sie ist einundzwanzig Jahre alt. Sie muss ab und zu mal ausgehen und Spaß haben! Erinnern Sie sie daran, dass das Leben dazu da ist, gelebt zu werden - und nicht dazu, allein im Zimmer zu sitzen und über das Leben anderer Menschen zu lesen! Außerdem sind da alle unsere alten Klassenkameraden, die wir ewig nicht gesehen haben, und die freuen sich alle auf Ihre Tochter.«

Mum drehte sich in ihrem Sessel zu uns um und lächelte, aber ich sah ihr an, dass sie sich Sorgen machte. Das war nichts Neues - sie hatte sich jeden Tag, jede Stunde, jede Minute meines einundzwanzigjährigen Lebens Sorgen um mich gemacht. Ständig. Manchmal frage ich mich, ob sie sich je gewünscht hatte, meinen Namen - Hope - noch mal zu ändern, nachdem ich als Baby die Diagnose bekommen hatte und die Situation ganz offiziell hoffnungs-los war, aber da war es bereits zu spät. Der Name gehörte bereits zu mir, und mit dieser bitteren Ironie müssen wir beide jetzt leben. Meine arme, liebe Mum. Als hätte sie nicht schon genug Sorgen. Es war nicht fair, von ihr eine Entscheidung darüber zu verlangen, ob ich nun ausgehen sollte oder nicht. Ganz gleich, wie sie entschied, sie würde sich den Rest des Abends Sorgen machen, und später hätte sie sich mit Selbstvorwürfen zerfleischt.

Dass ich an jenem Abend also selbst eine Entscheidung traf, war völlig richtig.

Nur die Entscheidung, die ich traf, war leider falsch.

»Ist ja gut, ich komme mit. Zieh mich nur eben um.«

Ben grinste und setzte sich auf die unterste Treppenstufe. Ich hatte ihn in seiner engen Jeans, seinem viel zu großen Pullover, der ihm lässig von der einen Schulter rutschte, dem rabenschwarzen Haar und den mit Kohlkajal umrandeten Augen im Kopf, während ich meinen Kleiderschrank durchwühlte auf der Suche nach einem auch nur annähernd ähnlich lässigen Outfit. Ich fand das ungerecht - aus dem kleinen, hässlichen Entlein, das immer von allen ausgeschlossen und herumgeschubst worden war, ausgerechnet aus diesem Jungen war plötzlich ein cooler, sexy Schwan geworden. Damals waren wir die beiden Loser - und so wurden wir die besten Freunde. Wie das eben so ist, wenn sich Gruppen bilden und man eine Wagenburg errichten muss, um sich zu verteidigen. Unsere Gruppe war ziemlich kümmerlich, wir waren nur zu zweit - aber selbst zu zweit ist man sicherer als allein. Er war der schüchterne Hänfling mit grauem Kragen und ausgelatschten Schuhen, ich das kranke Mädchen.

Ich glaube nicht, dass der Tod mit Bens Betreten unseres Hauses zu tun hatte. Obwohl es natürlich sein könnte. Ben könnte durchaus irgendwelche Bazillen auf dem Treppengeländer oder im Gästehandtuch auf der Toilette im Erdgeschoss hinterlassen haben. Könnte er durchaus, aber das glaube ich nicht, das will ich nicht glauben, weil ich es einfach absolut unpassend fände, wenn ein Gästehandtuch der Grund für meinen Beinahe-Tod gewesen wäre.

Ich zog mich komplett schwarz an, versuchte, meine magere Silhouette unter einem Skaterrock und einem passenden Oberteil zu verbergen, und überlegte, wie viele Frauen in meinem Alter sich wohl danach sehnten, zuzunehmen. Ich umrahmte meine Augen mit dunklem Lidschatten und hoffte, das würde reichen.

In dem Augenblick, als wir durch die Tür traten und uns die Partywolke aus Hitze, Schweiß und Speichelmolekülen entgegenschlug (ich weiß, dass ich mit jedem Atemzug Speichelmoleküle in mich aufnehme), wollte ich schon wieder gehen.

Ich hätte fast auf dem Absatz kehrtgemacht, aber Ben hatte die Hand in meinem Rücken. Als wollte er mich beschützen. Beruhigen. Schließlich waren das hier meine Freunde. Jungs und Mädchen, mit denen ich aufgewachsen war, die immer nett zu mir gewesen waren und die Spendenläufe für mich organisiert hatten. Leute, mit denen ich einen Kaffee trinken und lachen konnte, die immer irgendein Gesprächsthema fanden und dabei gleichzeitig potenziell unangenehme Fragen à la »Und, wie geht's? Glaubst du immer noch, dass du bald stirbst?« vermieden.

»Hopey!« Sally Morse, meine quasi beste Freundin in der Schule, rannte den Flur entlang auf mich zu und fiel mir um den Hals. »Mann, Scheiße, ist das schön, dich zu sehen! Du siehst klasse aus! Wie geht es dir? Was gibt's Neues? Wie läuft's mit der Selbstständigkeit?« Sie hakte sich bei mir unter, dirigierte mich in Richtung Küche und legte auf dem Weg kurz den Kopf auf meine Schulter. Ich bemerkte die leichte Rötung rund um ihre Nasenlöcher - die Überreste einer Erkältung.

»Mir geht's gut«, sagte ich und nahm ein Bier an. »Ich habe angefangen, Buchcover zu entwerfen, und das läuft ganz gut.«

»Wie cool!« Sie freute sich ehrlich. »Echt cool, weil, weißt du, die Uni ist im Prinzip die reine Zeitverschwendung. Arbeit gibt es hinterher sowieso keine für uns, und am Ende steht man mit einem Haufen Schulden da. An Sex und Alkohol kommt man ja wohl auch billiger ran. Ich hab dir tausend E-Mails geschrieben, aber du antwortest ja nie. Hast wahrscheinlich zu viel zu tun, so als Geschäftsfrau.«

Sie verstummte, sah mir forschend ins Gesicht und nahm mich dann wieder in den Arm. Mein Gesicht verschwand in ihrem nach Zitrone und Rauch duftenden Haar, und ich erwiderte ihre Umarmung. Ich hatte gedacht, mir hätte all das überhaupt nicht gefehlt - die Leute, die ich den größten Teil meines Lebens fast jeden Tag gesehen hatte. Das redete ich mir jedenfalls ein, aber an dem Abend merkte ich, dass genau das Gegenteil der Fall war. Ich freute mich in dem Moment, sie zu sehen, und war froh, dass ich gekommen war. Vielleicht war es in diesem Moment. Vielleicht atmete ich in diesem kurzen Augenblick des Optimismus und der Nostalgie, den ich in dieser Umarmung erlebte, meinen Mörder ein. Ich hoffe nicht. Aber es würde dem Universum ähnlich sehen, einem so richtig vor den Koffer zu scheißen, wenn man gerade zufällig mal glücklich war. Meiner Erfahrung nach ist das Universum nämlich eine ziemlich linke Bazille.

Das Gute daran, mit meinen alten Freunden zusammen zu sein, war, dass ich nichts erklären musste. Ich musste sie nicht erst über Mukoviszidose aufklären, sie mussten nicht erst betroffen gucken. Es war eine Erleichterung, mit den Leuten zusammen zu sein, die sich, seit ich ein Teil ihres Lebens geworden war, auf mein Ableben vorbereitet haben.

Es dauerte nicht lange, da steckte Sally bereits bis zu den Mandeln in einem Typen, von dem ich vermutete, dass sie ihn angeschleppt hatte, weil ich ihn nämlich noch nie gesehen hatte. Also bahnte ich mir einen Weg durch die vielen Leute und suchte Ben.

»Hope!«, kreischte Clary Clayton und drückte mir einen glossigen Kuss auf die Wange. »Ist das schön, dich zu sehen! Wenn du hier bist, heißt das, dass Ben auch hier ist, wo ist er? Mann, der ist ja wirklich krass scharf geworden . Äh - ihr seid doch...

»Dieser Roman ist wunderschön emotional und regt zum Nachdenken an.«, Delmenhorster Kreisblatt, 02.02.2017
 
»Rührselig.«, Ruhr Nachrichten, 23.05.2016
 
»Rowan Coleman hat einen bewegenden Roman geschaffen. Er erzählt sensibel vom Abschiednehmen, von der Schwere des Verlusts und von der Chance, das Leben zu lieben und zu genießen.«, Aachener Nachrichten, 08.12.2015
 
»ein vielschichtiger, sensibler Roman, der viele Facetten des Lebens streift.«, Heilbronner Stimme, 10.10.2015
 
»Weil die Geschichte und die Briefe neben aller Traurigkeit auch immer wieder absurd-komische Momente haben, entwickelt sich die Lektüre zur emotionalen Achterbahnfahrt. Ein wunderbares Werk über die Macht der Worte.«, Freundin, 07.10.2015
 
»Ein sehr lesenswerter Roman, indem es die Autorin wieder mit Leichtigkeit versteht, uns mit schweren Themen wie Krankheit, Behinderung und Tod aufs Schönste zu unterhalten.«, der-kultur-blog.de, 25.09.2015
 
»ein herzergreifendes Buch voller Hoffnung«, Für Sie, 31.08.2015
 
»Ein wunderschön geschriebenes Buch, welches ein schweres Thema leicht macht und zeigt, wie lebenswert das Leben ist.«, Schweitzer Forum
 
»Eine berührende Liebeserklärung an das Leben!«, Stadt Gottes
 
»Ein Roman der zu Herzen geht.«, BIZZ!

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